Ausgabe 
7.12.1931
 
Einzelbild herunterladen

Sonst gar nicht eine so große Lage, aber 1921 ist sie geworden: wunder­bar^

Dann saßen sie wieder, und das Thema war weiter: Gertie. Aber Isa wurde nicht gefragt. Sie war fast traurig:Warum bin ich eigentlich hier?" Sie trank, der Wein tat ihr gut.

Als sie dann aufvrachen, wollte Vater Rose seinen Wagen kommen lassen. Aber Büchner lehnte ab.Wenn es Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, gehen mir bis zur Untergrundbahn, es ist ja nicht weit, und ich würde gern noch ein bißchen laufen. Man hat so wenig frische Luft."

So schritten sie nebeneinander durch die spärlich beleuchteten Villen­straßen. Die Bäume in den Gärten hinter den Gittern hatten fast schon alle Blätter abgeworfen. Es war herbstlich kühl, aber windstill. Und lautlos, ganz ungewohnt lautlos für den Großstädter.

Sie schwiegen anfangs. Dann fing Büchner an, von Roses zu sprechen.Jetzt habe ich fast Sorge um Ihre Freundin, die Welt ist doch der unseren zu fern."

.Kommt es darauf an?"

Zum Teil, gewiß. Man muß schon ein ganz großes Talent sein, um seine Umwelt ganz vergessen zu können."

Haben Sie eine Umwelt vergessen müssen, Doktor Büchner?"

Ja, auch ich. Wenn es beim Mann auch nicht diese Rolle spielt. Mein Vater war Universitätsprofessor in Bonn. Er ließ mich studieren, ich sollte esine Laufbahn einschlagen. Mich packte die Literaturgeschichte, zuerst Shakespeare, dann Hebbel, dann Grabbe. Grabbe besonders. Und nun war der Schritt zur Bühne nicht mehr wett. Vater tobte. Da hab' ich's wie die kleine Gertie gemacht, ich bin ausgerissen. Aber ich weiß, daß ich damals meinen Eltern sehr weh getan habe. Deshalb kam ich heute auch zu Roses."

Leben Ihre Eltern noch?" fragte Isa und empfand:Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß ich das alles noch nicht weiß? Daß wir heute eigentlich zum erstenmal persönlich miteinander sprechen?"

Vater ist tot", antwortete Büchner.Er hat mir zuletzt recht gegeben. Als der Erfolg da war. So ist es ja meist."

Und Ihre Mutter?"

Mutter ist in Bonn geblieben. Sie ist am Rhein zu Haus und kann sich nicht trennen. Das geht den Menschen dort meist so. Von ihr habe ich wohl den Tropfen leichteren Blutes, das zum Theater gehört. Von ihr wohl auch die Zunge für Herrn Roses guten Wein. Aber so ganz versteht sie mich heute noch nicht. Sie ist nur beruhigt, weil ich nicht mehr selbst spiele. Regisseur ist für sie mehr, fast so viel wie Privatdozent."

Möchten Sie denn wieder auftreten?"

Plötzlich blieb er stehen.Ob ich wieder austreten möchte? Ja ja. Sofort, sage ich Ihnen. Was ist denn Regie führen? Ein Vermitteln, ein Eintrichtern. Wie der Lehrer mit dem Stock. Eine Halbheit. Not­wendig, weil es nur allzu wenig wirkliche Künstler gibt. Und wenn mal, wie hier in Berlin, welche zusammenkommen, weil sie dann an verschiedenen Strängen ziehen und nun unter den Hut gebracht werden müssen. Regie ist auch Kunst. Aber spielen ist mehr."

Und warum ...?"

Warum ich nicht mehr auftrete? Weil mir das Letzte doch fehlt, Isa, der große Funke. Weil ich zwar weiß, wie es gemacht werden muß, aber es dann nicht selbst geben kann. Es ist ja nicht so leicht, wie sich's die Leute im Parkett denken. Schwer ist es, verflucht schwer."

Er schritt wieder aus, jetzt schneller. Kaum, daß sie folgen konnte. Sie wußte, er läuft sich jetzt eine Last vorn Herzen.

Ein paar Lichter mehr blitzten auf, der Bahnhof der Untergrund­bahn war da. Als sie auf dem Bahnsteig standen, der zu der späten Stunbe fast leer war, fragte Isa:Und glauben Sie, daß ich es kann?"

Seine Antwort kam nicht gleich; bann sagte er:Glauben ja. Aber wissen nein. Das entscheidet sich erst, wenn Sie oben stehen." Wieder war eine Pause.Vielleicht schon früher", setzte er dann hinzu.

Der Zug rollte ein. Er war halb voll. Eine lustige Gesellschaft, die wohl von einem gemeinsam verlebten Fest kam, füllte den Wagen mit Lärm. So schwiegen die beiden.

Vom Bahnhof Wittenbergplatz waren es nur wenige Minuten bis zur Keithftraße.

Sie waren gestern nicht bei Pistorius", sagte Büchner.

Ich konnte nicht."

Ihnen fehlte die Partnerin; ich kann's mir denken. Cs schadet auch nichts. Lassen Sie den Unterricht ruhig ganz fallen. Was sollen Sie unter den Menschen dort. Neunzig Prozent Talentlosigkeit. Das hält sie nur auf. Ich gebe Ihnen morgen etwas anderes und lasse Ihnen Zeit. Sie studieren's durch. Dann werden wir sehen."

Sie standen vor dem Haus. Er schloß auf, ließ sie ein. Die Treppen stiegen sie hinauf, erst Isa, er folgte. Die Flurtür kam, die Halle.Gute Nacht", sagte er.

Sie hielt seine Hand:Was werden Sie mir geben?"

Er antwortete nicht, sah sie nur an. Gerade über ihnen brannte eine Ampel mit hellem Licht.

Wissen Sie eigentlich, daß Sie sehr schön sind, Isa?" fragte er. Sie stand erstarrt, schloß die Augen, wartete.

Sie fühlte, wie er ihre Hand losließ, hörte, daß er ging. Seine Tür fiel zu.

Die Augen riß sie auf. Noch immer brannte das Licht über ihr. Sie wollte sich vorstürzen, zur Tür hin, zu seiner Tür, rufen: ,Küß mich nimm mich." Sie fühlte plötzlich, zum erstenmal ganz klar: ich liebe ihn.

Aber sie wandte sich um.

Wie sie es gewohnt war, griff sie nach dem Schalter, löschte die Flamme und ging in ihr Zimmer. Hinten am Flur neben der Groß­mutter.

Gertie hatte sich im Prinzenhof da» Wecken auf 8 Uhr bestellt. Als es klopfte, war sie sofort wach, rief frohherein", bestellte sich ihr Frühstück aufs Zimmer. Dann fuhr sie mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett, lief ans Fenster. Draußen kam zwar erst der Morgen her­auf, aber der Himmel war klar. Bald würde die Sonne scheinen auch das noch! Nein, war das Leben schön.

Schnell war sie in den Kleidern. Es gab ja so viel zu tun an diesem ersten Weimarer Morgen: vor allem die Zimmersuche; die wollte sie möglichst schnell erledigen. Das Dach über dem Kopf, das Heim, das sie sich selbst schasste.

Das Frühstück kam. Der Kaffee war gut, die Brötchen frisch. Sie und dachte dabei an den vergangenen Tag. Richtige Freundschaft hatte sie mit Queis geschlossen; er hatte sie noch über den Gutshof geführt, durch alle Ställe: Kühe, Schweine, Pferde, Schafe. Ihr war das alles neu und fremd gewesen. In der großen Schmiede, der eine Motorschlosserei für alle Kraftzüge, Kraftpflüge und Traktoren ange­schlossen war, hatte sie sich schon eher zurechtgefunden; und ganz ver­traut schienen ihr die Fabrikanlagen; die erinnerten an Vaters Be­triebe. Es war mit ihrem Aufbruch später geworden, als sie eigent­lich beabsichtigt hatte. Bretthauer hatte sie in der großen Limousine nach Weimar gefahren. Queis hatte sich entschuldigt, daß er sie nicht selbst brächte, aber es läge zuviel Arbeit auf seinem Schreibtisch. Ganz zum Schluß waren sie noch in die Garage gegangen, wo ihr Roadster nun stand und auf Einlösung wartete.Darf ich ihn auch mal be­nutzen?" hatte Queis gefragt, und sie hatte gelacht:Aber gewiß, er steht zu Ihrer Verfügung. Hoffentlich besuchen Sie mich oft mit ihm in Weimar."

Richtig: den Scheck, den ihr Queis gegeben, mußte sie auch abheben und sich selbst ein Konto bei der Bank einrichten. Das Geld würde schon eine Weile reichen.

Sicher fühlte sie sich. Froh war sie. Die Arbeit winkte. Der Erfolg würde kommen.

Sie zog einen leichten Mantel an, zog einen Kappenhut über den Kopf, nahm ihr Stöckchen und stiefelte los. Halb neun: Weimar war noch verschlafen, die Straßen ruhig. Es war wohl doch noch zu früh zur Zimmersuche. So pendelte sie zum Marktplatz; da stand eine Säule mit Anschlägen. Als erstes suchte Gertie natürlich das Goethe-Theater, den Spielplan. Sie las: für eine Woche war er festgesetzt mit ständig wechselndem Programm; natürlich, es konnte ja nicht anders fein, hier waren Serienvorstellungen, wie in Berlin, unmöglich. Und bann staunte sie:Krankheit der Jugend"Oktodertag"Die erste Mrs. Selby" GrabbesDon Juan und Faust" der dicke Fleischmann hatte allerlei auf dem Repertoire; er war ernst zu nehmen. So ein klein wenig Angst befiel sie: in so etwas wird er mich nun auch hinein­stecken; da heißt es, sich zusammennehmen.

Sie umrundete den Marktplatz, sah, ob irgendwo ein Schild:Zimmer zu vermieten" hing, sand aber nichts, geriet suchend in eine Neben­straße und stand nun plötzlich vor dem gewaltigen Bau des Schlosses. Er überraschte sie in seiner Größe, solche Ausmaße hatte sie im kleinen Weimar nicht vermutet. Und nun nahm sie dies Weimar gefangen und zog sie in seinen Bann.

Ehe sie recht wußte, wie und warum, stand sie auf der Jlmbrücke, sah, wie das Wasser durch den alten Bogen rauschte; sie schritt die ausgetretene Steintreppe hinab, ging zwischen Ellern und Buchen das Ilmtal hinauf. Sie hatte ja so viel über Weimar gelesen; hier mußte doch Goethes Gartenhaus fein. Ein weiter Wiesenfleck öffnete sich: richtig: da stand es ja. Ein Weg sührte hin, sie folgte ihm säst hastend und machte dann ehrfürchtig am kleinen Holzgattertor halt. Also das war es: Goethes Gartenhaus. Dann muhte ja da drüben das Haus der Frau von Stein liegen; er hatte es doch sehen können von seinen Fenstern. Die Ilm war zwischen ihnen beiden geflossen, Nebel hatten über dem Talgrund gelegen. Ader es war ja so lange her; die Bäume am jenseitigen Uferhang waren gewachsen, hatten das Gegenüber ge­trennt. Und die Menschen waren gestorben: mit ihrer Liebe und ihren Versen.

Richtig feierlich war Gertie zumute, als sie weiterschritt. Und jetzt kam sie ans Goethe-Theater. Ganz klar war ihr nun: Goethe das verpflichtet.

Längst schien die Sonne hell und warm ins herbstliche Ilmtal, färbte alles Laub golden und jede Stimmung rosig. Sie half Gertie auf ihrer großen Entdeckungsreise: zum Römischen Haus, zum Shake- spearedenkmal; die Hänge hinauf und hinab, immer Goethe im Sinn und die große Zeit: Schiller, Herder, Karl-August, Anna-Amülia, die Goechhausen. Und dann querten plötzlich die Ratsmädel ihren Sinn, so wie sie sie kannte, von der Böhlau her. Dann marschierte August, der Sohn auf und bann erst die Mutier: Christiane. Das gab ihr einen kleinen Stoß: war es nicht unrecht, daß sie ihrer so spät gedacht, eine Frau, ein weibliches Wesen müßte eigentlich früher an die Brave denken.

Aber da schob sich schon wieder Frau von Stein dazwischen, denn ihr Haus, unverkennbar, lag am Rande des Jlrnparkes, und da lief auch die schmale Gasse, die Goethe so ost gegangen, vom Frauenplan zu ihrer Tür. Rechts und links standen in ihr noch die gleichen Häuser wie damals, klein, verwinkelt; nur ein wenig schiefer waren sie wohl geworden.

Langsam schritt Gertie die Gasse hinauf. Wenn man hier ein Zirnrner- chen fände, das müßte eigentlich schön [ein, so mitten im Klassischen. Aber bann schüttelte sie doch den Kopf: nein, nein, das ging nicht: die Fenster waren zu niedrig und man hockte zu dicht bei dicht; wenn einer hier Kohl kochte, duftete die ganze Nachbarschaft. Bei aller Ehrfurcht, bei aller Liebe nein.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. Druck unb Verlag: Vrühl'fche UniversitätS-Buch» und Steinbtuderei, Lange, Gießen.