Ausgabe 
8.5.1931
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerKimilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Zreitag, den 8. Mai Nummer 3b

Adelaide.

Von Friedrich M a t t h i s s o n.

Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen. Das durch wankende Blütenzweige zittert, Adelaide!

In der spielenden Flut, im Schnee der Alpen,

In des sinkenden Tages Goldgewölken,

Im Gefilde der Sterne strahlt dein Bildnis, Adelaide!

Abendlüfte im zarten Laube flüstern,

Silberglöckchen des Mais im Grase säuseln, Wellen rauschen und Nachtigallen flöten: - Adelaide!

Einst o Wunder erblüht auf meinem Grabe

Eine Blume der Asche meines Herzens, Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide!

Die Schöne an der Rheinebene.

Bon K. fy. Ruppel.

Copyright 1930 by I. L. A. Wien.

Eine Nachts bricht die Blüte in den Apfelbäumen aus. Abends viel­leicht sah man noch die Knospen, am obern Rand schüchtern ein wenig geöffnet, einen kleinen duftenden Kreis, in dem zart und bebend, ergriffen vom Wunder seiner Wcltbegegnung, der Blütenkern stand, umgeben von den feinen Gitterstäben der Staubgefäße, und über dem Ganzen war, fast merkbar, eine Spannung, «ine leis« und heimliche Erregung wie vor einem Fest.

Und nachts bricht das Fest aus ...

Es scheint merkwürdig, daß die meisten Blüten über Nacht kommen. Aber zweifellos ist darin eine tiefe und geheime Vernunft wie in allen Wundern. Die Stunde des Blütenaufbruchs ist ein« beginnliche, schöpfe­risch Weltstunde. Die Natur liebt es nicht, ihre Anfänge zu zeigen. Die jungen Tiere kommen in der Nacht zur Welt, und zu der Dunkelheit des Himmels suchen die trächtigen Mutter noch den dunkelsten Winkel des Stalles ihrem Geheimnis hingegeben und ihrer Not. Jede Art des Zur- weltkommens ist eine Sache der Einsamkeit, darum kommt auch die Blüte in der Nacht zur Welt. Aber sie bleibt nicht lange verborgen, wie gesagt, sie macht aus ihrer Geburt sofort ein Fest, sie durchleuchtet die Nacht mit ihrer Farbe, sie illuminiert die Bäume mit Millionen von weißen Lichtern und verströmt ihren Duft in den leisen Morgenwind, der sich in die Luft mengt, kaum merkbar und mit einer ganz geringen Süße.

Von diesem Blütenwunder, das sich durch Monate hindurch fast alle Tage erneuert, bekommt die Bergstraße ihr verführerisches und ermüden­des Wesen. Es beginnt im Februar mit den Mandelbäumen, die ihr zartes und etwas verlegenes Rosa schüchtern zeigen, dann bricht die strahlende Parade der Kirschblüte herein, die einen weißen Staub wie zcrsprühenden Schaum von Wellenkämmen über die Abhänge breitet, die Aprikosen- und Pfirsichbäume folgen ihr mit einer sehr vornehmen Blüte, die etwas gebrechlich und äußerst zart in der Form ist, ober von einem adeligen, strahlenden Glanz der Farbe, durchsichtig und von innen leuchtend. Und dann, nach einer Pause, kommt das schäumende rotgetupfte Weiß der Apfel- und Birnenbäume mit dem verwirrenden und erschlaffenden Zauber seines Duftes. In dieser Zeit wird die Berg­straße eine kampanische Landschaft. Wer einmal mehrere Jahre den Früh­ling dort mitgemacht hat, kann verstehen, weshalb sich die Pumer und Feldherr Hannidal in Süditalienverliegen" mußten: dem süßen, ermü­denden und bestrickenden Klima ist nicht zu entrinnen, es lahmt einfach die Entschlußkraft, die dazu gehört, um sich aufzumachen unter einen Strich klaren, kaltem Windes. ,

Die Bergstraße von Darmstadt bis Weinheim etwa, ist die Fruhl,ngs- landschaft Deutschlands. Sie ist nicht charaktervoll wie der Harz seelisch reich wie das fränkische Land oder von komischer Romantik erfüllt wie die Sächsische Schweiz. Ihre Wirkung geht ganz auf die Sinne, sie ist weich und sehr weiblich: sie hat sich völlig von den Menschen bezwingen lassen, ihre Schönheit bedenkenlos preisgegeben, aber adlig wie ste ist und von höchster Anmut, trägt sie die Dörfer und Städtchen, die Land­häuser und Villen, Bahnhöfe' und Hotels wie einen kostbaren Schmuck.

Es gibt keine zweite deutsche Landschaft, die so unverschlossen wäre wie die Bergstraße; von allen Seiten ist sie begehbar und befahrbar, und längs der großen Eisenbahnlinie FrankfurtBasel liegt sie völlig offen. Es gibt dort alle Arten von Straßen, vom simplen Feldweg bis zur gendarmenbewachten, benzinüberwölkten Landstraße, aber merkwürdiger­weise empfindet man dort den Einbruch der Zivilisation noch nicht störend, im Wesen der Bergstraße ist ein mondäner Zug, der, ausfallend genug, ihr allein eignet und von dem man in dem morgendlich klaren und hellen Odenwald, dessen westlicher Ausläufer sie doch ist, keine Spur findet.

Das Offene und Uebersichtliche der Bergstraße macht es fast überflüssig, sie zu durchwandern, und es gibt genug landschaftliebende Menschen, die der Bergstraße gegenüber so gleichgültig bleiben wie bei einer Frau, an der kein Geheimnis mehr ist. In der Tat ist es möglich, im Kraftwagen zum Beispiel die Bergstraße von Darmstadt bis Heidelberg gut genug kennenzulernen; denn sie hat reine Silhouetten, kaum eine Tiefenwirkung. Gewiß gibt es dort Täler von einer fast beispiellosen Lieblichkeit wie das Stettbacher oder Balkhäuser Tal bei Jugendheim, aber sie öffnen sich alle nach der Rheinebene zu wie die sanften und freundlichen Berge, deren Anstieg ausnahmslos von da beginnt. Auf diesen Hängen wächst auch etwas Wein, aber Trauben kommen erst im Herbst, und die Berg­straße erfüllt sich im Frühling, darum ist auch dieser Wein das sauerste Gewächs in dem süßen Land, keiner, der einem die Lippen zusammen­zieht, Gott bewahre, ein wenig säuerlich nur. Sauer wird er erst durch die Umgebung, und wüchse er statt zwischen Auerbach und Bensheim etwa bei Wurzen in Sachsen, man würde ihn für schieren Nektar trinken. Ueberhaupt ist einem der Ertrag der Bergstraße, sofern man nicht davon lebt, ziemlich gleichgültig, sie ist eine Gegend, in der die Blüte eine Art lart-pour-lart-(3rünbjag ist la vie en fleurs, das übrige fällt gar nicht ins Gewicht. Ein Blütenland, ein Frühlingsland...

Wer sich müde und abgespannt fühlt, soll nicht an die Bergstraße fahren. Es kann leicht sein, daß sich die Ermüdung dort festsetzt, und man hegt sie dann, zärtlich und mitleidig, vielleicht noch ein wenig ironisch wie eine vornehme Krankheit, bezaubert und eingeschläfert von der weichen, streichelnden Luft. Dagegen kann jemand, der aus einer starken Spannung kommt, dort jene sehr erquickende und heilsame Ermüdung finden, die dem Körper wohltut und den Geist gerade so weit entrückt, daß er in Form und Farbe und Bild der Landschaft die Begrenzung des Wirklichen erkennt. Dann beginnt die leise Verwand­lung, die die Erscheinung und die Dinge identisch macht, die Frageluft aufhebt und jene Ruhe gibt, die es möglich macht, in einem heraldisch blauen Himmel kein Gleichnis mehr, sondern nichts als ein Farben­wunder zu sehen.

Oie Abenteuer des Kochs Assad.

Legende von Selma L a g e r l ö f.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

In Kairo in Aegypten lebte vor mehreren hundert Jahren «in armer Koch, namens Assad. Er war der wohlmeinendste Mensch, den man nur treffen konnte, und da er überdies sehr geschickt in seinem Fach war, hätte man erwartet, daß er in irgendeinem vornehmen Haus angestellt würde, wo man feine Diener jahraus jahrein behielt und ihnen einen guten Lohn zugestand. Aber so kam es keineswegs. Zu Anfang feiner Laufbahn bekam der Koch allerdings einige vortreffliche Stellen, aber er verlor sie gleich wieder. Und immer ging es auf dieselbe Weise zu.

Der arme Koch, der eine alte Mutter und eine junge Frau zu erhalten hatte, sah sich genötigt, mit immer schlechteren und schlechteren Posten vorlieb zu nehmen und schließlich mußte er sich bequemen, bei Said Esfendi zu dienen, einem alten Geizhals, der sein Vermögen durch Wucher und Sklavenhandel erworben hatte und in dem denkbar schlech­testen Ruf stand. Dieser Man war wie alle anderen überglücklich, als er merkte, daß sein Koch Speisen bereitete, wie sie einem Großvezir angestanden hätten. Er wußte, daß Assad unzählige Male den Herrn hatte wechseln müssen, aber er gelobte sich selbst, daß er nie die Dummheit begehen würde, ihn zu entlassen.

Das Unglück wollte es jedoch, daß in Said Effendis Haus zwei Back­ofen waren, der eine war neu errichtet und wurde jeden Tag benützt, der andere hingegen war so alt und zersprungen, daß er gar nicht mehr in Gebrauch genommen wurde. Kein Koch in Said Estendis Diensten hatte ihn auch nur eines Blickes gewürdigt, aber Assad war noch nicht lange im Hause, als er in diesen alten Ofen guckte, der dicht vor der Küchentüre stand und einem hohen weißen Bienenkorb ähnelte. Er fand ihn bis zum Rande mit Kehricht und Fetzen angefüllt, und da er ein überaus ordnungsliebender Mann war, geriet er ganz außer sich.Mag fein, daß dieser Ofen hier nicht mehr benützt wird", sagte er,aber cs ist doch auf jeden Fall ein Backofen- und es ist eine wahre Schande, daß