Ausgabe 
7.9.1931
 
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Wenn über stiller Heide ...

Von Wilhelm Raabe.

Wenn über stiller Heide des Mondes Sichel schwebt, mag lösen sich vom Leide Herz, das im Leiden bebt.

Tritt vor aus deiner Kammer und trage deinen Schmerz, trage des Weltlaufs Jammer der Ewigkeit ans Herz!

Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit, schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit.

In deinen Schmerzen schweige, tritt in die stille Nacht! Das Haupt in Demut neige! Bald ist der Kampf vollbracht. Schweige in deinem Schmerze, geh vor aus deinem Haus und trag dein armes Herze an Gottes Herz hinaus!

Weil nicht im dunkeln Walde, zwischen den Tannen nicht; über die Blumenhalde trag deinen Schmerz ins Licht! Wenn hinter dir versunken,, was Ohr und Auge bannt, dann hält di« Seele trunken das Firmament umspannt.

Wie aus dem Nebelkleide der Mond sich glänzend ringt, so aus dem Erdenleide aufwärts das Herz sich schwingt.

O Heide, stille Heide, wie sehnet sich hinaus zu dir das Herz im Leide, gefangen Herz im Haus!

Lorenz Scheibenhari.

Erzählung von Wilhelm Raabe.

Mit Genehmigung der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin*.

(Nachdruck verboten.)

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen! f

Nun hab' ich begonnen mit Hilfe dessen, der mich bis hieher geleitet und geführet hat dieses hohe Alter durch so viel Schrecknisse und in Fährlichkeiten, wie sie wohl selten einem Menschenkind auferlegt werden, und sitz' nun schon viel Jahr' lang fest in diesem alten Lehnstuhl und höre die Uhr hinter mir picken und ticken, immer dem dunklen Grab zu. So will ich denn, dieweilen der Kopf noch klar und die Hand noch zu brauchen ist, meine Schreiberskunst wieder hervorsuchen und ungefüge niederfetzen, was ich in der Erinnerung behalten hab' aus dem konfusen Chaos, der Wüstenei meines Lebens. Brauch' mich nicht umzuschauen nach der Uhr hinter mir, um die Tageszeit zu wissen: die Helle Sonn' trifft ja mein altes Gemässen, was ich aufgehängt habe an der Wand neben mir; da wird es bald vier auf dem Kirchturm schlagen, und es hat ein Recht dazu, denn schon schallte aus der Neckenschenke die Sonntags- musika und das Gejauchz des Sonntagstanzes bis in mein Stüblein herüber, und dort über die Wiese streicht ein selbstvergessen verliebt Pärchen dem Frauenholz zu.

Nun kann ich wieder einmal das Haupt auf die Hand stutzen und wegschauen über mein holländisch Papier und den Tisch und durch das Fenster, und an der Feder kauen, und hineingucken in den blauen Himmel. _ v ...

's ist doch etwas gar Schönes um die Jugendzeit, wenn man nicht zu fürchten braucht, daß im nächsten Augenblick die Holckefchen Reiter aus den grünen Sträuchern vorsprengen oder eine streifende Schwedenschar einem den Weg verlegt!Versäumet die Maienblumen nicht!" saget der weise König Salomo. Gott gefegne dir deine Zeit, du junges Geschlecht, du, welches die ausgehende Sonne stehest und nicht bei niederfallender Nacht in die Welt gekommen bist.

Ja, ja, alles hat seine Zeit: Pflanzen und Ausrotten, Heilen und Würgen, Bauen und Brechen, Sieben und Hassen, Friede und Streit und uns ist das letztere vor allem zugefallen Gottes Wille geschehe!

Ich bin geboren in der alten Stadt Braunschweig, an der langen Brücke, wo der Wipperturm stehet, am siebenten Äprilis, Montags nach Judica', im Jahre eintausendfünfhundertundfünfundneunzig, und war das schier ein betrüblich' Omen, denn an selbigem Tage Hub sich ein heftiges Schneien an, das währete Tag und Nacht, immer zu, immer zu, daß tue Menschen in ihren Häusern verschüttet wurden, das Wild in den Wäldern und Gehölzen erstickte und die Vögel den Leuten in die Häuser flogen. Das dauerte bis Palmarum, da ging dieser groß« unerhörte Schnee durch Gottes Schickung weg ohne Regen und zog der Frühling ein, wie der Herr Jesus Christus am Palmsonntag in das jauchzende Jerusalem.

* Diese Erzählung ist dem bei Grote erschienenen Novellen-Bande Halb Mär, halb mehr" entnommen: kart. 1,20 Mk., geb. 2,20 Mk.

reiten Schleif«, der auch so gegen sechzig Jahre fein mochte, wie der dichter Raabe es war, das mußte er wohl fein, [o wie er den Mittel­punkt des Tifches bildete.

Der junge Mann wandte sich an den neben ihm fitzenden der beiden Nänner und fragte ihn, was das wohl für ein Mann [ei. Es müffe doch Dotjl ein ganz berühmter fein. Ob es nicht vielleicht der Dichter Raabe väre? Er erhielt erst keine Antwort, denn der Gefragte tränt bedächtig lein Glas leer, wischte dann mit Umstand seinen grauen Bart ab, bis r schließlich lächelnd sagte, ja, da habe der junge Mann nun recht geraten, do fei der berühmte Dichter Raabe, der mit der Künstlermähne und dem chwarzen Samtrock mit der breiten Krawatte. Und der andere bestätigte liefe Worte kopfnickend. Also, das ist er nun, freute sich der junge Rann, und schaute unverwandt hinüber zu dem andern Tisch, wo eifrig isputiert wurde. Ein paar Worte fing er auf, als er angestrengt hin- > erchte, und es schien danach ein Hohes Gespräch im Gange zu sein über He Kunst im Allgemeinen und Besonderen. Der junge Mann sah auch, □ie alle mit Andacht auf die Worte des Mannes hörten, den man ihm cis den Dichter Raabe bezeichnet hatte. Ein großer Mann ist das doch, 'achte er voll Bewunderung. Vielleicht wußten die beiden Männer neben ihm noch einiges über Raabe zu erzählen? Er begann also das Gespräch cn neuem, und erzählte den beiden, daß er eigens zu dem Zwecke, Raabe zu sehen, einen Abend in Braunschweig geblieben sei, und ließ lud; durchblicken, daß er sechst ein wenig ein Dichter (ei. Die beiden litten blickten ihn daraus, wie es ihm vorkam, staunend an. Und der eben ihm saß, rückte sogar ein wenig von ihm ab und sagte, wobei er fischen den Worten den Wein aus dem Olafe schlürfte, ja, ja, mit dem Didjten, das fei doch eine eigene Sache. Aber es gäbe wohl wenige Dichter und sie ließen sich nicht so leicht finden. Auch was der Raabe icschrieben habe, es wäre ja wohl ganz schön und gut, er kenne die -Zücher natürlich auch ein wenig, doch im Grunde fei es ein merkwürdiger verschrobener Mensch, den niemand richtig lesen und verstehen wolle. ?abei blinzelte er mit den Augen zu dem langen Tisch hinüber.

Aber der junge Mann verteidigte seinen Dichter. Er dachte innerlich, □as das doch für spießerhafte Alte neben ihm feien. Sie sahen aber auch aus! Der erste war der Typ des echten freundlichen und gutmütigen ZÜrgers, und der zweite, mit feinem weißen Bart und den glatt angekleb- len Haaren, obwohl er hager und schmal war, stand ihm nicht nach. Die tertörperte Gemütlichkeit und Biederkeit ging von ihnen aus mit tleim bchen und beschränkten Ansichten. Und der junge Mann wollte in ihnen len Typ des deutschen Weinphilisters erkennen, den seine lugendlich ingeftümen Gedanken verächtlich abtaten. Welch ein Gegensatz zu dem inberen Tisch, wo offensichtlich ein lebhafter und großzügiger Geist |, erbebte Dort drüben, ja, das war doch etwas anderes! Begierig und mit lern einzigen Wunsch, dabei zu sein und mitzutun, konnte der junge Nann seinen Blick nicht davon lasfen.

Nach einer Zeitlang, nachdem sie noch schweigend dagesessen und ihren Nein getrunken hatten, standen die beiden alten Manner auf. 301)11611 hre Zeche grüßten den jungen Mann freundlich und wünschten ihm noch in gutes (Ergebnis feines Braunschweiger Aufenthaltes und gingen zur -laststiibe hinaus, unbemerkt von den anderen. (Ein Mädchen räumte ach ihrem Fortgang die Gläser und die Weinkanne von dem Tisch ab. Der junge Mann fragte, ob es sich nicht machen lasse, daß er an dem indem Lisch sitzen könne. Er wolle so gern, fugte er leise hinzu, den Dichter Raabe kennenlernen, den Mann da mit den langen Haaren u lern Samtrock, wie ihm sein Nachbar hier vorhin gesagt hatte. Aber da □t das Mädchen sehr verwundert und gab zur Aiitwort das («' Oar "l$t ter Dichter Raabe, das sei doch einer der Herren Schauspieler vom Thea- icr. Und der Herr Raabe habe doch den ganzen Abend zusammen mit lern Herrn Rentier Tellgmann an seinem Tisch hier gesessen.

Wie der junge Mann das hörte, glaubte er feinen Ohren nicht zu trauen, faß eine Zeitlang wie betäubt da und begriff rate es tfm iefchehen war Erft allmählich suchte und ordnete er in sich zusammen, aas dieser plötzliche Sturz aus allen Himmeln in ihm durcheinander «ebracht hatte. Der alte Mann neben ihm war Raabe gewesen und er träte ihn für einen Spießbürger angesehen! Wie war nur em solcher örtum möglich! Natürlich, jetzt sah er es plötzlich, der Mann da an lern großen Tisch, der konnte ja gar nicht dem Menschen eustp"cheN' d-r Äche Sachen schreiben konnte, solche stillen unb humorvollen Ge dachten n allem ihrem Ernst und ihrer Gläubigkeit. Bescyamt stellte stch der junge Mann vor, wie der Alte neben ihm ausgesehen d°"e, unb er erin- rerte sich an feine Augen. Nein, wenn er nur ein wenig mehr verstanden tötte 'zn'sehen und nicht so nach den äußeren Dingen gegangen war«, lütte er an diesen klaren und tiefen Augen erkennen muff , 61

itnem gewöhnlichen Menschen zum Sehen dienten. Und so gütig hatten ie ihn angeblich, als die beiden fortgingen!

Er holte sich in der Erinnerung jedes Wort des Gespraches Zusa - ; «en, das er vorhin mit den vermeintlichen Spießbürgern geführt ha - Ös er herein gekommen war, naß vom Regen und m t .

Atzenden über das Wetter zu sprechen begonnen, hatte, wie fagte bod) la der eine, von dem er nun wußte, daß es Raabe - J ingesähr gesagt, es sei eine döse Zeit, ein trauriger S) f,

liefen Wochen fiele ber Vorwinterregen herab °uf d,e Stadt.

slötzlich besann sich der junge Mann, daß er diese Wor l ) m Wusses daß Raabe einmal ähnlich gesagt hatte m einemi feinetc ,

las vielleicht für ihn das schönste mar, bas er m dieser Art kannte,am Umfang derChronik der Sperlingsgaffe ftanben f , . , &

1 fiele Male gelesen. - Wie saß dieser große Dichter doch einfach uno

^scheiden und ohne viel Worte unter den anderen.

Als er bann aufbrach, währenb bie Gesellschaft an cm, migen^ immer lauter unb heftiger ins Gespräch unb ins P Gefühl,

großen Dinge ber Kunst geriet, verließ er bie Weinstube mit b laß etwas in feinem Herzen sich geroanbelt l)abe u h ®irten sehr lern erfahren, was mit bem Leben unb dessen echten Wirten j«yr iufammenljängt.