man dann an das Wort Fontanes bcnft:
sic wirklich vorhanden und durch; doch schreckt sie nicht alles daran setzt, nie zur den Lebensformen anderer
Das neue Berlin.
Von Karl S ch e s s l e r.
Karl Schefsler, der vor 20 Jahren mit seinem Buch „Berlin, ein S t a d t s ch i ck s a l" so viel Aussehen erregte, hat ein neues Buch über Berlin geschrieben, das soeben bei Bruno C a s s i r e r in Berlin erscheint: Berlin, Wandlungen einer Stadt (Preis --eb. 12 Mark, mit 80 Abbildungen — 490). Nach tiesfchürfenden Betrachtungen über die historische Stadt zeichnet er hier das neue Berlin, das „in den verslossenen beiden Jahrzehnten zwar älter, aber auch srischer, starker und selbstbewusster, zwar materiell armer, aber reicher im Willen, zugleich weltstädtischer und der Gesinnung nach deutscher geworden ist". Wir geben als beste Empsehlung für das aufschlußreiche und anregende Buch hier eine» Teil des Schlußabschnittes wieder.
Das republikanisch und demokratisch gewordene Berlin hat sich auch äußerlich sehr verändert, sind es ist nicht nur die Veränderung, die in allen Großstadtstraßen Deutschlands zu konstatieren ist, die sich in der Zunahme der Lichtreklame, im Verschwinden der Pferdefuhrwerke, in der Herrschaft des Autos, in der Steigerung und Regelung des Verkehrs ausdrückt. Das Straßenbild sieht psychologisch, so möchte man sagen, anders " ' ‘ Straßenbild
^Das^hängt nicht zuletzt mit der starken Hinneigung zum Sport zusammen. Er ist den Berlinern in vielem ein Ersatz für den TOthtmi6mu5 oder doch für das, was körperbildend in der Ausbildung des Soldaten war Nur daß nun in Freiheit getan wird, was ehemals Drill war. Die neue Stadt ist durchsetzt mit ueuangeleglen guten Sportplätzen. Man sieht die Iuaend endlich wieder spielen, sich ihres Körpers freuen und harmlos wetteifern. Der Einfluß auf die Kärperbildung ist unverkennbar: ine chnaen Berliner werden schlanker, die Bierbauche verschwinden mehr ünb3 mehr. Alles in allem erscheint das neue Berlin weniger provmz- mäbia als das Berlin vor dem Kriege. Das ist allerdings erkaust durch ein/ Dezimierung der konservative!» gefellfchastbildenden El^nentc. Die alten führenden Familien find zum größten Teil untergetaucht. An ihre Stelle find neue Reiche oder eine neue Schicht von rücksichtslos strebenden getreten. Wodurch Berlin nicht eben feiner geworden «st. Die Raffe hat sich durch die simwälzungen der letzten fünfzehn Jahre wieder
immer."
Berlin übertreibt feine Vitalität; doch ist nicht uiiterzukriegen. Die Armut blickt überall mehr Trotz der allgemeinen Armut — die „Poverteh" zu werden — nähert sich Berlin Groß- und Hauptstädte. Ein Symptom ist, daß die großen Blerhauser, die einst von einer ins Riesenhafte angeschwollcnen Provinzgesinnung errichtet worden sind, ebenso verschwinden wie die sogenannten „Wiener Cafes" An ihre Stelle tritt ein Lokal, das eine Mischung von Konditorei und Restaurant ist und das den Speise-Casäs ähnlich wird, wie man sie in Paris, Kopenhagen, Brüssel und in Ita ien findet Wenn auch noch keine Ordnung in die Essenszeiten gebracht ist — die alten Gewöhnungen sind noch zu stark —, so wird doch Nicht mehr so turbulent gearbeitet, das Wochenende, die Arbeitspause um den Sonntag herum, setzt sich mehr
aus. Es sind die Uniformen verschwunden, die früher das beherrschten, der Offizier gibt nicht mehr den Ton an; fodann ist es mit Augen zu sehen, wie das Bürgertum zerrieben wird und wie die Macht an eine noch ziemlich gestaltlose Masse gefallen ist. Das Strahenbild ist schnell und grünbtid) demokratisiert. Dazu gehört auch eine sieberorgnni- salion, eine gewisse unsichere Hast und ein dem Hypertrophischen zuneigender Amerikanismus. Dazu gehört es, daß sich die Entivicklungen in Vorstößen und Rückschlägen vollzieht, daß Hausfe und Baisse sich, nicht nur an der Börse, schnell und jäh ablösen. Ein überreges Interesse für alles, ein stetes Aufnehmen und Wiederfallcnlaffen der Eindrücke gehört zu der Zirkusluft dieser wieder einmal gewandelten Reichsweltstadt. Es gehört zum neuen Stadtgefühl, daß von 1924 bis 1930 etwa 135 000 neue Wohnungen für eine halbe Million Menschen in der Hauptstadt eines besiegten und tributpflichtigen Landes erbaut worden sind, daß zur selben Zeit aber in gewissen Gegenden des Westens jedes dritte bessere Haus zum Verkauf oder zur Vermietung angeboten wird, daß überall anspruchsvolle Neubauten, vor allem von Geschäftshäusern entstehen, während von den alten Stuckfassadcn die Gipsornamente herunlersallen und kein Geld vorhanden ist, sie vom Maurer und Maler in Ordnung bringen zu lassen, daß viele Läden ausgebrochen worden sind, daß man zugleich aber auch durch blinde Ladenfenster in leere, uiwermietbarc Verkaufsräume blickt, daß die Kaushäufer voll sind und in Licht glanzen wie zu Zeiten des Reichtums, die Einzelläden aber nicht mehr bestehen können und das Aufkommen von Massenartikeln dulden müssen, deren Einheitspreise die alte verderbliche deutsche Devise zu Ehren bringt: billig und
schlecht. r _ ,
Hier sitzen charaktervoll verarmende Mieter in zu großen Wohnungen, die sie nicht losschlagen können, dort verlangen immer noch Hunderttausende vergebens nach Kleinwohnungen; hier regt sich in immer neuen Formen unterdrückte Unternehmungslust und brütet oft Wunderliches aus- dort steigt die Zahl der Arbeitslofen gerade in der Reichshauptfladt ins Beängstigende. Die Zeitungen schreien viermal am Tag mit ihren aufreizenden Schlagzeilen. Hastig greisen die Passanten danach: aber nad) einer Stunde haben sie die Sensationen schon wieder vergessen. Trotz politischer Provokationen, trotz Ausruhr, Totschlag, Verleumdung und Demonstrationsradau wird in einem tieferen Sinne die ruhige, skeptische Vernunst des Berliners nicht ersck)üttert. Er fällt aus alles eigentlich herein auf feiner Suche nach Illusionen, aber es dauert nie lange. Nad) kurzer Zeit tut er den Zeitirrtum, die Zeitmode mit einem Witzwort wieder ab. Immer noch und mehr denn je ist Berlin die Stadt der Kritik und der Selbstkritik. Es ist immer noch nicht genug Charakter im Positiven da, im Negativen aber ist er vorhanden. Immer noch und mehr denn je erweist das Stadtindividuum Berlin sich als Autodiktat. Wobei man dann an das Wort Fontanes denkt: „Autodidakten übertreiben
vergröbert, das Profil ist derber geworden. Was dann im Gefolge hat, daß fick) die neue Großstadtbevölkerung um Berlin nicht gerade zärtlick) kümmert und unberührt zusiehl, wenn »vertvolle historische Baudenkmale ohne Not abgerissen oder wertvolle alte Bäume und Baumreihen gefällt werden, wo die Verkehrspsychose es gebietet.
Diese Verkehrspsychose ist nur ein Symptom. Sic weist auf den Umstand hin, daß selbst diese neue, zur Zeit bankrotte, immer aber noch höchst verwegene Großstadtgesellschast in allem über ihre Verhältnisse lebt. Selbst die an sich bewunderungswürdige Bautätigkeit ist im Grunde über den Verhältnissen Groß-Berlins. Eine Folge dieser immer noch vorhandenen Prahlerei ist, das; alles scheinbar zufällig entsteht, sprunghaft und willkürlich. Das Entscheidende ist aber, daß in der Abfolge des Zufälligen etwas wie eine unsichtbare Methode ist. Diese Methode ist Instinkt für die Zeit. In ihm ist eine Kühnheit, die, trotz allein, immer wieder imponiert; es ist sogar eine gewisse leichtsinnige und etwas alberne Genialität darin. Woher es kommt, daß der Geist Berlins für die großen sozialen und wirisd;aftlichen Umwälzungen, die ja erst begonnen haben, iind die sicher noch manches Jahrzehnt beschäftigen werden, ein Uhrzeiger ist, aus den die ganze Welt aufmerksam blickt. Man kann sich heute zur Not jede deutsche Stadt ausgeschaltet denken, als sei sie nicht vorhanden, ohne daß das Ganze des Reiches dadurch in der Wurzel erschüttert würde; Berlin allein kann man sich nicht wegdenken ohne Katastrophe und Zu- (ammenbrud). Bis zu gewissen Graden ist jetzt — jetzt erst — Berlin identisch mit dem Begrifs Deutschland geworden. Bevor es geschehen konnte, muhte es erst ganz schlimm kommen ...
Was früher ein Nachteil war, die relativ geringe Bedeutung des Historischen in Berlin, das erweist sich nun fast als ein Vorteil. Berlin kann ungehinderter als andere Städte in seine Zukunstsmission hineinwachsen, es ist sozial weniger gehemmt. Berlin geht, wie sich deutlich zeigt, voran in der Auflösung, in der 'Auflockerung der Großstadt zugunsten einer neuen Bildung, die man als Stadtland bezeichnen könnte. Aus der Stadt tvill eine Stadt-Provinz werden, die Stadt (rijirft sich an, aufzugehen im großen Ganzen des Landes, ja des Reiches. Nicht, um sich selbst auszugeben, sondern um eine neue Periode der Geschichte einzuleiten, in der das ganze Reich mit großstädtischem Geist erfüllt werden soll. Dagegen sträuben sich jetzt noch alle konservativen Instinkte, und darum ist Berlin im Reiche heute fo verhaßt wie nur je in früheren Jahrzehnten. Als Störenfried, als Unruhestifter, als beständig vorwärts drängendes Lebens- clemenl. lieber die Unbeliebtheit geht Berlin aber so unsentimental hinweg, wie es stets über Abneigung hinweggegangen ist. Es lebt weiter „nach dem Gesetz, wonach es angetreten", es fährt fort, immer zu werden und niemals eigenttid) zu fein, und es versetzt den nachdenklichen Betrachter damit in eine Verwunderung, die in einer kritischen Weise tätig macht, die keine konventionelle Beurteilungsweise erlaubt und die eine Ehrfurcht vor dem Walten und den Wegen der Natur in der Weltgeschichte zurückläßt.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Da gibt’s gar nicht so viel zu erzählen, gnädige Frau. Berus wie jeder andere. Er verliert viel von seinen Geheimnissen, wenn man erst mitten drin steht."
„'Aber wir müssen doch jetzt wenigstens wissen, was Gertie zu tun hat." „Zu lernen, gnädige Frau, zu arbeiten. Das dürfte wohl die Hauptsache fein."
Isa sah zwisd)en Büchner und Vater Rose. „Ich soll Sie von Gertie grüßen, Herr Rose." Sie lehnte sich etwas zu ihm hin und sprach verhalten, „sie hat es mir aufgetragen, als sie absuhr, und hat es mir dann wieder geschrieben. Wenn auch nicht direkt, aber ein Gruh ist es doch."
Er griff nad) der Karte, las. „Das gute Mädel", sagte er.
Mehr Worte wechselten sie während des Essens nicht, denn Mutter Rose hatte Büchner ganz mit Beschlag belegt, sie fragte pausenlos, und er muhte antworten. Und tat es. Tat es liebenswürdig und überlegen. Nur Isa sah wohl, dah manchmal ein Lächeln sich um feine Mundwinkel legte. Aber er hatte für jedes, was Mutter Rose wissen wollte, eine Auskunft bereit und glättete ihre Erregung. Er sprach für Gerste, er lobte, er sagte ihr eine große Zukunft voraus, er schilderte Weimar und das Goethe-Theater.
„Rührend ist er", dachte Isa, „rührend gut." Immer wieder sah sie ihn an. „Dah er seine Zeit so opfert, daß er sich freigemacht hat, um Roses hier zu Helsen, denn einen anderen Grund kann sein Kommen doch nicht haben. Es ist wirklich gut von ihm."
Wie es bei Tisch gewesen, so war es nachher. Mutter Rose und Büchner sprachen. Man sah nun im Herrenzimmer auf den Ledermöbeln vor dem Kamin, in dem das Gasfeuer brannte. Nur einmal griff Vater Rofe ein: „Jetzt hole 4d) aber die gute Flasche, die ich Ihnen versprochen habe." Er ging und kam mit hauchdünnen Römern wieder, goh einen bernsteinfarbenen Wein ein, dessen Tropfen wie Oel an den Gläsern hingen. „Und nun wollen wir auf ©erlies Zukunft trinken."
Sie fließen an. Das feine Glas fang in Hellem Ton.
„Auch auf die Ihre", sagte Büchner leise, als er mit Isa anstieh, „auch Ihre Stunde wird kommen."
Isa trank, sie fühlte, der Wein war edel und schwer, von einer herben Sähe; ein voller, weicher Dust flieg aus dem Glase, fast betäubend.
Büchner nahm nur einen kleinen Schluck auf die Zunge, bann setzte er ab. „Donnerwetter!" sagte er ehrlich. „Donnerwetter, das ist ein Wein." Wieder hob er das Glas zum Munde, schlürfte, ließ den Wein unter die Zunge gleiten.
Ehrlich freute sich Vater Rose. „Ich hab's ja gemuht, daß Sie was von Wein verstehen würden. Angesehen hab' ich es Ihnen." Er zeigte Flasche und Etikett. „1921er Hallgartener Schönhell Riehling Auslese.


