Ausgabe 
9.10.1931
 
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Ziel«, die für ihn religiöse waren, zugrunde. Nachdem er Zürich im Sturm für seine Lehre gewonnen und auch Bern erobert hatte, wollte er die widerstrebenden Urtantone Luzern, Schwyz, Uri, Unterwalden und Zug mit Gewalt bekehren. Aber zu diesem Zwecke mußte er über die Eidgenossenschaft hinaus nach internationaler Unterstützung streben. Sein großer Plan scheiterte. Im Kleinkrieg gegen die Landsleute siel er, und sein Werk war damit zum Stillstand verurteilt, bis es durch Calvin neue Kräfte und Ideen erhielt und zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangte.

Zwinglis Tsd.

Don Wilhelm Schäfer.

Aus dem (Emil Strauß gewidmeten) deutschen Volksbuch Huldreich Zwingli" von Wilhelm Schäfer (Leinen 4,80 Mk.), einer ungemein starken, packenden Lebensdarstellung des Zü­richer Reformators, bringen wir mit Erlaubnis des Georg Müller Berlages das folgende Kapitel zum Abdruck.

Als sie im SihUal hinritten, hatte der Herbst die Wälder gefärbt, daß sie heller als sonst um den steinichten Bach standen. Und über Kilchberg herab kam der Komtur Schmidt von Kühnacht geritten mit dreißig wacke­ren Leuten. Sie grüßten die Schar froh: und als ihm der mackere Mann ehrlich die Hand reichte, der immer treu zu ihm war und beständig in all seinen Dingen, hob Huldreich Zwingli den Blick in die Wirklichkeit auf, der seit dem Stadttor in trüben Gedanken verstrickt war.

Der uns gram in Wittenberg ist, sagte er hell wie je in den Tagen der Saat, hat mich im Traum heute Nacht einen Reisläufer gescholten, weil Sein Reich nicht von dieser Welt ist, und hatte die Schrift in der Hand gegen mein Schwert. Du aber reitest auf einem Rappen wie ich; und siehe dort Diebold von Geroldseck, und alle die andern, die ihren -Predigerrock getrost hinauf in die Schlacht tragen!

Da wollte der Komtur ein kräftiges Wort sagen; aber der Meister wehrte ihn ab: Hielte jenem sein Fürst nicht das Schwert vor die Schrift, wie wollte sein Wort gegen den Papst und den Kaiser bestehen? Wir aber sind Eidgenossen und müssen uns selber das Schwert halten. Trügen wir es um Gold oder Macht oder andere Dinge der Welt, er könnte uns schelten. Tragen wir aber nicht unsere Brust in die Spieße, wie jener bei Sempach der Freiheit die Gasse aufmachte? Daß wir Prediger nicht in den Mauern der Stadt bleiben, indessen die andern für uns zu sterben ausziehen, ist unseres Glaubens Bewährung. Will jener uns schelten, wollen wir also getrost Reisläufer einer rechtest Eidgenossenschaft heißen, darin wir selber der Schrift das Schwert halten.

Nicht lange danach, als sie bei Langnau gegen den Berg zogen, hörten sie schießen über dem Albis, als hätte die Schlacht schon begonnen. Aber der Weg war steil, und wie sie eilten, wurde es manchem ist seinem Harnisch zu schwer. Ehe sie an den Rand kamen, waren etliche schon hingesunken, und viele blieben kläglich zurück, denen die Jungen voraus stürmten.

Auch die Berittenen kamen so rasch nicht hinauf, wie sie mochten; als sie die Höhe erreicht hatten, ließen sie erst ihre Rosse verschnauben, dem Fußvolk zu warten. Denn sie sahen noch nicht hinab gegen Kappel und über das Feld, Scheuren geheißen, und wie das Fähnlein der Zürcher übel eingeengt stand, und hinter ihm war ein sumpfiger Graben. Aber es kamen Boten gerannt und geritten, um Eile zu mahnen, ehe die Uebermacht über sie käme.

Als sie noch standen bei ihren Pferden und wußten nicht, sollten sie erst dem Fphvolk noch eine Rast gönnen und auf die Säumigen warten, oder sogleich dem Fähnlein beirücken und Rudolf Lavater sagte im Zorn: man habe den Sturm nicht «her gewollt und stehe nun da mit dem Banner, doch ohne Leute ging Huldreich Zwingli zu seinem Tier und wollte hinab. Wir können nicht säumen, sagte er hart, indessen denen da unten Schaden geschieht. Ich will in ihr Ungemach reiten, zu helfen oder zu sterben mit ihnen. Und wie der Meister sagte, wollte der Land- voghauch.

So kamen sie noch in den Grund und brachten das Banner hinab, denen zur Stärkung, die seit dem Mittag ungewiß standen, und die Sonne sank schon dem Untergang zu über die herbstliche Weite. Aber sie waren zu wenig und standen ungeschickt da in der Enge. Als darum das Rasseln und Toben begann, als ob die Fünförter gegen sie anstürmtön mit wildem Geschrei; und ihrer Dreihundert halten sich links durch den Wald angeschlichen, sie von der Seite zu überfallen, indessen die andern von vorn sich zurückhielten: mußt« dem Zürcher Heer von der Uebermacht Schrecken und Schaden geschehen.

Huldreich Zwingli hatte sein Pferd den Knechten gelassen und hatte sich treu in das dritte Glied der Männer gestellt. Da aber trat ihm der Bäcker Burkhard entgegen, der je sein Feind war. Du hast uns den Brei gekocht und die Rüben gesalzen, trotzte er laut, und mußt nun helfen, ihn auszuessen.

Das will ich tun! gab Huldreich Zwingli zurück und hob sein Gesicht über den Bäcker hinaus in die Ferne: Und mancher Biedermann hier, der mit mir in Gottes Hand ist, tot oder lebendig, wird in den ewigen Saal treten!

Aber da hatte der Lärm schon begonnen, und als sie die Waffen gegen den anstürmenden Feind wandten, brachen von links aus dem Wald die Fünförter hervor, hieben und stachen den Mann in die Seite, der sich nach vorn wehrte. Wohl rief der Bannerherr Schweizer, ein starker Greis, tapfer zum Streit; aber sie standen zu dicht beieinander, recht um sich zu schlagen. Als der Feinde immer mehr aus dem Buchenwald kamen, und ein Haufe hatte sich schon gegen den Rücken der Männer von Zürich gewandt, konnte die Tapferkeit denen vorn nichts mehr nützen, weil sie hinten zu fliehen begannen.

Als Huldreich Zwingli das Unglück erkannte, rief er noch einen Trost in die Reihen der Männer; aber der Schrecken zerbrach sein Wort in den Ohren und wcrf die Flut der Fliehenden über ihn her. Dreimal riß es ihn hin im Georänge und jedesmal hob er sich auf, der Wunden nicht achrend in seinen S henkeln, bis ihn ein Schlag durch den Helm nieder­

warf, daß er die Kraft feiner Glieder verlor und die Gewalt seiner Sinn«.

Da Huldreich Zwingli wieder erwachte, hatte er schon vom Becher des Todes getrunken. Er lag auf dem Rücken und sah den Himmel unend­lich erhellt über der dunkelnden Erde. Auch stand die ewige Stille der Sterne in seinen Sinnen, als wär« der Lärm der Schlacht in den schwar­zen Boden verronnen.

So lag er lange, ehe zwei Männer ihn fanden, die den Anger nach Toten absuchten und was sie bei ihnen zu plündern fänden. Als sie sich über ihn beugten, erkannten sie, daß er noch lebt«, und daß er sie ansah mit wehrenden Augen. Weil sie einfältig waren und ihres Glaubens gewiß, wollten sie die Seele Ketzers noch retten, bevor sie von hinnen führe, und fragten ihn, ob er zu beichten begehre? Aber er sah unver­wandt in den Himmel und seine Lippen bewegten sich leise zu seinem Gebet. So fingen sie an, ihn zu schmähen, und rüttelten ihn; und einer trat mit dem Fuß an den zerschlagenen Helm, daß er klappernd dahin rollte.

Darüber geschah es, daß Huldreich Zwingli noch einmal zurück in die Wirklichkeit kam und in den harten Beschluß seines Lebens. Er wollte die Hände heben, aber sie tarnen nicht über die Brust, daß er dalag wie ein Kind und auch wie ein Kind mit erstaunten Augen die Männer ansah, in deren armselige Torheit seine letzte Entscheidung gefallen war. Und anders nicht als ein Kind erschrak er, wie die dunkle Gestalt eines Mannes rasch über ihn trat. Der war «in Hauptmann von Unterwalden und hatte das Schelten der Schelme gehört. Aber er wollte nicht an die Toten, sondern er hatte ein Schwert in der Hand, denen zu helfen, die noch nicht vom Leben abkamen aus ihrer blutigen Not. Und war seines Schiboleths* sicher wie je die Gileaditer.

Glaubst du an den Papst? fragte er hart und hob die Spitze des Schwertes über den Meister, den er nicht tanntef Da war es, als ob sich der Gegenwurf seines Lebens vor Huldreich Zwingli erhöhe in der Gestalt dieses Mannes, der die steilen Stirnen der Männer von Glarus, den Racheruf der Wiedertäuferin für ihren ertränkten Sohn, das Kreide- wort Martin Luthers zu Marburg in der einen Frage des Söldners über ihn hielt mit der Schärfe des Schwertes, darauf der Meister sie selber gelegt hatte. Aber nun war (ein heller Mut, fein gewisser Glaube, seine unbeirrbare Treue, alles, was je sein Wort stark machte, auch zu einer Antwort gekommen. Anders nicht als (ein Kind in der Wiege, dem er am Morgen den Segen gab, legte Huldreich Zwingli die Hände auf [einer Brust ineinander und (eine Lippen lächelten (oft, als sie die Worte zur Antwort sagten, mit denen das apostolische Glaubensbekenntnis beginnt. Aber sie tarnen nicht über Gott zum allmächtigen Vater, da fuhr ihm das Schwert in den Hals.

Als der Hauptmann aus Unterwalden Huldreich Zwingli den Fang gab, wußte er nicht, wen fein Schwert traf, und alle die Taufende wußten es nicht, die an dem Abend gekniet hatten, der Jungfrau und allen Heili­gen zu danken für den Sieg über die Ketzer.

Aber im Morgenrot gingen die Hauptleute den Anger ab, darauf die Erschlagenen lagen, und hatten Gefangene mit, daß sie die Namen derer erführen, die aus der Bürgerschaft fielen. So tarnen sie auch an den Baum und den Mann, der unweit im Felde lag, und frohlockten sehr, als sie zu dem Namen und Kleid das verhaßte Gesicht chres Feindes erkannten. Da war ein wundergroß Zulausen den ganzen Morgen, und jedermann wollte ihn sehen, der also hingestreckt dennoch der Meister war, den sie bestaunten.

Auch der alte Hans Schönbrunner kam, der einmal Chorherr war am Fraumünster. Da er ihn sah, mußte er weinen um ihn und sprach gegen den Toten: War auch dein Glauben falsch, dies weiß ich gewiß, daß du ein redlicher Eidgenoß warst!

Aber danach wollte der Haß an Huldreich Zwingli sein letztes Gelüst haben; er schrie nach Rache gegen den Ketzer, dessen Namen verflucht war 'bis in die obersten Almen der Waldstätten hinauf, seit ihnen Brot und Salz fehlte durch sein hartes Gebot, wie sie wähnten. Sie riefen das ganze Heer auf, den Leichnam zu richten, und hoben die Schwurhände hoch mit lautem Geschrei, daß ihn der Henker vierteilen müsse und mit Unrat vermischt an der Stelle verbrennen, wo sie ihn fanden.

So hielt die Rache ihr wildes Fest auf dem Anger und die Flammen frohlockten dazu. Sie brannten den Leichnam zu Äsche und trugen den rauchenden Zorn in die Lüste, die über dem herbstroten Feld in blauer Ewigkeit standen, indessen unten am See das große Herzeleid ging und der Schrecken. Aber die Flammen konnten nicht brennen, was in den Herzen geweckt war; und der Schrecken konnte nicht dämpfen, was in der blauen Ewigkeit über dem Menschenwerk ist mit der Freiheit der Wolken und Winde. s

. Balinesisches Abenteuer.

Von Hanns R o e s s i n k.

Sie haben Glück", meint der Kolonialbeamte zu dem jungen Welt- reisenden.Die Verbrennung eines Radscha bekommt nicht jeder Besucher von Bali zu sehen." Auf dem Platz vor dem Palast wogt ein von meter­hoher Steinmauer umschlossenes Feuermeer. Von roten hohen Säulen getragen, steht daneben ein Holzbau mit vergoldetem Dach, der die hölzerne Statue eines riesigen Löwen enthält; in der durch die Nähe des Feuers flimmernden Luft glänzt eine erdrückende Menge von Spiegeln, Porzellanen und Vergoldungen in zitternder Bewegung.

Was ist das für eine Brücke dort oben?"Wissen Sie es noch nicht? Gut, um so interessanter wird es für Sie fein. Sie können denken, die Welt fei um hundert Jahre zurückgedreht." Der holländische Beamte lacht, und auch der alte Balinese, der neben ihm steht, verzieht fein Gesicht 3U freundlichem Grinsen. Ellermann, der junge Reisende, wendet sich ab.

Aus Bambusrohr gebaut und mit Platanenzweigen gegen Versengung geschützt, führt eine Brücke in etwa fünfzehn Meter Höhe kreisförmig um

* Hebräisch: Wort, Losungswort; an dessen falscher Aussprache®1 batet!)" erkannten die Gileaditer die Ephraimiter. (Buch der Richter 12, 5, 6.)