Ausgabe 
8.6.1931
 
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SiehenerMimeMMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931 Montag, den 8.Iuni Nummer ^4

Eine kleine Nachtmusik.

Von Adolf Georg Bartels.

Der Wind strich seinen Bogenstrich lieber das Waldorchester, Da neigte jede Blume sich Und tanzte mit der Schwester.

Die Birken geigten süß und bang, Die Eichen dröhnten Baß, Der Buchen Cello weich erklang. Es wiegte sich das Gras.

Der Wind, die Bratsche unterm Kinn, Strich in die Nacht beglückt. Er rauschte über alle hin Und führte sie geschickt.

So, jubelnd über Wald und Tal, Sprang's aus den Musikanten, Ein seliger, klingender Wasserfall Von sprühenden Diamanten.

Der Himmel aber, leuchtend, stand, Gold in die Nacht gezogen, Als der Fermate übers Land Hoch ausgewölbter Bogen.

Ausflug nach Potsdam.

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Sanssouci steht über den Steintreppen des Schloßgartens wie eine Krone. Sanssouci ist nicht ein hohes Gebäude: es ist flach gestreckt, nur Erdgeschoß; darum sitzt es wie ein Diadem über dem emporstrebenden Gcsüge der Freitreppen.

Sanssouci ist goldgelb an den Wänden, und in den steinernen Rahmungen um die mit Ocker bemalten Binnenflächen ist es grau: und flrau sind die entblößten Steinfiguren, die mit athletischen Sklavenkräften das Gemäuer sichern und bas Dach tragen wie auf herrschaftlichen Befehl eingespannt in die niedrige Front. Das Eirund der Dachkuppel über der Mitte ist vom Alter lichtgrün beschlagen; rechts und links ist die Deckung des Daches schwarzes Grau. Weiß gestrichen schweifen sich und kreuzen einander die hölzernen Fechterstäbe. So steht das Schloß, das behauptet, keine Sorgen zu kennen, in der Höhe droben. Lichtgrau leiten die Steine der Treppen hinauf und herab auf beiden Seiten begleitet vom dunklen, schweren Olivgrün der kugelig und kegelig gestutz- ten Barockbäume und von dem matten Schimmer der Treibhausfenster, die in einer sanften Frühlingssonne blinken wie Milchopal.

Vor meinen Füßen hier unten ist das Parkwasser noch gefroren, und die Farbe des Eises ist tot; aber der Bach ist liebenswürdig geschlungen wie ein langsamer und empfindsamer Gedanke, wie ein suchendes Gefühl; über ihm hangen, goldig und rosalila widerglanzenb gegen die nieder­gehende Sonne des Nachmittags, die Zweige der Weide, in denen die erneuernden Säfte des frischen Jahres schwellen und treiben. Singvögel versuchen eingeschlafene Stimmen; die Amsel formt in starker Kehle den ersten Schrei, dessen unfaßliche Musik die Wonnen eines kommenden sommers schluchzend anmeldet; die Sandwege unter meinen Sohlen sind hell und leicht. .

Man kann im Freien sitzen, kann mit Ruhe hinaufsehen und fast schon mit Behagen. Wie schlicht ist das Maß dieses Schlosses dort oben; wenn rin König bescheiden ist, bann wohnt er so.

... unb wenn er eine persönliche Natur hat, bann hinterläßt er einem Schloß unb einem Gefüge von Freitreppen unb einem Park bas Erbe einer Atmosphäre, wie biete hier ist. Denn ganz gewiß: sie ist man wirb ihrer inne bis zu biefem Tag; sie ist so wesentlich, baß sie beinahe Zestalt hat, wie bas Gebaute, wie bas körperlich Geformte; man tmpfinbet ihre Gegenwart unb Dauer in ben Nerven, in ben Poren, um Augen unb Schläfen... Das Zebernholz an ben gerunbeten Wänben i»er Bibliothek, bie Flöte vorhin unb gar bie weißen Rokokokurven bes Sterbestuhls: wie überzeugte alles wie war es unmittelbar einleuch­tend, unwiberlegt; unb so ist bas ganze Schloß, ber ganze ©arten, so illes bis herein in meinen empfangenben unb leise roägenben Blick.

In der Stabt Potsbam versuche ich, zu erster Verstänbigung, den Anschluß an heimatliche Vorstellungen: Potsdam erscheint mir einiger­maßen wie Mannheim, wie Ludwigsburg, wie Erlangen. Barock, selbst schon beruhigt, selbst schon halb klassisch gebändigt, leitet zu einer unbeding­ten Klassik über, bie feit bem späteren achtzehnten Jahrhunbert ein wieber- kehrenbes Beispiel ber Enthaltung, ber roürbigen Zucht ber Tugenb, mit einem Worte: berNorm' gab. Wie ist biefe preußische Spielart des Klassischen auf ben Geist ber Bescheibung gestellt aber wie menschlich auch ist biefe Spielart! Wie sehr ist sie, auch sie, eine Form desHumanio- ren" I Wollte Gott, wir hätten in unserer Freiheit soviel menschliche Dichtigkeit und Würde wie jeneUntertanen", denen wir unser Mitleid allzu großartig schenken, müssen besessen haben...

Die Straßen sind teer unb rein, unb auch barutn entsteht bas Bild einer ruhigen Klarheit.

Die Häuser haben zwei Stockwerke, zuweilen drei. Hinter ben Winter­fenstern, zwischen zwei Scheiben, zwischen ber Wärme alter Oefen (bie sicherlich aus kaum verzierten ^weißem Porzellan sinb) und ber nach- winterlichen Kühle ber freien Luft, treiben bie Hyazinthen ihre rahm- weißen Wurzeln ins Wasserglas hinab oben gedeckt mit den vertrauten spitzen Papiermützchen.

Auf der Straße kommt eine alte Frau daher etwa die Witwe eines schlichten Beamten ober Kaufmanns. Sie trägt eine schwarze Samtjacke unb einen schwarzen Samthut Stücke einer abenteuerlich fernen Mobe, bie aus Sparsamkeit und Not und abseitiger Beharrung weiter- getragen wird.

Die Häuser sind weiß unb grau; zuweilen sitzt Rosa ober Ocker bazwi- schen. Das Graue gibt ben Nenner: Lichtgrau, Rauchgrau, Graphitgrau> Grau in allen Abwanblungen.

Sparsam sinb Zierstücke bes späten achtzehnten unb frühen neunzehnten Jahrhunderts über bie Fronten ausgeteilt: jene senkrechten Steinbänber mit Rillen unb korinthischen Häuptern, jene Bänber, bie man Lisenen nennt; Wanbpfeiler, Halbfäulen vollrunbe Säulen auch, die aber nie ben Charakter ber lleppigteit, fonbern immer ben Stil bes Ernstes unb ber Mäßigung an sich tragen. Hin unb roieber hebt sich bie wohnliche Schönheit eines barocken Knickbaches in ber Weise bes Mansard. Da und bork sitzt eine Muschel nach bem Geschmack bes Rokoko aber schier unmerklich; mitunter trägt eine Hausstirne ein Steinschilb, bas nach ber mit Asymmetrien fpielenben Laune bes mittleren achtzehnten Jahrhunberts geschnitten und geschwungen ist unb von zwei nackten Stein­bübchen wappenmäßig gehalten wirb. Ein andermal sitzen steinerne Schädel von Widdern unb Ochsen an ben Häuserfronten, und zwischen ben Schübeln laufen steinerne Trauerflore, bie ben Ernst ber strengen Trophäen ins Unheimliche kehren... Die Luft bes Tobes weht her. Auf Steinobelisken sitzen mit gemenbeten Hälsen preußische Abler. Ein Haus von ber Würbe letzter Einfachheit bes Klassischen trägt ben Namen:König­liches Witwenhaus". Die Wanb ist so wenig ins Profil »orgebitbet, baß es als eine bare Fläche anmutet, lieber dem Tor steht bie Zahl 1827; es ist eine Zahl im Gefolge ber Befreiungskriege.

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Potsbam ist sonieberbeutsch", baß man versucht wirb, esnieber« limbisch" zu nennen. In bieser Stabt gibt es Silber, bie in Hollanb und Flanbern zu Hause zu [ein scheinen. Unb nicht nur Bilder, sondern auch Verfassungen des Wesens überhaupt. Es ist fünf Uhr; ein Glockenspiel hebt an, wie es nur je in Flandern angehoben hat von einem Beifried her. Aber freilich spielt es hier einen protestantischen Choral, und dies, gerade dies, ist unterscheibenb-merkwürdig.

Das Protestantische unb bas Soldatische... Da ist eine herrliche Straße; weithin geht sie,' langsam, besonnen, zu beiden Seiten eines recht niederländischen Kanals, ben ein Kaigemäuer aus moosigem Back­stein einfaßt; zwischen bem Kanal unb ben Häusern geht je eine schöne Baumreihe mit: Adagio. In Leyden könnte es kaum anders fein, ober in Seift, ober im Haag unb in Amsterbam. Nur baß bie herrliche Straße hier ben unerbittlichen solbatijchen Namen trägt. Er steht an einem anti- kischen Hause mit hoppelten Säulenstellungen unb lautet hart:An ber Gewehrfabrik".

Dies ist Potsbam es ist aber auch klassisches Potsbam, unb ich konnte mir benten, baß bie Allee schon in ben Tagen Scharnhorsts und Gneisenaus so geheißen hat. Unb wie bem sei: auch bas Nieberlänbische verbleibt. Das Nieberlänbische bas ist: bie Zeichnung laubloser Bäume von ben stillen Häuserwänben; bie Spiegelung bieser graphisch gegitterten Zweige unb Aeste im Wasser bes Kanals, bas zwischen abenblichem Rosa unb verschüttetem Olivschwarz spielt; bie Ruhe ber Situation, bas Maß­stäbliche des gesamten Anblicks; bie leise, schlichte Abgestanbenheit um nicht zu sagen: Verstorbenheit.

Zwischen ben Bäumen stehen einige Platanen, mit bem rauchgrauen Rinbenschorf zwischen bem Blaßgelb bes geschälten Stammes unb mit einem Male muß ich, heftig fortftrebenb, jäh entfrembet, an ben Silben benten...