Ausgabe 
7.8.1931
 
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Zeit gehabt, in den Krug hineinzukriechen, darin zu leben und zu ver­gehen, Generation über Generation, wie die Menschen in Rom, tausend und nocheinmal tausend Jahre ...

Aber manche sind jung eingezogen und darin gewachsen, gewachsen, bis sie größer waren als der Ausgang, es gab kein Zurück mehr, in klösterlicher Klausur mußten sie warten bis zum Tode. Jetzt greifen harte Finger in den irdenen Schlund und holen sie in Stücken heraus. Und immer aufgeregter werden die raubenden Fäuste und immer enttäuschter die Gesichter der Umstehenden.

Zum Schlüsse kam noch einmal Sand, der zwar golden aussah wie das, was der Goldmacher von München zuwege brachte, jedoch keines­wegs wertvoller war, dann schwieg die Amphora. Um so deutlicher sprachen sich die Leute über den alten Geizkragen von einem Nero aus.

Ich durfte mir eine Muschel auswählen. Wenn man sie so ans Ohr hält, wie jetzt, während ich schreibe, wird man jung, wie damals bei Kapitän Maryatt, und hört das Meer und sieht den Rochen...

Friederike Kempner.

Eine unfreiwillige Humoristin.

Von Conrad W a n d r e y.

Seit geraumen Jahren suchte ich nach dem Buch, aber nie wollte es glücken. Selbst öffentliche Bibliotheken hüten ihr einziges Exemplar mit Argusaugen und gaben jeden Bestellzettel mit zwei Nullen zurück, was bekanntlich heißen soll: nicht vorhanden. Doch nun hat es der Zufall endlich gut gemeint. Eine aufgelassene Privatbücherei spielt mir die Ge­schichte der Friederike Kempner in die Hand, jener braven, für alles Gute, Wahre und Schöne poetisch entflammten schlesischen Ritterguts­besitzerstochter, der Paul Lindau 1873 in seinerGegenwart" den Weg zu einem seltsamen Ruhm geebnet hat. Friederike war damals schon vier­zig Jahre und hat schwerlich geahnt, welch reges Interesse ihre Verse erwecken würden. Aus allen Gegenden Deutschlands erhielt sie bald Zu­schriften, mit der Bitte um mehr, der sie mit rasch sich folgenden Neu­auflagen, gerührt und wahrhaft beglückt über die dargebrachte Sympathie einer liebenswürdigen Leserschaft, dankbar und reichlich entsprach. Die Breslauer Studenten schickten gar einen vergoldeten Lorbeerkranz, um den Pegasus des resoluten Fräuleins zu neuem Fluge zu spornen. Doch das war schon kein ehrlicher Beifall mehr, wenn auch ohne jene anonyme Feindschaft gemeint, über die Friederike später zu klagen hatte. Die jungen Leute werden ihre Bierzeitungen mit den Perlen dieses Liederfrllhlings aufgefüllt haben, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das home­rische Gelächter vorzustellen, das die niederschmetternde, völlig ahnungs­lose Komik der Friederike Kempner bei den schalkhaften Lorbeerspendern ausgelöst haben muß.

Alle Komik beruht auf einer Unstimmigkeit, auf dem Gegensatz etwa zwischen Realität und Idee, Mensch und Situation, Inhalt und Form. Bei der Kempner fließt die Heiterkeit aus dem grotesken Mißverhältnis zwischen ihrem ernsten und ehrlichen dichterischen Wollen, ihren Gefühlen und Stoffen auf der einen Seite, und ihrem künstlerischen Können, viel­mehr ihrem Unvermögen auf der anderen. Sie bleibt kraß dilettantisch im sprachlichen Ausdruck, der den menschlichen Inhalt dichterisch erst beglaubigt. Daß sie Not auf Gott, Blick auf Stück, mit auf sieht reimt, daß sich zum Herz immer wieder der beliebte Schmerz findet, will noch nichts sagen. Das leisten sich mittelmäßige, langweilige Dilettanten auch und bis auf den heutigen Tag. Selbst das Herumschneidern an den Sprach- silben gibt Friederike noch keinen Vorsprung, wenn ihr etwa ein Reim aufMeer" fehlt und dann

Die Gestalten, bleichen, matten, Rücken immer, immer näh'r."

DiesesMatten" fürErmatten" könnte sogar Jahrzehnte nach Friederike alssprachschöpferisch" gefeiert worden sein. Hier spielt immer noch Be­wußtsein mit, einem Unvermögen aufzuhelfen. Drollig wird die Sache erst, wenn kein Zwang mehr oorliegt und die Sprache dieser unglück­lichen Liebhaberin trotzdem ein Bein stellt:

O erkläret mir das Rätsel Der umringenden Natur."

Besser kann es Pallenberg auch nicht, aber die Kempner bleibt toternst bei einem solchen Vers. Oder dasEdelweiß":

Von den höchsten Bergen Kommst du so weit her! Weiße samtne Blume Interessiert mich sehr."

Friederike will die Teilnahme ihrer Leser für das Edelweiß gewinnen, aber die bösen Studenten haben sich sicher nur für ihr lyrisches Interesse daran interessiert. Auch ihre innige Tierliebe rührt mehr an die Lach­muskeln, als an die Herzen. Vom Elefanten fing sie:

Das gute weife edle Vieh,

Dem Sklavendienste beugt sich feine Weisheit nie, Stolz denkt es an das heimatlich Gebiet, Sanft duldend, was im Ausland ihm geschieht."

Der Elefant im Ausland. Da mühte doch eigentlich Karl Valentin neidisch werden. Und dieses Unglück passiert ihr ausgerechnet in dem Ge­dicht ohner", einem sehr langen Gedicht, das seinen artistischen Ehr­geiz darein setzt, eitel Wohllaut auf deutsch zu flöten.

Arglos und harmlos durchs Leben hin, arglos und harmlos ich glück­lich bin." Sie ist felsenfest überzeugt, daß nur Inhumanität und Unver­stand ihre Poesie bekritteln können. Sie wirft allen Neidern den Fehde­handschuh zu, daß es seine Art hat, und ruft die Menschheit zum Schutz der verleumdeten Kunst auf. Eines ihrer köstlichsten Gedichte entstammt diesem Groll:

Kennt ihr sie nicht, die böse, bunte Schlange, Die vom Gebüsch die Ferse sticht?

Sie schleicht verderbend auf dem Gange Und tretet nie vors Angesicht.

Ihr Weg ist Mord, allein, ganz ungefährdet

Vergiftet fie aus dem Versteck

Horch, zischend sie im Staube sich gebärdet: O Menschen, schasst das Monstrum weg!"

Und röchelnd bleibt es auf der Strecke, mitsamt der deutschen Grammatik, denn noch nie wurde das Verbumtreten" so bezwingend gebeugt... Was die Kempner auch anrührt, es wird nicht gerade zu Gold, aber meist zum Quell einer zwerchfellerschütternden Heiterkeit. Amerika hat ihr inneres Auge so gesehen:

Amerika, du Land der Träume, Du Wunderwelt, so lang und breit: Wie schön sind deine Kokosbäume Und deine rege Einsamkeiti"

Kürze ist des Witzes Seele, und diese vier Verse sind mit vier dicken Bänden von Upton Sinclair noch nicht ausgewogen, so wenig, wie die klischeehafte Gesellschaftspsychologie der Pariser Romanware gegen die entwaffnende Originalität des Eingeständnisses aufkommt:

Ihr wißt schon, wenn ich meine, Die Stadt liegt an der Seine. Entschieden ist s die schönste Stadt, Die man wohl nie gesehen hat."

Manchmal schwillt Friederike der dichterische Kamm. Dann tritt sie mit Goethe in die Schranken und GumppenbergsTeutsches Dichterroß" bekommt einen gesährlichen Rivalen:

Kennst du das Land, wo die Lianen blühn Und himmelhoch sich rankt des Urwalds Grün?

Wo Niagara aus dem Felsen bricht

Und Sonnenglut den freien Scheitel sticht?"

Dahin, dahin, möcht' man mit dir, o Friederike ziehn! ... Auch Schil­lersHandschuh" gibt sie ein Pendant, nur geht es da tragisch aus. Die Tochter desTierbändigers" steckt bei einer Schaustellung den Kopf in den Rachen der Riesenschlange, bekommt ihn aber nicht mehr heraus, weil das Luder zubeißt:

Nun öffnet der Bändiger den riesigen Mund, Sein stierer Blick sprüht funkelnden Glanz: Nur rund um den Hals, da ist es wie wund. Johanna ist tot, doch sie i st ganz!"

Und jetzt bestreite man einem das Recht, diese Strophe als Muster­beispiel in eine Aesthetik zu setzen, nach der alle Kunstversöhnen" und das Krassemildern" soll.

Auch sozial hat sich Friederike Kempner mit dem gleichen, durch­schlagenden Erfolg versucht.

Helfen möcht ich, lindern, retten, Glück an dieses Weltall ketten. Rosig bilden sein Geschick!"

Einmal reicht sie, durch den Scheintod eines Kindes erschreckt, dem alten Kaiser Wilhelm eine Denkschrift ein über die Notwendigkeit einer längeren Frist vor der Bestattung. Ihre Bitte sand das Ohr der Majestät geneigt. Aber als Lyrikerin steuert sie dasselbe Thema wieder mit vollen Segeln in die Klippen einer gefährlichen Ulkstimmung:

Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus, Ruft sie mit vollem Halse aus!"

Und wettert gegen den dummen Brauch:

Daß man mit uns zu Grabe rennt, Als wenn man's nicht erwarten könnt'!"

Man glaubt ihr den guten Willen, wenn auch immer wieder mit Tränen in den Augen, die weiß Gott nicht aus Rührung kommen, sondern von der Tücke des Objekts hervorgereizt werden, dem Sprachmaterial, das all ihre edlen Absichten zunichte macht:

Schön ist nur das Große, Reine: Meer und Feuer, Sonnenschein Schön ist auch Vergißmeinnicht Und ein treues Augenlicht, Alles Gute, Freie, Biedre, Aber alles andre Niedre Häßlich, scheußlich, ekel ist: Duftig nimmer ist der Mist!"

Hat die Frau trotz unsrem Lachen und unsrer ästhetischen Besser­wisserei nicht doch recht, wenn ihr auch kein Gott gab, zu sagen, was sie empfindet? Sie hätte uns noch manches zu sagen, wenn der gute Wille für das mangelnde dichterische Können gelten dürste. Etwa dies: Parteilichkeit, Parteienhaß, Das schaut so grün und wird so blaß, Von Schlang' und Nesseln ein Gewühl! Welch unnatürliches Gesühl!

O kurze Zeit, des Lebens Zeit, Noch kürzer durch Parteilichkeit In Konsession und Politik: Parteienhaß hat keinen Schick!"

Ja, es ist schon so, recht behält die Frau, auch wenn sie die tollsten lyri­schen Böcke schießt.

An ihren Nachruhm hat Friederike fest geglaubt und den Spöttern entgegengerufen:

Mitwelt, deine Schuld bezahlend.

Gräbt die Nachwelt einst mein Bild in Erz!"

Daraus ist nun freilich nichts geworden. Die Dichterin ist längst ver­gessen. Aber man sollte sie mit einem Auswahlbändchen wieder lebendig