Lag ich in einer gar behaglichen Wieg', denn ich war das einzige Söhnlein und Goldkind, und hatte mein Herr Vater eine besuchte Baderstube und gute Nahrung und galt viel in der Bürgerversammlung. Da wuchs ich fröhlich und gedeihlich auf und lernte laufen und sprechen, und die Buchstaben lehrte mich mein fromm Mütterlein. Es war damals ein guter Flor in den Städten — der jetzt weggefegt und weggewischt ist durch die grausamen Kriege, als wäre er nie dagewesen — und Handel und Wandel, Ueppigkeit und Pracht herrschten hinter den hohen Wällen und Mauern, von welchen die gewaltigen Geschütze grimmig in die Welt hinausschaueten, als wollten sie sagen: Trutz Fürst, trutz Kaiser! Hinter uns das Geld, hinter uns die Macht!
Aber es saß auch meistens ein böser Wurm in all der Herrlichkeit: die Geschlechter im Rat drückten den gemeinen Mann, die Zünfte waren unzufrieden, und die Geistlichkeit, herrschsüchtig vor allen, schürte bei jedem Hader und Streit innerhalb der Ringmauern die Flamme und goß Del ins Feuer — das war das Allerschlimmste!
So war es auch in Braunschweig, und in dem Sturm, welcher das Gemeinwesen bis zum tiefsten Grund erschütterte, ging es auch mit meinem ruhigen Vaterhaus zu einem betrübten Ende, als ich kaum die ersten Höslein aufgetragen hatte.
War mein Vater, der Bader Martin Scheibenhart, ein sinnierender Mann, hager, gelb von Gesicht, mit zusammengewachsenen Augenbrauen und schmalen Lippen. Das Haupt trug er stets zur Erd' gesenkt, als suche er etwas Verlorenes. Freilich er suchte auch ein verlorenes Hohes, Herrliches — die verschwundene, teure, deutsche Bürgerfreiheit, und ist es ihm auch wie allen denen gegangen, die es je wagten, Leib und Seele, Gut und Blut an etwas zu fetzen, was ihrer Zeit, den kleinen Menschlein ihrer Zeit zu hoch war. Das Grab hat er gefunden, der Tod durch Henkers Hand ist fein Teil gewesen. Gott gebe ihm eine fröhliche Auferstehung und führe ihn droben zu den Geistern, zu denen er gehört!
Es war dazumalen eine seltsame Zeit für die Stadt. Sie war reich, überreich, und doch fühlten sich die Leut' nicht sicher, nicht behäbig in ihrem Flor und ihrer Herrlichkeit. Von Wolfenbüttel aus drohete der Herzog, und oftmalen ritten feine Knechte mit den Reitern der Stadt zusammen, und das Lechelnholz hat manchen freudigen Reitersmann vom Roß sinken sehen in den blutigen Tod. In der Stadt selbst aber war es gar unheimlich; es wurde viel gemunkelt von heimlichen Bünden und Verschwörungen wider den Rat; es hieß, eine andere Lilienvente sei wieder auferstanden, diesmal aber gegen die Geschlechter und nicht gegen den äußeren Feind. Die Hauptleute der Zünfte hielten heimliche nächtliche Versammlungen und hatten großen Anhang, und manch schnöd' Wort und Werk warfen sie dem Rat entgegen, und blieb alles hängen wie Kletten in der Peruck'. —
In dem Hinterstübchen unsers Hauses, das im Sommer die Bohnenblüte fast ganz verhing, faßen sie oft genug, die matfern Männer, senkten die Köpfe über alte Pergamente und Papiere und forscheten, wie es in alten Zeiten gehalten worden sei, und berieten in dunkler Nacht, während mein’ Mutter Wacht im Vorderhaus hielt, der Gemeinde Wohl gegen die Pfaffen und den Rat. Aber am 17. September 1604 ist das Gericht der Gewalthaber angegangen; auf dem Hagenmarkt, da haben sie den Braband gevierteilt; „wie einen Salmenfisch" — da hat der Stadt Todschuld gen Himmel gestunken, und die Junker haben ihre Rache gesättigt und sind nach ihres Herzens Lust durch bas Blut der VolkMänner gewatet. Meines Vaters Haupt ist mit vom Gerüst gerollt, und meine Mutter und ich find bei Straf' des Staupbesens aus der Stadt gewiesen, auf Nimmerwiedersehen. Unser Gut aber ward konfisziert, und am zehnten November desselbigen Jahres der Ungnade geleiteten zween Ratsdiener mein weinend Mütterlein und mich, einen neunjährigen Bub, aus dem Aegidientor bis an der Stadt Grenzpfahl, gaben meiner Mutter einen Laib schwarzen Brotes, mir einen gewaltigen Backenstreich zur Erinnerung und ließen uns allein in dem Regen- und Schneewetter, welches der Wind von den fernen Harzbergen hertrieb. Heulend über die böse Behandlung der rohen Ratsknechte zog ich fort an der Hand meiner Mutter, die unter dem andern Arm ihr kleines Bündel trug, dem Blocksberge entgegen, den ich fo oft von meines Vaterhauses Bodenluke an- geschauet und angestaunt hatte. Der Wind ging scharf über die Stoppeln und ein Zug schreiender Krähen flog über uns, ebenfalls dem Süden zu; aber schneller als wir, die wir auf dem grundlosen Wege fast stecken blieben, kamen sie vom Fleck. Mein' Mutter wollt' und mußt' aber vor Dunkelwerden Wolfenbüttel noch erreichen, tröstete mich so gut es anging, und bald hatten wir auch das Lechelnholz und die Spitze des Schloßturms der fürstlichen Residenz und Festung vor uns. Letztere ward uns von Zeit zu Zeit durch eine schwarze Rauchwolke verdeckt, die gern zum Himmel aufgeftiegen wäre, wenn sie nicht der Sturmwind Gottes immer wieder zur Erde und uns gerade entgegengepeitscht hätte. Meiner Mutter Augen wurden trocken bei dem Anblick dieses Qualmes, sie zog mich fester an sich und die Krähenfcharen über uns mehrten sich und wurden lebendig und luftiger, je näher wir dem Rauch kamen.
„Sie brennen wacker heut wieder!" sagte ein Bauer, der uns begegnete. ,Hilfe Gottes, wo kommen die Unhulden und Hexen all zutage!"
Jetzt trug uns der Wind von Zeit zu Zeit einen Gesang entgegen, dann wieder einen abgerissenen Trommelwirbel — nun stiegen wir den Hügel hinan, dicht an der Erde her ward uns der stinkende Qualm entgegengetrieben, daß mir uns umdrehen muhten, um Atem zu schöpfen. Jetzt hatten wir die Höhe des Weges erreicht — und ich schrie auf, barg das Gesicht in der Schürze meiner Mutter, fchauete wieder hin und barg wiederum das Gesicht!
Bin nach der Schlacht von Lützen todwund auf dem Felde gelegen gewesen, zehn Schritte von dem toten Schwedenkönig Gustavus Adolsus, inmitten von viel Tausend toten und wunden Menschen. In dieser bösen Nacht tarn dieses Schauergesicht meiner Jugend mir wieder in den Sinn, und die Schrecknisse um mich her verblaßten davor, und tunnf ich nachher im Wundfieber einfchlafen.
Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Bering: Brühl
Eilenden Schrittes, ohne sich umzusehen, zog mich meine Mutter vorüber an der Hexenbrandstätte, mitten durch die mit wilden Gesichtern, starren Augen, offenen Mäulern gaffende Menge, mitten durch die Reiter' die wehende Asche und das Geheul der Menschenfackeln. Ich hörte wie der Mutter Zähne zusammenklapperten und wie sie das Vaterunser verkehrt und durcheinander hermurmelte. Als wir durch die Menge waren fastete sie mich plötzlich auf den Arm, stieß einen Schrei aus und lief mit mir, fo schnell sie es vermochte, hügelab, den Weg hinunter der Stadt im Tal zu.
Diese Stadt, die sich da ganz stattlich ausdehnte, war die Residenz seiner Fürstlichen Gnaden des Herzogs Heinrich Julius, die Festung Wol- senbüttel, und als wir an das Tor kamen, trat eben ein Zug heraus: vorauf Reiter und Trabanten, dann ein sechsspänniger vergüldeter Wagen, zu dessen Seiten Pagen gingen, und das Volk umher neigete sich, schwenkte die Hüte und rief Vivat. Eine schöne Frau beugte sich vor, und als sie mich und meine Mutter erblidete, winkete und lächelte sie mir zu, und nahm meine Mutter das für ein günstig Vorzeichen. Nun zogen wir durch das dunkele Tor in die Stadt hinein, in welcher meine Mutter einen Unterschlupf zu finden hoffte, denn die geflohenen Volks- freunde und die Witwen und Waisen der Hingemordeten wurden dazumal gut genug empfangen von den Herzoglichen, sintemalen der Rat zu Braunschweig bas Bluturteil dahin ausgesprochen hatte, die Gerichteten hätten dem Fürsten die Stadt überliefern wollen. War aber nichts daran; aber nichts in der Welt gehet über einen guten Grund!
Nun lebte damals in der Heinrichsstadt ein alter Herr, bei welchem mein seliger Vater einst wohl gelitten war; hieß mit Namen Franz Algermann und war des großen Celleschen Superintendenten Urbani Rhegii Enkel und den Braunschweigern spinnfeind. An diesen war meine Mutter heimlich von guten Freunden gewiesen, und haben wir auch einen echten Samaritaner an dem alten Landesfiskal gefunden, der uns viel Wochen lang atzete und beherbergte und zuletzt meiner Mutter einen guten Dienst bei der Herzogin Elisabeth verschaffte. Ich aber ward auf die Schul getan, wo ich viel tolle Streiche trieb, jedoch des Lateins ein wenig lernte, und als im Jahr 1605 der große Zug der Fürstlichen gen Braunschweig abging, und der UeberfaU des Aegidientors geschah, wobei die Bürger fo gut schlugen und Herr Jürgen von der Schulenburg die Stadt rettete; da lief die Schul' und ich mit bis ans Lechelnholz und horcheten dem Geschützdonner. Ward aber ein groß Lamento, als uns der Magister Rollwedel da fand und uns weidlich zurück ins Loch prügelte. War jedoch ein noch größer Lamento in Wolfenbüttel, als die Kriegerscharen zurückkehrten mit blutigen Köpfen. Zwölfhundert von ihnen lagen erschlagen und zweihundert waren gefangen und die mächtige Belagerung, die dann anging, half auch nichts gegen die Bürgermacht und den eisernen Sinn und Arm der Städter.
Im Jahr 1610 übertrug ich des Virgilius zweites Buch von der Zerstörung Trojas in teutfche Verse und ward wacker ausgelacht, aber Herr Franciscus Algermann schüttelte bedachtsam sein Haupt, fastete mich bei der Schulter und schob mich in sein Studierzimmer. Da drückete er mich auf einen Sessel an seinem großen, grünen Schreibtisch und fagete: „Bürfchlein, jetzt ist's Zeit, etwas anderes anzufangen, schreibst eine gute Hand, nun schreib hier. —"
Da wies er mir Papier, Tinst und Feder und mußt ich eine Relation über einen höhnischen Streich der Fürstlichen gegen die Bürger von Braunschweig abschreiben. Hatten sie nämlich der Stadt zum Tort ihr einen Schlagbaum vor dem Michaelistor am hellen lichten Tag vor der Nase und unter dem Geschütz weggenommen, ihn nach Wolfenbüttel ge- führet, einen Arm über dem Teiche am Dammtor daraus gemacht und einen Korb daran gehänget, in welchem man die Gartendiebe zu taufen pfleget.
Weidlich rieb sich Herr Algermann die Händ', als ich ihm die Reinschrift vorlegte und war damit mein Schulleben zu Ende gekommen, und ich aus einem wilden Schulbub ein sittsamer Schreiber geworden bei meinem Wohltäter und Ernährer. Da hab' ich in der großen, kühlen Stub’ auf der Fürstlichen Kanzlei manch schönen Sommertag verkritzett und sehnsüchtig nach dem blauen Himmel da draußen gestarrt; aber es war nicht anders, ich mußte mich drein schicken.
Hei, was war der alte Algermann ein seltsam Männlein! Heut noch seh' ich ihn da sitzen zwischen seinen Haufen von Pergamenten und Papieren und actis, die große, zerbissene Schwanenfeder in der Hand, ein silbern Krügelein voll Bier zu seiner Linken! Wie greinte und grinste er selig, wenn ein luftig Stücklein gegen die „Stadt" ausgeführet war, oder er eine bissige Epistel loslassen konnte gegen sie.
„Wartet, ihr städtischen Füchse — ihr Gottesschinder — euch wollen wir ausschmauchenl —"
Drehete sich aber die Sache, kamen die Bürger oben auf und kriegten das Heft in die Hand, dann hättet ihr die Wut des Mannes sehen sollen. Wie schlug er auf den Tisch! wie zerstampfte er giftig die Feder, daß die Tinte umherspritzte! „Das ist wieder eine feiste Lüge! — Reineckenkünste! — Große stinkende Landlüge! — Höllenbrut! — Judasnestl — Dar nenn’ ich macchiavellisch!" hieß es dann, und stundenlang grollst und donnerte es wie ein grausamlich Gewitter, daß dem Rat zu Braunschweig wahrlich das rechte Qbr gellen mußt', ob der Verwünschungen, zwei Meilen Weges ab. S)ab‘ da mancherlei zu hören gekriegt, was in keinem Buche stehet!
Im folgenden Jahre 1611 fiel etwas auf mich, wovon ich bis dahin auch nichts geträumet hatte: das wurde mir der wahrhafte Kummerftrick für mein ganz Leben! Ach Sufanna, Sufanna Rodin! Da war vor dem Neuentor eine Schenke „zum springenden Roß" und ein Garten, wo die lustigen Gesellen und des Herzogs Soldknechte Kegel schoben und Bier tränten, an den Feiertagen und an den Werkeltagen. Ging ein hölzern Gitter um Gärtlein und Haus, und zur Rechten führte die Heerstraße daran vorbei, über den Damm, den Graben und über die Zugbrücken in das Neuetor.
_______________________________(Fortsetzung folgt.)____________ _
'sche TlniversitätS-Duch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.


