Ausgabe 
8.6.1931
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Berlag: Brühl',che Univerf itäts-Duch. und Steindruckecei. A. Lange, Gießen.

vielmehr, du hast mich gehört, da du sagtest, ich sei dein zweites Ich, und du würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden."

Vergib, Karli Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue hielte. Aber, glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich begreife bet solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid einen Aufseher und Belauschet: sendet. Aber warum meinen Feind? Warum Moncada? Zwar, er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."

Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gespro­chen hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir ober uns beide zusam­men niedörstrecken. Dieser Moncada ist Mer dich gekommen wie ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"

Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen herabsteigt."

Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."

Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze,sonst läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches Gebrach ein, und die süße Frau wird vergessen." F

Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem Herzog fortfetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde.Was zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen Beweis habe als meine Ueberjeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: dieser Mensch hak meinen Baker umgebracht." Er glättete die Locken des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.

Er war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein besserer Mann -als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben Hof hielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unser? neapolitanischen Fürsten­hauses, jenen unglücklichen Jüngling, der unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater war ich sage dir, es gab feinen schüchtern Mann ließ er sich mit dem entthronten Prinzen in ein teil­nehmendes Gespräch ein und besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das Leben abzusprechen.

Ich erzähle dir die Sache, wie ich-ste nachher erforscht und zusarnrnen- gebracht habe, da, bei reiferm Verstände und erlangter Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich gewann. Es ist höchst - wahrscheinlich, daß der König selbst sein Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort ober einer kurzen Gedärbe. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber übernahm ein junger Mensch, ben er um sich hatte unb von dem es hieß, baß er fein natürlicher Sohn fei. Der junge Moncada, kein anderer, begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer Galerie des Schlosses unb stieß ihn nieber. Kein Zweikampf, sonbern ein Meuchelmorb, benn die Rechte des Vaters war durch eine alte Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, [o wahr ich dich umschlungen hatte, denn nichts tag dem Redlichen ferner als Intrige und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen unb als guter Christ zu hanbeln, ba er bem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist bas nicht abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?"

In Frankreich? Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."

Nach Jahren, ba ich meine ersten Sporen verbient hatte, treffe ich den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich feinen jungen Helden, ben aufgefjenben Stern und die Hoffnung Spaniens, unb fein Bück gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, ich gleiche meinem Vater, ben er gekannt habe, unb bas Blut erstarrt mir in ben Abern, benn ich hatte bie Gewißheit, baß mich der Mörder Pescaras liebkofend in ben Armen hatte."

Du ließest ihn gehen?"

Am Abenbe jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen ober ihn das meinige nehmen zu lasten. Er war verfchwunden. Ich konnte ihn nicht verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte unb in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des gemordeten Vaters folgte mir überall.

Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, in Kuba, wieder ausgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche Besitzungen verlieh, und hat ben kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. Ich bente, um ben ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: benn Moncaba lebt in ben Gebauten unb Plänen feines Balers unb ist im Zusammenhänge mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen Hofe, welcher bie Burgunber unb Nieberlänber glücklicherweise bie Waage hatten, lieber das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst daraus gemacht, durch

sein verborgenes Wirken Neuspanlen der Krone erhalten zu haben, unb steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."

Weiht du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,ich hätte dir längst gern einen Gefallen getan. Räche ich dir ben Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch Meuchel­mord, bas ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, ohne dir nahe- zutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, unb mich schützt meine fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu beiner Verfügung."

Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden Augen:Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den Mörder der ewigen Gerechtigkeit."

Bourbon bückte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und sagte:Nun dürfen wir Madonna Viktoria nicht länger warten lassen."

Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den Knaben:Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten Male gesehen hast?"

Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito,unb ihr sah bie Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll", helle Zähren riefelten ihm über die Wange>weil sie, wie mir der Großvater erzählte, in einem römischen Kloster ist unb dort die Gelübde abgelegt hat. Unb sie war sonst so fröhlich, bie Julia, aber freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte bas, während sie ins Freie traten.

Ich flehe, mich der erlauchten Frau vorzustellen", bat der Konnetabek. »Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, bie Natur habe das Herrlichste gebil­det und bann die Form zerbrochen, damit Viktoria Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"

Sie beschritten ben langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende weibliche Gestatt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. In demselben Augenblicke schrie Ippolito:Dort ist der böse Zauberer, er will der Herrin ein Leides tunl" unb eilte spornstreichs Donna Viktoria zu Hilfe, während der Kanzler von den Knien auffprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.

Die Befreite eilte bem lächelnben Gemahl mit schnellen Füßen ent­gegen unb mit einem so jungen unb kräftigen Erröten, baß Pescara sie niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch flog, sagte bie nicht einmal außer Atem Gekommene:Ein Flehender hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, da er sich in Zweifel und Erwartung -verzehre."

Er hat feine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der Feld­herr,aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, bah ich Euch die Hoheit Bourbon vorstelle." Äiktoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Aus­druck frauenhafter Teilnahme nicht.

Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig unb hielt sich fein unb stolz aus Rücksicht für Pescara unb im Bewußtsein feines schmachvollen Ruhmes, bas ihn nie verließ. Er berounberte die Schönheit Viktoriens, ohne fein dunkles Auge auf ihrem Antlitz ober ihrem Wüchse ruhen zu lasten. Er schmeichelte nicht, er streute keinen Weihrauch, sonbern er sagte einfach:Ich freue mich, Mabonna Viktoria zu erblicken, bie Gattin meines Freunbes, bes Marchese, unb hulblge ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken gehend in ein leichtes unb gefälliges, aber unbebeutenbes Gespräch, und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schieb unten an der Treppe bes LaNbhauses mit ruhiger Höflich­keit. Viktoria, so bescheiben sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon wachsenden Dämmerung.

Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Viktoria ließ es sich nicht nehmen, selbst bem Gemahl bie Speisen vorzulegen, er aber rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten unb Naschwerk erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte Mandelkrone.Siehe ba", scherzte er,etwas für meine ehrgeizige Viktoria!" Er bot sie ihr, bereu Herz zu pochen begann.

Sie erhoben sich und betraten bas Nebenzimmer, bas eine schwebende Ampel gleichmäßig erhellte unb in seinem noch frischen Schmucke schim­mern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, während das Lattenwerk der Decke in feinen Feldern grau auf Goldgrund gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, auf den vier ampelhellen Mitelfeldern: Aeneas, König David, Herkules und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in ihrem Kasta- nienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:Hier muß man plaudern."

Wie kommt es", fragte Viktoria, sich neben Pescara nieberlaffenb, daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen Eindruck macht, daß er mich geradeheraus gesagt abstößt?"

Der Arme!" scherzte Pescara.Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der garstige Leyva unb bie schöne Viktoria fühlen sich gleicherweise von bem Kapetinger beleibigt, der sich doch gegen beideunsträflich benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn und jeden andern, wer es sei, einschleichen, unb ich glaube wohl, dieser entstellende Dunst unb verhäßlichenbe Nebel ist ein Verrat ober welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."

Eine leichte Blässe überzog bas Antlitz Viktorias.

(Fortsetzung folgt.)