man ihn als Mistkiste benützt. Said Effendi wäre mit Recht erzürnt, wenn er einen solchen Unfug entdeckte.
Kaum war er auf dem warmen Sandbett eingeschlummert, als er im Traum sah, wie die Türe der Grabkammer sich öffnete und ein kleiner buckliger Alter auf der Schwelle erschien. Seine Gedanken waren so klar, als wenn er wach gewesen wäre, und er entsann sich sofort, dah der fromme Mustafa Halil bei Lebzeiten bucklig gewesen war. Er zweifelte also keinen Augenblick, dah es der Heilige selbst war, der sich ihm
schlafen. „Ich muh mich niederlegen und ein Weilchen ruhen", dachte er. „Es hat ja keinen Zweck, in der Dunkelheit ^zu arbeiten. Sowie ich mich
Seltsamerweise schien Mustafa Halil im höchsten ®rab gereizt zu fein. Er schwang einen langen Wanderstab durch die Lust, sein alter Kopf wackelte vor Erregung und aus seiner Kehle drang em Heulen, das nicht drohender hätte klingen können, wenn ein Lowe oder eine Hyäne es ausgestohen hätte. „Was soll das heißen, Wanderer, daß du den schützenden Sand von meiner Wohnstätte entferntest? „Damals, als der Weg zu meinem Grabe noch offen und leicht zu befahren war , fuhr der Heilige fort, „war es ein Zufluchtsort für eine Schar roher Räuber. Diese Gottlosen machten mein Haus zum Schauplatz ihrer Trinkgelage und Ausschweifungen. Nun seit der barmherzige Sand den Weg hierher schwerer zugänglich gemacht hat, kann ich in Ruhe schlummern. Glaubst du, ich wünsche mir, dah der frühere Zustand wieder eintrete? Glaubst du es wäre mir nicht am liebsten, wenn der ganze Bau vom tooni) bedeckt wäre? O du Missetäter! Ich sehe kein anderes Mittel zur Verhinderung deines bösen Vorsatzes, als dich unter dem Sande zu begraben, so daß du nie mehr das Licht des Himmels.schauen kannst.'
Kaum war dies gesagt, als der entsetzliche Alte sich über den Träumenden beugte und Saud über ihn zu schütten begann, ohne dah dieser imstande war, ein Glied zu rühren, um dem sicheren Tode zu entgehen.
„Was um Himmels willen soll ich tun?" dachte der Koch. „Wie wird es mir ergehen? Mustafa Halil wird sicherlich seinen Vorsatz ausfuhren und mich lebendig begraben." Wie um die Gefahr noch furchtbarer zu machen, erschienen in diesem Augenblick drei neue Personen, zwei Männer und eine Frau auf dem Platze vor dem Grab, alle drei mit riesengroßen Schaufeln bewaffnet. Mit flatternden Gewändern eilten sie zu Assad heran, kreischend vor Freude über das Unglück, das ihm zugestoßen war.
„Erkennst du mich, du Ungetüm von einem Koch?" rief die Frau. „Ich bin jene Fatima, die einst das Unglück hatte, dich im Hause zu haben. Mein Sohn hatte eine schwere Ohrenerkrankung gehabt, doch sie war schon fast ausgeheilt, als du dir herausnahmst, ihm eine furchtbare Ohrfeige zu versetzen. Da kam das Uebel wieder, und jetzt ist er für fein ganzes Leben taub. Ich will gerne behilflich fein, dich zu begraben."
Und sie begann den auf dem Boden ausgeftredten Träumer tn rasen- der Eile mit Sand zu überschütten. Der arme Assad, der ein guter, mitleidiger Mensch war, konnte nicht umhin, Schmerz über das Unglück zu fühlen, das er angeftiftet hatte. Er wurde von solcher Reue befallen, I daß er beinahe den Tod zu verdienen glaubte, der ihm drohte.
„Laß mich auch bei diesem guten Werke mit helfen", sagte der andere der Neuankömmlinge. „Du kennst mich doch, Freund Assad, ich bin Selim Bey, dein erster Herr. Eines Tages war ich sehr betrübt, weil mein bester Freund mich betrogen hatte, ich gedachte mich mit Wein zu berauschen, um seine Missetat zu vergessen. Aber du hieltest mich ab. Mein Zorn wurde nicht gestillt, und als ich ihm das nächftemal begegnete, schlug ich ihm eine tätliche Wunde. Nun wage ich mich nicht mehr in Kairo zu zeigen. Ich bin ein vogelfreier Wüstenräuber geworden, und I all das ist deine Schuld." '
Damit schleuderte Selim Bey mehrere Schaufeln Sand auf den | Liegenden.
I „Nein, überlasse auch mir etwas von der Arbeit", rief Said Effendi, I der der dritte im Bunde war. „Du heuchlerischer Schurke, du hattest I natürlich den Schuldschein entdeckt, der im Backofen versteckt war. Das
Feuer legtest du nur an, um zu bemänteln, daß du ihn gestohlen hattest. I Du Betrüger mit deinem scheinheiligen: ich dachte, ich glaubte — ich I werde dir schon einiges für das Denken geben!"
I ,Du sollst wenigstens nie mehr Gelegenheit haben, dich in das zu mischen, was dich nichts angeht", zeterte die Witwe und warf gleichzeitig
I eine große Schaufel Sand dem Träumer auf Brust und Schultern.
Dieser, der fühlte, wie sich der Sand über ihm häufte, ohne daß er I auch nur einen Finger zur Gegenwehr rühren konnte, sah ein, daß sein letztes Stündlein gekommen war. Sein Wille arbeitete, so daß der Schweiß ihm aus allen Poren drang, seine Muskeln spannten sich, aber I es kam zu nichts. Er vermochte weder um Gnade zu bitten, noch zu entfliehen. Das Blut stockte ihm in den Adern, die Brust vermochte sich I nicht mehr zu heben und zu atmen. Der mehlfeine Sand füllte seine Augen, seine Nasenlöcher, seine Ohren und seinen Mund. In wenigen Augenblicken mußte er erstickt fein. In diesem Moment der Berzweiflung hörte er Mustafa Halila Stimme: „Genug jetzt, Freunde", sagte er. I „Euer armer Diener hat jetzt seine Lektion bekommen, und ich glaube, I wir können ihn laufen lassen. Sein Baker, der fromme Koch Suffuf, war I einer meiner treusten Anhänger, und ihm zuliebe habe ich versucht, seinem Sohn zu einem bißchen gesundem Menschenverstand zu verhelfen.
Als dies gesagt war, merkte der Träumende zu seiner unsäglichen Erleichterung, wie der Sand von seinem Körper entfernt wurde. Die I Brust konnte sich wieder zum Atmen heben und die drückende Last, die auf ihm geruht hatte, hörte auf, ihn zu beschweren. Er konnte sich wieder frei umsehen. Die drei Rachsüchtigen waren verschwunden. Nur Mustafa Halil neigte sich über ihn: „Vergiß nie die Lehre, die du heute erhalten I hast", sagte er in ernstem Ton. „Wenn du in Versuchung kommst, dich in fremde Angelegenheiten zu mischen, so wiederhole dir immer selbst diese Worte: Man soll nie denken. Aber glaube nur ja nicht, mein Sohn, daß ich dir damit alles Denken verbieten will. Merke dir nur, daß, wenn ein Unglück eintrifft, wenn ein Haus brennt, wenn eine Brücke I einstürzt, wenn zwei Schiffe zufammenstohen, dies meistens daher kommt, I daß irgendein wohlwollender Mensch da war und .gedacht' hat. Vor derlei I will ich dich lehren, dich in acht zu nehmen. Erfülle deine Pflicht, tue,
mit bitl" ... v
Der Koch wich dem Stock aus und näherte sich der Ture. Hier blieb er jedoch stehen, um an den Lohn zu erinnern, den er noch zu fordern I hatte Aber Said Effendi, der gleich allen wirklichen Geizhälsen fein Geld und feine Wertpapiere nicht feiner Kaffe anzuvertrauen wagte, sondern I sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen verwahrte, hatte vor I ein paar Tagen einen Schuldschein auf ein paar tausend Zechinen in I den alten Backofen gesteckt, und als er nun hörte, daß der Mann, der I die Ursache war, daß dieses Geld verloren ging, noch Ansprüche aus I Lohn erhob, geriet er vor Erbitterung ganz außer sich-
Said Effendi sah in seinem Zorn so furchtbar aus, daß der Koch I nicht wagte, ihm Trotz zu bieten. Er stürzte auf die Straße hinaus und I lief noch lange immer weiter und weiter, aus Furcht, daß der Herr feine I Diener auf ihn hetze. Endlich wagte er stehen zu bleiben, und als er I sich nun klar darüber wurde, was ihm geschehen war, ergriff ihn die düsterste Hoffnungslosigkeit.
Er erinnerte sich der reichen Kaufmannswitwe Fatima, die ihn ganze drei Monate in ihrem Dienst behalten hatte. Sie war eine freigebige I und kluge Herrin gewesen, und er hatte gehofft, fein ganzes Leben lang I bei ihr bleiben zu dürfen. Aber einmal hatte er zufällig entdeckt, daß I ihr kleines Söhnchen sich in feine Speisekammer schlich und seine Honig- I kuchen und verzuckerten Früchte stahl. Er hatte es bedauerlich gefunden, I daß der Sohn einer so vortrefflichen Mutter sich Unarten angewöhnte, I die für feine Zukunft gefährlich fein konnten, und eines Tages erteilte I er ihm eine recht ernstliche Züchtigung. Aber da war die Witwe so zornig I geworden wie vorhin Said Effendi. Sie hatte seine Erklärungen gar I nicht anhören wollen, sondern ihn sofort weggejagt.
Er dachte ferner an Selim Bey, feinen ersten Herrn, der ihn aus I seinem Hause getrieben hatte, weil er ihn an das Verbot des Prophe- I ten, Wein zu trinken, erinnert hatte. Er dachte an all die anderen, dis I ihm wegen Dingen gezürnt hatten, die er aus reinem Wohlwollen unter- I nommen hatte.
,Mllbarmherziger!" rief er aus, „warum verfolgst du mich in dieser I Weise? Du verfolgst mich härter, als wenn ich gestohlen ober gemordet l hätte. Laß dieses Staubkorn, das nun zu dir ruft, doch wenigstens wißen, 1 was es verbrochen hat."
Und er ging geradeaus weiter. Er ließ das Stadttor hinter sich, und nachdem er durch einige Friedhöfe gewandert war, kam er in die weite I Sandwüste, die sich auf dieser Seite bis zur Stadt erstreckte. Bald stand I er auf der großen Karawanenstraße zum Roten Meer, die sich hier zwischen niedrigen, mit Flugsand bedeckten Hügeln dahinschlängelte.
Aber beim Anblick dieser Hügelkette erwachte eine Kindheitserinnerung in dem verzweifelten Flüchtling. Es kam ihm in den Sinn, wie er und fein Vater eines schönen Morgens zwischen diesen Hügeln gewandert waren, um Mustafa Halils Jahrestag zu feiern. Auf dem Wege hatte der Vater ihm von dem alten Mustafa erzählt, der einmal ein sehr heiliger Mann gewesen war, viele Wunder gewirkt und eine große Schar von Derwischen um sich versammelt hatte. Das Grab des Heiligen, ein kleiner, weißer, kuppelbedeckter Bau, hatte so versteckt zwischen den Flugsand- hügelchen gelegen, daß sie es kaum finden konnten, aber als sie glücklich hingekommen waren, hatten sie gesehen, daß eine große Menschenschar sich dort versammelt hatte, und das Fest war in vollem Gasige gewesen.
Jetzt, wo er sich traurig und erbittert über die tiefen Furchen der Karawanenstraße schleppte, sagte er plötzlich zu sich selbst: „Es ist wahr, daß Mustafa Halils Derwische tot sind, und ich glaube kaum, daß nunmehr jemand daran denkt, seinen Jahrestag.zu feiern, aber das hindert nicht, daß er noch heute im Besitz feiner Macht ist, und vielleicht könnte er mir die Aufschlüsse geben, die ich brauche, er erinnert sich vielleicht noch, daß mein Vater einer seiner getreuesten Anhänger war."
Ohne Zögern verließ er die Karawanenstraße und schlug den Weg durch die Hügel ein. Das Glück war ihm hold, so daß er nach kurzem Suchen das kleine Heiligengrab erreichte. Cs sah wirklich aus, als fei Mustafa Halil vollkommen vergessen. Der Flugsand hatte sich unbehindert vor den Wänden aufgehäuft, der Gehpfad war ganz verschüttet und die beiden Treppenstufen, die zu der Grabkammer hinaufführten, waren kaum mehr sichtbar.
Als Assad dieser Vernachlässigung gewahr wurde, geriet er so außer sich, daß er ganz vergaß, an seine eigene Not zu denken. Augenblicklich machte er sich daran, mit den Händen den Sand vom Gehpfad zu entfernen. „Wenn dies so weitergeht", dachte er, „ist ja bald das ganze Grab versandet, und man wird es nicht von einem gewöhnlichen Flug- sandhügel unterscheiden können."
Es war eine schwere, langwierige Arbeit, die der Koch begonnen hatte, und er war kaum zu den beiden Treppenstufen vorgedrungen, als die Sonne ganz plötzlich im Westen versank und die Dunkelheit sich beinahe unmittelbar darauf auf die Erde heradfenkte. Der Koch, der nach einem so anstrengenden Tage recht müde war, empfand sofort heftige Lust, zu
aus dem Herd und steckt7 es in den Backofen. All der Plunder, der sich seit Jahren da angehäuft hatte, fing sofort Feuer und verbreitete habet einen schweren übelriechenden Rauch.
Als Said Effendi einige Stunden spater aus (einer Kammer trat, um die Abendkühle im Hof zu genießen, lag dieser unangenehme Rauch noch in der Lust. Er wollte sehen, woher er kam und begab flch.Iosort >n den Küchenflügel, um dort zu fragen. Noch bevor er die Kuchenture erreicht hatte, sah er jedoch, daß Funken und Rauch aus dem alten Backofen stoben, und im nächsten Augenblick stand er wutbebend vor dem Koch fragte ihn, wie er sich unterstehen konnte, in dem ausgemusterten Ofen Feuer anzuzünden und befahl ihm, unverzüglich sein Haus zu ""^Aber Herr", sagte der Koch, der geglaubt hatte, dem alten Herrn eine Wohltat zu erweisen, „der Backofen war doch voll Kehricht, und ich 6l3CJDlan soll nie denken", rief Said Effendi und hob den Stock. „Hinaus


