Ausgabe 
9.11.1931
 
Einzelbild herunterladen

MhenerZamilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931 Montag, -en 9. November Nummer 88

Martin Luther.

Von Ziska Luise S ch e m b e r.

Wild peitschend seine Wolkenrosse grau berennt der Sturm der Wartburg stolzen Bau.

Die Knecht' und Mägde löschen hastig aus Herbfeuer, Fackelbrand in Hof und Haus.

Nur oben in des Eckturms Kämmerlein Verschwelt noch eines Talglichts schwacher Schein. Am Eichentisch ein Kriegsmann sitzt und schreibt. Als ob ein Müssen unsichtbar ihn treibt.

Wie Ackerfurchen über ödes Land Zieht zähe Zeil' um Zeile seine Hand, Die fest, wie eines Reiters Zügelfaust, Die Worte zähmt. Das Ungewitter braust Nicht an das Ohr des Kämpfenden, der ringt, Daß er den Geisthauch auf die Erde zwingt.

Die Feder stockt. Es betet still der Mann: Gelingen laß mir, Herr, was ich begann!

Vom fernen Morgenlande übers Meer Kam einst die frohe Kunde zu uns her

Von Gott dem Vater und von Gott dem Sohn Und Gott dem Geist. Gib mir den Heimatton, Des deutschen Volkes Stimme treu und traut: Lehr beten mich in meiner Mutter Laut!

Laß Deine Weisung, Gott, mich gut verstehn Mein Leben ist ein Dir-Entgegengehn!

Um der Erleuchtung Gnade bitt' ich Dich Aus tiefster Finsternis: Erhelle mich!" Hier überzuckt des Betenden Gesicht Wie Himmelsglanz des Blendstrahls blaues Licht. Dann Donnerkrachen. Dunkel liegt der Raum. Angstvoll das Licht im Leuchter flackert kaum. Der Regen rauscht. Der Sturm hat ausgetobt. Der Burgwart wankt herein.Gott sei gelobt, Daß Euch nicht Schaden tat des Blitzes Schlang', Die zischend niederfuhr, den Turm entlang.

Schont Eure Lebenskraft: löscht aus das Licht! Schlaft, Junker Jörg! Begreift Ihr mich denn nicht- Der Knochenmann hat angeklopft zur Nacht!" Ich sterbe nicht, eh' daß mein Werk vollbracht.

In mir wogt der Gewißheit starkes Wehn;

Ich bin getrost: Des Herren Wort wird stehn! Und formend fügt die gottgeführte Hand Das Vaterunser für das Vaterland.

Besuch bei Luther.

Von L i e s b e t Dill.

Copyright 1930 by I. L. A., Wien.

... tun Winternebel steigt das alte Wittenberg in der Ebene auf die q.schleifte Festung und ehemals berühmte Universität. Man fahrt ost daran vorbei, aber man steigt so selten dort aus. Raben flattern über lohte, abgeerntete Felder. Der Postwagen hält vor Martin Luthers Haus^ 1512 vom Kurfürsten den Weisen erbaut. Hier zog Luther als Mönch ein, die kleine Zelle, in der er lebte, ist nicht mehr da, sie ist verbaut aber der Blick aus seiner Zelle in den Hof ist noch da. Durch vergüterte Fenster schaut man hinaus, auf den verwilderten Garten. Der alte Luther- brunnen rieselt im Hof träumerisch. Als sich Luther verheiratete, wurde ihm das Haus zum Geschenk gemacht. ~

Aus den kleinen Mönchszellen ließ Luther Wohnraume schaffen In diesen großen, düsteren Wohnräumen steht noch der schwere E.chentisch, an dem er seine Tischreden hielt den vielen Gasten, die er oft zu Frau Käthes Entsetzen alle in seinem Hause bewirtete Frau Käthe war e ne tüchtige Frau, sie goß Talglichter, braute das Bier selbst, nebenan lag ihre eigene Brauerei, sie hatte mehrere Faß steuerfrei, wovon sie re ch- lich Gebrauch machte, denn sie hatte viele Durstige zu bedienen, und

Luthers Einnahmen waren gering. Als er starb, hinterließ er zwar meh­rere Güter, aber sie brachten nichts ein, sie kosteten mehr Steuer, als Frau Käthe aufbringen konnte. Daher verkaufte sie diese Güter. Sie starb in Armut. Große Menschen, die in der Oessentlichkeit leben, denken an ihre Familie meist zuletzt. Sie leben für den Staat, die Kirche und die andern. Luthers Wahlspruch steht unten in dem kalten Flur an der ge­tünchten Wand.Ich werde nicht sterben, sondern leben ..."

Die Sonne durchleuchtet die rosenroten Bäume im Hof, der Brunnen rieselt, das Mittelalter empfängt mich, düster, unwirtlich und kahl. Krieg und Pest, Flucht und Kampf, Arbeit und Nöte, Feinde ringsum, das war Luthers Leben. Auf einer steinernen, engen Wendeltreppe geht's in den ersten Stock. Kahl reckt der alte Birnbaum feine Aeste, unter dem sich Luther von Staupitz überreden ließ, von der Jura zur Theologie überzuschwenken. Er wollte es durchaus nicht. Da steht die Kanzel, von der Luther feine bezwingend aufrührerischen Reden hielt, da ist der Fensterstuhl, auf dem er ausruhte. Frau Käthe saß ihm gegenüber auf dem kleineren Stuhl ohne Lehne. Frau Käthe versuchte, Studenten in Pension zu nehmen im Seitenflügel wohnten sie, aber von Stu­denten wird man nicht reich ... Wittenberg war damals eine der ge­suchtesten Universitäten. Als Napoleon nach den Freiheitskriegen Witten­berg besetzte, erklärte er: Wittenberg hat aufgehört, eine Bildungsstätte für junge Leute zu fein. Damals wurde dieLutherkirche" niedergehauen und die ehemalige Universität wurde zur Kaserne. Heute ist sie ein Predigerseminar.

Im Unterstock liegt das Refektorium der Franziskaner, in dem sie ihre Mahlzeiten nahmen.Schweigend, damit unnütz Gefchrey und un­züchtige Reden vermieden würden ..." Luthers Wohnung ist klein, be­scheiden, eng und dunkel. Durch vergitterte Fenster oder Butzenscheiben fällt graues Winterlicht. Man sieht sein kleines Bierseidel, da liegt fein Rosenkranz, den er als Mönch auf der braunen Kutte trug. Seiden­stickereien seiner Frau, als sie noch Zeit hatte zu Handarbeiten. Man liest seinen Brief, in dem er Karl V. um freies Geleit bat. Statt dessen wurde er gefangen und auf die Wartburg gebracht. Er wäre sonst wahr­scheinlich in Wittenberg ermordet worden ... Dieser Brief wurde in Leipzig versteigert und kam zu 130 000 Mark an den amerikanischen Multimillionär Morgan, der ihn anläßlich der Kieler Woche Wilhelm IL schenkte, der ihn der Stadt Wittenberg vermochte.

Man lernt einen großen Menschen am besten du^ch feine F kennen. Was da in den Sälen des ersten Stockes alles unter Glas liegt an feindlichen Postillen gegen denlutherischen Teufe» . iiej» ,.ch sehr amüsant ... Da sind die berühmten LutherschenThesen , gedruckt von Hans Lusst, scharfe Schriften Dr. Ecks gegen Luther, die ältesten lateinischen Bibeln, kostbar in Schweinsleder gebunden. Da die Bibel damals sehr teuer war, konnten sich die meisten nicht eine ganze Bibel kaufen. Man verkaufte sie in einzelnen Teilen. Die Glanzstücke sind von Mönchen mit zierlichen Bildern bemalt, Augenpulver, auf Pergament geschrieben, mit bunten Bildern und leuchtenden, großen Buchstaben mit unendlich feinen Malereien geschmückt. Wundervolle feine Holzschnitte von Dürer hängen an den Wänden. Ein goldener Regen gelber Blätter riefelt in Dr. Luthers stillen Garten. In dem großen Saal hielt er seine Vorlesungen, aber der Raum war viel zu klein, so viele Hörer drängten sich hinein. Im zweiten wartete man, im dritten speiste Luther, am schweren Eichentisch präsidierte er. Was gibt es Neues? war immer seine erste Frage, denn dasNeue" betraf meist ihn und seinen Ruf ... Seine Feinde sorgten dasür, daß immer etwas Neues tarn ...

Ich mag nicht mit dieser Bestie reden", sagte Cajetan in Augsburg von Luther zu Staupitz,denn er hat tiefe Augen im Kopf und wunder­liche Spekulationen." Er wurde gehaßt, gefürchtet, verspottet. Aber nichts macht ihn straucheln. Er schreibt gegen die Päpstlichen, gegen die Geist­lichen, gegen den Adel, gegen die mörderischen Rotten der Bauern, gegen den Ablaß, seine Thesen schlägt er an der schweren Tür der Schloßkirche an, die der Universität alsschwarzes Brett" diente. Und sie diente auch ihm. Scharfe Streitschriften wurden gegen ihn verteilt, überall brennen die Flammen, der Scheiterhaufen ist gerichtet, auf dem derWitten­bergisch Ketzer" brennen soll, sie warten alle darauf. Indessen übersetzt er die Bibel volkstümlich, denn, meint er,man muß den Gemeinen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach verdolmetschen, so verstehen fiel3 wenigstens". Auch die Juden muhten Helsen bei der Uebersetzung der Bibel, die Gebräuche erklären usw. Bis hinter die hohen Klostermauern bringen feine Schriften und entzünden die Herzen der Nonnen ... Briefe von Franz von Sickingen liegen unter Glas, von Ulrich von Hutten und Götz von Berlichingen, vom Brandenburgischen Kursürsten ... Hunderte von illustrierten Spottliedern, von naiven Malereien bedeckt, über­schwemmten damals bas Land. Luther sitzt auf einem Misthaufen, Luther bat sieben Köpfe, Luther entführt Nonnen, Luther als Schwärmer und Säufer, Hohn auf (einlotherbübisch Leben". Die Entführung vonacht gottgeweihten Jungfrauen", bieHeirat mit einer Nonne" siel immer