Raabe weiß den Blick zu öffnen für das Wesen und die Wahrheit die hinter der „Wirklichkeit" stehen und deren Erkenntnis Mut zum Kampf und Kraft zur Ueberwindung des Leides geben. „Die Welt hat einAi Kern sie hat einen süßen Kern, nur aber die Zunge oder was sonst zu der gehört, hat nichts damit zu tun, darauf schmeckt man sie nicht". Wer sich an Hand der Raabeschen Bücher zum Verständnis und zur Bejahung dieses Wortes hindurchringt, für den ist der Dichter zu einer unerschöpflichen Quelle inneren Reichtums geworden, den zwingen feine Werke, sich immer tiefer in sie hineinzulesen, dem offenbaren sie immer neue Schönheiten und Lebenswunder.
Streben nach innerer Freiheit ist das höchste Ziel der Raabeschen Kämpfer, das deutscheste in ihnen wie im Dichter selbst. „Frei durchgehen! Ist das nicht das größte Wort, das in diesem in Stricken und Banden liegenden Menschenleben gesprochen werden kann?" Ja, Raabes Bücher zielen darauf hin, Menschen zu gestalten, die innerlich frei durch diese Welt hindurchgehen, die in der bittersten Not noch ein Lächeln finden, weil in ihnen Kräfte lebendig geworden sind, die nicht in dieser Welt wurzeln. Hierzu will Raabe dem einzelnen helfen, um des Ganzen willen, dem immer seine tiefste und letzte Liebe gehört. So kennzeichnet er den Typ eines neuen Adels, hier wird er zum- großen nationalen Erzieher, der einem Goethe, Schiller, Kant und Fichte auch im Vorbild seines eigenen tapferen Lebens würdig zur Seite tritt.
Immer wieder erhebt Raabe die Forderung, die er als die Voraussetzung für jede fruchtbare Zukunft des deutschen Volkes ansah und die in seinen Werken immer und immer wiederkehrt: S e l b st b e s i n n u n g! Nach seiner innersten Ueberzeugung konnte eine wirkliche Einigung des deutschen Volkes sich nur von innen heraus vollziehen, und er erkannte, daß vieles bei der Gründung des Reiches ungelöst blieb. Mit Grimm sah er in den ersten Jahrzehnten des neuen Kaiserreiches den Materialismus fast auf der ganzen Linie siegen. Der Geldsack war im deutschen Volke aufgegangen und „es hatte fast den Anschein, als sollte dies der größte Gewinn sein, den das geeinte Vaterland aus seinem großen Erfolge in der Weltgeschichte hervorholen könnte!" Aber Raabe ließ sich nicht entmutigen. Immer wieder zeichnete er seinem Volke den deutschen Menschen, dem die Zukunft gehört, sofern es für uns eine Zukunft noch geben soll. Immer wieder mahnte er zur Besinnung auf jene Kräfte, die das deutsche Volk durch alle Jahrhunderte hindurch aus tiefster Not heraus immer wieder zur Freiheit und Höhe führten. Aber — und das ist das Wesentliche — Raabe mahnt nicht nur; vertraut mit allen unserer Nöte, führt er uns selbst mit sicherer Hand in die Rüstkammer der deutschen Seele und entläßt uns — sofern wir Art von seiner Art sind — mit all den Waffen, deren wir bedürfen, dessen unser Volk bedarf, um sein Dasein auf Erden aus der Mitte heraus von Grund auf neu zu bauen.
„Im engsten Ringe, im stillen Herzen, weltweite Dinge!" Raabe ist wahrhaftig alles andere als der behagliche Gestalter „schnurriger Käuze" und die großväterliche Verkörperung deutscher Gemütlichkeit. Sein Volk hat es ihm nicht leicht gemacht. „Wenn ein Franzose so das innerste französische, ein Engländer das innerste englische Wesen gekannt und beschrieben hätte, wie ich das deutsche, wie würden denen ihre Völker mit Jauchzen zugefallen sein! Die Deutschen wollen von dem, was sie selbst haben, nichts wissen. So habe ich einen schweren Kampf durch mein ganzes schriftstellerisches Leben führen müssen — gegen Frankreich selbstverständlich — gegen Kalifornien, gegen Norwegen usw. usw., Rußland, gegen alles, was dem deutschen Volke weit her, also desto sympathischer ist ..." Aber Raabe wurde nie müde, um sein Volk zu ringen, wie er trotzig den Glauben an eine deutsche Zukunft sesthielt. Und wie er selbst schrieb: „Nur diejenigen Kunstwerke haben Anspruch auf Dauer, in denen die Nation sich wiederfindet", so wußte er, daß sein Werk diesen Anspruch hatte und daß seine Zeit kommen würde. Sie ist schneller gekommen, als der Dichter selbst es dachte. Die große Gemeinde der Freunde Wilhelm Raabes ist, wie der Absatz seiner Bücher beweist, von Jahr zu Jahr gewachsen. Und wie heute Selbstbesinnung die große Parole ist, die allein nur zu den gesunden Quellen unseres Lebens zurückführen kann, so bedürfen Gegenwart und Zukunft mehr denn je der geistigen Waffen, die kaum irgendwo so für uns und kommende Generationen zum Zugriff bereit liegen wie in dem großen, reichen, einzigartigen .Lebenswerk Wilhelm Raabes.
Oer Prophet hinter der Ladenscheibe.
Auch ein Beitrag zum Raabe-Jubiläum.
Von Max I u n g n i ck e l.
In einem kleinen Nest bummelte ich herum. Das weite, grüne, schwere Land blühte bis in die Stadt hinein. Die Sonne meinte es gut, lag blitzend in den Fensterscheiben und blieb glücklich versonnen über den Kastanienbäumen stehen. Es hatte den Anschein, als ob die Kastanienblüten wie Lichter brannten. Und dazu hinkte vom dicken Kirchturm eine alte Glocke wie eine greife Magd, die ihre Arbeit längst getan hat und sich nun ein bißchen umständlich ergeht, aus der Stadt heraus, ins Freie. Fest und schmiedeeisern hingen Über Gasthaustllren und über manchen Läden die alten Wirtshausfchilder und die rostigen Gildenzeichen. Und da stehe ich schon vorm Laden eines Buchhändlers. Ein kleiner, bescheidener Laden. Der Mann hat Briefpapier und Glückwunschkarten und Butterbrotpapier und noch viel mehr, was man in Schreibstuben braucht. Das steht groß an der Gingangstür. Aber im Ladenfenster, da hat er was anderes. Mir ist's, als ob der Mann das Glück seines Herzens hinter die Ladenscheibe gelegt hat.
Da ist zuerst ein Bild von Wilhelm Raabe. Um das Bild herum stehen sie gereiht, all die Bücher, die der Raabe-Wilhelm geschrieben hat. Immer mit jenem Dichterblick, der die Wurzel der Landschaft, das Lächeln der Käuze und die Schlichtheit wahren Menschentums belauschte, Da stehen sie alle, von der „Chronik der Sperlingsgasse" angefangen. Sie stehen da in allen möglichen Ausgaben: kleine Berge, von deren
Gipfeln man die Schönheit und das Wundersame deutschen Wesens er. spähen kann. Stehen da wie feste Wachttürme der deutschen Seele.
Und in ihren Kreis hat der Buchhändler zwei irdene Vasen gestellt. In die Vasen hinein dicke Fliederzweige. Weihen und blauen Flieder. Man hatte die Empfindung, den Fliederdust durch die Scheibe zu spüren. Und in der Mitte der Blumenvasen ein harter, erdiger Feldstein. An den Feldstein gelehnt eine gewöhnliche Postkarte. Raabe hat sie geschrieben. Und er schrieb klar und fest, daß es geradezu in die Augen springt:
„Auf Deine Zugehörigkeit zu dem ehrbaren, tapferen, arbeitsamen, in seinen Grundfesten nimmer zu erschütternden Volke der Deutschen wünsche ich Dich hiermit noch einmal eindringlichst aufmerksam zu machen. Gedenke zu jeder Zeit, welch eine uralte, erstaunliche Ehre Du auf dieser völkerwimmelnden, völkerschaffenden, völkervernichtenden Erde mit zu bewahren, vermehren und verringern vermagst!
Dein Wilhelm Raabe."
Vielleicht war der Buchhändler ein Freund des alten, weisen Dichters Er hat ihm da, aus dem Glück seines Herzens, hinter seiner Ladenscheibe, ein Gedächtniseckchen zurechtgemacht. Einen Dichter-Altar.
Oder spürt der Buchhändler die deutsche Not und den Niederbruch der Zeit bis in feinen Schlaf hinein? Und im Traum wurde er von Wilhelm Raabe besucht. Und der alte Raabe wies ihn auf das Wort, das er ihm einmal geschrieben hatte, und das der Buchhändler, in guten Tagen, verkramt hatte. Und nun ist es wieder da. Und er redet so ein« dringlich und mahnend wie ein Prophet, der den Untergang sieht. Und ist doch so fest wie ein Anker im Sturm und so tief wie ein Brunnen, auf dem die Sterne liegen.
In der Herbstschen Weinstube.
Eine Raabe-Erzählung.
Von Eberhard Meckel.
Regen trieb durch die engen und winkeligen Gaffen und über die abendlich stillen Plätze, ein breiter und herber Wind fuhr dazwischen und warf die Tropfen an die leise klirrenden Scheiben der Straßenlaternen. Spärlich und trüb erhellten ihre Strahlen nur ihre nächste Umgebung und gaben glänzende Flecken auf das grobe Kopfsteinpflaster unb liefen unruhig über die weite erste Auskragung am Fachwerk der alten Häuser hinauf. Aber sie gelangten nicht weit, höchstens zur halben Höhe, kaum zur zweiten Auskragung. Von dort ab lag die ganze Stadt mit ihren Dächern im regnerischen Dunkel. Nur ab und zu brannte hinter den Fenstern ein Licht. Sonst war alles öde und wie ausgestorben. Mächtige und heimliche Wächter, verloren sich die vielen Kirchtürme unwirklich und grau in die neblige Nacht: Braunschweig.
Ein junger Mann tastete sich, um nicht allzu sehr durchnäßt zu werden, seit geraumer Zeit dicht an den Häusern entlang und weiter die engen Gassen auf und ab, am Rand der Plätze vorbei. Suchend hob er oft den Kopf und sein Blick schweifte an den Hausreihen hin und den hier und da angebrachten Schildern. Manchmal mußte er in der Dunkelheit herantreten, um die Inschriften zu sehen. Enttäuscht ließ er immer wieder im Lesen davon ab, denn jedesmal waren es die üblichen Ankündigungen der Handwerker und Läden. Endlich aber, nach einem weiteren Umher- suchen und noch ein paar kleineren Irrwegen über einen Platz, wo der Wind die Blätter herbstlich durcheinander wirbelte — als er das Suchen beinahe schon aufgeben wollte, weil auch niemand kam, den er nach dem Weg hätte fragen können — fand er doch dorthin, wohin er wollte: Mit einfachen geraden Buchstaben leuchtete es ihm durch das Vorbeiglitzern der Regentropfen im Schein einer Laterne matt von einer Tür auf der anderen Straßenseite entgegen: „Herbst'sche Weinstube". Eilig flüchtete er sich vor dem Regen, der plötzlich wieder mit größerer Heftigkeit einsetzte, hinüber in den Eingang.
Erst zögernd noch, öffnete er bann mit plötzlichem Entschluß bie Tür unb trat ein in ben Gastraum. Eine wohltuenbe Atmosphäre umfing ihn. Unter ben Schirmen brannte ein ruhiges gebämpftes Flammenlicht, so ruhig, wie es im Augenblick im Raume war, als er hereinkam. Gleich barauf aber Hub bas Sprechen roieber an. Es waren nur wenig Gäste an ben Tischen verteilt. Der junge Mann, ber erst unentschlossen baftanb, setzte sich, obwohl sonst auch noch genug freier Platz war, zu zwei alten Männern an ben blankgescheuerten Tisch in einer Ecke. Es war ihm lieber, in Gesellschaft zu fein, als allein zu sitzen. Außerdem verfolgte er ja feine besondere Absichten, wenn er hierher gekommen war, unb konnte sie vielleicht besser verwirklichen...
Bald kam er mit ben beiben Männern — bieberen Bürgern, wie es schien — ins Gespräch. Er war noch naß vom Regen, unb man sprach über bas Wetter, unb daß es boch ein schlimmer unb nasser Herbst sei bieses Jahr. Dabei sah sich ber junge Mann, nachdem er sich hatte Wein geben lassen, in dem Gastraum um. Hierher also, buchte er unb betrachtete genau Wänbe, Möbel unb Menschen, hierher also soll er an jebem Abend kommen. Unb ber junge Mann meinte damit Wilhelm Raabe, ben Dichter, von bem er kannte, was er geschrieben hatte. Er liebte vieles bauen sehr, baß er selbst in ber Beschäftigung bamit für fein eigenes Leben, bas er mit eigener künstlerischer Arbeit auszufüllen gebuchte, einen reichen Gewinn erfahren hatte. Unb er war besfjalb entschlossen, auf ber Durchreise hier in Braunschweig einen Abenb zu bleiben, in ber Hoffnung, vielleicht ben verehrten Dichter zu sehen. Ihn in seiner Wohnung uufzusuchen, hatte er nicht gewagt. Aber bei ben Srtunbigungen, bie er überall ein« gezogen hatte, brachte er in Erfahrung, baß Raabe fast jeden Abend m ber Herbstschen Weinstube anzutreffen fei.
Er hielt Umschau, baß er ihn vielleicht entberfte. Er kannte ihn zwar vom Ansehen nicht, buch war er gewiß, ihn aus ben ersten Blick zu erkennen. Drüben an einem langen Tisch saß eine ganze Gesellschaft von Männern, bie sahen alle so nach Künstlern aus. Unb einer in ihrer Mute, ganz besonbers, mit einer orbentlichen Haarmähne unb einer großen


