verboten hatte. Gertie ging im Zimmer auf und ab. nahm sich eine Zigarette aus dem Kristalltasten mit dem Silberdeckel, paffte ein paar Züge, warf den Rest in die Aschenschale.

Solche moderne, schwere Pariser Halskette könnte Mutter gebrauchen.

Die trägst du doch nachher."

Wenn schon. Mutter freut sich trotzdem. Und dann vielleicht eine kurze Pelzjacke, wie sie jetzt getragen werden. Mutter hat nur Mäntel.

Vater nickt.Ja, ja, das ginge." Und dann:Ach weißte, Gertie, früher, da war das so leicht. Wie wir noch in der Alten Jakobstraße wohnten. Da machte Mutter ein Armband Spaß oder eine nette Nippes­figur oder ein neuer Stuhl. Ich weiß noch, wie ich ihr die Nähmaschine schenkte, die auch stopfen konnte. Das war damals etwas ganz Neues. Und den ersten echten Teppich, die kleine Brücke, die jetzt ober auf dem Flur liegt.

Das war immer Freude. Und abends, wenn wir den Laden zugemacht hatten, legten wir dich ins Bett und gingen ins Theater. Immer ins Theater an Mutters Geburtstag; das war eine alte Regel. Ins Schau­spielhaus meist; sie schwärmte doch für Matkowsky und die Lindner, für Christians und die Rosa Poppe. Das war 'ne Zeit, Gertie, das war 'ne Zeit ..." Ganz versonnen sog Vater an seiner Zigarre. Und Gertie dachte: Vielleicht habe ich daher den Schuß Theaterblut. Weil Mutter für Mat­kowsky schwärmte, wie ich zur Welt kommen sollte."

Und dann hatte Vater wieder sein Schmunzeln und seine Grübchen. So leicht war damals das Schenken. Und so schön. Glaub' mir, Kind, die Welt ist nicht schöner, wenn man alles hat, alles haben kann. Wem noch viel zu wünschen bleibt, der hat den besten Teil erwählt. Nur tüchtig muh er sein, damit die Wünsche näher rücken." Wieder führte er die Zigarre zum Mund und stieß eine dicke Wolke vor sich.Also gut: Pariser Kette und Pelzjacke. Sag' mir, wenn du nächster Tage Zeit hast, es mit mir zu besorgen. Und denk' dir noch ein bißchen mehr aus. Muttern muß doch einen einen schönest Tisch haben, sonst schämt sie sich vor ihren Gästen. Und nun geh, Mädel, ich hab' noch zu tun."---

*

In Peters Kasse war einmal wieder Ebbe, völlige Ebbe. Auch die letzte Mark war entschwunden. So saß er erst zwei Tage zu Hause, schmökerte sich von einer Mahlzeit zur anderen durch und wartete. Von irgendwoher würde schon Hilfe kommen. Ein Freund würde anrufen, ein Vetter, der Verständnis hatte und ihm unter die Arme griff.

Aber der Fernsprecher schien eingerostet zu sein. So blieb ihm nichts anderes übrig, er mußte zu Großmutter gehen. Etwas brauchte er doch: ein paar Mark für die Elektrische, für Zigaretten. Er liebte diese Gänge nicht, er schämte sich. Großmutter hatte dann immer so müde Schritts, wenn sie zu dem kleinen Schrank ging, in dem sie ihre Kassette ver­wahrte. Aber es half doch nichts, er mußte wenigstens das Notwendigste haben, die paar Mark.

So schlich er den Korridor hinab, stand noch eine Weile vor Groß­mutters Tür, ehe er auf die Klinke drückte.

Die alte Dame hob den Kopf, als er eintrat.Ich weiß schon, Peter, warum du kommst. Ich habe nichts für dich. In diesem Monat nichts mehr, Peter. Es langt gerade fürs tägliche Essen. Kein Pfennig ist übrig."

Und Onkel Joseph, Großmutter?"

I ch bettle nicht, Kind." Großmutter legte einen scharfen Ton auf dasIch".

Peter biß sich aus die Lippen. Aber er gab die Hoffnung noch nicht aus.Kann denn Geheimrat Dannegger uns nicht helfen? Er war doch Vaters Freund?"

Da stand die alte Dame auf und trat dicht an ihren Enkel heran. Ja, er war deines Vaters Freund, Peter. Und deshalb würde ich ihm zu allerletzt schreiben. Freundschaft ist etwas sehr Heiliges, auch über den Tod hinaus. Außerdem ist Dannegger ein Mann der Arbeit, er würde wohl wenig Verständnis für deine Lage haben."

Den Kopf senkte Peter.Ich kann doch nichts dafür, Großi. Ich hab' doch versucht ..."

Und schon wurde die alte Dame wieder weich.Ich weiß ja, Peter, ich weiß ja. Aber ich kann dir heute nichts geben. Es ist ja schon der fünsundzwanzigste. In fünf Tagen kommt Geld; du mußt warten, Peter." Sie hob die Hand und strich ihm über den Kopf.Armer Peter."

In dem Augenblick schlug die Klingel der Vordertür an. Sie horchten beide auf. Dann sagte Großmutter:Geh, Peter, mach' auf. Minna ist aus. Und Isa stst auch fortgegangen. Es wird die Post sein, wer sollte sonst zu uns kommen?"

Es war Gertie Rose. Fest und vertraut trat sie ein. Sie kannte ja jede Ecke in der Wohnung. Kameradschaftlich streckte sie Peter die Hand hin.

Tag, alter Freund. Ist Isa da? Wir wollten ein bißchen proben. Eigentlich hatten wir uns schon früher verabredet, aber ich hatte mit Vater in der Stadt zu tun. Sie sah ihn an.Nanu, was machen Sie denn für ein Gesicht? Mal wieder alle Felle fortgeschwommen? Ja, man hat so seine Tage. Also: wo ist Isa?"

Ausgegangen." Fast barsch stieß er das Wort heraus.

So ausgegangen. Schade. Wann kommt sie denn wieder?"

Weiß nicht."

Da stellte sich Gertie sehr aufrecht vor Peter hin. Von oben nach unten sah sie ihn an.Weiß nicht. Sie scheinen überhaupt nichts zu wissen, mein Verehrter. Auch nicht, wie man sich gegen junge Damen benimmt. Weiß nicht! Ist das ein anständiger Ton? Wie? Wollen Sie Ihre schlechte Laune vielleicht an mir auslassen? Was? Das gibt es nicht! Dafür bin ich nicht zu haben, verstehen Sie?" Sie wartete einen Augen­blick, ob er etwas entgegnen würde. Doch er schwieg. Da wandte sie sich zur Tür.Sagen Sie bitte Isa, daß ich dagewesen wäre. Und im übrigen: Guten Tag." Sie ging an ihm vorüber und nahm die Klinke in die Hand.

Gertie!" Leise, bittend sagte er es.

Sie wandte sich um.Was gibt's noch?"

Seien Sie nicht böse. Ich hab's nicht so gemeint."

Wieder stand sie vor ihm. War schon halb versöhnt.Böse sein. Ist ja Quatsch. Ich bin nie böse. Das müßten Sie doch langsam wissen, Peter. Ich werde mir mit Bösesein die Zeit verelenden. Das wäre ja gelacht. Aber Sie sind schlechter Laune. Das ist auch solch Unsinn. Launen! Gibt's bei mir nicht. Kommen Sie mit, Peter. Die Sonne scheint. Ich habe meinen Wagen unten. Wir fahren nach Wannsee oder an den Stölpchen- see, setzen uns ins Freie, trinkenne Tasse Kaffee. Man muß die schönen Herbsttage nutzen. Draußen vergehen die schlechten Launen. Los, los, ziehen Sie sich den Mantel an."

Er zog die Schultern hoch.Sehr lieb von Ihnen, Gertie. Aber ich kann leider nicht mitfommen."

Ungläubig sah sie ihn an.Sie können nicht? Sie haben keine Zeit? Was ist denn los? Peter Weiher hat keine Zeit? Das gibts doch gar nicht.

lieber sein Gesicht ging ein schmerzliches Lächeln.Zeit hab' ich schon. Mehr Zeit als mir lieb ist. Aber ..." Er stockte.

Was aber ..." Ungeduldig fragte sie es.

Er zögerte. Zögerte eine ganze Weile. Dann brachte er es doch über die Lippen.... aber kein Geld. Ich müßte ..."

Wieder war das Stocken da.Was müßten Sie?"

Ich müßte Sie anpumpen."

Jetzt war sie still. Stand starr. Dann kam plötzlich Leben in sie. Sie riß sich die Kappe vom Kops, als ob sie sich Luft machen müßte. Auf die Tür zum Salon ging sie zu, öffnete sie.Kommen Sie, Peter. Mit Ihnen muß ich mal reden, deutsch reden. Aber nicht hier auf dem Flur. Da könnten es Fremde hören/'

Gehorsam ging er ihr nach. Drinnen faßte sie ihn am Jackettknopf. Was haben Sie da gesagt, Peter, was? Anpumpen müßten Sie mich? Mich anpumpen? Schämen Sie sich denn nicht? Wann wollen Sie mir das Geld wiedergeben?"

Ganz kleinlaut war er.Wenn ich etwas verdient habe."

Wenn Sie etwas verdient haben. Eine schöne Redensart, Herr Peter von Weiher. Wie alt find Sie eigentlich? Fünfundzwanzig, was? Und was tun Sie? nichts wie?"

Sie wissen doch, was ich alles schon versucht habe."

Immer noch hatte sie den Rockknopf in der Hand, zog und schüttelte an ihm.Jawohl, Peter: versucht versucht. So eine verfluchte Redens­art. Versucht in höchst aristokratischen Berufen: Andern Leuten Autos anschmieren. Herumlungern in Hotelhallen, um Kunden zu fangen. Bet­teln gehen: Lieber Vetter, kauf' mir doch was ab. Sind das Versuche für einen Mann von fünfundzwanzig Jahren mit einem Kopf? Oder sind Sie vielleicht dumm?"

Er stand still und rührte sich nicht.Ich glaube nein."

Ich glaube auch nein. Sie könnten, wenn Sie wollten. Jawohl, Sie könnten. Aber Sie sind auf dem falschen Weg, Peter, auf einem ganz falschen Wege. Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, daß es eine Schande ist, wie Sie als gesunder junger Mensch Ihrer alten Großmutter auf der Tasche liegen? Ihre kleine Pension auffressen jawohl ausfressen! Hier wird deutsch gesprochen. Eine Schande! Soll ich da vielleicht Mitleid mit Ihnen haben? Werfen Sie doch einmal die Vor­urteile Ihres Standes über Bord. Arbeiten Sie wirklich. Tasten Sie nicht herum, sondern packen Sie zu. Verlangen Sie, daß ich Achtung vor Ihnen habe? Weil Sie der Herr von Weiher sind? Nee, mein Lieber. Kein Mensch wird auf die Dauer Achtung vor Ihnen behalten, das können Sie mir glauben. Auch die nicht, die Sie jetzt noch im Union zum Kaffee einlaben. Gehen Sie hin, brechen Sie sich die polierten Nägel ab, schuften Sie sich die schmalen Aristokratenhände blutig. Werden Sje Arbeiter. Dann werde ich Achtung vor Ihnen haben. Und wenn Sie dann zu mir sagen:Gertie, mir geht's dreckig, ich brauche Geld", bann pumpe ich Ihnen jebe Summe."

Hastig hatte sie gesprochen. Die Worte hatten sich fast überstürzt. Jetzt stand sie da mit fliegendem Atem; alles Blut war ihr ins Gesicht gestiegen, ihre kleinen, dunklen Augen blitzten.

Er sah sie an, bewundernd.Sie sind hart, Gertie. Aber Sie haben wohl recht."

Sofort sprudelte sie weiter:Und ob ich recht Ijabe." Dann wurde sie ruhiger.Ich mein es doch gut mit Ihnen, Peter. Arbeiten muß der Mensch, sonst verkommt'er, und Sie sind auf dem besten Wege zu ver­kommen. Reißen Sie sich zusammen. Wer Slrbeit sucht, findet sie. Was soll denn aus Ihnen werden, wenn Ihre Großmutter mal die Augen zumacht? Wollen Sie später Isa ausnutzen, die sich dann vielleicht schon hochgearbeitet hat? Wollen Sie dann die Schwester anbetteln, ihr ihren Verdienst aus der Tasche ziehen? Oder wollen Sie ewig auf Vettern und Freunde spekulieren in dem Gefühl: die lassen einen Weiher nicht ver­kommen. Donnerwetter: Ihr Name verpslichtet! Arbeiten Sie. Arbeit schändet nicht, auch wenn man ein Herr von Weiher ist." Sie streckte ihm die Hand hin.

Er schlug ein, hielt ihre Rechte fest, blickte sie an. Senken mußte er die Augen, denn er überragte sie um Haupteslänge.Ich dank« Ihnen, Gertie. Es ist gut, wenn man einmal den Kopf gewaschen bekommt. Das klärt. Sie sollen von mir hören. Aber vergessen Sie nicht, daß es sehr leicht ist, so zu sprechen, wenn man selbst im warmen Nest sitzt."

Jetzt hob sie den Kopf zu ihm, sehr frei, sehr stolz.Gut, Peter. Ein Vorwurf ist des andern wert. Auch Sie werden von mir hören. Auch ich werde arbeiten. Trotz des warmen Nestes, wie Sie es nennen."

Ihre Hand zog sie aus der feinen. Schnell war sie aus dem Zimmer. Er hörte die Flurtür ins Schloß fallen. Langsam ging er zum Fenster, sah, wie sie aus dem Hause trat und in ihren Wagen flieg. Der Motor sprang surrend an, sie rollte davon, schnell, weit über Stadtgcschwinbigkeit. Er mußte lächeln: er verstand, daß man in solcher Stimmung viel Gas gab.

Der Wagen entschwand hinten an der Kurfürstenstraße. Peter drehte sich um und ging mit festem Schritt durch das Eßzimmer zur Groß­mutter. __________(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Drühlsche Universitäts-Duch. und «Steinbruderei. JL Lange, Gießen.