am schwersten ins Gewicht — Luthers Begräbnis, ein Sarg mit den Raben, die ihn in die Hölle geleiten, die Teufel freuen sich ...
Ein einziger Kachelofen heizte die Wohnung, grün, kalt, verlassen. Hier dichtete Luther seine Weihnachtslieder. „Dom Himm hoch". Das gefällt, und sie fingen alle, die Kinder und die Alten. „Das Volk singt sich in die Ketzerkirche hinein", warnen die Gegner. Man verhaftet die Verkäufer feiner Schriften, aber sie werden trotzdem heimlich verkauft. Seine Saat geht rasch überall auf.
Säle durchwandert man, beugt sich über diese abendländischen und morgenländischen Schriften, kostbare Meßbücher, in weißem Schweinsleder oder Sammet und seidengestickten Einbänden, mit byzantinischen Silberbeschlägen. Und die blutige Zeit der Reformation, der Bilderstürmer steht auf, das Mittelalter umgibt uns, eng, drohend, düster. „Vermahnung an den Deutschen und evangelischen Kriegsmann". „Ein new Lied aus der Belagerung der sürstlichen Stadt Leipzig". Melodie: Es geht ein frischer Sommer daher. Streitschriften Luthers, „des Papstes und feiner Geistlichkeit Jarmarkt". Die Antwort Zwinglis. Seiner Feinde offne „Verwarnung gegen das heßliche Laster der Trunkenheit". Luthers soziale Schriften. „Wie man das Volk zur Buß und wider den Türken von der Kantzel ermahnen soll." „Wie Eheleut in Fried und Eynigkeit leben sollen." Maßregeln von dem „Priester-Ehestand", usw. „Wie sich Prediger und Laien halten sollen, so der Türk des Teutschen Land überfallen sollte." „Ein Trostspiegel wider unvernünftiges Trauern und die abgestorbene Freud." Eine Predigt aus dem Münster zu Straßburg, „lieber der Weiber Haushalt." „Was ein redlich tapfer Weib tun und lassen soll." lieber Frauenfragen und Ehesachen hat Luther viel geschrieben. Die Frauenrechtlerinnen würden manches in seinen Schriften finden, was noch heute auf sie paßt. Scharf fielen die Entgegnungen der Feinde aus. Magdalenchen sieht betrübt und bekümmert mit ihren runden schwarzen Augen aus dem kleinen Rahmen in der Ecke auf die bösen Schriften herab.
Neben Luthers kleinem Lesepult steht eine Sanduhr, heute still ... Er ist nicht alt geworden, der für seine Ueberzeugung kämpfte wie ein Löwe — gegen eine ganze Welt ... „Krank, Herzgeschichten, Atemnöte, die Pest, die in der Stadt ausbrach, seine Flucht im Winter, er stirbt in Eisieben auf der Reise. Seine Möbel werden verbrannt, in Wittenberg herrscht die Pest, seine Frau flieht, stürzt vom Wagen ins Eiswasser, erkältet sich schwer und stirbt.
Sein Freund Cranach hat Luther oft und auch Frau Käthe gemalt, aber nicht geschmeichelt. Ihr strenges, hageres, knochiges Gesicht ist von erschreckender Nüchternheit und so häßlich, daß man es nie vergißt; auch das arme Magdalenchen war keine Schönheit, nach Cranachs Auffassung. Welche Ehre, einem Cranach Modell zu sitzen und so unsterblich geworden zu (ein, mit vierzehn Jahren.
In der langen Kollegienstraße steht links noch das alte Melanchthon- haus, neben der Universität. Im ersten Stock sieht man sein Sterbezimmer. Vergitterte Fenster, ein grüner Ofen, die Bibel, sein schmales, hartes Bett, in dem er starb (eine Nachahmung zwar), grünliche Butzenscheiben. Melanchthons Wappen mit der Schlange ist über der Türe an die Wand gemalt. Hier arbeitete und starb Luthers bester Freund. Unter dem Türmchen auf dem Markt stehen heute Denkmäler von Luther und Melanchthon. Das alte Rathaus ist restauriert. Zitronengelb glänzt feine Fassade, alt, uralt ist es ... Von der Apotheke, in der Cranach wohnte, mehrmals abgebrannt und neu aufgebaut, ist nur noch die Ecke da, von der er den Markt überschaute. Er war Bürgermeister, Weinhändler, Apotheker und — Maler.
Im Hof Cranachs steht an der Mauer das Steinbild Friedrichs des Großmütigen, der, verwundet in der Schlacht von Mühlberg, in der Verbannung starb. Die Schloßkirche mit ihren Türmen reckt sich gegen den grauen Winterhimmel, links das Hofmarfchallhaus, da steht noch das kurfürstliche Schloß, in dem der Kurfürst zu Luthers Zeiten residierte. Der Kurfürst wollte aus Wittenberg einen Wallfahrtsort machen, er sammelte Reliquien, 5000 Stück brachte er von seiner Reise nach Jerusalem mit und stellte sie in der Kirche aus, über 35 000 Pfund Wachs wurden einst jährlich hier in Kerzen verbrannt.
Nebenan in der „Psaffengasse" wohnten die Priester, die tagelang reiften, um den „Dorn Jesu" zu sehen, der in dieser Kirche gezeigt wurde. Kühl, nüchtern und bunt wirkt die alte Kirche, streng und prunklos. 26 askanische Fürsten sind hier beigesetzt.
Auch hier erinnert alles an die Reformation, buntbemalte Stadt- woppen zieren die Balustrade, Reliefs von Huß und Savonarola, Wappen der Fürsten, die sich zuerst zu Luthers Glauben bekannten. Unter der Kanzel das kleine Grab Luthers ist von frischen Kränzen bedeckt, links liegt Melanchthon, fein Freund. „Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht" ... Köstliche Grabplatten von Peter Vischer, prachtvolle Bronzewappen von llniversitätsgeistlichen. Matte Sonne glänzt auf den verlassenen Fürstenstühlen und den Wappen alter Geschlechter, die hier lebten, residierten, kämpften und starben, über den Gestalten der Vischerreliefs an den Wänden und den schweren Faltenwurf ihrer Mäntel. Luthers Frau liegt in Torgau begraben. ... Schwer öffnet sich die „Thesentür", an die Luther seine Thesen anschlug. Sie sind in Bronze ausgeführt wie für die Ewigkeit.
Zum Abschied besuche ich noch Magdalenchens Grab. An der Kirchhofsmauer wie vergeffen unter grauer Steinplatte, liegt die „Filia Dr. Martinus Lutheri" ... Ein wüster Kirchhof, alt, mit verlassenen Gräbern und neuen dazwischen, wenig gepflegt. Dicht daneben braust die Eisenbahn durchs Land.
Ueber dem Lutherhaus verglüht die Sonne. Luthers Wappen trug ein schwarzes Kreuz im roten Herzen, umarmt vom Ring der Ewigkeit; zu feinem Haufe wallfahrten sie noch immer, von weit und breit, es ist nie leer, sogar Japaner kommen her, um das Haus des Mannes zu sehen, der die Reformation vollbracht hat und eine neue Religion schuf. Es erfüllte sich fein Wort: „Ich werde nicht sterben, sondern leben ..."
Echte Panama-Hüte.
Von Richard Katz.
Ein Buch von „Schnaps, Kokain und Lamas", von Steppe, Dschungel und Urwald, von deutschön Siedlern und Indianern ist Richard Katz' neuestes Buch, dem wir mit Erlaubnis des Verlags Ullstein schon heute diesen Abschnitt entnehmen.
Was beim Reisen ins Geld reißt, sind die billigen Sachen.
Was Reisen kosten, läßt sich sonst kalkulieren. Fahrkarten, Hotels, Autos und so. Man kann einen Etat aufstellen. Aber dann gerät man nach Griechenland und tauft dort fo billige Teppiche, daß man für ein halbes Jahr außer Balance ist. Oder Lack-Service in Japan! Wäre es keine Sünde, sich nicht zwölfperfönig einzudecken? Halb geschenkt und viel feiner als daheim! Daß es nicht ganz geschenkt ist, merkt man erst, wenn man von den Schecks zugebuttert hat, die in Reserve bleiben sollten.
Teure Sachen sind harmlos. Was gibt unsereiner daheim schon für Kaviar aus? Keinen Pfennig. Aber in Korea, wo er so überaus billig ist, ißt man sich arm daran. Weil er so billig ist.
In Ekuador sind es die Panama-Hüte.
Das klingt sonderbar, weil man doch annehmen sollte, Panama-Hüte seien in Panama billig und nicht in Ekuador. Aber es ist doch so, well, die Panamahüte in Ekuador gemacht werden. In Panama ist nur ihr Hauptmarkt, dessen Hauptbetätigung darin besteht, die Preise zu ver- fünfsachen. Das ist gar nicht schwierig; nicht einmal die Preiszisser braucht Panama auszuradieren. „20" z. B. steht auf so einem Hut, wenn er aus Ekuador kommt. Das bedeutet „20 Sucres" ober 16 Mark 80. Nun und für den Touristen in Panama bedeutet es eben 20 Dollar USA. Und das find 84 Mark. — Simpel, nicht?
Und verlockend — nicht? — einen echten Panama dort zu kaufen, wo er tatsächlich nur 16 Mark 80 kostet. In Ekuador nämlich.
Was heißt das: einen Panama? Wo er doch so billig ist! Einen für sich (na, noch einen zur Reserve!) und einen für den guten Freund daheim (dem man schon längst etwas schicken wollte) und einen für die Kusine unb. einen für bie nette Hausfrau in Kairo brühen unb für bie Bootsgefährtin einen ganz feinen unb — halt! wem schenke Ach noch einen? Sechs können es ruhig fein ober fieben, sie kosten ja kaum mehr als einer in Panama...
Na, na!
Nachher sieht man, baß sie boch mehr kosten. Denn jetzt gefällt einem bie Sorte gar nicht mehr, bie einem in Panama viel zu fein unb zu teuer erschien, als baß man sich sie geleistet hätte (bitte: 84 Mark für einen Strohhut!). Jetzt aber hat man sich mit Bekannten beraten, bie Besch eib wissen, unb als man benen ben Hut für zwanzig Sucres zeigte, haben sie überlegen bemerkt: „Dritte Qualität!" Unb haben einem erzählt, baß ein ganz feiner Panama burch einen Fingerring gehen muß. Freilich, so einer kostet 500 Sucres unb nicht 20 unb kommt gar nicht in Betracht. Aber man hat sich doch seiner dritten Qualität geschämt und ist wenigstens an die mittelfeinen herangegangen. — Und nun sieht man da mit sieben Panamas — unb hat gewiß billig eingekaust — aber: Es finb bie billigen Sachen, bie ins Geld reißen.
Und es ist eine Krankheit mit den Panamas in Ekuador.
Die Quitoleute wissen das. Sie tragen keine Panamas, fo billig bie finb. Sonbern sie tragen „Kreissägen" auf bem Kopf, genau wie wir im Sommer. Und importieren sie aus Japan. „Panamas paffen nicht für unser Klima", sagen sie, ober: „Hier tragen nur Jnbianer Panamas", ober sonst eine faule Ausrede. Sie wissen eben Bescheid, die Ansässigen, wie teuer billige Panamas finb. Aber so einem Gringo, ber erst ein paar Wochen im Lanbe ist, bem empfehlen sie Panamas feurig.
So finb bie Menschen! So finb sie überall! (Die Berliner z. B., bie ihrem Provinzbesuch bie billigen Taxis preisen, währenb sie selbst — schneller unb billiger — Untergrunb fahren.)
In Quito also wundert sich der Gastsreund zunächst einmal: „Was, Sie haben sich noch keinen Panama gekauft?" Und er schüttelt tadelnd sein Haupt, auf dem eine „Kreissäge" aus Japan sitzt. „Ja, wissen Sie denn nicht, daß sie hier am billigsten finb?"
Man gesteht, bas wisse man zwar, traue sich aber nicht, selber welche zu taufen' (In einem Lande, in dem die Preise durch langwierige Verhandlungen bestimmt werden, ist das auch wirklich nicht einfach.)
Worauf einen der Ekuadorianer unter den Arm nimmt und ins Luxusgeschäft führt. Zu ben allerallerfeinsten Panamas. Das finb Hüte! Sie lassen sich burch einen Fingerring ziehen, unb sie lassen sich zu- sammenknäueln wie Taschentücher. Unb hernach liegen sie ohne Falte da. So weich wie Seibe finb sie und so fein geflochten, daß man die Fasern gar nicht mehr sieht. Es sind die seinsten Hüte der Welt, und sie kosten so um 500 Sucres herum.
„Das", lobpreist der Freund (und schiebt sich seinen Fünf-Sucres- Deckel ins Genick), „das ist die Extraqualität aus Montecristi — Ste wissen doch, Montecristi in der Provinz Manta, zehn Tagesritte von hier, wo nur vier Familien Extraqualität Herstellen. So fein ist der Bast, daß er nachts geflochten werden muß, bei dürftigstem Kerzenlicht. Der Bast wird rot, wenn stärkeres Licht ihn bescheint, solange er noch naß ist. Und er muß unter Wasser geflochten werden, um elastisch zu bleiben. An solch einem Hut" (er weist auf einen schneeweißen von unwahrscheinlicher Dünne, auf bem „700" vermerkt steht) „flicht eine Frau vier Monate. Und ruiniert sich die Augen dabei. Viele erblinden von der feinen Arbeit im Halbdunkel. Nicht unter 700 Dollar bekommen Sie fo einen Hut in den Staaten."
Der Einwand, daß man keinen Hut tragen möchte — und fei er umsonst —, ber einem Menschen bas Augenlicht gekostet hat, läßt ihn ben Laden wechseln. Der zweite führt Panamas so in ber 100-Sucres- ßage. Noch immer prima Qualität und — wie die Extraklasse — aus dem Bast der kleinen Fächerpalme gefertigt, die Tokilja heißt. Die Faser dieser Hüte ist freilich nicht so haarfein gespalten wie bie ber Ertrw qualität, fürs Laienauge aber noch immer berounbernsroert bünn. Solch ein Hut erforbert einen Monat Nachtarbeit, unb man wird nicht blind dabei. „Höchstens kurzsichtig", beruhigt einen ber Ekuaborianer.


