Theateraussührungen selbst versucht man einer grundlegenden Resorm zu unterziehen. Sn Hindemiths viel angesochtenen „Lehrstück" das im Rahmen der Baden-Badener Kammermusik 1929 zur Uraufführung gelangte, wird das Publikum zu aktiver Beteiligung aufgesordert. Die Schar der Zuhörer soll Stellung nehmen zu den Vorgängen auf der Bühne, die von Dilettanten gesungen, gespielt und getanzt werden. Bleibt auch die 'Bedeutung des „Lehrstücks", das bereits einige Nachfolger gefunden hat, noch reichlich problematisch, so ist den „Spielen und Liedern für Kinder", die bei den diesjährigen Darbietungen neuer Musik in Berlin zur Vorführung gelangten, erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Hier ist der Kreis der Gemeinschaftsmusik auf die kleinsten Musikliebhaber, die Kinder, ausgedehnt, deren Spiele („Eisenbahnspiel", „Wir bauen eine Stadt" u. a.) durch Singen und Spielen ausgeschmückt und belebt werden. Diese Kinderspiele sind in erster Linie zur Belehrung und Hebung für die Kinder geschrieben, weniger zur Unterhaltung erwachsener Zuschauer. Daß all diese Musikstücke, trat; ihres modernen Gepräges in technischer Beziehung durchaus anspruchslos und leicht ausführbar sind, ist selbstverständlich.
Ueberblickt man diese in großen Zügen geschilderten Bestrebungen der letzten Jahre, die auf eine Musik hinzielen, welche nicht mehr lediglich das Interesse des Fachmusikers erweckt, sondern den Bedürfnissen einer wirklichen Gemeinschaft (und nicht einer bunt gewürfelten Masse) entsprechen will, eine Musik, die für den Liebhaber im engeren Sinne und ganz allgemein für einen bestimmten „Verbraucher" geschrieben ist, so erkennt man darin eine ganz natürliche Reaktion gegen die Ausschlieh- lichkeit, mit der die Musik seit Beethoven eine Angelegenheit des Fachmusikers war, der seine Kunst und Kunstfertigkeit einer festlich gestimmten, aber gleichwohl konventionellen Zuhörerschast vorsetzte. Wie die modernste Tonkunst in geistiger Beziehung manche Fäden spinnt zur Vor- beethovenschen, barocken und gotischen Musik, so verbindet sie mit jenen Epochen auch das in jüngster Zeit hervortretende Bestreben, das Kunstwerk in einen Umkreis hineinzustellen, es einen Zweck erfüllen zu lassen. Noch Haydns und Mozarts Sinfonien, vor allem Bachs Kantaten, die Motetten der Niederländer des 15. und 16. Jahrhunderts hatten einen „Zweck", waren Gebrauchsmusik in irgendeinem Sinne. Dieser Zweckge- donke ging dem 19. Jahrhundert verloren. Hier herrschte die Anschauung des l’art pour l’art: hatte die Kunst einen Zweck, so war sie eine solche zweiten Grades. Ein wirkliches Kunstwerk kann der Künstler nur schaffen, wenn „der Geist über ihn kommt", wenn er sich von allen äußeren Zwecken frei hält und das Kunstwerk feinem Genius abringt. Wir sind heute „sachlicher" geworden und glauben, daß ein musikalisches Kunstwerk (gleichwie ein architektonisches darum nicht minder wertvoll zu sein braucht, wenn es einen hohen Zweck verfolgt, indem es zur allgemeinen Erziehung des Menschen beiträgt.
Explosion einer Sonne.
Weltuntergang im Wasserlropfen.
Von Bruno H. Bürgel.
Aus der großen Vase, die den Buschen mit den Weidenkätzchen trägt, habe ich einen Wassertropfen herausgehoben. Trüb und bräunlich hängt er am gläsernen Träger unter meinem Mikroskop, ins Riesenhafte vergrößert, und ich kann mir das Vergnügen machen, mit dem Auge in dieser kleinen Weltkugel spazieren zu gehen, die voller Absonderlichkeiten ist, voller Wunder, die man nicht ahnt, wenn man sie nicht mit dem Mikroskop durchwandert. Es wimmelt da von merkwürdigen, ungemein kleinen Geschöpfen, die von uns und unserer Welt so wenig wissen, wie wir von ihnen ober von den Menschen, die auf fernen Sternen wohnen, und auch hier Lust und Leid und Kampf ums Dasein, auch hier Schwache, die überrannt werden, und Starte, die sich den Platz mit Rücksichtslosigkeit erkämpfen. Da strudelt es vorüber, taucht auf und unter in dem Wassermeer, das doch nur ein Tropfen aus einer Blumenvase ist. Kleine lebende Schiffchen, glasdurchsichtig, mit Wimpern versehen, jagen emher, und in der Mitte dieser Wasserwelt, wo sich eine Insel befindet, eine Insel, die nichts anderes ist als ein zerfallenes Zellengefuge von der Rinde einer Weidenrute und höchstens ein Zehntel Millimeter groß, ist das „Paradies" dieser Welt, das Land, wo Milch und Honig sließt. Hier drängt sich alles zusammen, was leben will, hier ist der Kampfplatz der Nationen. Man liebt und haßt, man kämpft und stirbt auch in dieser Wasserwelt. Wer von uns weiß denn, ob auch diese winzigen Wesen eine dumpfe Empfindung ihres Seins haben!
Aber nach wenigen Minuten ist die ganze Herrlichkeit vorbei! Die Wärme des Zimmers hat die Feuchtigkeit aufgesogen, der Tropfen ist nicht mehr; ein grauer Staubflecken ist auf der Glasplatte zurückgeblieben. Eine ungeheure Katastrophe für die Bewohner dieser kleinen Welt, em Weltuntergang schlechthin, über den wir lächeln, weil wir nicht daran beteiligt sind.
In den tiefen Kellergewölben der Erdbebenwarte herrscht jenes Schwelgen das der moderne Mensch, an das unaufhörliche Getose des Verkehrs gewöhnt, als drückend empfindet. Nur das monotone Ticken einer Se- kunden-Pendeluhr ist vernehmbar und ein leises Surren von Uhrwerken, die kleine Trommeln drehen, auf denen Papierstreifen gespannt sind. Schreibfedern gleiten über diese Papierstreisen dahin, Schreibfedern, die an Hebelarmen sitzen, an unbeweglich lastenden schweren Pendelstangen. Feine, ein wenig zittrige Linien zeichnen die Federn auf den Papierstreifen auf. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Und immer der gleid). Pendelschlag der Uhr, und immer das leise Wispern und Summen der kleinen Uhrwerke, und immer der gleichmäßige, und em wenig zittrige Strich der Schreibfedern. — _ . ,. „ „ .
Aber plötzlich ändert sich das Bild! Die Ordern malen unruhige vnckel, die schweren Pendelstangen fangen an zu schwingen, die Hebel machen Ausschläge und nun schwingen die Schreibfedern über das ganze breite Trommeipapier hinweg in großen Zickzackkurven, >a die ichweren Pende drohen aus ihren Lagern zu fallen, und die Stahldrahte, die sie halten, spannen sich mehr und mehr. — Aber das dauert nicht lange. Die
Schwingungen werden kürzer, die Böge» der Schreibstifte immer kleiner; noch ein paar Krakel, noch einige, bann mieber unruhige Zitterlinien, die noch immer etwas von der Erregung erkennen lassen, und endlich geht alles wieder seinen alten Gang: es Hingt der dumpfe Schlag der Pendeluhr, es summen leise die Uhrwer'e, die Federn ziehen die alte, gleich mäßige Zitterlinie, und tiefe Stille lastet im Gewölbe der Erdbebenwarte.
Aber irgendwo in weiter Ferne, auf einer einsamen Insel im Meer, war das eine furchtbare Katastrophe!^Die alte Mutter Erde, Symbol aller Festigkeit, wankte und schwankte. Städte verwandelten sich in Schutt- Hausen, Arme und Reiche, Glückliche und Unglückliche unter sich begrabend. Von irgendwo tickt es der Telegraph über Land und Meer, der Bordfunker eines Schiffes gibt es weiter, elektrische Wellen branden über die Welt, die Abendblätter werfen es mit Riesenlettern in die Menschenmassen lichtüberfluteter Großstädte: „Eine Katastrophe ..." —
Wir lesen es, mit unseren Sorgen beschäftigt. Der Schutzmann, der mitten im rasenden Verkehr, bedralst von fauchenden Motoren, den Arm mit der weißen Stulpe hebt, wirst einen raschen Blick auf den vorbei- hastendeir Zeitungshändler: „(Eine Katastrophe!" Dann wendet er sich gleichmütig um, der Arm senkt sich: Weiter!
Der Knabe hat einen runden, prallen Apfel in die heiße Ofenröhre gelegt. Was weiß der Knabe von dem Apfel! Er ist eine richtige kleine Weltkugel, bewohnt von mikroskopisch-winzigen Wesen, die von dem süßen Saft der Rinde ihrer Weltkugel leben, wie der Mensch lebt von dem, was die Rinde der Kugel Erde zu trügen vermag. Auch da gibt es Berge und Täler, sie sind winzig klein, aber vergessen wir nicht, daß der höchste Berg der Erdkugel, der Mount Everest im Himalaja, auch nur den zwanzigsten Teil eines Millimeters hoch wäre, wenn wir die E--de bis auf Apfelgröße verkleinerten. Vielleicht wandern die Bakterien auf der Apfel- schale genau so vergnügt durch ihre Berge, wie wir im Sommer durch die Dolomiten! — Aber nun droht ihrer Weltkugel der Untergang! Der Apfel schmort im eigenen Saft, er dampft und zischt; aus tausend Vulkanen, unendlich winzig, sprüht süße Lava, ganze Generationen von Bakterien gehen zugrunde, der Weltuntergang ist für die Bewohner des Apfels gekommen. Eine Katastrophe, die uns lachen macht!
Um diese Stunde durchwandert ein Rund-Telegramm alle Sternwarten der Welt: „Observatorium Pulkowa meldet Nova nahe Gamma im Perseus. Zweite Größenklasse." Der Himmel meint es gut mit Europa und einem großen Teil Nordamerikas, klar und rein flimmern die Sterne in der kalten Höhe. Ein Teleskop nach dem anderen richtet sich auf die benannte Stelle im Sternbild der Perseus; photographische Refraktoren treten in Tätigkeit, Spektralapparate, Photometer.
Der Laie würde kaum etwas von der geschäftigen Interessiertheit der Gelehrten verstehen, er sähe ba nur einen nicht sehr hellen Stern, den anberen burchaus gleichend, und die Instrumente zeigen auch nicht viel mehr, wenn man von zarten Nebelwölkchen absieht, die bas ferne, Gestirn umgeben; nur unregelmäßige Schwankungen ber Helligkeit jener fernen Sonne werben registriert, unb seine Apparate verraten, daß bic glühende Materie dort mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum schießt. Und doch ist das eine unausdenkbar gewaltige Katastrophe fern im Weltall! Eine Sonne, vielleicht größer als die unsere, ist explodiert, eine enorme Ausflutung ihrer Gasmassen sand statt, die zum Teil in den Raum hinausgeschleubert wurden. Ganze Scharen von Planeten sind vielleicht in Mitleidenschaft gezogen, für eine unendlich ferne „(Erbe" und ihre Bewohner mag ber jüngste Tag hereingebrochen sein. „Weltuntergang!" Und das alles ist für uns nur bie Lichtschwankung eines fernen Sternes. Selbst unser Bebauern käme zu spät, beim bie Katastrophe geschah vor siebenhunbert Jahren, aber ber schnellste Bote bes Weltalls, ber Lichtstrahl, ber bie Kunbe bringt, traf heute erst bei uns ein!
Oie drei gerechten Kammacher.
Erzählung von Gottfried Keller.
(Schluß.)
Dann aber erhob sie sich von ber (Erbe, strich ihr Kleid, welches sie sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: „Nun ist es wohl Zeit, liebe Freunde! daß wir uns ausmachen und bah ihr euch zu jenem ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit auserlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes onsehen! Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers, aber ohne Feinschast noch Neid gegeneinander, und überlasset dem Sieger willig die Krone!"
Wie von einer Wespe gestochen sprangen die Gesellen auf und stellten sich auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu entsinnen, bah er je einmal gesprungen ober gelaufen wäre: am ehesten schien sich noch der Schwabe zu trauen unb mit ben Füßen sogar leise zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären.
„Gebet euch", sagte Züs, „noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so willenlos und lässig, daß bie drei Hände kalt voneinander abglitten unb abfielen wie Bleihände. „Sollen wir denn wirklich das Torenwerk beginnen?" sagte Jobst unb wischte sich bi? Augen, welche anfingen zu träufeln. „Ja", versetzte ber Bayer, „sollen wir wirklich laufen und springen?" unb begann zu meinen. „Und Sie, allerliebste Jungfer Bünz- lin?" jagte Jobst heulend, „wie werben Sie sich denn verhalten?" — „Mir geziemt", antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor bie Augen, „mir geziemt zu schweigen, zu leiben und zuzusehen!" Der Schwabe sagte freundlich unb listig: „Aber bann nachher, Jungser Züsi?" — „O Dietrich!" erwiderte sie sanft, „wissen Sie nicht, daß es heißt, der Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Unb babei sah sie ihn von ber Seite so verblümt an, bah er abermals bie Seine hob unb Lust verspürte, sogleich in Trab zu geraten. Während di« zwei-


