verantwortlich; Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl'sch« LIniverfitätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Dieben.
Aber vor dem Tore der Stabt sahen seht die Seldwyler Buben auf den höchsten Baumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmw.nd herangesaust, mitten auf der Straße, eine dicke Wolke Staubes aufrührend. Mit der einen Hand zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen im Nacken saßen, und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund aus und lechzten nach Atem, sahen und hörten nichts, was um fie her vorging, und dicke Tränen rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen doch war der Bayer voraus um eine Spanne. E.n entsetzliches Ge chrei und Ge- lächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte Alles raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Selten nef es: So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! halt dich brav, Bayer! Emer ist schon abgesallen, es sind nur noch zwei! Die Herren in den Garten standen auf den Tischen und wollten sich ausschutten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte, und gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein wilder Haufen eme furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen dem Tore zu, selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen. Schon waren sie dem Tore nah, dessen Türme von Neugierigen besetzt warem die ihre Mutzen schwenkten, die zwei rannten wie scheu gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst, da kniete ein Gassenjunge wie em Kobold auf Jobsten- fahrendes Felleisen und ließ sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mit- fahren. Jobst wandte sich und flehte ihn an, loszulassen auch schlug er mit dem Stocke nach ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann Fridolin einen größeren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er ihm den Stock zwischen die Fuße daß er hlnsturze. Wie aber Jobst über ihn wegspringen wollte erwischte ihn der Bayer am Rockschoß und zog sich daran in die Hohe; Jobst schlug ihm auf b™ Hände und schrie: „Laß los, laß los!" Fridolin ließ nicht los Job packte dafür feinen Rockschoß, und nun hielten sie sich gegenwsestig fest und drehten sich langsam zum Tore hinein, nur SuweckenemenSprung versuchend, um einer dem andern zu entrinnen, ©te meinten, (d)(ud)jten und heulten wie Kinder und schrien in unsäglicher Beklemmung: „O Götti laß los! Du lieber Heiland, laß los, Jobst! laß los, Fridolin! laß los, du Satan!" Dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hande, kamen aber immer um ein weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie ver °oren zwe7 Buben trugen dieselben, die Hüte auf die Stocke gesteckt, voran, und hinter ihnen her wälzte sich der lobende Haufen, alle Fen- ster'waren von der Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelachter in die unten tosende Brandung warf, und seit langer Zeit war man nickt mehr so fröhlich gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergnügen schmeckte den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangi Sie selber sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so walzte sich der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum andern Tore wieder hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster ge= legen und nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet, wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen, als Dietrich und Züs still und unversthens bei ihm eintraten.
Diese hatten nämlich unterdessen ihre Gedanken zustimmengetan und beraten, daß der Kammachermeister wohl geneigt sein durste, da er doch nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine bare Summ, zu verkaufen. Züs wollte ihren Eültbrief dazu hergeben und der Schwabe sein Geldchen auch dazutun, und dann waren sie die Herren der Sach läge und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Ber einigung dem überraschten Meister vor; diesem leuchtete es ^eid) em hinter dem Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel abzuschließen und unverhosft des baren Kauspreises habhaft zu werden Rasch wurde alles festgestellt, und ehe tue Sonne untergmg, war Jungfer Bunzlin die rechtmäßige Besitzerin des L^lna
nnh ihr Bräutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag.
chalb tot vor ^cham, Mattigkeit und Merger lagen Jobst und Fridolin in her Herberge, wohin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte d'e Ursache fd)oni oer nriien und feierte eine luftige Nacht. In vielen Hausern wurde getanzt und in den Schenken wurde gezecht und gesungen wie an den größten Sctoroiilertaqen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um jnit Meis^rhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen Teufel laben wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die Torheit der Wett zu benutzen, nur dazu gedient hatte dieselbe in- umvhieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gefpott zu machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den wellen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet sondern auch den Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebußt
Jobst der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermütig zog er vor Taa wieder aus der Stadt und hing sich an der Stelle, wo sie alle : gestern gests en, an einen Kaum. Al- der Bayer eine Stunde sparer da vorüberkam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen daß er wie wahnsinnig davonrannte, sein ganze- Wesen veränderte "nd.
. man nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch
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i ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrückte ihn und betrachtere sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten.
Nebenbuhler ck'e kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich oas u che tat, fttelfte fie mehnnals mit Nachdruck feinen Ell- i bogen oder trat ihm auf den Fuß, auch wifchte fie ihm den ©taub von <
dem Hute, lächelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben auslachte, doch |O, daß es dieser nicht sehen tonnte. Alle drei bliefen jetzt mächtig die Backen auf und sandten große Seufzer in die । Luft Sie fahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hute ab, wischten ' sich den Schweiß von der Stirn, strichen die ftei geklebten Haare und fehlen die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und schnappten nach Lust. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt, daß fie selbst meinte. „Hier sind noch drei dürre Pflaumen , sagte sie, „nehmt oder eine in den Mund und behaltet sie dann das wird euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen ausgefonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines langjährigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend! Jedem steckte sie die Pflaume in den Mund, und der sog daran. Jobst druckte die Hand auf seinen Magen und ries: „Wenn es denn fein muß, fofei es ins Himmels Namen!" und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob, nut stark gebogenen Knien mächtig an auszuschreiten und zog sein Fellellen an sich. Kaum fah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon ziemlich hastig die Straße hinab. Der Schwade war der letzte, der sich aufmachte und ging mit listig vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemächlich neben Zus her, wie wenn er feiner Sache sicher und edelmütig seinen Gefährten einen Borsprung gönnen wollte. Züs belobte seine freundliche Gelassenheit und hing sich vertraulich an seinen Arm. „Ach, es ist doch schon .sagte sie mit einem Seufzer, „eine feste Stütze zu Haden >m Leben! Selbst wenn man hinlänglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch viel gemütlicher am vertrauten Freundesarme! — .-Der Taufend, ei ja wohl das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stieß ihr den Ellbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach feinen Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß wurde, „sehen fie roof)l werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo Barthel den Most holt?" - „D Dietrich, lieber Dietrich , sagte sie mit einem noch viel stärkeren Seufzer, „ich fühle mich oft recht einsam! — Hopsele, so muh es kommen!" rief er, und sein Herz hupfte wie em Häschen im Weißkohl. „O Dietrich!" rief sie und drückte sich fester an ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß feine Vorläufer nicht mehr sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich wollte er sich losreihen von Züsis Arm und jenen natfjfpringen; aber sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an, wie wenn sie schwach würde. „Dietrich'? flüfterte fie, die Augen verdrehend, „lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie, stutzen Sie mich'" — „Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los, Jungfer! rief er ängstlich, „ober ich komm' zu spät und bann abe Zipfelmütze! —
Nein nein! Sie dürfen mich nicht verlassen, ich suhle, mir wird übel! jammerte sie. „Hebel ober nicht übel!" schrie er und riß sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um und sah die Läufer schon im vollen Renw>n weit den Berg hinunter. Nun setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch einmal nach Züs um Da ah er sie, wie sie am Eingänge eines engen fchamgen Waldpsabes sah und lieblich lockend ihm mit den Händen winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte, statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und so lange zu vexieren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben könne.
Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so geschah es, bah es ganz anders tarn, als die listige Person es honte. Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr allein war fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten Liebeserklärungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte sie ihm Ruhe zu gebieten* unb, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute Manier hinzuhatten, inbem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen spielen lieh. Als er ihr aber Himmel unb Hölle vorstellte, wozu ihm fein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeift herrliche Zauberworte lieh, als er fie mit Zärtlichkeiten jeder Art überhäufte und bald ihrer Hande, bald ihrer Fühe sich zu bemächtigen suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und rühmte, daß der Himmel hatte grün werden mögen, als dazu die Witterung und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den Kompaß, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehrlos, wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder Weife. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten, und war im Handumdrehen von dem Schwabchen erobert; dies geschah nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war sondern weil sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht über ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in biefer kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue unb gaben sich tausenb Küßchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Fälle.
Unterdessen hatte sich in der Stobt die Kunde von dem seltsamen Unternehmen der drei Gesellen verbreitet unb ber Meister selbst zu seiner Belustigung die Sache bekanntgemacht; deshalb freuten sich die Seldwyler auf bas unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die gerechten unb ehrbaren Kammacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnelläufer erwartet.


