Ausgabe 
9.2.1931
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang 1931

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Nummer 12

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Lebenslauf.

Von Friedrich Hölderlin.

Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt all uns nieder, das Leid beuget gewaltiger, und es kehret umsonst nicht unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! wehet in heil'ger Nacht, wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, weht im nüchternen Orkus nicht ein liebender Atem auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, daß ich wüßte, mit Vorsicht mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, daß er, kräftig genährt, danken für alles lern, und verstehe die Freiheit uufzubrechen, wohin er will.

Oer Dämon.

Zum 50. Todesiog Jedor Michajlowitsch Dostojewskijs am 9. Februar. Von Walter Berndt.

Obgleich Dostojewskij nun schon fünfzig Jahre von einem Leben voller 2ual, Krankheit, Not, Arbeit ausruht, wenn einem Geist wie ihm je Ruhe vergönnt ist obgleich mit seinem Andenken heute, unter dem Reg me der Sowjets, wie früher unter den Zarxn, ein unerhörter Kultus [getrieben wird ist es unmöglich, über chn auch nur annähernd End­gültiges auszusagen. Der Nachlaß, in dem sich Hunderte von intimsten !Briefen, Notizbüchern, Skizzen, Plänen befinden, liegt noch immer fast ungesichtet. Erst in den letzten Jahren ist man ernsthaft darangegangen, i gier die so dringend erwünschte Arbeit zu leisten.

Es ist bezeichnend, daß diese Arbeit erst unter den Sowjets begonnen wurde. Unter den Sowjets, die in Dostojewskij zwar einen in bürgerlicher Ideologie befangenen, aber darum nicht minder oerehrungswürdigen Schriftsteller sehen. Die meinen, daß dieser Dichter, der Prediger der Rachelosigkeit und zugleich der Künder der Not des russischen Prole- lariats, zwar nicht bewußt, aber doch unbewußt, ja gegen seinen poli­tischen Willen, zum ersten Propheten ihres Staates geworden sei. Ein Größerer Prophet als etwa Maxim Gorkij, der sich zuerst bewußt gegen ias Regime des Zarismus stellte. Und ebenso bezeichnend ist es, daß mit demselben Fanatismus Dostojewskij auch aus den Kreisen der Weißen, «us den Kreisen besonders der intellektuellen Emigration, reklamiert wird, von Leuten also, die in ihm den Seher der Revolution erblicken, den Seher aller Greuel und aller Verbrechen, die wer wird es leugnen? im Namen Lenins begangen worden sind. Die flugs aus dem Seher !»en Bekämpfer machen.

Sie haben wohl beide recht, die Roten wie die Weihen, und haben weihe unrecht. Eine im echten Sinne dämonische Erscheinung wie Do- I [Itojewskij wird so leicht keiner Richtung einzugliedern sein und es wird «ndererseits nicht schwerfallen können, ihn nach irgendeiner Seite hin fest- uteqen.

Dostojewskij ist alles andere als ein Mensch der Prinzipien, der fest- i gelegten Thesen, der eindeutigen Sätze gewesen. Gewiß, er hat Schilde­ungen hinterlassen, die in ihrer Furchtbarkeit durchaus eindeutig sind. Doch die Folgerungen zu ziehen hat er das nicht gewissermaßen zu . [einer Privatsache gemacht? Ist es nicht so, daß jeder Dostojewskij-Leser inen anderen Dostojewskij kennt? Den Grund dieser Erscheinung, die in wer Literatur nicht eben häufig ist, wird man mit Recht in der un- 1 xeheuren Dynamik des Dichters suchen müssen. In einer Dynamik, die ihn ,ti dem größten Dramatiker unter den Romanciers aller Zeiten macht, die es sehr gut verstehen läßt, daß man immer und immer mieber ver- [lucht, seine Romane zu dramatisieren. Diese chaotische Bewegung, diese llmstürzende Gewalt seiner Schöpfungen läßt nicht nur ein solches Unter- inngen von Anfang an unsinnig erscheinen (und tatsächlich hat es bis I beute noch keine auch nur anständige Dostojewskis-Dramatisierung ge­il eben), der rasende Tanz dieser Gesichte und Gestalten, der fiebernde Daumel des wirkenden Dämons machen es unmöglich, feiner geistig völlig Derr zu werden.

Es ist wahr, daß Dostojewskij zuzeiten versucht hat, zur Harmonie etwa Puschkins sich durchzuringen. Aber bgs ist nichts anderes als das Streben des Künstlers gerade nach dem was ihm der Geist versagt hat. "j Ooftoieroffij war dazu berufen, der künstlerische Ausdruck und Exponent liner turbulenten Zeit zu sein der Zeit, in der im heiligen Rußland I (Werft der Westen erwachte (jener Westen, den Dostojewskij so haßte).

Damals wurden die Gemüter allen den Umstürzen bereitet, die nun voll­zogen sind und immer noch vollzogen werden. Damals war es, daß bi« Feudalität in jeder Beziehung den Todesstoß erhielt, daß, je mehr der alle Staat mitsamt seinen Ideen und Ideologien sich auf sich selbst und seine Polizeimacht zurückzuziehen gezwungen sah, desto sicherer von außen her der Keim der Revolution einbrach. Und der schärfste Ausdruck dieser allmählichen revolutionären Durchdringung des Russen ist Dostojewskij.

Hier ist, so will es scheinen, nicht das, was wir gemeinhin unter Tendenz verstehen. Nicht also eine bestimmte geistige, seelische, wirtschaft­liche, politische, ästhetische Richtung Sondern die Tendenz zur Tendenz. Die Tendenz zur Unruhe, zum Chaos, zum Strudel. Die Tendenz zum Leiden, zur Bereitschaft für den Eindruck, zur Maßlosigkeit. Zur Tragödie überhaupt, wenn man nur diesem Wort seinen griechisch-klassischen Sinn nimmt und dafür den Sinn des russisch-tatarischen Menschen unterlegt.

Kamps ist diesem Dichter die Welt, aus Kampf bestehen seine Werke alle Kampf zwischen Intelligenz und Volk, Westeuropa und Rußland, Okzident und Orient, Sozialismus und Christentum, Sodom und Ma­donna, Fleisch und Geist, Mensch und Gott.

Der Kämpfer schlechthin scheint Dostojewskij und so ist fein ewiges Sehnen nach Ruhe in Harmonie doppelt tragisch. Andere mochten di« Harmonie suchen, sie würden sie finden können und fei es selbst erst im Jenseits. Ihm war sie versagt, mußte es fein, und doch schrieb er als Quintessenz seiner Lebensphilosophie:Der Heilige Geist ist das un­mittelbare Verstehen der Schönheit, das prophetische Bewußtsein der Har­monie, und folglich unablässiges Hinstreben zu ihr."D, wenn die Un­bill des Tages vorüber sein und die Zukunft anbrechen wird, bann wird der künftige Künstler schöne Formen finden, selbst für die Darstellung vergangenen Wirrwarrs und Chaos."

Daß aus diesem Chaos ein Weg sein müsse, um den er unablässig gerungen hat in dem Bewußtsein, ihn nie zu finden, ein Weg zur neuen, wahrhaft demokratischen Kultur, die die höchsten Prinzipien des Christen­tums, also zugleich die gereinigten und vergeistigten allrussischen Sein» und Wesens verwirklichen werde, ist der große Traum seines Lebens ge­wesen. Ein Traum, so erhaben, baß die Hände keiner politischen Partei ihn je erfassen können.

Dostojewskijs letzte Taas.

Eine Ehrung, wie sie wohl selten einem lebenden Dichter zuteil ge­worden ist, konnte Dostojewskij acht Monate vor seinem Tode erleben, auf der Puscykinfeier in Moskau im Sommer 1880. Vor ihm sprach Tur- g e n j e f s eine unveralekch sonnoolle Rede, die aber in einer Frage aus- klang und daher unbefriedigt ließ, er wisse nicht, jo schloß seine Ansprache, ob Puschkin auch ein Dichter der Weltliteratur genannt werden könne ...

Nach ihm bestieg Dostojewskij das Podium, und ein Augenzeuge, de» Dichters Freund S t r a ch o j f, berichtet hierüber:Als nur eben Fjedor Michailowitjch zu reden anfing, erfaßte den Saal eine Erregung, und bann ward alles still. Er las zwar nach dem Manuskript, doch das war kein Dorlesen, vielmehr eine lebendige Rede, die unmittelbar und auf­richtig aus der Seele kam. Alle Zuhörer begannen derart aufmerksam zu lauschen, als habe bis jetzt überhaupt noch niemand von Puschkin ge­sprochen. Jene tiefinnere Begeisterung und Natürlichkeit, welche bie Schreibweise von Fjebor Michajlowitsch auszeichnen, kamen auch bei seinem meisterhaften Vortrag durchaus zum Ausdruck ... bis jetzt noch vernehme ich, wie über der gewaltigen, völlig verstummten Stoffe die von Begeisterung durchzitterte Stimme erklang:Demütige dich, stolzer Mensch, leg Hand ans Werk, müßiger Mensch!" Die Begeisterung, bie bei Ende ber Rebe zum Ausbruch kam, war unbeschreiblich, gar nicht vorstellbar für ben, der nicht ihr Zeuge war. Die Menge, die sich längst schon mit Begeisterung gerüstet hatte und sie bei allem ergoß, was ihr irgendwie dazu geeignet schien, bei jeder lauten Phrase, bei jede» schwungvoll hergesagten Satz diese Menge sah plötzlich einen Mensche» vor sich, der selber ganz voll war von Enthusiasmus, und sie vernäh» plötzlich ein Wort, das schon werk war der Begeisterung, und da keucht» sie förmlich vor Aufregung, gab sich mit ganzer Seele ber Begeisterung und ber Erschütterung hin. Wir alle stürzten damals zu Fjedor Michail» witsch hin und umarmten und küßten ihn. Einige Zuschauer bemühte« sich gegen alles Herkommen, das Podium zu erklettern, und man erzählt«, ein junger Mann fei in Ohnmacht gefallen, als er sich endlich zu Fjedo« Michajlowitsch durchgedrängt hatte."

Rach dieser Rede aber ereignete sich folgendes. Turgenjeff, der b« Dichter bis dahin eisig gegrüßt hatte, näherte sich ihm nunmehr unb drückte Ihm herzlich die Hand: zwei Greise gingen, einander an de» Händen haltend, aus Dostojewskij zu und sagten:Seit zwanzig Jahre« sind wir Feinde. Oft hat man versucht, uns zu versöhnen, wir haben un» aber immer geweigert. Heute, nach Ihrer Rede, haben roir_ einander angeblickt und wir haben verstanden, daß wir künftig wie Brüder (eben müssen." Aksakoff, ber Liebling ber Moskauer, ber nach Dostojewskij reben