Ausgabe 
9.1.1931
 
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ein bei

und Die Ca-

Lucia.

Erzählung von Ernst Zahn.

(Schluß.

3n der Küche stand ein Eierkuchen bereit.

Wir wollen essen", sagte Lucia.

Aber Giorgina murmelte etwas davon, daß nicht mehr Zeit sei.

Marco hatte nicht gegrüßt. Er nahm Giorginas Handkoffer, als habe er allein das Recht. ... ~ .

Giorgina wandte sich zur Nona, sagte ihr leichthin einen kurzen Dank und einAuf Wiedersehen". Dann folgte sie Marco, der schon hinab- gegangen war.

Lucia ging ihnen nach. ,

Die Nona ihren Eierkuchen. Sie war ärgerlich, aber ihre Gedanken hatten nicht mehr viel Leben. Sie grübelte nicht lange, was geschehen fei.

einer Toten. m .

(Aus dem beim Verlag A. Fayard & (So., Paris Leipzig, erschienenen Buche Aubrys über Napoleon III. vom Verlag genehmigte deutsche Uebertragung besorgte mille Recht.)

Einen Teil wenigstens, Louis!"

Auch sie, die sich nicht zu beugen verstand, flehte.

Der Kaiser schien einen Augenblick zu zögern. Er preßte, Bangigkeit im Herzen, die Handflächen gegeneinander. Dann faßte er sich wieder.

Kriegsminister Randon hat mir gesagt, daß mir in diesem Augenblick, im Kriegsfall mit Preußen, zwei preußischen Korps immer nur ein Korps entgegenzusetzen hätten. Bazaines Truppen müssen vor Ablauf von drei Monaten hier sein. Und während dieser drei Monate sind mir jedem Zufall ausgeliefert."

Drei Ätonate", flüsterte Charlotte.

Ihre Augen werden glasig. Eugenie schlug die Hand vors Gesicht, um diesem Blick nicht begegnen zu müssen.

Wir werden also sterben, weil Sie es haben wollen."

Nach all diesen Kämpfen ist Ihre Enttäuschung sicherlich grausam, aber im Alter des Kaisers Maximilian darf man nicht verzweifeln. Warum versteift er sich auf eine jo Übermenschliche Aufgabe? Ich bitte ihn, Mexiko gleichzeitig mit den französischen Truppen zu verlassen."

Sie schüttelte einige Male verneinend den Kopf.

Maximilian wird sterben. Er wird nicht fliehen wollen, ein Habs­burger flieht nicht."

Das ist keine Flucht, sondern ein Verzicht auf ein Reich, das zu gründen unmöglich war. Europa wird einem so klugen Entschluß, der viel Blut und Tränen ersparen wird, nur beipflichten."

Brüsk bricht Charlotte in Lachen aus:

Blut, Tränen, ah, ah, sie werden noch vergossen werden, und dies­mal durch Ihre Schuld. Viel, viel Blut. Möge es auf Ihr Haupt kommen."

Sie war aufgesprungen, Eugenie eilt entsetzt auf sie zu, will sie bei den Händen nehmen.

Ich leide wie Sie, meine liebe, arme Freundin, haben Sie doch Mut ..."

Charlotte stößt sie zurück, so heftig, daß Eugenie fast hinfällt.

Ich will Ihr Mitleid nicht!"

Sie wendet sich an den Kaiser, der die Schultern hängen läßt:

Ich bedauere, hierhergekommen zu sein, in diesen Palast meiner Familie. Wie konnte ich vergessen, wer ich bin, wer Sie sind? Das Blut der Bourbonen fließt in meinen Adern, ich habe es entwürdigt, habe einen Bonaparte angefleht. Einen Abenteurer!"

Noch ehe der Kaiser und Eugenie sie halten können, fällt sie hin, wälzt sich auf dem Boden, mit zuckenden Gliedern, windet sich in Krämpfen und schreit. Napoleon will um Hilse eilen.

Nein, nein", ruft Eugenie,warte!"

Sie hat ein Fläschchen Kölnischwasser, das sie immer bei sich trägt, entkorkt, und kniet neben Charlotte nieder, versucht, ihre Schläfen mit einem Taschentuch anzufeuchten. Die Unglückliche schlägt um sich. Dann wird sie plötzlich steif, bewegt sich nicht mehr. Sie atmet schwach, mit offenen Augen, aber man sieht nur das Weiße.

Hilf mir doch", sagt Eugenie.

Zu zweit tragen sie sie auf ein Ruhebett. Eugenie öffnet Charlottes Kleid.

Jetzt rufe und laß' uns allein, das ist besser."

Der Kaiser öffnet die Tür. Fräulein Bouvet und die beiden fjof-- tarnen, die den Lärm gehört hatten, treten zitternd ein.

Rasch einen Arzt", schreit Eugenie.Doktor Semeleder muß im Schloß sein. Wasser, Riechsalz!"

Unterstützt von Gräfin bei Barrio, einer der Mexikanerinnen, reibt sie Charlotte energisch. Fräulein Bouvet bringt Riechsalz. Man hält es der Kranken unter die Nase. Sie niest, wird von einem heftigen Zittern geschüttelt.

Manuelita", sagt sie zu Frau von Barrio,bist du s? Verlaß mich nicht."

Sie sieht Eugenie schaudernd an. Als sich die Kaiserin mit einem Glas Wasser in der Hand über sie beugen will, sähet sie wütend auf. Mit beiden Händen schleudert sie das Glas von sich, das auf das Kleid der Kaiserin fällt, auf dem Teppich zerbricht.

Laßt mich in Ruh', Mörder! Ihr seid Mörder! Weg mit euren

Die drei anderen hatten einen seltsamen Weg zum Bahnhof, wo der Zug schon wartete. Keines sprach ein Wort. Marco und Giorgina waren in ihrem Innersten viel mehr aufgewühlt, als sie sich merken ließen. Droben auf der Alpe hatte der Hirt dem Mädchen eine süßschwere Stunde gemacht. Er warf ihr vor, daß sie ihn hintergehe, weil sie nun so plötz­lich fort wolle. Sie hatte ihm ein Recht auf sich gegeben, ohne es zu wollen, noch zu bedenken. Leichtfertig wie sie war, hatte sie sich zuweilen von seiner herrischen Leidenschaftlichkeit mit fortreißen lassen. So waren' sie weiter miteinander als Lucia ahnen konnte. Nun wollte er wissen, warum sie nicht dableibe, wann sie wiederkommen und was in Zukunft fein werde.Dah sie bei der Nona und Lucia nicht bleiben mochte, begriff er auf ihre Erklärung hin. Aber was sie fonst sagte, genügte ihm nicht. Sie wollte, wie sie ihm zubilligte, einmal mit einer Freundin auf einer Tour wieder auf die Alpe kommen und bann sollte er sie in Bellenz be­suchen, so oft er wolle unb könne. Da sprach er von Heirat. Es müsse doch seststehen, baß sie sich nicht wieder verlieren könnten. Sie machte wie plötzlich ernüchtert eine zurückschreckende Bewegung, was ihn erst recht in Aufruhr brachte. Er umklammerte ihre Hände mit zitternden Fingern: Nimm dich in acht!" drohte er. Da gefiel ihr fein Ungestüm, und sie be° fchwichtigte ihn, indem sie seine Zärtlichkeit bewußter erwiderte als bis­her. Sie verloren sich in ihren Liebkosungen. Aber auf dem Weg zum Bahnhof wurden sie wieder nüchtern und dachten nach. Marco würdigte Lucia weder eines Wortes noch eines Blickes. Sie war in feinen Augen schuld an Giorginas Abreise. Er vergaß, welche Freundschaft ihn mit ihr verbunden. Aber auch seine Zweifel an Giorginas Aufrichtigkeit, an ihrer Ausdauer waren jetzt wieder wach. Wie war es möglich, daß sie vor der Zeit von ihm ging: Giorgina ihrerseits legte die Hand an die Stirne. Sie war jetzt noch mehr froh als vorher, fortzukommen, nicht mehr nur ihrer Gastgeber, sondern auch Marcos wegen. Er war zu ungestüm! Es schmei­chelte ihr zwar, daß er ihr so ganz verfallen war. Manchmal reute es sie auch ein wenig, das Abenteuer schon zu beenden. Dann aber mußte sie fast lachen, daß Marco meinte, sie müßte seine Frau werden, sie, die Giorgina Bianchi und der Hirt, der nicht einmal ein Haus hatte! In diesem Augenblick und da sie ihrer eigenen Herkunft so sehr bewußt war, gingen ihre Gedanken nach Hause zurück. Heute abend würde sie wieder in der Wirtschaft des Vaters stehen! Die Bekannten würden kommen, die Kurmacher! Giuseppe Rossi, der Leutnant, und der Advokat Peretti! Sie freute sich. Sie würden sagen, daß sie zu lange fort geblieben, nie mehr soweit fort dürfte. Hm, es war doch ein vergnügtes Leben daheim! Sie ging jetzt wie auf Flügeln. Und als sie in diesem Augenblick in Marcos finsteres Gesicht sah, lachte sie hell aus; er erschien ihr ganz komisch.

Sie standen jetzt vor dem Zuge.

Warum lachst du?" fragte Marco in scharfem Ton.

Weil ihr Gesichter macht, als gingt ihr zu meinem Begräbnis", ant­wortete sie. Dann trat sie aufs Trittbrett.Addis", fagte sie zu Marco, drückte feine Hand unb sah ihn mit ihren mertroürbigen Augen an, daß ihm war, als lege sie bie Arme noch einmal um feinen Hals.

Ich komme halb", sagte er mit erstickter Stimme.

Abbio Marco", sagte auch Lucia.

Er horte es nicht. .

Sie zog mit ihren kleinen Händen mühsam ihren kurzen Körper auf ben Wagen hinauf. Sie war gayz betäubt unb verloren. Nur, bah sie bald zurückkommen werbe, fühlte sie.

Da pfiff ber Zug schon.

Lucia sah, wie Giorgina unb Marco mit ben Blicken aneinanber hingen. Auch schien ihr, als murmle ber Hirt, als der Zug sich in Be­wegung setzte, einDio mio" durch bie Zähne.

Aber auf ber ganzen Fahrt waren bie zwei Madcken schweigsam. Giorgina schmollte mit Lucia, auch flogen ihre Gebanken schon alle ihrem 3U an bemfelben Abenb kam Lucia zurück. Sie führte ihren Koffer, eine grüne Holzkiste bei sich, statt bes »ünbels. Sie hatte Bianchi, dem Wirt, gesagt, baß sie nicht bleiben könne. Keine Erklärungen hatte sie gegeben, noch sich irgenbeinem Zureben zugänglich gezeigt, doch zu warten, bis Ersatz gefunden wäre. Auch daß Bianchi grob wurde und ihr die Auszahlung ihres Lohnguthabens verweigerte, machte ihr keinen Ein­druck. Sie schleppte selbst ihre Kiste aus dem Hause. Beim Hinweggehen sah sie Giorgina mit dem Leutnant Rossi vor der Tür der Wirtschaft stehen. Er hielt ihre Hand in der feinen und sie schmachteten einander an. Lucia dachte an Marco. Das Herz krampfte sich ihr zusammen. Sie konnte es nicht erwarten, bis sie wieder in Marogno war, obgleich sie nicht wußte, was sie da wollte.

Die Nona lag schon zu Bett, als sie ankam. Sie entdeckte ihre Rück­kehr erst am nächsten Morgen. Sie war überrascht und stellte sie AUk tRebe.

Ich bleibe nicht mehr bei dem Bianchi", war die Antwort.

Die andere ließ sich daran genügen. Vielleicht war sie froh, daß das kleine Ding wieder da war. Aber sie schalt sie doch eine dumme Pute. Davon daß Lucia sich anderswo einen Dienst suchen könnte, war indessen keine Rede. Lucia dachte auch nicht an so etwas. Sie hatte die Welt satt, in die sie doch eben erst ihre kleine Nase gesteckt hatte. Sie war ohne irgendeine Hoffnung zurückgekommen. Wie ein geschlagenes Hundlem hatte sie einzig das Bedürfnis, sich in bie Stille zu verkriechen Seit Tagen klang ihr unaufhörlich bas Wort Marcos von ihrer Mißgestalt in ben Ohren. Sie hatte nie in bie Zukunft gebucht, nie etwa gar Marcos wegen sich irgendwelche Hoffnungen gemacht, aber sie hatte sich bem unbestimmten Glücksgefühl überlassen, baß er ba unb gut zu ihr war, hatte sich in bie Kameradschaft mit ihm eingelebt unb sie sich ohne es zu wissen, zum Hauptzweck unb zur Haupifreube ihres Lebens werben taffen. Nun war bas vorbei. Alles schien ihr grau unb öde. Sie war "vr froh, bah sie bie Giorgina nicht mehr sah, bie ihr Marco gestohlen, unb daß dieser selbst sich nicht zeigte. Dann begann sie ein großes Reinemachen im Hause. Den ganzen Tag scheuerte sie von den Kammern im Dach bis hin­unter zum Flur. Unb als sie bamit fertig war, hob sie an im kleinen, mauerumschlossenen Garten bas Untraut auszurotten. Sie war immer fleißig, aber nie orbentlicher gewesen, als es die Art ihres Volksschlags

Gifttränken!"

Eugenie, in eine Ecke geflüchtet, ringt nach Atem.

Charlotte beginnt zu meinen, lautlos, große, dicke Tranen über- Suten die Wangen, netzen den halbentblößten Busen. Sie macht keine croegung mehr. Dieser stille Tränenstrom ist erschreckender als die Nervenkrise vorher. Dann sinkt sie plötzlich ohnmächtig in sich zusammen.

Lassen wir sie einen Augenblick", sagt Eugenie.

Sie kann nicht mehr, sie setzt sich, gibt auch den drei Frauen Zeichen, sich zu setzen. Sie verharren in Stille, als wachten sie