Neppert aber zeigte zwischen den grauen Augen zwei senkrechte Falten, die so groß waren wie die Anführungszeichen unserer Schrift.
„Mir geht das hier alles zu sehr durcheinander. Das ist kein gut geleitetes Verhört" .
„Also!" sagte der Kurfürst energisch. „Wir fangen letzt an! Und ich wünsche jetzt nur Antworten zu hören, wenn ich frage, — hörst du?
„Ich habe jede Frage genau beantwortet", sagte Borst. Er zog ein großes buntes Bauerntaschentuch aus der Hosentasche, und er schneuzte sich wie ein Mann, der enorm viel Schnupftabak in der Nase hat.
Mit äußerster Verwunderung und Mißbilligung sah man ihm jetzt zu, was für ein neues Schauspiel er mit diesem Taschentuch ausführte. Im Zuschauerraum lachte man sogar, denn Borst kam mit seinem riesigen Tuch so wenig wieder in die Hosentasche zurück, wie nur je irgendein Clown im Zirkus. Immer hing ihm noch ein roter Zipfel da heraus, über den er leicht hätte stolpern können. Immer wieder versuchte er, den Rest seines Taschentuches in die Hosentasche zu stecken, und immer wieder riß er mit dem Handballen einen Teil davon heraus.
„Aus welchen Gründen bist du in der Samstagnacht vom Detachement Reppert ohne Erlaubnis deines Führers verschwunden?" fragte der Große Kurfürst streng.
„Hier ist ein Brief", sagte Borst.
Wieder zog er sein Taschentuch aus der Hose, preßte es zwischen seinen gerundeten Händen wie einen Schneeball zusammen und wischte sich verlegen di« Nase.
Der Große Kurfürst war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Aber jetzt war er geradezu sprachlos über diese neue Unterbrechung seines Verhörs! Der Mund stand ihm weit offen, als werde er sogleich seine eigene riesengroße Verwunderung darin verschlucken.
„Ein Brief?" stotterte der Häuptling.
Und sogar Reppert wiederholte fassungslos, und Lüders und Hornbostel:
„Jetzt plötzlich ein Bries?"
„Den soll ich abgeben", sagte Borst, und er blickte glutrot tor Stolz ijur ©citc.
„Hast du deine Verteidigung schriftlich ausgeschrieben?" fragte der Kurfürst.
Borst murrte.
„Der Brief ist von Daniela."
Die Jungens in der Arena sprangen auf. Sie stellten sich breitbeinig hin, die Fäuste an den Schenkeln.
„Von Daniela?" riefen die Richter ungläubig.
„Er ist an den Großen Kurfürsten", sagte Borst gleichmütig, als wäre dies die selbstverständlichste Sache von der Welt.
Auch Borsts Richter waren jetzt aufgesprungen. Nur der Große Kursürst zeigte noch soviel Würde, sitzen zu bleiben.
Langsam entfaltete er das Schriftstück.
Er las es bedächtig und genau, ungefähr wie ein alter Bauer, der einen Brief bekommen hat.
Er las es zwei-, dreimal.
Dann aber hob er die gebietende Hand.
„Es ist «in Brief von Daniela an die Tertia. Ich lese ihn euch vor.
Die Knaben im Halbkreis und die Richter hoben die Gesichter zum Himmel, damit ihre Aufmerksamkeit durch nichts abgelenkt werde, — so groß war ihre Erwartung. Sie hielten die Fäuste immer noch an den Schenkeln in der Anspannung ihres Wesens.
Der Häuptling aber las mit einer Stimme, als lese der Apostel des Herren den Urchristen eine Epistel vor:
„Ihr seid alle Soffern und Idioten! Ohne Borst säßet ihr jetzt im Loch. Borst steht unter meinem Schutz. Wer Schülergericht über Borst abhält, wird von mir und Meleager und Atalante eigenhändig und eigenmäulig abgerieben. Ich verbiete das Schülergericht. Borst hat freien Zutritt zu meinem Zelt. Ich, Daniela."
Eine tiefe Stille war entstanden.
„Lies noch einmal!" riefen die von der Arena.
Und der Große Kurfürst las noch einmal die Botschaft, die mit den evangelischen Worten begann: „Ihr seid alle Kaffem und Idioten."
Nachdem der Große Kurfürst zum zweiten Male den Bries gelesen hatte, senkten alle Jungens tief ihre Stirnen.
Und wiederum schwiegen sie tief.
In diesem Augenblick war es, wie gewöhnlich, der Große Kurfürst, der als erster feine Fassung zurückgewann.
Er hob die gebietende Hand.
„Posten!"
Der Posten trat hervor.
„Das Gericht berät. Bringe Borst bis zur großen Eiche. Sobald Lüders mit dem Desching schießt, bringst du Borst zurück."
Der Posten tat, wie ihm geheißen war.
Aber er berührte Borst mit keinem Griff, sondern er ging ehrerbietig hinter ihm drein.
Borst sah die Welt vor lauter Aufregung zerrissen und zerklüftet vor feinen Augen. Wie er an der großen Eiche angelangt war, erschrak er, denn ihm war, als stände er vor Danielas Rotbuche, die, mit zerspaltener Krone, in vielen flammenden Teilen geradeswegs in den Himmel rage.
Nach fünf Minuten ertönte der Schuß aus Lüders Desching, und wiederum geleitete der Posten Borst zurück.
Niemand vom Gericht saß noch auf seinem Sitz. Alle standen auf ihren Füßen.
Borst aber trat mit niedergefchagenen Augen vor das Gericht hin, und mit einem leisen Seufzer, der wi« ein verstümmeltes „Ach!" klang, blieb er vor seinen Richtern stehen.
Der Große Kurfürst senkte das gelockte Jmperatorenhaupt.
„Bist du deshalb vorhin unpünktlich gewesen, weil du bei Daniela warst?" fragte er mit leiser Stimme.
„Ja", antwortete Borst ebenso leise.
„Dann ist deine Strafe aufgehoben", flüsterte der Häuptling.
Er hob das Gesicht.
„Ich glaube, es ist Zeit, daß wir jetzt gehen."
Er machte eine Handbewegung, als lasse er Borst den Vortritt.
Borst zögerte. Er wußte nicht, was er zu tun hatte.
Dann ging er, schlotternd vor Stolz und Angst, voran.
Sämtliche Tertianer folgten ihm, wie sie vorhin im Schlafsaal Mer- ander Kirchholtes gefolgt waren.
Die Senatoren gaben Borst, dem pater patriae, das Geleit zum Herd seines Hauses.
Im Verlauf ber nächsten Tage zeigten die Tertianer sich enttäuscht, daß die Angelegenheit mit Daniela keine rechten Fortschritte machen wollte. Die Zeit drängte. Es wurde schon wieder etwas von einem neuen Fall von Tollwut gefabelt, der sich diesmal in der Gegend der Stadt zugetragen haben sollte. Falk behauptete, daß der Fellhändler Biersack diese Gerüche ausgesprengt habe.
Falk kam häufig an den Nachmittagen, die Tertianer zu besuchen, worauf bann, je nach ber verfügbaren Zeit, lange ober kurze Palaver abgehalten wurden. Allmählich richtet« sich der Haß der Tertianer auf diesen Fellhändler. Sie waren in Hinsicht auf ihn zum Aeußersten entschlossen, um die Maßregeln des Oberamtmannes abzuwenden, auf den er den größten Einfluß hatte. Nichts wollten die Tertianer unversucht lassen, um den großen Schlachttag zu vermeiden und die Tiere auf friedlichem Wege zu retten.
Die Lage der Tertia war durchaus schwierig. Sie hatten die Kriegserklärung der Sekunda, sie mußten also damit rechnen, daß diese Klasse ihnen hinter der Front zu schaffen machen würde. Und Daniela verhielt sich weiterhin im höchsten Grade feindselig.
Die Tertianer konnten sich zwar der geheimen Sympathie einiger . junger Lehrer erfreuen, hierfür gab es allerhand Anzeichen; jedoch die älteren und also die einflußreicheren zeigten sich ablehnend, warnend und ihren Plänen feindlich gesinnt. Was aber ber höchste Gott in seinem Eich- walbe für Erwägungen anstellte, was er buchte, sann unb beschloß, das war völlig in Dunkel gehüllt. Der Olymp schwieg, er zeigte ben Sterblichen seine Absichten nicht.
So waren bie Tertianer unter Umständen genötigt, einen Zwei-, einen Drei-, sie wußten nicht einen Wieviel-Frontenkrieg zu führen.
Einige unter ihnen murrten über die Führung. Sie fanden, daß der Große Kurfürst alles laufen ließ, wie es laufen wollte. Sie fanden, daß er Borsts Beziehungen zu Daniela nicht weiter ausgenutzt hatte. Sie fanden, daß es jetzt an der Zeit war, eine Abordnung zu Daniela zu schicken, um sie mit allen Mitteln zu versöhnen. Es gab sogar einige Jungens, — aber das waren nicht die stärksten Charaktere und nicht bie mafjgebenben in ber Banbe, — bie zwischen ihren Zähnen etwas davon murmelten, der Große Kurfürst solle eine neue Häuptlingswahl anordnen, dann würde man Daniela als Feldhaupimann auf dem Schild erheben. Jetzt, am Tag vor der Schlacht, wo alles so verzweifelt hinsichtlich der diplomatischen Situation der Tertia stände, sei es wichtiger, Daniela zum Häuptling zu haben, deren Ansehen sowohl bei der Sekunda wie bei den Lehrern und vor allen Dingen bei der höchsten Person bedeutend wäre, als den Großen Kurfürsten, dessen Klugheit und Redegewandtheit der Bande im Augenblick nicht weiter von Nutzen fein könne.
Es war eine gefährliche Spaltung, die da entstand, sie konnte zur Zersetzung der ganzen Klasse führen. Die schwachmütigen Parteigänger einer zweiten Häuptlingswahl gewannen saft stündlich neue Anhänger.
Für die Gegner bieses Gedankens, für die patres, — (das waren diejenigen Jungens, die schon seit der Sexta Bürger des Schulstaates waren unb seine Griinbung unb ersten Anfänge mitgemacht hatten, für Reppert also, für Lüders, Hornbostel, Känigsmarck und Bamberger), — für alle diese stand es fest, daß Daniela persönlich diese neuen Strömungen beeinflußte und lenkte. Nur Otto Kirchholtes, der ebenfalls zu den patres gehörte, gab keinerlei Meinung zum besten.
„Wir hätten Danielas Brief in den Wind blasen sollen!" rief Lüders heftig aus. „Was haben wir jetzt davon, daß wir uns so schimpslich vor ihr gebemütigt haben? Einen Spisn von ihr im eigenen Lager! Den Burschen ziehe ich bemnächst an ber Eiche hoch, gerabe vor Danielas Nase!" , .
Unb Lübers kaute gewaltig an seinem Gummi. Er pflegte immersorl zu kauen, bei Gemütsaufwallungen sogar mit rasenber Heftigkeit. Man hatte beobachtet, baß er auch im Schlase, vermutlich bei zornigeren Kriegerträumen, bie Kaumuskeln in Gang zu setzen pflegte.
Die anbern von ben patres waren nicht ber Ansicht, baß Borst für Daniela spionierte. Besonbers Otto Kirchholtes wandte sich gegen dicstn Gedanken. Dennoch betrachteten sie alle ben Kleinen vom Tag bes Sdjm lergerichtes an mit einer Art von höflichem Mißtrauen. Augenscheinlich war ber Junge boch gar nicht so dumm, wie er sich stellte. Die Worte in Danielas Brief hatten sie recht stutzig gemacht • „Ohne Borst säßetsM jetzt im Loch!" Hatte Borst sie in jener Nacht durch seine eigenmächtige Entfernung aus der Schlachtfront wirklich gerettet? War er etwa gescheiter gewesen als sie alle? s
Wohin man nur blickte: Zerklüftungen, Zweifel, Mißtrauen uno Zwietracht!
Dies war die Sage am Dienstag, drei Tage vor der Entscheidungsschlacht. . .
Die Lehrerschaft schien es zu allem Ungemach nach daraufhin angelegt zu haben, bie Tertia in biefen Tagen völlig zur Verzweiflung $u treiben. Möglicherweise war bie Tertia nur ein Abbild der Kämpfe, die sich a n ö innerhalb des Kollegiums abspielten. Es waren Anzeichen da, die Ben Klügeren aus ber Banbe zu benken gaben. Vielleicht mürbe dort oben um bas Urteil bes Zeus gekämpft, wie hier unten um ben Bogen ber Daniela. (Fortsetzung folgt)
Verantwortlich: Dr. Sans Thhriot. - Druck unb Verlag. Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.


