Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 6|

Zreitag, den r. August

Jahrgang 1951

Nach der Mahd.

Von Leo Sternberg.

Die kurzen Wiesen, kaum gemäht, haben sich schon wieder mit Blumen besät: Scabiosen, Blutknöpfen und Dorant.

Wie das ewig schaukelt in diesem Windeslandl

Es ist ein Brausen, wie an der See.

Ich atme Thymian, Minze und süßen Klee.

Und Schmetterlinge, klein und groß, wirst der Wind von Schoß zu Blumenschoß.

Von Spiräen und Halmen, um die sich die Feldwinde dreht, und zartem Mandelduft bin ich umweht.

Schwalben flitzen flach übern Wiesengrund; ich sitze auf einem goldnen Garbenbund.

Auf hohen Wagen, die drüben die Straße ziehn, gebettet, winken Schnitter und Schnitterin.

Sie lagern auf Garben, die ihr Leben sind, und lassen mir Falter und Blumen und Schwalben und Wind.

Seltsamer Fischzug.

Von Gustav W. E b e r l e i n , Rom.

Wir standen um den großen Rochen herum und fragten ihn, wie das zugegangen sei. Ob er das Schiff am Klüverbaum herumgezogen oder das ausgesetzte Boot zerschlagen oder nur das Retz zerrissen habe. Man iraat so jungenhaft, ohne es zu merken, vor einem Riesenrochen fallen die^Jahre ab, bis man wieder angclangt ist bei dem Abenteurerbuch für die reifere Jugend. Man versucht in da- Maul M schauen, das menschen­verschlingende, und ist entrüstet, daß der Kerl bloß lacht. Alle Rochen lachen und plustern dabei die Nasenflügel auf wie schmpPische Madel. Man versucht mit dem Finger die giftigen Haken des Drachenschweifes zu zählen worauf die Eingeborenen ent etzt wegstieben und ein Matrose mit einem Beil gelaufen kommt, der das Anhängsel abhaut, das boot« Um'Senerft kann das Ungeheuer auf einen Karren geworfen werden, acht Mann braucht es dazu, und es sieht aus, als ob eine Regendecke über die beiden mächtigen Räder herabhange. Alles Rochen, nichts als Rochen eine Fuhre voll Rochen und doch nur ein einziger.

Dann kommen die Haie daran. Harmlose Dinger dagegen. Werden in Stücke zerschnitten, in Körbe verpackt, nach Rom abgeschoben, das Kilo b^Roch°ein^paar^ pezzi grossi, ein Schwertfisch, ein unförmiger Karpfen, der natürlich anders heißt, des Hammers greuliche Ungestalt, lauter so Zeug, wie es der Taucher damals gesehen haben will, um einem deut scheu Dichter zu einem schonen Stoff zu verhelfen. Das ist nicht- sur die Mischer, einen Mondfisch schleudern sie vor Wut aus die Steine daß er platzt. Nur die rote Seele darin ist brauchbar, wie bei den Seeigeln

Endlich kommt sie, die krutta del mare. d,e Meeresfrucht, die volk-- bcglückende: Polypen und Tintenfische und Krebse und Kroppzeug bis bcrunter zur singernagelgroßen Brut. Alles für die Stadter Brauchbare wird säuberlich geschlichtet und geschichtet, d>e morgenrotfarbenen Fisch­chen Kopf an Kopf, wie die Zigarren in den modernsten runden Behältern, Karren um Karren führt ab? Schiffe, Steine und Menschen triefen, leben stinken ... dis auch für die Fischer selber der, große Augenblickeintritt das Herfallen über den Abfall. Mehr tonnen sie sich nutzt telften für d e eigene Nahrung. Was tufs, wunderbar muß f° ein Krebs schmecken der Ring an Rmg zusammengesetzt ist, wie ein breiter Reißverschluß sieht er aus, und Ring für Ring abgebissen wird, bet lebendigem Leibe.

strahlen Mann und Knabe.

Wie Assen sehen die kleinen Schiffsjungen aus, wenn sie ausentern, das Tau zwischen der großen Zehe und den übrigen, um droben auf d.r schwankenden Mastspitze das Segel zu befestigen. erwachsenen F,sicher sind zu schwer für solche Kunststücke, die Fremden schütteln denKopf über so einen Leichtsinn. Aber wer soll denn sonst machen, was gemacht werden muß? Und die Kerle kriegen doch em paar fingerlange pischsetzlinge 5Um6inmnl, sagte ich, einmal möchte ich so etwas zu gerne mitmachen so einen Fischzug, meine ich, ob das wohl möglich fei? Der Mann spuckt die Kreb-zangen aus, und es. wäre schon, wenn er italienisch spräche. Warum, grunzte er auf phönizisch, solle das - er gebrauchte eine griechi­

sche Wendung nicht möglich sein? Morgen, das war arabisch, ginge es doch wieder, es klang sizilianisch, hinaus. Ein PäckchenMacedonia", das muhte sardisch ober korsisch fein, ecco, und dannnjiamo herrlich, das war italienisch: andiamo! Gehen mir!

Zwei Stunden vor der Morgendämmerung glitten die Paranze aus dem Hafen. Fröstelnd hockte ich auf einem jener gerollten Dinge, die von den Landratten zum Entsetzen der Matrosen Seile genannt werden, denn zum erwärmenden Herumgehen war das Deck zu eng und zu schmierig. Die Mannschaft unterhielt sich mit den anderen Barken durch einen dunk­len Wechselgang, während die Netze ausgeworfen wurden. Es scheint, daß Rhythmus und Tonfall ein ganz bestimmtes System bilden, damit man sich nicht gegenseitig ins Gehege kommt.

Als die Sonne aufging, hatten wir die flache Küste abgekratzt. Ein paar Langusten waren das magere Ergebnis. Wie gut würde jetzt so ein heißer Espresso (Kaffee) tun, drüben an der Bar! Aber wir dürfen nicht mit leeren Körben nach Anzio zurückkehren.

Das Städtchen lag da zum Verlieben ach, wie viel ist dort schon geliebt wordenI Zwei Meeresungeheuer gebar es aus seinem Schoße, Nero und Caligula. Die Wogen branden über eine Mole, die aus nichts anderem als den Trümmern antiker Landhäuser besteht, die Brandung spült noch immer durch drei Zimmer des kaiserlichen Palastes, ohne die Wände sprengen zu können. Deutlich zeichnen sich die Gewölbe ab, wo der Apollo von Belvedere gesunden wurde, der borghesische Fechter, das Mädchen von Antium und wir würden uns freuen über ein paar Tintenfische.

Die Sonne wird warm, die Sonne wird heiß, die Netze schleppen faul und einschläfernd. Baden jetzt, badenI Aber ich darf mich nicht lächerlich machen, sah man je einen Fischer baden? Schön, tue ich Schuhe und Strümpfe ab, kremple die Hosen hoch, helfe mit ziehen, ziehen, ziehen.

Per bacco, ist das auf einmal schwer! Die vier Männer werfen sich einen vier andere herbeiholenden Blick zu, den ich deute: Hai ober Rochen? Mein Herz fängt zu pumpern an wie bamals über bem Karl May, nein, bem Kapitän Maryatt, wie war bas doch eigentlich jetzt glitzert's auf Dunnerkiel! Diamine, bloß ein Schweinsfisch. Wie schnell man bas Flu­chen lernt. Caramba! Vielleicht sprechen sie boch spanisch.

Das Netz wird immer schwerer, ist fast oben und kein Rochen hat es zerrissen. Wir werden nicht von einem Ungetüm gezogen, niemand steht mit bem Beil bereit, um im kritischen Augenblick zu kappen. Eine tote Last ist ber Rest. Porcamad ein ganz unb gar verbotener Fluch.

Mamma mia! Das ist ja--

Santo Dio!!!

Ee ooo! Ee oooooooo! Hupp, hupp Donnerwetter, Donner­wetter!

Das ist eine anfora, ein halbmannshoher irdener Krug, ein antikes Stück! lieber unb über außen mit Muscheln besetzt, innen voll Muscheln gerabe vor bem Palast bes Ehrenbürgers von Anzio, vor bem Hafen Neros!

Die acht Männer werfen sich einen Blick zu, ben ich beute: Golb ober Dreck? Mein Herz fängt an zu pumpern wie damals über Troja. Fische, was Fische! Jetzt nichts als heim, heim!

Wir müssen aber warten, bis die ganze Flottille geankert hat, denn wir sind eine Genossenschaft. Gerechte Verteilung muß sein, da ist nichts zu machen. Ehe nicht alle versammelt sind, darf niemand die Hand in den Krug stecken. Gemeinsam muß ber Schatz an ben Brunnen getragen, gemeinsam bie Amphora entleert werben.

Sechs Mann schleppen sie, vierzig umbrängen sie, vierhunbert über­kugeln sich am Hasen ist es tebenbig geworden, alles läßt die Arbeit, sagen mir: die Beschäftigung im Stich, Kinder kreischen, Mädchen lachen, Fremde staunen, ich will auch dabei sein im Triumphzug, habe ich nicht ein Recht darauf, habe ich nicht mitgefischt? Ich haue um mich wie die andern, ich lache und schreie, schrecklich, wie so etwas ansteckt. Das Fischen ist eine mühselige Geschichte, die Schatzfischerei aber eine span­nende Angelegenheit, eine Lotterie, ein Wettbewerb, ein Rennen um ja, um was wohl? Um alles ober nichts. Denn bie Amphora hat nur einen mäßigen Wert, vielleicht kauft sie bas Museum für 40 Lire ober ein spleeniger Frember für 500 Mark wenn aber was brinnen ist? Ein Haufen Golb? Gott, ber Nero hat so unglaublich viel Gelb gehabt! Er wirb sich nicht lumpen lassen. , .

So, nun steht sie unter dem Brunnen, das Wasser gurgelt hinein, nun ist sie voll. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt.

Ecco umgestürzt!

Sand fließt heraus wie gelber Tee, Muscheln kollern nach, eine phan­tastischer als die andere. Das sind die schillernden Zackengeb übe, wie sie am Kai feilgehalten werben für bie Fremden, bie getigerten unb geparbel« ten bie roten, schwarzen, gezähnten unb verbuckelten unb porzellanglatten, per'lmutterschimmernben Dinger, runde, lange, ovale, es will sich nimmer erschöpfen und leeren, ein riesiger Muschelsack ift das. Und die meisten sauber wie aus dem Laden, hohl, ausgestorben, tausend Jahre haben sie