SiehenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang IM Montag, den 7. September Nummer 70
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Schicksal.
Von Wilhelm Raabe.
Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen lassen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und halt! ... da liegt der bunte lanb: Und klagen müssen nun, die eben lachten.
Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken;
Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und weinen über den zerstreuten Stücken.
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Wilhelm Raabe. Zu feinem 100. Geburtstage. Von Dr. Kurt Wasserfall.
Als Wilhelm Brandes am 15. November 1910 am Grabe Wilhelm Baabes den abgeschiedenen Dichter Deutschlands Gewissen nannte, fand r damit das rechte Wort für die Tatsache, daß unser Volk in jener Ltauerftunbe einen seiner deutschesten Dichter zu Grabe trug. Waren es :uch damals schon Tausende und aber Tausende, die sich dessen bewußt aarcn, so vermochte doch erst später die große Not, die über uns kam, weiteren Tausenden und aber Tausenden den Weg zu einem Dichter zu -ahnen, für dessen Werke man unmittelbar vor dem Feinde, in den Lazaretten und in der leidgeprüften Heimat nicht weniger nun ein ganz anderes Verständnis hatte, als in jenem scheinbar gesicherten und elbst- -iefälligen Wohlbehagen eines materialistischen Zeitalters. Und heute, da i ie Zeiten nicht besser geworden sind, da unser Volk mehr denn ,e gezwungen ist, wieder einmal in sich hineinzuhorchen, um das Schicksal, i. m die Zukunft zu befragen, beginnt die Erkenntnis zu dämmern, daß in Wilhelm Raabe überhaupt einer der größten Dichter und geistigen Führer unseres Volkes lebte, dessen Werke jetzt nicht wie die so vieler l?iner einstmals laut gerühmten Zeitgenossen der Vergessenheit verfallen, bnbern heute und morgen zu leben und zu wirken recht eigentlich erst niheben. So erscheint es fast als von schicksalhafter Symoolik, daß gerade in diesen schwärzesten Tagen der Nachkriegszeit sich der Geburtstag Wilhelm Raabes zum 100. Male jährt, daß aller Not zum Trotz unter der Schutzherrschaft unseres Reichspräsidenten v. Hindenburg em De - "al für den Dichter geschaffen werden konnte und am September m Braunschweig feierlich enthüllt wird, daß somit gerade heute bas deutsche Solt wieder auf einen Mann mit aller Deutlichkeit hmgewiesen wird •on dem Walter v. Molo jetzt im Hinblick auf den Gebenktag eben o happ wie zutreffenb sagte: „Er gehört zu den größten Deutschen, aus tonen Genesung wachsen kann."
Es ist nicht möglich, das Lebenswerk des Dichters in wenigen Worten «schöpfend zu erörtern, ja auch nur in seiner Bedeutung ""d !°men Wer In hinreichend zu umreisten. Wir müssen uns hier mit einigen Anbeu- Imgen begnügen und können im übrigen bemjenigen der bisher an '• aabe vorub erging, nur sagen: Nimm und lies selbst! Für den, der sich ‘Hann näher mit Raabe befassen will, liegt schon heute unter der reichen Literatur über den Dichter manches ausgezeichnete Werk bereit.
„Im engsten Ringe, im stillen Herzen, weltweite Dinge!" In18 Ban- i der Rutsche Mensch, die deutsche Seele, da- deutsche Volk — bas ist Wilhelm Raabe unb sein tn bitteren Kämpfen, «ber auch in genial-stetigem Vorwärtsschrerten errungenes Lebenswerh
den tiefwurzelnden, aus sich selbst heraus m die 3^"« fo’totrtentwn Poften seiner Dichtung erscheint Raabe als der Deutsche schlechthin, .vergesse ich bein, Deutschland, großes Vaterland so werbe meiner I echten vergessen" ruft er als junger ©tubent in semem ersten Werke, H „Chronik der Sperlingsgaffe" aus. Und sein letztes Buch „Hastenbeck k»gt als Motto das Wort des Freiherrn vom Stein. „Ich habe nur
Vaterland, das ist Deutschland". Welches feiner vielen Bücher wir auch zur Hand nehmen, deutsches Leben in jeder nur möglichen Erscheinungsform irdischen Daseins unb menschlichen Kämpfens erfüllen jebe Seite, jebe Zeile. Deutsch zu fein war Raabes inneres Gesetz, nach bem er angetreten war, unb er betrachtete es als seine große Aufgabe, den Geist zu erhalten unb seinem Volke roieber und wieder zum Bewußtsein zu bringen, ber immer bort lebte unb wirkte, wo bas beutsche Volk sich treu blieb unb seine Siege erfocht. So hat man ihn, ber bem oberflächlichen, materialistischen Zeitgeschmack zum Trotz unerbittlich seiner inneren Be- rufunb verhaftet blieb, mit Recht als einen treuen Eckehard ber deutschen Seele bezeichnet. Das wollte Raabe fein, das war er und das wird er feinem Volke bleiben.
Raabes Bücher ergeben einen Längsschnitt ber beutschen Geschichte. Jrn dreizehnten Jahrhunbert spielen bie „Härnelschen Kinber", im fünfzehnten „Des Reiches Krone". Eine lange Reihe von Erzählungen führen von ber Reformation bis zum Siebenjährigen Kriege. Jknmer wieder schildert Raabe bie Zeit vor unb nach ben Befreiungskriegen. Die Epoche vom Wiener Kongreß bis Seban unb barüber hinaus in bie letzten Jahrzehnte bes neunzehnten Jahrhunberts erleben wir in breitem Aufriß. Alles das, ob es sich um mehr oder weniger ferne Zeiten ober um die Gegenwart hanbelt, erscheint in ben lebenbigen unb leuchtenben Farben eines wirklich erlebten unb greifbaren Ledens. Raabes Einfühlungsvermögen in ben Geist vergangener Zeiten ist fast ohnegleichen. Aber die Schilberung historischer Vorgänge ober bes historischen Milieus ist ihm niemals Selbstzweck, immer stehen im Mittelpunkt ber deutsche Mensch, bas Werben unb Wachsen des beutschen Volkes und seine Schicksale.
Meist geht bie Historie Hanb in Hcmb mit einer ebenso treuen landschaftlichen unb örtlichen Schilberung. Doch ist auch biefe Schilberung nicht Selbstzweck. Nur weil bie Oertlichkeit, bie Lanbschaft so eng mit bem Fühlen unb Hanbeln seiner Gestalten verwebt ist, führt ber Dichter uns Stäbte unb Dörfer so eingehenb vor Augen, baß jene Stabt, bieses Dorf uns lieb unb vertraut werben, als wären wir gerabe bort ober bort zu Hause. Zwar spielen die meisten raabischen Dichtungen auf bem nieber- sächsischen Boben seiner engeren Heimat. Aber anbere Werke führen in anbere deutsche Gegenben. Mit Recht würbe Raabe niemals als ein Hei- matbichter empfunben ober bezeichnet. Er gehört allen beutschen Stämmen, wie beren Geschicke unb Eigenart sich in seinen Büchern in tausend Abwandlungen spiegeln.
Unerschöpflich ist ber Reichtum an Gestalten, bie als wirkliche, echte Menschen im wahren Sinne bes Wortes in .Raabes Werken leben. Da finb sie alle: Fürst unb Felbherr, Minister, Bankherr unb Gutsbesitzer, Offizier unb Künstler, Aerzte, Pastoren, Professoren, Schulmeister, Beamte, Hanbwerker, Bauern unb Arbeiter unb so fort, all bas Volk, „bas mit feinen Hänben zum Fortbeslanb ber Welt hilft". Kein Berufs-, kein ßebensftanb, ber nicht Beachtung finbe. Welche Fülle wunbervoller Frauen- unb Mäbchengestalten, mögen sie rechte Mütter unb Bräute fein ober in bie Irre gehen! Alle sind es beutsche Menschen, erscheinen einzeln aber stets in scharfer inbivibueller unb oft unvergeßlicher Ausprägung. Alle zusammen ergeben ein Bilb bes beutschen Menschen, wie es in dieser Vollkommenheit kaum jemals gezeichnet wurde.
„Alt geworden zu sein unb seine Ideale hochzuhalten und seinen Opfermut dafür zu erweisen, das macht ben Heros, ben Menschheitserlöser", sagt Raabe in ben „Gebauten unb Einfällen". Er selbst, zu immer höherer Weisheit sich emporringenb, hat viel von biesem Erlöser- tum an sich, bas bie besten Kräfte ber beutschen Seele zum Einsatz im Lebenskampf immer roieber mobil macht. Doch gerabe dieses will in seinen Büchern erlebt, will in seiner Gemeinschaft errungen sein. Und hier ist der Punkt, wo der Leser, der „spannende Unterhaltung" sucht, sich enttäuscht abroenöet und dem Glücklicheren das Feld überläßt, der zur inneren Vertiefung die Zeit sich gönnend in Raabe den treuen Lebensführer findet. Die äußere Spannung spielt in Raabes Werken nur selten eine besondere Rolle, dafür gehören feine Bücher aber zu jenen, bie einem ans Herz wachsen unb vor benen man — nach einem Worte bes Dichters — „in ben großen Krisen bes Lebens keinen Ekel empfindet". Je mehr das deutsche Volk im Suchen nach Wegen aus ber geistigen Not und dem Wirrsal unserer Zeit zu seinen Quellen zurückkehren wird, in um so weiterem Umfange wird es in Raabe einen feiner großen Weisen erkennen, wie sie jedes Volk nur wenige hat. Mit visionärem Blick sah der Dichter all die geistig-seelische Not kommen, bie uns beherrscht unb die in weitem Maße ja auch schon zu seiner Zeit bestand. Für sich und Tausende fand er den Weg zur Selbstbefreiung unb zur Ueberroinbung jeber Not. „Man muß mit Raabe-Augen sehen lernen", bekannte einer seiner Leser, „bann betrachtet man bas Leben von einer höheren Warte ..." Ober wie eine Lehrerin schrieb: „Auch für bie glühenbste Stirn hat bas Schicksal ein kühlend Mittel, bas habe ich an mir erfahren, als ich ... zum erstenmal ein Buch von Wilhelm Raabe in bie Hand bekam".


