fein, wenn er fortginge; auch fehlte es ihm keineswegs an Geld, um ohne weiteren Erwerb fein Leben zu fristen. Aber es war doch unwürdig! Die Welt war aus den Fugen, in feinem armen Vaterlande kribbelte und wuselte es wie in einem Ameisenhaufen, den rohe Fußtritte zerstört haben, — ging ihm denn das gar nicht zu Herzen? Doch, sehr. Es war kein Abend, an dem das Schicksal seines Volkes ihn nicht lchmerzlich beschästigte, aber sein Wille blieb gelähmt, er fühlte nicht den leisesten Antrieb, sich da hlneinzustürzen, mitzuschafsen, mitzuhelfen. Wie schon hundertmal ging er von neuem die Reihe der Berufe durch, die wohlmeinende Freunde ihm vorgeschlagen hatten, — nein, es paßte ihm keiner. Auch der Ossiziersberuf hatte ja im Grunde nicht für ihn gepaßt, aber da war er eben hineingestohen worden, als er noch halb ein Kind war. Nun stieß ihn nichts von außen und nichts von innen, und so sah er denn, ein Mann auf der Höhe seiner Schassenskraft (er lächelte schmerzlich) in der Sofaecke, rauchte, träumte und war traurig. Seinen Kameraden ging es zum Teil nicht viel anders, aber sie strengten sich doch wenigstens an, schrieben Briese, machten Reisen, stellten sich vor, ober sie waren zum mindesten verbittert, — aber auch das war er nicht einmal. Er war gar nicht verbittert, dessen war sein Gemüt nicht fähig. Er war nur traurig und dachte: „Hätte doch der Krieg mich verschlungen wie so viele andere. Dann hätte ich einen rühmlichen Abgang gehabt, — aber so — ich passe nicht in die Welt. Gott weih, wie es weiter gehen soll!"
Die graue Düsternis, die er so gut kannte, umhüllte ihn dichter, und um ihr zu entgehen, zwang er sich, an Rudis Morgenbesuch zu denken, als an etwas Freundliches und Lichtes. Aber auch das freute ihn nun nicht mehr, alles verfchattete sich wieder in unbestimmter Traurigkeit.
Da plötzlich erhob ein kleiner Wih in feinem Innern das Haupt, sah ihn frech an und piepte: „Werde doch Weihnachtsmann!"
Er lachte kurz auf und wollte eben denken: „Ja, in solcher jenseitigen Welt, da fände sich allenfalls ein geeignetes Pöstchen für mich." — Aber mit einem Male ging eine merkwürdige Veränderung mit ihm vor: das Lächeln erstarb, seine Augen öffneten sich starr zu unnatürlicher Gröhe, auch sein Mund öffnete sich rund, tief holte er Atem, und dann tarnen folgende merkwürdige Worte aus seinem Innern:
„Warum eigentlich nicht?"
Es erwies sich nun, wie tief und richtig die Worte seines Freundes waren, wie wirklich alles, was anderen nur ein Spaß wäre, von ihm ernst genommen wurde. Dieser abenteuerliche Gedanke, der jedes anderen . Mannes Hirn nur sekundenlang als kleiner witziger Einsall beschäftigt hätte, begann in ihm zu gären und alles in Wallung zu bringen. So stark wurde die Erregung feines Innern, daß es ihn aus seiner Sofaecke auftrieb, mit leidenschaftlichen Schritten begann er im Zimmer auf und ab zu gehen, machte sich sinnlos am Ofen zu schaffen, blieb am Fenster stehen, ohne übrigens von der strahlenden Winterwelt draußen das Geringste zu bemerken, und von Minute zu Minute wurde sein Gesicht mehr von innerlichem Leben durchqlüht. Der winzige Keim entfaltete sich, wuchs und gewann Farbe und Gestalt mit schier unglaublicher Schnelligkeit.
Das blaue Häuschen in der Einsamkeit, umgeben von Obst- und Nußbäumen, die Bienen und viele buntfarbige Sommerblumen zu ihrer Speise, das Backen im Winter, und bann die geheimnisvollen weihnachtlichen Gänge zu den Menschen, zu den Kindern — war das alles nicht zu verwirklichen auf Erden so gut wie im Himmel? Hatte er nicht Geld genug für diesen Plan und dazu noch alle seelischen Vorbedingungen? — die scheue, verschwiegene Menschenliebe, das seine Verständnis für Kinder, die Liebe zur Natur, den Hang zur Einsamkeit und Absonderung, die Freude am Romantischen, — alles, alles stimmte!
Und war der Weihnachtsmann etwa in diesen harten und trüben Zeiten überflüssig geworden?
„Ganz im Gegenteil", sagte er plötzlich laut und überzeugt in die Stille feines Zimmers hinein.
Es kam ihm nun so vor, als wenn schon seit Jahren alles auf diesen Lebensberuf hingezielt hätte. Immer hatte er in befreundeten, mit Kindern gesegneten Häusern den Weihnachtsmann machen müssen, und mit bescheidenem Stolz erinnerte er sich, wie die Eltern jedesmal nach einem derartigen Besuch des Lobes voll gewesen waren. Er verstand es, in den Kindern jenes geheime übersinnliche Grauen zu erwecken, ohne sie doch zu verstören; seine tiefe Weihnachtsmannstimme führte sie in die Welt der Wunder, erregte und beruhigte zugleich. Noch gestern beim Abendbrot hatte feine Schwester zu ihm gesagt: „Du bist der geborene Weihnachtsmann!" Nun also, hatte er denn nicht recht?
Ja, es war klar, keineswegs nur Neigung und Freude am Absonderlichen wiesen ihn auf diesen Weg, — die einfachste Verminst, ja sogar die Pflicht sprach dafür, daß er Weihnachtsmann wurde!
Einen Augenblick mußte er lachen bei dem Gedanken, daß Freunde ihn fragen würden: „Nun, was bist du geworden?" Und er dann der Wahrheit gemäß antworten müßte: „Ich bin Weihnachtsmann geworden!" Aber felbstverftändlich würde er so nicht antworten, nein, dies mußte sein allereigenstes, liebevoll gehütetes Geheimnis bleiben. In den Augen der Welt würde er einfach ein kleiner Siedler und Obstzüchter sein, wie es deren jetzt so viele gab. Mit aller Sorgfalt wollte er den weihnachtlichen Goldglanz, der um fein Haupt wehte, verbergen!
Er stand nun schon eine Weile am Fenster, blicklos hinausschauend in jenem wunderbaren Zustand von Erhabenheit, den er so oft durchlebt hatte, wenn irgendein Einfall, ein Gedicht, ein kleines Theaterstück sich glücklich in ihm zu formen begann. Nur daß die Wonne des Schaffens und Bildens ihn nie [o stark, fo restlos erfüllt hatte, wie jetzt. Kein Wunder, alles Bisherige war ja auch Stückwerk gewesen, mar nur so nebenher gegangen, nun endlich, spät genug, aber nicht zu spät, hatte er das gefunden, was feinem ganzen Leben Inhalt geben konnte, — endlich hatte er feinen Beruf gefunden.
„Ich werde Weihnachtsmann!" flüsterte er glückselig.
(Fortsetzung folgt.)
Mozart und wir.
Eine Betrachtung am 140. Todestage.
Von Dr. Adolf Raskin.
Mit zehn Jahren ist Mozart in ganz Europa berühmt — mit 36 Jahren stirbt er in Armut. Sein Schicksal erfüllt sich auf merkwürdige Weise: je älter er wird, um so kleiner ist seine Gefolgschaft. Die Musik- liebhaber rücken von ihm ab, weil er ihnen zu „modern" wird. Seine Stellung als kaiserlicher Komposiieur gibt ihm „zuviel für das, was er leistet und zu wenig für das, war er leisten könnte". Was er ohne Auftrag komponiert, bringt nichts ein, und Aufträge gibt man lieber einem Komponisten, der „verständlicher und angenehmer schreibt". Schicksal eines modernen Musikers, möchte man sagen — wenn sich da nicht gleich ein Dutzend „Auch-Moderner" von heute auf Mozart berufen würde.
Mozart frönt ein musikalisches Zeitalter: die Musik des Rokoko, die galante, formvollendete, formachtende Ablösung des musikalischen Hochbarocks. Er steht zwischen Bach, dem Hochmeister des Barocks, und Beethoven dem Hochmeister der Klassik. Unterirdische Fäden und überirdische Klänge verbinden seine Musik mit Bach, der 1750, also sechs Jahre vor Mozarts Geburt, starb und mit Beethoven, der als 22jähnger, ein Jahr nach Mozarts Tod, von Bonn nach Wien übersiedelt. Zwischen Bach und Beethoven, zwischen der objektivierenden Fuge Bachs und der subjektivierenden Sonate Beethovens, zwischen der absoluten unpersönlichen Bachschen Form und dem urgewaltigen persönlichen Beethoven- schen Ausdruck, zwischen Tonschöpser und Tondichter steht Mozarts Werk auf der Grenze zweier abgrundtief getrennter Welten: Mozart, ber Schwebend-Leichte, der Gottlich-Spielende, der Melodienzauberer.
Bach läßt Linien sich ballen und verströmen, Bach staut die Bewegungsenergien der Tonfolgen und läßt sie über breite und enge, hohe und niedrige Stufen verrauschen. Wie das Wasser von den großartigen Terrassen der barocken Gartenanlagen ergießen sich seine Tonströme durch die kunstvollen Anlagen seiner Fugen und Toeeaten.
Beethoven ertrotzt von der Musik den Ausdruck des Einzelmenschen, den Ausdruck des seelischen Kampses, den Ausdruck des modernen Dramatikers. Seine Sonaten und Sinfonien find Bekenntnisse eines Individuums, sind weltanschauliche Auseinandersetzungen, sind Kämpse, Siege und Niederlagen. Beethoven legt den wichtigsten Grundstein für die Ausdrucksmusik des 10. Jahrhunderts. Er schafft das mufikalifche Symbol für dieses Jahrhundert des Individualismus — er, der rhythmisch markante Dramatiker, er, der „Tondichter".
Mozart schwebt zwischen beiden über dem Abgrund, der sich aus- tut zwischen einer untergehenden und einer neuwerdenden Welt. In Mozart stießen Abenddämmerung und Morgengrauen ineinander. Mozart ist die wundersame, ruhevolle, Schönheit atmende Nacht, der Sonnenwende, und da ist die Melodie das Wesentliche, die Fülle der Melodien das Geniale und die überirdische, von Kampf und Opfer unberührte Schönheit das Absolute, das Ewig-Gültige. Mozarts Musik ist restlose Hingabe an das Schöne, ist köstliche Andacht nach dem Naturereignis Bach, ist Verklärung der gegenständlichen Form, ist Ruhe vor dem Sturm der Beethovenschen Revolution. Zwischen den gegensätzlichen Wirklichkeiten Form und Kampf schwingt die unwirkliche Melodie Mozarts. Aber wir würden Mozarts Größe nur halb begreifen, würden wir nicht in feinem Schaffen die geheimen Kräfte spüren, die ihn mit der Urwelt Bachs und dem Dämon Beethovens verbinden: leise schwingt der Klang des uorübergegangenen Erlebnisses durch die Mozartsche Tonwelt und es droht in ihr das kommende Ereignis.
Diese Universalität, dieses Anknüpfen an das Vergangene, dieses Ahnen des Kommenden, dies alles erst erhöht die Einmaligkeit dieser Erscheinung, die sich in 36 Jahren erfüllen konnte. Die einen sagen ihm nach, seine Musik sei nicht kämpferisch, — und sie wissen nicht, daß sie damit erst recht die Größe dieses Wunders „Mozart" anerkennen. Andere sagen, er habe die Dekadenz seines Zeitalters künstlerisch geformt, musikalisch gestaltet — und sie haben Recht. Wieder andere sehen in ihm den Wegbereiter der Zukunft, den Ahnherrn Beethovens — und auch sie sind nicht im Unrecht. Aber: wer einseitig Wurzel oder Wipfel oder Stamm oder Blattwerk eines Baumes betrachtet, ohne das Ganze zu sehen, der kann nie begreifen, was der Baum bedeutet. So steht Mozart zwischen Abend und Morgen. Und die Tage, die er trennt, waren lange und Helle Tage der deutschen Musikgeschichte. Eben wieder ist ein solcher Tag zur Neige gegangen und Nacht scheint über uns zu sein. Viele haben in der Dunkelheit den Weg verloren und irren über Brachfeld und fruchtbares Land. Wer der Mozart dieses lieber- gangs sein wird, das wagen wir heute nicht zu entscheiden. Als „modern" verschrien zu fein, das allein kann nicht genügen, den Anspruch zu erheben oder gar zu begründen. Aber dieses eine muß gesagt werden: im ewigen Wandel der lebendigen Dinge sind wir wieder dort angekommen, wo aus Abenddämmerung und Morgengrauen der neue Tag geboren werden soll. Es gilt, die Zeichen der Zeit nicht falsch zu deuten.
Die Wandlung, die wir heute erleben, ist ähnlich jener Wandlung, die sich zu Mozarts Zeiten vollzog — nur die Vorzeichen haben sich verkehrt. Nach Mozart bricht sich der Individualismus, der Subjektivismus Bahn und bestimmt das musikalische Schassen des 19. Jahrhunderts. Die in Beethoven freiroerbenben Energien haben sich erschöpft. Der Wille zum „subjektiven Ausdruck" hat in dem Schassen der nachbeethovenschen Generationen seine Erfüllung gefunden und die Musik im Impressionismus, bann im Expressionismus unb schließlich im anarchischen Atonaiismus an die äußersten Grenzen der musikalischen Bezirke geführt. Wir sind muten in der „Umkehr". Wir suchen zurück und vorwärts zugleich — die Musik „wandelt" sich wieder zum objektiven Ausdruck, zu einer überpersonlichen, formgebundenen, der Eigengesetzlichkeit des Absolut-Musikalischen unterworfenen Musikanschauung, und wir dürsten uns glücklich schätzen, wenn uns dieser schmerzhaste liebergang durch einen Mozart versüßt mürbe, von einem Mozart, den Max Reger so inbrünstig herbeisehnte, als er sagte: „Gott möge uns einen Mozart senden, der tut uns so bitter not .


