hast. Eine brotlosere gibt es nicht."
„Aber in der bist du Autorität?"
„Nun, es ist nicht so schwer, da Autorität zu sein, denn in ganz
still fuhr der Glücksjchlitten um den Tisch. Ich blickte die Ruinen von Luksor an, dann das Tübinger Schlotz, ich wünschte nicht mehr, ich spielte nicht mehr und versank in moralische Meditation.
Gemeinschaftsmusik.
Von Dr. Rudolf Gerber, Privatdozent an der Universität Gießen.
Bei Gotti" Und er imitierte in übertriebenem Berlinerisch: „Und wenn das Spiel jemacht ist jetzt nichts mehr! Nein wahrhaftig, das hätte ich dir nicht zugetraut." , ..
Ich war verblüfft. „Aber mir scheint doch ..." begann ich zögernd.
„Da scheint dir halt was Falsches. Nimm auch eine Zigarre.
Wir zündeten an. „Leben muh der Mensch, auch in dieser trostlos wilden Zeit", sagte er dann, und rauchte mit Wohlbehagen, „und ich hab' ja nicht nur für mich zu sorgen."
„Du bist verheiratet?" .
„Nein, verheiratet bin ich nicht. Aber es leben doch drei Personen von mir, und für einen Menschen der Wissenschaft ist das nicht wenig. Den Mann und die Frau hast du ja schon gesehen ..."
„Die hast du gewiß von daheim mitgebracht?
„Ja. Es ist ein Ehepaar. Sie waren schon in Ludwigsburg bei meiner Mutter im Dienst. Erst haben sie sich ja ein bißchen gewundert.'
„Und die dritte Person?"
„Die dritte? Babett!" rief er, und sofort kam aus der Ecke eine schwarze Pudelhündin hervor, groß, wundervoll gepflegt, mit braunen italienischen Augen, und setzte sich im Schein der Studierlampe auf
schon auch wundern sein Auskoinmen."
"Ich seh' dir schon an, was du über mich denkst! Ich würde wahrscheinlich das Gleiche denken, wenn's mir um nichts weiter zu tun wäre, als um einen bequemen Unterhalt. Schließlich hat man nicht umsonst acht schwäbische Prälaten unter seinen Voreltern. Aber schau!"
Er ergriff wieder die Lampe, hob sie empor und leuchtete die Wände ab. Die bis hoch hinauf dicht gefüllten Regale seiner Bibliothek wurden
Seit einigen Jahren hallt es in der Musikwelt wider von schlag- warten wie Laienmusik, Musik für Liebhaber, Gemeinschaftsmusik, Gebrauchsmusik usw. Alle diese Begriffe, die auch heute noch lebhaft diskutiert werden, stimmen in einem Punkte überein: sie beziehen sich auf eine neue Form der musikalischen Produktion und Reproduktion, sie wollen dem künstlerischen Schaffen und der künstlerischen Darbietung, dem Konzert, eine neue Bedeutung, einen neuen Sinn geben. Das ist gewiß ein sehr löbliches Unterfangen. Denn das moderne Konzertwesen ist all- mählich in ein Stadium gekommen, wo es zu einer leeren Form ge- worden ist, die keine Lebensfähigkeit mehr besitzt. Der erzieherische Zweck des Konzertes ist längst geschwunden. Äm Mittelpunkt steht der Sanger, wartend hin. " ■ - - i ber Pianist, der Dirigent, die alle in erster Linie nur sich Horen laßen
, S'ischt scho recht, Babettle", sagte Schärtlin in extremem Schwäbisch, wollen. Nicht das Kunstwerk. Das bezeugen allein schon die mitunter
als fürchte er sonst nicht verstanden zu werden. „Gang no wieder ins aeradezu abenteuerlichen Programmzusammenstellungen, die m seltenen
Bettle!" Fällen einem ästhetischen Geschmack Rechnung tragen. Die a r t> st i s ch e n
Das Spiel ist eine gesegnete Einrichtung", fuhr er fort. „Man zieht Anforderungen wachsen ins Ungeheuerliche, der Konzertbesucher will
seinen großen Eßtisch aus — er stammt aus Ludwigsburg und wird sich Höchstleistungen und begeistert sich an einer musikalischen Akrobatik Jur
— man kaust Karten und einen Schlitten und hat I bic bcr ästhetische und ethische Wert des musikalischen Kunstwerkes gleichgültig ist. Er merkt dabei nicht einmal, daß die Distanz zwischen ihm und dem Hexenmeister da droben auf dem Podium immer großer wird, datz er selbst'zur absoluten Passivität verurteilt ist.
Teilweise bedingt war diese Entwicklung bu.d) die immer schwieriger sich gestaltende technische Beschaffenheit der musikalischen Kompo- itionen. Namentlich seit der Jahrhundertwende hat hier eine Verfeinerung und Komplizierung Platz gegriffen, die dem Nicht-Berufsmußker eine leidliche Bewältigung in sehr vielen Fällen unmöglich machte. Hier sichtbar. ' ' ' . I war also der Kontakt zwischen Schaffendem und Ausnehmendem gestört.
„Pedenke, daß mich meine lieben Gäste in den Stand setzen, so meiner I Kreise beider Gruppen schnitten sich nicht mehr. Das war m ganz Wissenschaft zu leben, wie es bei uns kaum mehr einer kann. In Italien, besonderem Maße der Fall in der expressionistischen und futuristischen in Frankreich, in England erscheint kein Werk, keine Zeitschrift, die mir I Aera vor und unmittelbar nach dem Weltkrieg. Es war hier freilich nicht unerreichbar wären. In allen Sprachen kann ich allmonatlich lesen, was | nur b;e Technik, die der Ausführung durch den Laien unüberwindliche Mir wichtig ist." . Schwierigkeiten in den Weg stellte. Hier stieß vor allem £er .gang neu=
„Was ist dir denn wichtig, Schärtlin, was arbeitest du eigentlich? | artige Charakter der Tonsprache bei der Mehrzahl der Musikliebhaber Was ist das hier?" Und ich wies auf die Bücher und Manuskripte, mit und Konzertbesucher auf hartnäckigen Widerstand. Das war keine Kunst denen der Schreibtisch bedeckt war. I meiir die der Allgemeinheit etwas zu sagen hatte. Sie konnte nur noch
„Koptisch", sagte Schärtlin. I vom Schöpfer und seinen eingeweihten Jüngern nachempfunden werden.
„Koptisch?" I Die Isolierung und Vereinsamung des schassenden Künstlers waren Nicht
Mein Blick siel auf mehrere mit eigentümlichen Lettern bedeckte Druck- I weiter auf die Spitze zu treiben. Das fühlte man aus beiden Seiten, und tafeln. Es schien mir eine Art vergröberter griechischer Schrift zu sein, I beiderseits hat man Mittel und Wege gesucht, um aus dieser Sackgasse aber untermischt mit mir ganz unbekannten, barbarisch anmutenden I herauszukommen, um eine Kunst ins Leben zu rufen, die den Künstler Zeichen. I mit dem Publikum, aus das er nun einmal angewiesen ist, verband, statt
„Ist das nicht so etwas wie Aegyptifch, Schärtlin?" , I ihn von ihm zu trennen.
„ „Ja, es ist so etwas wie Aegyptifch", sagte er lächelnd. „Bravo, bravo! musikalischen Jugendbewegung als ein großes Verdienst an-
Es ist die letzte Form des Aegyptifchen. zurechnen, daß sie zuerst mit dem starren, erkalteten System der konven-
„Und dafür bist du Spezialist? . I twnellen Konzertmusik erfolgreich gebrochen hat. In ihrer Loslosung von
. „Eine brotlose Kunst, meinst du. Du weißt selber kaum, wie recht du | b°u bestehenden Gesellschaftsformen schuf sie ein neues Ideal des Musizierens, die Form des gemeinsamen Musikmachens und Musikerlebens. Nicht die technisch einwandfreie, studierte und virtuos ausgefeilte Wleder-
------- „—„ । nnh,, ber Werke stand im Vordergrund, sondern die Ausdruckswerte der Deutschland gibt es überhaupt nur noch zwei Leute, die etwas davon I Daß auf der andern Seite die führenden Geister der jüngsten
verstehen, der eine >st der Herr Hengstenberg in Possenhofen in Bayern, ' die Ünhaltbarkeit der seitherigen Form des Musiklebens (richtiger der andere lebt m Köln. W.r drei arbeiten und schreiben eigentlich nur ' °>e s) durchschaut haben, und darauf bedacht waren, die füreinander, obgleich mir uns gar nicht kennen, wir sind in diesem Land ^rnen Kunstbestrebungen der Allgemeinheit zugänglich und verständ- untere einzige Konkurrenz und unser einziges Publikum. Ja, das ist wo°er .e niroe,lreo^ngmusikalische Revolution seit Arnold eigentümlich" I Schänd er q's Opus 11" tief Wurzel gefaßt hatte. Die modernen Schaf-
„Sehr", sagte ich. Und em unbestimmter Schauer durchfloß mich. knseraebniffe9 Uten ein lebendiges Besitztum aller „Kenner und Lieb. „Du hast |a wahrscheinlich recht, hübsch ist es nicht, einen Spiestalan r^ fein fie sollten ferner nicht mehr allein von Virtuosen und Be- zu unterhalten, aber schließlich zwinge ich doch niemand, tief tm Tier- Asorckestern einer bunt zusammengewürfelten Masse, die sich Publikum garten den Gustav mit der eingedruckten Na e aufzusuchen. Und bann, I i".flrnAbendkonzerten vorgesetzt werden, sondern dafür
das wirst du einsehen, Koptisch ist wichtiger, Koptisch muß sein!" £ Änt fein^nn "ne“ in sich geschlossenen
Wie er das sagte, war sein Lächeln von hrnreißendem Re.z we.se, o-,nmmk,«mm ,. j unä 6rtmuung aller Gleichgesinnten
gütig und selbst,ronisch. In nur klang es, Gespräche aus Tübinger Jugend- X“b?n Die Verwirklichung dieser Idee brachte es mit
tagen wurden lebendig in mir, eine warme Welle flutete durch mein I h ber3Une“ sich zu vereinfachen, abzuklären begann, daß
«IW, m* Id, ton. M,.,*. W „ j-rt* M.K.xML'WAQ Ä- „Es ist doch auch etwas Misonderliches! Da zieht man aus Kloster- I Mufiksireunde" feit dem Jahre 1926 bedeuten hier einen verheißungsvollen kümmern und Schutthugeln Texte heraus, die fast niemand entziffern Musikfreunoe seit em >zay e beigetragen, die bestehende Kluft
kann. Bloß hier in Europa, weit zerstreut, sitzen ein paar Leute, d.e Anfang Sie haben n^t wenig f Ödemen Ton-
madjen »ich die Heiligengeschichten und apokryphen Evangelien aus dem 3A-n Fachmu ^„smusik Eingang zu verschaffen. Hindemith krausen Geschreibe lebendig., u" s' '-ckt es aus- ein Komponist sollte heute nur schreiben, wenn er
„Und ge prochen wird dem Kopti ch von gar niemand mehr? I suchst IPpaji es a -ch ^t Wenn er weiß daß ein musizier-
d"ü- •»•."?<'= 7-d
nicht verstanden. Die Priester in Aegypten gebrauchen es bis aus den I K^umyer ^triei i uj f.piiohinor fflpfanauereiii fein dieser Musik heutigen Tag beim Gottesdienst, sie segnen darin und singen darin, und I Liebhaberorchester o KMelmufiken'9 die in bunter Folge er-
die christliche Gemeinde singt ihnen nach. Aber Priester und Gemeinde bedarf. H/?benuths , ore
VCrftCII tCiII ‘ _ । ?. f I (mn Piit» tnnffpn tupfnichr Leuteir^ die au ihrem eigenen Vergnügen
paur in England, ein paar in Italien und in Deutschland wir drei, der J"-.®« und singen oder bk einem kleinen Kreis Weichgesinnter vor- SÄ Dl-..-, «in wu inK ""1«
«and. auf bem viele »m>,n«,en la,,n. „S>m Mtev". lagle er, „da mär’ bebe-ei nun aufb<Seile OTe ab|»«e au te llall« »mannw
L- «arien».lb für M, Slunbe «.« elf bl, 3»ölf. (Ein »,r W »ichl a,“&“'b5 ÄufitÄ&Ä l-
bezahlen können, er hat alles verloren. I oem jumous oes wiuenuen wu« « y, ST)) „ -,. h H r' Lieb-
Als ich wieder hinüberkam zu Ruth, saß sie, mit roten Wangen und gesagt: Musik machen ist ss verurteilt lein sondern aktiv den Hut ein klein wenig schiefgerückt vor einem hübschen Gewinn. Haber soll nicht mehrjfum bloßen‘ Lausmusik die be-
>>° I-«""" I- * sfiVÄ.’ÄS
Die Schweizer pointierten mit Rage und ließen einen Frankenschein Folge des Radios das die Musikbeslisstnen zur B^u"nhchkeit unbJDbe^ nach dem andern wechseln, die minderwertigen Viveurs saßen mit ver- | slachlichkeit erzieht — soll aus dem G^ste der "">en I tz Wchendem Glanze da. auch die Südamerikanerin glühte bescheidener, und neuert und belebt werden. Aber auch die öffentlichen Konzer -


