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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
)ihrgang l93l Freitag, den y.Zanuar Hummer 3
Auf der Rückseite eines Kalenderblattes.
Von Edmund Finke.
Die Tage fliehen langsam dahin ganz ohne Freude, ganz ohne Sinn, und läge nicht wo ein kleines Leid gleich einer Krone für dich bereit, damit du unter der pruntenden Last die selige Würde des Schmerzes hast, was tätest du nur mit deiner Welt? du, einsam ans User der Zeit gestellt, ein schwanker Schatten ein schillernder Schein — statt Erz und Ausbruch und Frühlicht zu sein.
0 zweifelnder Mensch, die Zett ist ein Spiel, das den tändelnden Händen der Götter entfiel; nimm deine gleißende Krone aus Leid und wirf sie zurück in die Ewigkeit!
Wir sind! das ist alles! Werk und Tat, Erde und Weib und das Kind und die Saat, . was jeder an Haß und Hohn erlitt,
hell schwingt es im Aufschrei des Lebens mit: O Erz, o Glück, o heilige Kraft, die am Leide nicht leidet, sondern schafft!
Oie Brüder Voisin.
Von Fred Walker.
Antoine Voisin war ein kleiner Rcgierungsbeamter aus der Umgebung von Paris. Sein Leben war ausgefüllt von seinem Beruf, den Familiensorgen und der Liebe zu seinem kleinen Garten, in dem er jede Stunde seiner freien Zeit verbrachte, um bunte Zierpflanzen zu ziehen.
Voisin galt bei seinen Vorgesetzten als tüchtiger, pflichtbewußter Beamter und die Nachbarn priesen seine Biederkeit. Sämtliche verheiratete Frauen des kleinen Ortes beneideten Madame Voisin um ihren Gatten.
Wie verwundert aber wären alle diese Leute gewesen, wenn sie gemuht hätten, wie es um Herrn Voisins Innenleben stand. In den Stunden des Alleinseins, wenn er sich mit seinen Heckenrosen beschäf- tigte, seltene Tulpenzwiebeln umsetzte oder seine Rhododendren beschnitt, lebte er in einer eigenen Welt.
Niemand ahnte auch, daß Herr Voisin von seinem spärlichen Gehalt schon seit vielen Jahren monatlich einen kleinen Betrag beiseite legte, dah er auf Wein, Tabak und andere Freuden verzichtete, um endlich in den Besitz jener Spmme zu kommen, die ihm den Traum seines Lebens verwirklichen sollte. Fünfzehn Jahre hatte er so gespart und eines Tages sah Voisin fiebernd vor Erregung im Expreß Paris—Monte Carlo.
An einem heißen Augustnachmittag, die Stadt war wie ausgestorben und die meisten Hotels hatten geschlossen, betrat Voisin die Räume des Kasinos. Ein freundlicher Herr in schwarzem Anzug, den er stotternd und verlegen nach tausenderlei Dingen fragte, führte ihn zu einer Kasse. Hier gab man Herrn Voisin für die Ersparnisse von 15 Jahren verschiedene runde und viereckige Marken. Der zuvorkommende Begleiter führte ihn noch zu einem der Spieltische und überließ ihn dann seinem Schicksal.
Voisin starrte auf die kleinen Quadrate des grünen Tuches und sah verständnislos dem Spiel zu. Neben ihm stand eine elegant gekleidete Dame, die ihn aufmunternd anlächelte. Da besann sich Voisin, daß er hergekommen war, um das Glück zu versuchen, gab sich einen Ruck und schob sämtliche Jetons auf eines der grünen Felder. Er hatte keine Ahnung, was nun geschehen würde, und in seiner Hilflosigkeit blickte er verlegen auf seine Nachbarin.
Erst jetzt bemerkte er, dah sie große, dunkle Augen hatte, die whe die Steine leuchteten, die sie um den Hals trug. Und ihr Mund war so rot, wie die schönste der Tulpenblüten aus seinem Garten. Auch Herr Voisin lächelte ihr jetzt freundlich zu und merkte nicht, daß ihn die Leute verwundert ansahen ...
Der Croupier schichtete Berge von Banknoten vor Voisin auf. Viermal hintereinander war die Nummer 17 gekommen, auf die Herr Voisin gesetzt hatte und jedesmal ließ der Croupier für ihn das Maximum stehen. Nach dem vierteninal erhoben sich die Croupiers und erklärten, daß das Spiel an diesem Roulettetisch für einige Zeit unter- brachen würde. Herr Voisin hatte die Bank gesprengt.
Als Herr Voisin starb, h nterließ er seinen beiden Sahnen, die er in tiefster Abscheu vor dem Spiel erzogen hatte, ein großes Vermögen. Glückliche Spekulationen hatten seinen Gewinn von eirft noch beträchtlich vermehrt. Herr Voisin glaubte, die Gewißheit mit sich ins Grab
zu nehmen, daß die Kassen des Kasinos von Monte Carlo keinen Franken der Beute Wiedersehen würden.
Wer die Familie Voisin gekannt hatte, war daher sehr überrascht zu hören, daß ein Jahr nach Lern Tod ihres Vaters Hektor und Charles in der weltbekannten Stadt der Spieler auftauchten. Nun, die Leitung des Kasinos hatte jenen Tag nicht vergessen, an dem das seltene Spiel des Zufalls die weiße Kugel viermal zugunsten eines einzigen auf Nr. 17 fallen ließ. Man empfing die Brüder Voisin daher mit ausgesuchtester Höflichkeit und einer stillen Hoffnung.
Aber welche Enttäuschung! Die beiden hatten sich ein teuflisches System ausgedacht, um die Bank zu verhöhnen: Wenn Hektor den höchsten Betrag auf Rot setzte, belegte sein Bruder mit der gleichen Summe das schwarze Feld. Auf der einen Seite zog die Bank das Geld ein, auf der anderen mußte sie den gleichen Betrag wieder auszahlen. Manchmal variierten die Brüder dieses Spiel, aber ohne einen einzigen Franken dabei zu riskieren.
Die Brüder Voisin waren bald populär, und gespannt warteten die Besucher des Kasinos auf den Ausgang dieses originellen Zweikampfes. Würde Hektor oder Charles zuerst dem magischen Zauber des Roulettetisches unterliegen? Die Croupiers sahen mit stoischem Gleichmut diesem Spiele zu, und die Direktion des Kasinos zeigte sich den Brüdern gegenüber stets von der zuvorkommendsten Seite. Jeder Mensch hat Nerven, das Roulette dagegen war eine Maschine.
Für Fachleute war das Ende mit Sicherheit vorauszusehen.
*
Diese Gesch.chte erzählte eines Tages Herr Berange, einer der Direktoren des Kasinos, dem Oberinspektor Jollivet der französischen Geheimpolizei. Dieser war, nachdem er eine Woche lang als stummer Beobachter das Leben und Treiben in den Spielsälen studiert hatte, bei der Direktion erschienen, um sich über die Brüder Voisin zu informieren.
„Hm .. .". sagte er nachdenklich, als Herr Berange feine Mitteilung beendet hatte, „höchst merkwürdig in der Tat ... Sie sind also überzeugt, daß sich wirtlich alles so verhält?"
„Gewiß, Herr Oberinspektor."
„Wäre es möglich, mit den beiden Herren bekannt zu werden?"
Direktor Berange schien unschlüssig, ob er dem Wunsch des Detektivs entsprechen sollte. Dann besann er sich jedoch und gab telephonisch Auftrag, die Brüder Voisin zu ihm zu bitten.
„Ich weiß nicht, was Sie vorhaben", bemerkte der Direktor, „aber .ich bitte Sie, auf die Tradition des Kasinos Bedacht zu nehmen. Wir haben bestimmt keinen Grund, die beiden Herren als angenehme Gäste zu betrachten, aber was bedeutet diese kleine Episode für uns?"
„Sie haben recht!" stimmte Jollivet zu, „der ungeheure Strom des Goldes kann auch durch die Brüder Voisin nicht zum Stillstand kommen, er könnte höchstens etwas abgelenkt werden."
Bevor Direktor Berange noch eine Antwort geben konnte, betraten zwei äußerst korrekt gekleidete, jovial aussehende Herren das Bureau,
„Verzeihen Sie die Störung", entschuldigte sich sehr höflich der Direktor und stellte ihnen Oberinspektor Jollivet, jedoch unter Hinweg- lassung seines amtlichen Titels vor.
„Ich habe von Ihnen gehört, meine Herren", sagte dieser sehr freundlich, „ja, ich bewunderte Sie sogar. Eine erstaunliche Leistung, auf diese Art den Versuchungen des Spieles zu w'derstehen."
Hektor lächelte selbstgefällig: „Sind Sie Journalist, mein Herr ...?"
„Nein", entgegnete Oberinspektor Jollivet mit undurchdringlicher Miene, aber zu meinem Beruf gehört es trotzdem, mich für alles zu interessieren."
„Und was interessiert Sie so sehr an uns, mein Herr?" entgegnete Hektor merklich kühler.
„Die Jetons, die Sie in der Tasche haben" antwortete Jollivet und sprang auf. Mit einem Griff hatte er aus Hektor Voisins Rock eine Handvoll jener kleinen, runden und eckigen Blättchen gezogen, die allein in der Spielbank von Monte Carlo so hohen Wert besaßen.
Die beiden Brüder waren aufgesprungen, und auch Herr Berange schien ihre Partei ergreifen zu wollen.
„Was soll das heißen?" rief der Direktor wütend aus.
Oberinspektor Jollivet nahm eine der beiden Marken und reichte sie Herrn Berange.
„Lassen Sie dieses Jeton prüfen — es ist eine vorzügliche Fälschung.
Die Brüder Voisin schienen plötzlich großes Interesse für die Tür des Bureaus zu haben, aber das freundliche Lächeln des Oberinspektors war verschwunden und mit einer ruhigen, aber sehr energischen Geste hinderte er die beiden Herren, sich seiner Gesellschaft zu entziehen.
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Als Oberinspektor Jollivet einige Zeit später, nachdem tatsächlich festgestellt worden war, daß die Brüder Voisin um ungefähr eine Mil- Hon Franken falsche Jetons bei sich gehabt hatten, den Direktoren eine i Erklärung abgab, lauschte alles mit gespanntester Aufmerksamkeit:


