Ausgabe 
9.1.1931
 
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keil, und sie erreichte, daß sie nachts todmüde war, logieioj em,a,iiei unu vor' dem Morgen nicht wieder aufwachte.

Ein paar Tage später kam Marco über sie, ais sie tm Garten war. Mit der lautlosen Plötzlichkeit, die seine tuchumwickelten Fuße zulietzen, erschien er an der Mauer, legte die Arme darauf und sah dem rodenden Mädchen zu. Die Stetheit feines Blickes schreckte sie auf. Aber sie lieh ihn stehen, arbeitete weiter und dachte nur, daß er ein eigentümlich ab­gezehrtes Gesicht habe, wie ein Hungernder.

Da fragte er mit einer Stimme, die hohl klang:Was weißt du

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und »erlag: Brühl fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei.«. Lange. Dieben.

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Sie wußte, wen er meinte, und er tat ihr leid.Ich bin nicht mehr dort im Dienst", antwortete sie.

Er schwieg und starrte ins Leere.

Sie bückte sich wieder nach dem Grase. .

Einige Minuten blieb alles so still, daß sie das Summen der Mucken hörten. . .... . Q

Dann fragte Marco:Sind dort viele, die ihr schon tun?

SJiele!" sagte Lucia mit gesenktem Blick. Sie wußte, daß sie ihm weh tat und litt darunter: aber sie dachte, daß sie ihm eigentlich die Wahrheit über Giorgina noch viel deutlicher sagen sollte.

Wieder trat eine Pause ein. Marco trat durch die Maueröfsnung in den Garten. Es schien Lucia, als ginge ein eigentümliches Schlenkern durch (eine Gestalt, so als wisse er nicht, was er mit seinen Gliedern be­ginnen solle.Ist sie hat sie Liebhaber?" setzte er setzt stockend sein ^Sas Mitleid wallte in Lucia auf. Sie nahm seine Hand wie sie das früher getan.Mache dir das Herz nicht schwer", sagte sie.Sie ist so. Sie braucht Abwechslung." , .

Er ließ sich einen Augenblick lang ihre Zutunlichkeit gefallen, empfand sie vielleicht sogar ohne es zu wissen als etwas Wohltuendes. Aber auf einmal machte er seine Hand frei und ging.

Sie sah ihm erstaunt nach. Er wendete sich dorfauswarts nicht dem Wea nach der Alpe del Bosco zu. Wo er wohl hinging, dachte sie, und sie hatte Angst um ihn, so viel Angst, daß sie vergaß, wie sie eigentlich keine Ursache mehr hatte, sich um ihn zu kümmern.

Den ganzen Tag besah sie eine tiefe Unruhe. Sie wachte über dem Weg nach der Alp, aber sie sah Marco ihn nicht gehen. Es ließ ihr keine Ruhe. Gegen Abend stieg sie diesen Pfad hinan: sie mußte wissen ob Marco oben war. Es war ihr, als könne er sich ein Leid angetan haben. Sie fühlte, daß er von der Giorgina wie besessen war. .

Schon von ferne hörte sie das Meckern der Ziegen, die gemolken sein wollten. Beim Eintritt in die Alp fand sie die ganze Herde um die Hütte versammelt, zu welcher der Hirt sie immer um die Abendstunde m t seiner Schrillpfeife herunter lockte. Marco der Hund, saß daneben und ver­wandte kein Auge von den Tieren. Ader als er Lucia kommen sah, stieß er ein kurzes Bellen aus und tarn auf sie Zugefprungen.

Sie streichelte seinen Kopf und wußte, daß Marco, der Mann, nicht da war. Ihr Herz war hart in ihr von Sorge. Abn fie trat in die Hütte, holte Melkstuhl und Kessel und molk die Ziegen. Sie kannte alle Arbeit genau, denn sie hakte ja dem Kameraden oft geholfen.

Marco tarn nicht » . , L k , ,,, . .

Sie aber blieb in der Hütte. Er konnte die Herde doch nicht ganz im Stich lassen, dachte sie. Dann fiel ihr ein, daß er nach Bellenz gefahren ^'"Sie"laß lange wach und sah die Sterne hoch über den Bergen wan­deln. Auch als sie sich aufs Heu legte, schlief sie nicht. Marco, der Hund, aber träumte neben ihr und bellte leise im Schlaf. ..

Der Tag war noch morgenkühl, als Marco zuruckkam. Sein Haar war so wild wie sein Blick. Er sah aus wie einer, der von vielen Fausten gestoßen worden und ganz betäubt ist. Etwas wie eine instinktive Angst um die Herde, die er im Stich gelassen, hatte ihn unterwegs befallen und er war den letzten Teil des Weges gerannt. Er war aber nicht erstaunt, als er Lucia sah. Sie hatte ihm ja immer geholfen. Doch war sie ihm kaum mehr als ein Lamm in der Herde, die da weidete. Wie em Blitz durchfuhr es ihn, daß sie ihn mit einem schönen mitleidigen Gesicht ansehe. Aber es drang nicht bis in die Tiefe seiner armen Seele

Sie wünschten einander guten Tach Lucia berichtete kleinlaut, daß ge­molken fei und sagte, er m-ge die Milch forttragen Da stellte er seine Tanke vor die Hütte und schüttete die Milch hinein. Er war müde Lucia Jat), daß er sich mit Mühe schleppte. Aus einmal richtete er glanzlose

^Hast du gewußt, daß es so etwas gibt, so etwas Falsches? fragte er.

Sie erhob sich von dem Stein, auf dem fie faß und trat neben it)n. Quäle dich n cht so!" bat sie leise.So einer wie du, dem die Mädchen nur so nachlaufen." ...

Er verzog den Mund. Die Schmeichelei hatte ihn vielleich früher ge­freut Jetzt war ihm nicht ums Lachen. Aber er dachte, ob sie sich auch unter die Mädchen zähle, von denen fie sprach, und bann rührte ihn wieder ihre Schönheit. Es dünkte ihn, als müßte es einem wohltun, ihre Hände zu nehmen. Im nächsten Augenblick jedoch gewahrte er ihren lächerlichen Wuchs, und fie rückte ihm wieder ganz fern. Er nahm die Tanse auf den Rücken und stieg schwelgend an der Berglehne hm nach der Sennerei, wo er die Milch abzuliefern hatte.

Lucka sah Ihm nach. Ihr Herz war schwer wie der Stein, auf dem s Er^ kam nach zwei Stunden zurück. Sein Blick glühte jetzt und er taumelte zweimal vor Erschöpfung.

Du mußt dich legen", sagte Lucia und richtete ihm m der Hütte bas Heu unb bie Decke. ..... v

Er folgte ihr fast willenlos.Sie sagt, ich sei ich könne ber Vater Bianchi gebe seine Tochter keinem Schafhirten", sprach er, als er sich streckte.

Das wußte ich doch", antwortete Lucia.

Da grub er sein Gesicht ins Heu und stöhnte.

Aber er fand keine Ruhe.

Lucia war hinausgcgangen. ~

Am späten Nachmittag kam er zu ihr, die an einem Felsen stand unb mit einem Zicklein spielte.Tue mir einen Dienst", sagte er.

Sie sah ihn an und wartete, was er begehren werde.

Sage dem Pedrazzini, daß ich fort bin."

Sie konnte ihn nicht bitten, nicht zu gehen, obgleich es ihr das Herz zerriß Sie dachte, es werde ihn doch nicht kümmern. Und fie antwortete: Ich will es ihm sagen." Aber dabei wußte sie noch immer nicht recht, was er eigentlich im Sinne hatte und meinte nicht, daß der Abschied so "^r'aber suchte tn der Hütte seine Habe zusammen unb steckte alles in einen Sack, ben er über die Schulter warf. Dann trat er wieder vor bie Tür Sein Blick fiel auf ben Hund. Sein ganzes Elend kam über ihn. Santo Dio", fluchte er aus der Not feines Herzens heraus. Er konnte aber ben Hund nicht mitnehmen bort, wo er hin wollte Die kleine Lucia vergaß er roieber ganz. Erst, als et schon ein paar Schritte gegangen war, ah er sie, das seltsame, kleine Gewächs ganz verschüchtert drüben stehen, und wurde noch einmal von ber stillen Anmut ihres Gesichtes betroffen. In all feiner inneren Zerrissenheit zürnte er ber Schöpfung, bie unter ihr Haupt einen mißgestalteten Körper gestellt. Er wußte nicht, baß er zürnte und roantm er es tat. Es war ein Aussiackern seiner alten Zu­neigung zu der Kameradin: aber bie größere Leibenfchast, die in ihm war flutete barüber hin. Ohne ein weiteres Wort schritt er alpausroarts.

ßueia saß und faltete bie kleinen Hände. Ihre Sippen zuckten. Und eine neue Qual bedrängte sie. Es fiel ihr zum erstenmal ein, daß sie ja bie Giorgina nach Marogno bi Sopra gebracht, also eigentlich an allem schuld war An sich selbst dachte sie jetzt kaum mehr, sondern nur an Marcos Armut. Allmählich erinnerte sie sich ihres Auftrags. Der Tag war schon vorgerückt und ber Großbauer Pedrazzini, ber Vorsteher ber Alpgenofsen- chaft wohnte weit. Sie machte sich auf ben Weg. Sie fror, als fie so ging, obgleich es warm unb schön war. Das tarn aus ihrem Herzen.

Der Alpvorsteher ließ ein Donnerwetter los begleitete fie aber unb trieb selber bie Herbe ab. Er wollte fie ohnehin nach einer anberen Weide senden, sagte er.

Marco, ber Hund, ging nicht mit bem Fremden. Er schaute ben Schafen unb Ziegen nach, wie sie mit einem Hupfen, ein Tier nach dem anderen, hinter den Saum des Alpbodens hinabtauchten, wo der Weg plötzlich'steil sich senkte. Er schien zu ahnen, bah etwas Besonderes ge- schchen sei: benn er winselte leise. Dann toanbte er ben Kopf nach Lucia um, bie einige Schritte ab von ihm ben Abzug ber Herbe ebenfalls beob­achtet hatte. , .

Sie fühlte auf einmal, baß sie und ber Hunb auf ber weiten Hoch­fläche allein waren. Eine Empfindung unenblicher Leere ergriff sie.

Ein Winbzug kam und strich über die Alp.

Lucia schauerte in sich zusammen. , . ... ,

Da berührte eine kühle Nase ihre Hand. Marco, ber Hunb, stieß sie an, als ob er fragen wollte, was nun werben solle

Sie steckte bie Finger in sein Halsbanb unb schritt nut ihm fort. Er ^Sie"stteaen langsam nach Marogno bi Sopra hinunter. Lucia dachte, wo Marco wohl hingeraten sei. Dabei kam ihr von Zeit zu Zeit ein Schluchzen in bie Kehle, bas sie verbiß, weil sie bas Weinen nie gelernt hatte und nicht einmal klar darüber war, wie ungüickl ch sie war. Aber der Hund war ihr lieb. Es war ihr ein Trost, daß er da war.

Die Nona murrte, als sie heim kam. Ob sie meine, fie tonne bald kommen und bald fortbleiben, wie es ihr beliebe, keifte sie. Und sie stieß sie vor ein Bündel dürre Bohnenstauden, von denen sie die Fruchte pflücken sollte. Aber im Grunde war sie froh, daß sie wieder da war. Selbst gegen ben Hunb hatte sie nichts elnzuwenden, obschon sie spater dann und wann zankte, er fresse mehr, als sie aufzubringen vermochte.

Der Alltag ging hin. Das Dörsleln war tobeinsam. Erst im Winter kamen Leute zurück. Lucia betätigte sich in Haus unb Garten. Sie war eine große Arbeiterin, trotz ihrer kurzen Arme. Fegen unb kochen holzen und waschen, jeder Tag hatte (ein Werk. Die Nona murrte und zankte dazu und sagte doch nie ein Wort von einem neuen Dienst für Lucia. Wenn fie fort gewollt hätte, würbe es ihr vielleicht bie Zunge unb bas ^^Luna'höA^ eines Tages, daß Marco, ber Hirt, bei feinen Eltern In Val Berfasca gewesen unb bann nach Amerika gereist sei. Armer Marco! buchte sie. Dann vernahm fie auch, daß bie Giorgina Bianchi mit bem Advokaten Peretti versprochen fei. Aber es hieß, man wisse nicht, ob es eine Heirat gelte. , . n m s

Im Spätherbst kam ein Maler ins Dors. Der sah Lucias Gesicht unb gab es einer Madonna, die er für bie große Kirche einer Stabt zu malen hatte Es war so lieblich, baß die Kirchenbesucher es anstaunten unb aus der Andacht Gottes in bie bes Menschleins fielen. Der Maler sagte benen, bie bas Bild lobten:Wenn ihr mißtet, auf was für einen Körper der Kopf mit biefem Antlitz faß: Unmöglich!"

Manchmal an Sonntagen stieg Lucia mit bem Hunde Marco nach der Alpe del Bosco. Sie lag verlaßen. Aber Lucia lieh sich ins Gras nieder. Der Hund tarn, und fie faßte mit ihren kurzen Armen feinen großen, gelben Kopf. Sie war nicht unglücklich. Sie liebte bas Tier. Es war nie weggelaufen. Es folgte ihr auf Schritt und Tritt. Es schlief vor ihrer Tür Und sie hakte keine Wünsche. Sie brauchte sich auch vor Marco, oem Hund, nicht zu schämen, daß sie fast ein Zwerg war Wenn Marco der Mann, ihr einfiel, ging über ihre dumpfe Seele eine leise Sehn acht. Aber das war nur, wie wenn ein Windlein über einen stillen Waldsee lauft.

(Die Erzählung erschien in ber NovellensammlungDas Licht" von Ernst Zahn bei ber Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart.)

war Jetzt aber bemächtigte sich ihrer eine Art Fanatismus ber Sauber- feit, und sie erreichte, daß sie i.achts todmüde war, sogleich einschiies unb vor dem Morgen nicht wieder aufwachte. .