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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 195|
Montag, den 7. Dezember
Nummer 96
Advent.
Von Martin Wels«.
Kranz aus grünen Zweigen hält Lichter rot und weiß.
Leuchten in die dunkle Welt Einem Kind zum Preis.
Einem Kind, das arm und bloß In der Krippe lag, Das der finstre Erdenschoß Sandte in den Tag.
Lausche, Mensch, und gib dich ganz Frommem Zauber hin, Weihnacht naht, ihr milder Glanz Strahlt seit Anbeginn.
Der Weihnachtsmann.
Erzählung von Marie Hensel.
An jenem Wintermorgen hatte es angefangen. Heinrich saß beim frühstück in dem behaglichen Gästezimmer seiner Schwester, das ihn, der durch den Krieg Heimat- und berufslos geworden war, nun schon so lange beherbergte. Wie immer um diese Stunde empfing er den Besuch seines Freundes und Neffen Rudi. Er stand vor ihm in seinem blauen Wintermäntelchen, das Ränzchen auf dem Rücken, und sein hübsches frisches Jungengesicht strahlte. Gestern abend spät war nämlich der Weihnachtsmann dagewesen — leider, leider hatte der Onkel ihn nicht mehr getroffen (ach, es war sein Schicksal immer, erst zu kommen, wenn der große Mann eben das Haus verlassen hatte!), und nun mußte dies Ereignis noch einmal gründlich von allen Seiten beleuchtet werden — Wie kam er an? — Wie klopfte er? — Wie sprach er? — Was hatte er an? '— Rudis Bericht war lebhaft, oft von mimischen Darstellungen unterbrochen. Schon auf der Treppe hatte er gestrampelt wie hundert Bären, und dann hatte er dreimal an die Türe geklopft, ganz stark: „Wart mal, Onkel, ich mach' es dir mal vor!" —' und dann wäre er hereingekommen, riesengroß.
„War er größer als ich?" (Es kitzelte den Onkel, diese Frage zu stellen.)
„Wie du?" Rudi lachte einfach Hohn. „Biel großer, er ging ja beinah nicht durch die Tür, und weißt du, was er auf dem Kopf hatte? So was, wie du immer unter dem Schreibtisch hast — sieh mal, hier", und er zog den Fußsack seines Onkels hervor und zeigte ihn triumphierend. Sein Gesicht blieb völlig arglos.
„Leg ihn nur wieder hin", sagte Onkel Heinrich und staunte innerlich: „Welcher Glaube, — durch nichts zu erschüttern!"
„Paß mal auf, Onkel, jetzt bin ich noch mal der Weihnachtsmann (weißt du, nur im Spaß!) und du mußt mal ich fein." Rudi stampfte wie im höchsten Zorn auf dem roten Teppich hin und her, das Apfel- gesichtchen in furchterregenden Falten zufammengezogen. „Sind artige Kinder hier?" brummte er, den Onkel durchbohrend anblickend. „Ja", sagte dieser zaghaft. — „Kannst du auch beten?" brummte er wieder, aber dieser Teil seiner Rolle war dem Onkel peinlich. „Nein, Rudi, beten tut man nicht im Spaß, das hat der liebe Gott nicht gern. — Hat er dir denn viel mitgebracht?" — „Ja, furchtbar viel, aber jetzt ist schon beinah alles weg! — Wieviel Uhr ist es, Onkel Heinrich?" — „Du hast noch eine Viertelstunde Zeit."
Rudi setzte sich auf seinen angestammten Platz, die kleine Truhe unter dem Fenster, und nach der Erregung trat nun eine besinnliche Stille ein. — Die Sonne durchleuchtete Rudis blonden Schopf, man hörte wieder die zart summende Stimme des Wasserkessels im Ofen, man roch den feinen herben Duft des Alpenveilchens auf dem Frühstückstisch. Sorgfältig strich der Onkel sich ein Honigbrötchen nach dem andern, und Rudi träumte. — Seine Augen hatten sich jetzt im inneren Schauen erweitert, seine Stimme klang seltsam verändert, als er begann:
„Weißt du, im Himmel, da hat der Weihnachtsmann ein ganz kleines blaues Häuschen und einen großen Obstgarten drum rum, da wachsen all die roten Aepfel drin, die er nachher den Kindern bringt. Und Nußbäume hat er auch, weil er doch auch Nüsse bringen muß. Und dann hat er viele Bienen, die machen ihm den Honig für all die Honigkuchen. Da arbeitet der Weihnachtsmann den ganzen Sommer furchtbar fleißig in seinem Garten, und wenn die Aepfel reis sind, dann kommen all die
kleinen Engel angeflogen und helfen ihm die Aepfel abzunehmen. Er braucht gar nichts zu machen, die Engelchen fliegen einfach oben um die Baume und pflücken im Fliegen alles ab, und wenn sie ganz viel in >yren weißen Hemdchen haben, daß es ihnen zu schwer wird, bann fliegen fie herunter zum Weihnachtsmann, der steht da und sammelt alles in die großen Körbe und trägt sie in seinen Obstkeller. — Und bann vor Weih, nachten, ba fängt er an zu backen, aber ba bürfen bie kleinen Engel noch nicht helfen, da sind sie noch zu klein dazu und naschen auch zu viel. Da backt der Weihnachtsmann ganz allein in seinem Häuschen, den ganzen Tag und die ganze Nacht." Rudi verstummte einen Augenblick, ganz vex- sunken in den Anblick unendlicher Berge verschiedenartigster Weihnächte. Plätzchen. „Und bann an einem Abenb packt er seinen Sack voll und nimmt seinen bieten Stock unb seine große Mütze, unb bann sucht er sich ein kleines Loch im Himmel, bas macht er sich mit bem Stock noch ein bißchen großer, unb bann setzt er sich einfach auf seinen Stock unb hurrah! — saust er burch bie Wolken auf bie Erbe runter!"
„Rudichen, ich glaube, bu mußt jetzt gehen."
Es war fast schabe zu stören, aber Pflicht ist Pflicht. Rubi kehrte mit erstaunlicher Schnelligkeit in bie Wirklichkeit zurück, schulterte sein Ränz. chen und verabschiedete sich.
„Aus Wiedersehen, Onkel Heinrich!"
Die Tür schloß sich hinter ihm, der Onkel zündete sich eine Zigarette an> lehnte sich in seine Sofaecke, und feine Augen nahmen einen ähnlichen Ausdruck an, wie die feines Neffen vorhin. Wie hübsch er das erzählt hatte von dem Weihnachtsmann in seinem blauen Häuschen, — natürlich mußte es blau fein! Besonders gut hatte ihm die himmlische Apfelernte gefallen, mit den kleinen Engeln, die um die Obstbäume flattern.
Nun ging der kleine Neffe an seine Arbeit, und der lange Onkel saß wieder einmal in unbestimmtes Sinnen verloren, wie ihm das jetzt so ost geschah, ba keinerlei Verpflichtung mehr feine träumerische Seele in wohltätigem Zwang hielt. Er war Offizier gewesen, warum, bas wußte N'cmand mehr so recht. Es lag in der Familie, unb er hatte sich nicht gewehrt. Auch war seine Erscheinung, sein Auftreten, seine Führung als Offizier ohne Zabel gewesen, und im Kriege hatte er bewiesen, daß es >hm keineswegs an persönlichem Mut fehlte, wenn es darauf ankam. Ein Spielverderber war er ebenfalls nie gewesen, sogar ganz ungewöhnlich beliebt bei seinen Kameraden, — man konnte sagen, daß er keinen Feind hatte. Unb doch unterschied er sich gänzlich von allen anderen — es war nicht recht zu fassen, worin es lag —, es war so, als ob eine dünne durchsichtige Hülle ihn umgäbe unb von ber übrigen Welt abschlösse. Freundlich blickten seine blauen Augen daraus hervor, freundlich war er überall dabei, — unb boch nicht dabei; bie Hülle umschloß ihn, war sein Schutz unb feine Qual.
Die Feinfühligen unter seinen Kameraben empfanden wohl, daß etwas Schmerzliches an diesem ewig heiteren, liebenswürdigen Kameraden war, aber ba er nicht nach Teilnahme zu verlangen schien, so bekümmerte sich auch niemanb weiter darum. Denn die Welt gibt selten mehr an Mitgefühl, als unbedingt gefordert wird. Dagegen trug jedermann seine Nöte zu ihm, — er hatte eine so große Geduld beim Anhören unb ein so warmherziges Verstänbnis und half und tröstete weniger durch Worte ober gar Ratschläge als durch die reine, unverdorbene Seelenluft, bie ihm eigen war.
Man hatte sich gewöhnt, ihn als heimlichen Dichter anzusehen, was er immer wieder verschämt abwehrte. Aber soviel war offenbar: während er seinen Beruf zwar ordentlich, aber ohne wirklichen Eifer, vor allem ohne bie geringste Beimischung von Ehrgeiz ausübte, erwachte immer ein besonderes Feuer in ihm, wenn es etwas galt, was fernab vom Ernst des Lebens lag. „Wirklich ernst wird er immer nur, wenn er Spaß macht", hatte ein Freund von ihm gesagt. Eine Aufführung, ein Gedicht, eine Verulkung, ein Fest, — all dergleichen wurde unweigerlich in seine Hände gelegt, und er entwickelte bann soviel Phantasie, so viel heitere, spielerische Laune, so viel nachhaltigen Eifer, ja unter Umftänben sogar List unb Verstellung, baß er jebem solchen Unternehmen zu unerwartetem Erfolg verhalf. Danach sank er wieder in seine gewohnte stille, ein wenig träge Alltagsverfassung zurück, tat seinen Dienst schlecht unb recht unb faß in seinen Mußestunben in ber Sofaecke, träumenb unb rauchend.
So saß er auch jetzt. Eigentlich war es eine Stunde, wie er sie liebte, — bie Warme, bie bem Ofen entströmte, bie schrägen Sonnenstrahlen, bie ben letzten Winkel bes Zimmers freundlich belebten, bie altvertrauten Mahagonimöbel mit den grünen Bezügen (sie stammten aus seinem Elternhaus) alles wollte ihn mit Behagen umfangen. Und boch: wie lange fällte bas eigentlich noch gehen, baß er hier Tag für Tag unb stunden- lang faß unb Zigaretten rauchte? War bas menschenwürdig? Zwar bie äußere Nötigung, seine Lage zu oeränbern, war gering: seiner Schwester die Kriegswitwo war, fiel er nicht zur Last, sie liebte ihn, unb er nahm ihr allerhand ab und erheiterte fie, — Rubi würde sogar ernstlich betrübt


