Aber wieder ist Niederland da, und wieder finde ich mich, neu angezo- aen, im Niederland, in Potsdam. Ich stehe auf einer barocken Brücke und fahle den Abend schwerer und kälter werden. Aber noch enthalten bie Milchglaskugeln über den barocken Tragfigurinen aus altem Stein kem Lampenlicht; sie stehen weiß und mild im vergehenden Rosa und Gold des schönen Abends...
Man läuft und läuft — und schließlich findet man von ungefähr das brandrote Viertel, das im echtesten, unmittelbarsten Sinne des Wortes holländisch ist. Reihenweise, alle gleich, stehen Ziegelhäuser, wie sie sonst nur irgendwo in Holland stehen; sie sind rot vom Backstein, und der Backstein ist noch einmal mit roter Oelsarbe überfangen, die nur um so röter brennt, je weißer die Fugen mit Kalk nachgezogen sind. So rot, brandrot, blutrot, stehen diese einfachen holländischen Hauser da — und zugleich ganz ruhig; sie stehen mit den phlegmatischen Giebelkurven des barocken Holland, mit stiller Standfestigkeit, mit einer unabänderlichen Einheit und Gleichheit des Wesens. *
Die Garnisonkirche, ockergelb, mit grauen Trophäen und grauen Flammenvasen aus Stern, trägt an der Stirn die Inschrift, die folgt:
„Anno 1735 Friedrich Wilhelm König in Preußen hat diesen Thurm nebst der Guarnison Kirche zur Ehre GOTTES erbauen lassen".
Heber diese Inschrift, in der die Art dieser Stadt mit lateinischer Kürze und Festigkeit, aber gleichwohl nur zu einem Teil bezeichnet ist, rieseln die Töne des Glockenspiels herab. Vorhin sangen sie in der Glockensprache: „Lobe den Herrn..."; jetzt singen sie: „lieb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab".- ■ ,
Der Küster ist bereit, noch in der späten Stunde die Gruft des Königs, der diese Kirche bauen ließ, und seines Sohnes aufzuschließen, Friedrichs, dem Napoleon, als er mit seinen Offizieren barhäuptig vor deM Sarg stand, den Ruhm der Größe sicherlich nicht weigerte. Wie nobel ist der weltgeschichtliche Augenblick: die Ehrerbietung dieses Kaisers vor diesem König in der Prunklosigkeit einer Gruft, wo der unscheinbare Zinksarg des zweiten Friedrich ohne Postament auf dem nackten Boden liegt — bescheidener als der Sarg seines Vaters, der doch ein Zuchtmeister in der Enthaltung gewesen ist...
Dieser Zinksarg ohne Verzierung, kurz, klein: man fühlt in ihm das letzte Schweigen des Menschen, dem in üppigem Jahrhundert die bescheidene Herrlichkeit von Sanssouci nicht nur genug, sondern der Inbegriff alles Wünschenswerten gewesen ist.
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Inmitten der Stadt, an einem Platz, der die Einfachheit eines antiken Forums besitzt, erhebt sich die Nicolaikirche wie ein preußisches Gleichnis des Pariser Pantheons. Das Stadtschloß um das Viereck des Hofes, terrakottafarben mit grauen Haufteinlifenen und grauem Dachschiefer, verleugnet nicht die Einfachheit der preußischen Klassik, und das antikische Haus der Stadtsparkasse gegenüber antwortet mit der kargen Pracht der Halbsäulen im nämlichen Geist.
Man geht durch die Dämmerung; zur Rechten bleibt der Exerzierplatz, den das Schloß erblickt — und die Havel mit ihren Uferbäumen und ihrer weichen Kurve und ihrer malerischen Atmosphäre ähnelt so sehr der Seine- landschaft vor Paris, daß man die Watteaus und Lancrets und Paters des Herrn von Sanssouci ein zweitesmal begreift und nun vollends natürlich findet.
Oie ältesten Germanen.
Von Dr. Johannes Bühler.
Heber die Ur- und Frühgeschichte des Germanentums werden jetzt wieder kühne, z. T. phantastische Theorien aufgestellt, die in wissenschaftlichen Kreisen heftig umstritten sind. Da ist es gut, sich vor Augen zu führen, was man wirklich an gesicherten Erkenntnissen aus dieser Epoche weiß, die vor jener liegt, in der zuerst das volle Licht der Geschichte auf dieses Volk fällt. Eine vortreffliche Zufammenfassung der Tatsachen gibt Johannes Bühler, dem wir das große Ouellenwerk „Deutsche Vergangenheit" verdanken, in dem Einleitungsabschnitt seines soeben im Insel-Verlag zu Leipzig erscheinenden Buches „D a s erste Reich der Deutschen .
lieber dem Ursprünge der Germanen liegt Dunkel. Wohl leuchten manche Sterne daraus, da ein Wort, ein Zauberspruch, dort ein Fund in tiefer Erde, in feuchter Höhle, hier eine uralte Sage und dann die Berichte der Griechen und Römer, aber all das sendet dem Sprachforscher, dem Anthropologen, dem Archäologen und dem Historiker doch nicht so viel Licht, daß er auf geradem Wege sein Ziel, eine sichere und umfassende Erkenntnis vom Werden und ersten Wachsen der Germanen, erreichen könnte. Selbst auf grundlegende Fragen, wie die nach der Heimat der Jndogermanen, der großen Völkerfamilie, der die Germanen angehören, nach den ältesten Sitzen der Germanen, nach ihrer Stammesgliederung, nach der Herkunft und dem Sinn ihres Namens geben die Fachgelehrten infolge des unzureichenden und vieldeutigen Materials die widersprechendsten Antworten.
Aber all die Schwierigkeiten waren besonders für deutsche und skandinavische Männer der Wissenschaft stets nur ein Ansporn zu rastloser Weiterarbeit an der Ur- und Frühgeschichte der Germanen. Manch schönes Ergebnis lohnte die Mühe. So konnte, wenn auch noch viele Lücken offen bleiben, eine Fülle von Einzeltatsachen festgestellt werden, und zudem ließ sich die Gesamtentwicklung des germanischen Volkes in manchen wesentlichen Zügen aufzeigen. Das Wichtigste hiervon sei kurz wieder- gegeben.
Keinem Zweifel unterliegt die Existenz der von der Nordsee bis Indien verbreiteten indogermanischen Völkersamilie. Als deren Stammland nehmen die Forscher, die ihre Schlüssel vorwiegend aus der Sprachvergleichung ziehen, das südliche Mittelasien an, während die Archäologen, die von den Ausgrabungsfunden ausgehen, der Ueberzeugung find, daß das Kernland der Jndogermanen im nördlichen und mittleren Europa zu suchen ist.
Von hier aus sollen dann der Süden Europas, weitere Gegenden am Kaukasus, in Vorder- und Mittelasien in den indogermanischen Kulturkreis einbezogen worden sein. Nachdem die archäologische Beweisführung durch die neuesten Sprachforschungen in manchen Punkten bestätigt worden ist, darf man nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft die Auffassung, Nord- und Mitteleuropa sei das Entstehungsgebiet des Jndo- germanentums, wohl als die wahrscheinlichste bezeichnen.
Als die ältesten indogermanischen Mittelpunkte sind nach dieser Hypothese, für die viele und gewichtige Gründe sprechen, der nordische Kulturkreis in der Norddeutschen Tiefebene und in Skandinavien sowie der an der Donau mit dem nördlichen Alpenvorlande zu betrachten. Die Trager des zweiten waren die Kelten, die des ersten die Germanen. Beide Volker- ämilien sind rassisch miteinander verwandt, doch stellt keine von ihnen, auch nicht in ihren Anfängen, eine reine Rasse dar.
Entstanden ist die germanische Völkersamilie wahrend der jüngeren Steinzeit, also etwa in der Zeit von 3000 bis 2000 v. Ehr.; es dauerte dann Jahrhunderte, Jahrtausende, bis die Germanen allmählich das ganze Gebiet des heutigen Deutschland besetzten. Bis gegen Dortmund drangen sie bereits im achten Jahrhundert v. Ehr. vor, im fünften kamen sie bis Köln und im vierten und dritten nach Trier. Die bei Cäsar erwähnten Stämme der Belger und Treuerer scheinen Mischvölker von Kelten und Germanen gewesen zu fein, so daß also hier die germanische Welle zunächst zum Stehen gekommen war. Auch Teile von Mitteldeutschland waren lange Zeit zum großen Teil im Besitze der Kelten. Sie verließen erst zur Zeit Cäsars die Maingegenden, und die Germanen rückten nun bis zur Donau vor. Im Osten bildete noch lange Zeit das Erzgebirge die Grenze gegen die Kelten.
Von der germanischen Völkerbewegung der ältesten Vorzeit geben hauptsächlich die archäologischen Funde Ausschluß, die auch die früheste germanische Kulturentwicklung mit ihren Anregungen vom Westen und von den Kelten wenigstens in ihren Hauptzügen erkennen lassen. Zu diesen oft nur allzu spärlichen und vieldeutigen Zeugnissen treten dann allmählich Nachrichten der antiken Kulturwelt über die im Norden Europas hausenden Stämme.
Länger schon als tausend Jahre v. Ehr. hatten die Phönizier mittelbare und unmittelbare Beziehungen zum Norden Europas. Sie waren durch den Zinn- und Bernsteinhandel angebahnt. Aber die phönizischen Kaufleute hatten nicht die Spur wissenschaftlichen Sinnes, der den Dingen um ihrer selbst willen nachgeht und gewissenhaft weitergibt, was er darüber erfahren. Diese Händler suchten im Gegenteil die an sich schon ganz unklaren Begriffe, die man über den kalten düsteren Norden hatte, noch mehr zu verwirren. Es sollte eben jeder Konkurrenz die Lust vergehen, in tollem Wagen selbst diese grauenvollen Länder auszusuchen. Was nur orientalische Phantasie und Verschlagenheit an Groteskem und Schauer- vollem ersinnen konnte, fabelten diese geschäftstüchtigen Krämer über die unwirtlichen Gegenden und ihre wilden Bewohner zusammen.
Die Berichte der älteren griechischen Literatur über den Norden Europas stützten sich ausschließlich auf solche phönizische Angaben. So unterhaltsam sie zu lesen sind, so viel dichterische Phantasie und Gestaltungs- krast dahintersteckt, so wertlos sind sie für die Geschichtswissenschaft. Verlässige Nachrichten über Land und Leute jener fernen Regionen erhielt die antike Kulturwelt erst um die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Ehr. durch den Griechen Pytheas von Maffilia, der die Ergebnisse seiner Forschungsreise nach Britannien und dem Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste in einer Schrift „Peri Okeanu" niedergelegt hat. Ist auch dies Werk selbst verloren gegangen, so wurde es doch von antiken Schriftstellern vibl benützt, wodurch manche wertvolle Nachricht des Pytheas erhalten geblieben ist.
Der Borstoß der Kimbern und Teutonen um die Wende des zweiten zum ersten Jahrhundert bis in die Provence und an den Pol lenkte die Aufmerksamkeit der Römer ein für allemal auf den germanischen Norden; den „kimbrischen Schrecken" sind sie nie wieder ganz losgeworden. Seit dieser Zeit fliehen die germanischen und römischen Quellen reicher über die Germanen...
An die Erklärung des Wortes Germanen ist schon ein ungeheurer Aufwand von Gelehrsamkeit vertan worden. Soviel sich sehen läßt, bleibt es bei Hampes Wort: „Die Deutungsversuche für den Namen Germanen kommen nicht zur Ruhe, so wenig aussichtsvoll es auch ist, sür irgendeine Erklärung allgemeine Zustimmung zu finden." Aber mag die ursprüngliche Bedeutung und Entstehung noch so unsicher fein, für uns bleibt es die Hauptsache, daß unsere Ahnen ihrem Namen schon sehr bald, gleich bei ihrem Eintreten in das volle Licht der Geschichte, einen ganz bestimmten Inhalt gegeben haben: den Kelten und Römern ward er der Inbegriff des Furchtbaren, wie die antiken Schriftsteller übereinstimmend bezeugen. In der späteren Römerzeit trat dann der Gesamtname der Germanen hinter dem der einzelnen Stämme immer mehr zurück.
Die Entwicklung zu einem besonderen Volkstum vollzog sich bei den Germanen nicht auf einer einheitlichen nationalen Grundlage, sondern innerhalb einer Gruppe mehr ober minder selbständiger Stämme. Wohl schon von allem Anfang an waren die Germanen in Stämme gespalten, einzelne reichen vielleicht sogar in die vorindogermanische Zeit zurück. Es ist äußerst schwierig, die sriiheste germanische Stam.nesgliederung festzustellen, zumal, da sie mannigfachen Verschiebungen unterworfen war. Manche Stämme zerfielen „bei starkem Anwachsen und Ausbreitung über größere Gebiete in selbständige Teile, wie wir es z. B. bet den Goten beobachten. Anderseits erfolgt ihr Wachstum oft nicht nur durch Geburtenüberschuß, sondern auch durch freiwilligen ober erzwungenen Zufammen- fchiuß Außenstehenber, so bei den Sachsen und Franken, ober durch bte Aufnahme von Unfreien in ben Volksverband, wie mehrmals bei den Langobarden. So verwischt sich der älteste Charakter der Stämme als eines Kreises von Blutsverwandten mehr und mehr, und sie entwickeln sich zu rein politischen Gebilden" (Much). Dazu gingen wohl manche Stämme oder Stammesteile in anderen Nationen auf, wenn sie losgelöst von ihrer Heimat, z. B. im keltischen Gebiet, den Zusammenhang mit ben übrigen Germanen verloren. Auch die innergermanischen Wanderungen brachten manche Veränderungen mit sich.


