Fein und glücklich. Du begehst doch feine Untreue. Denke doch, ich habe Md) schon geliebt, als ich siebzehn Jahre war. Denke, was ich um dich gelitten habe. In ein Crziehungsinftitut nach Tirol haben sie mich geschickt, sind ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Ist es nicht Schicksal, daß wir ists jetzt im Belevederegarten getroffen haben?"
Die schöne Frau streichelte das Gesicht des Mannes neben ihr. „Ja, Eglantine war nicht immer gut. Du darfft ihr nicht böse sein, der armen 0 glantine."
Und dann sagte sie und ihre Stimme klang wie verweht:
„Ich liebe dich sehr, mein Freund."
Vor dem Imperial, als sie Abschied nahmen, küßte er ihre Hand. Und sie sagte in dem Wunsch, es ihm leichter zu machen:
„Morgen nachmittag, wenn du aus dem Dienst kommst. Lieber, sage ich dir, ob wir vielleicht doch noch nach dem Semmering fahren.
Sie sah ihn lange und gedankenvoll an, als müßte sie sich sein Gesicht einprägen für den Rest ihres Lebens. Dann ging sie in ihr Zimmer hinaus. Und sie schlief in dieser Nacht tief und glücklich.
Mit dem Frühstück brachte ihr der Zimmerkellner einen Strauß dunkel- roter Rosen und einen Brief.
„Habe ich dir schon gesagt, Eglantine, daß ich dich anbete?"
Darunter hatte er nachträglich und wohl im letzten Augenblick geschrieben: „Mein Gott, Eglantine! Erinnerst du dich an all das von damals?"
Eine große schmerzliche Zärtlichkeit erfüllte das Herz der Baronin. Sie fuhr zu der Prinz-Eugen-Straße, wo Rainer ein möbliertes Zimmer bewohnte. Unterwegs hatte sie einen Berg von jenen kleinen roten Rosen gekauft, die man crimson ramblers nennt. Einen Riesenstrauh stellte sie auf seinen Schreibtisch und schrieb auf einen kleinen Zettel:
„Weißt du nod)? Wir hatten eine Laude davon."
Dann gab sie der Wirtin das Zigarettenetui mit dem M aus kleinen Brillanten und schärfte ihr ein, es gehöre dem Herrn, ja, sie habe ganz richtig verstanden.
*
Den ganzen Rest des Vormittags irrte die Baronin in der Stadt Wien umher, sie passierte dreimal den Graben und sie fuhr auch zum Belvederepark. Ueberall aber erinnerten sie tausend Dinge an ihre armen Eltern, an Rainer und auch an Eglantine. Gegen ein Uhr kam sie ins Hotel zurück und sagte zu dem Direktor:
„Ich werde nickst den Nachtzug nehmen. Geht nicht in einer Stunde etwa ein Flugzeug, irgendwohin. Ich will nur fort."
Denn die Baronin fühlte, noch einmal würde sie nicht stark genug sein, ihr Schicksal in der Hand zu behalten. Dann suhr sie in ihr Zimmer hinauf.
Und sie telephonierte, daß man ihr die Rechnung heraufschicken solle. Dann packte sie ihre Sachen ein und verschloß die Koffer. Das letzte, was sie in Wien noch tat, das tat sie für den Mann, den sie als junges Mädchen einmal sehr geliebt hatte, den sie jetzt noch liebte. Und sie schrieb:
„Mein lieber Freund!
Ich habe getan, was Ihre Erinnerung tat, ich habe Sie betrogen. Eglantine ist längst tot, und ich bin nur Maria, ihre ältere Schwester. Wir waren uns immer sehr ähnlich und die Jahre haben das ihre getan, Sie zu täuschen.
Damals, als wir noch so lächerlich jung, und halbe Kinder waren, damals lebte ich für Sie nur im Schatten Cglantines. Und Sie haben nie zu bemerken geruht, daß ich ein wenig in Sie verliebt war oder vielleicht auch mehr.
Sie haben um Eglantine gelitten, mein Freund, und ich um Sie! Wir sind demnach quitt. Ich habe meine Rache genommen, indem ich mir vierundzwanzig Stunden lang einbilden durfte, von Ihnen geliebt zu werden. Sie sehen, ich will mich nicht mit fremden Federn, d. h. guten Motiven schmücken. Aber ein ganz klein wenig, glauben Sie mir, leitete auch mich der Wunsch, dankbarer zu sein, als Eglantine es zu ihren Lebzeiten war.
Wenn es mir gelungen ist, Ihnen ein paar glückliche Stunden zu geben, wird mir das, im ernstesten Sinne des Wortes, eine unendliche Freude sein.
Die arme Eglantine hat sich alles genommen, was sie haben wollte (vielleicht ist es Ihnen ein Trost, mein Freund: S i e waren nicht darunter) und sie ist in dem geendet, was die Menschen als Elend und Misere bezeichnen.
Ich habe nichts von dem bekommen, was ich mir wünschte, und die Menschen rechnen mich zu den glücklichen ihrer Geschwister, weil ich eine gewisse Dosis von jenem Opiat erhalten habe, das sie „äußere Ehren" nennen.
Ich fahre zu meinem Mann, mein lieber Junge, ich gebe Ihnen die Genugtuung (ich kenne doch die Männer) zu sagen: den ich nicht liebe. Aber ich füge hinzu: den ich achte. Und das ist wohl alles, was man vorn Leben und von einem Ehemann erwarten darf. Mich erwartet ein Programm, von dem ich mir vormache, daß es eine Aufgabe ist. Doch wenn man sich nicht ein wenig selbst betrügt, wo bliebe dann das seelische Gleichgewicht? Noch eins, mein lieber Rainer. Sie haben sich nach einer Erfüllung gesehnt, die Ihnen Eglantine schuldig geblieben ist. Die Eglantine der vierundzwanzig Stunden hat das Gleiche getan. Ich gebe Ihnen Ihre Sehnsucht zurück. Sie sollten mir dafür dankbar sein. Denn ein Leben ohne Sehnsucht hat keinen Wert mehr.
Ich bitte_ Sie um Verzeihung, wenn ich Sie gekränkt haben sollte. Und wenn Sie sehr böse sind, lesen Sie meinen Brief noch einmal durch. Bierundzwanzig Stunden später. Vielleicht werden Sie dann finden, daß ick; recht hatte. Sie haben mir das herrlichste Erlebnis meines Daseins geschenkt: Die Illusion, so geliebt zu werden, wie Sie Eglantine liebten.
Denn, denken Sie: So arm ist mein Leben. M."
Oie Entschwundene.
Von Gottfried Keller.
Es war ein heitres, golbnes Jahr, Nun rauscht das Laub im Sande, Und als es noch in Knospen war, Da ging sie noch im Lande.
Besehen hat sie Berg und Tal Und unsrer Ströme Wallen;
Es hat im jungen Sonnenstrahl Ihr alles wohlgefallen.
Ich weiß in meinem Vaterland Noch manchen Berg, o Liebe, Noch manches Tal, das Hand in Hand Uns zu durchwandern bliebe.
Noch manches schöne Tal kenn ich Voll dunkelgrüner Eichen; — O fernes Herz, besinne dich Und gib ein leises Zeichen!
Da eilte sie voll Freundlichkeit, Die Heimat zu erlangen — Doch irrend ist sie allzu weit Und aus der Welt gegangen.
Vom schauspielerischen Schaffen.
Von Dr. Paul Landau.
Die ersten Premierenschlachten dieser mit viel Früchten und Hoffen begrüßten Theatersaison sind geschlagen. Der faszinierende Zauber schauspielerischer Kunst, der uns für kurze Stunden die Wirklichkeit vergessen läßt, wirkt von neuem mit voller Stärke auf uns ein, und wir fragen erstaunt, welch besonderen Kräften der Mime seine Macht verdankt. Wenngleich über jeden geistigen Zeugungsprozeß ein Schleier des Geheimnisvollen und Unbewußten gebreitet ist, so liegen doch die Verhältnisse bei der Schöpfung des Schauspielers noch besonders dunkel und kompliziert. Er ist zugleich reproduzierender und produzierender Künstler; sein Material, das er formt, ist kein objektiver Stoff, sondern seine Persönlichkeit, sein Körper selbst; er kann sein Werk nicht fertig aus sich Herausstellen für alle Ewigkeit, sondern muh es stets von neuem gebären. Das Problem des schauspielerischen Schaffens ist daher eines der schwierigsten und anziehendsten auf dem Gebiete der Psychologie des genialen Menschen; es ist vielfach, von den Künstlern selbst und den Aesthetikern, erörtert worden, wobei sich die Meinungen oft direkt widersprechen.
Wie jedem Beruf, der alltäglich ausgeübt werden muß, haftet auch der Schauspielkunst etwas Mechanisches, Handwerksmäßiges an. Der Mime, der ein paar Monate hindurch Abend für Abend in denselben ober in ganz ähnlichen Rollen beschäftigt ist, wird vielfach automatisch seine Aufgabe erledigen, den eingeübten Part gleichsam von selbst sich abrollen lassen. Aber er ist bann auch kein Künstler mehr, kein Schöpfer. Bei unserer Betrachtung kann es sich nur um ben bebeutenben Schauspieler handeln, der wirkliche Schönheitswerte schafft und von dem jeder echte Komödiant ein Stück in sich haben muß. Phantasie und Berstand, bas sind bie beiben Mächte, bie, wie bei jeder künstlerischen Leistung, so auch bei der des Schauspielers die eigentlich hervorbringenden Gewalten barstellen. Sein erstes, funbamentaies Erleben finbet ber Bühnenbarsteller natürlich im Versenken in bas Drama. Schon hier zeigen sich bebeutenbe Unterschiebe bes Einbrucks. Der bentenbe Schauspieler, bei bem bie Reslektion überwiegt, wirb nur ganz vage, verschwommene Vorstellungen haben; wir wissen bas von Seybelmann, von Kainz u. a. Er muß erst alle möglichen Zugänge zu bem Werk unb ber Gestalt suchen, langsam in bie Stimmung unb bie Details einbringen; bas ist bann nicht selten bie Arbeit eines Gebens. Aus stets neuen Nuancen setzt sich das Mosaik des Spiels zusammen. Solche Schauspieler sind halbe Gelehrte, Riesen an Fleiß, Meister der beherrschten Technik, die auf ihrem mühevollen Wege langsam unb hartnäckig zu ben Gipfeln ihrer Kunst aussteigen, ein Ekhof, Seybelmann, Dessoir, Lewinsky, Kainz, Oscar Sauer.
Ganz anbers stehen bie „Lieblinge ber Phantasi e", schon beim ersten Einleben in ihre Aufgabe, bem Werke gegenüber. Auch sie sind nicht etwa mühelose Improvisatoren, denen alles auf den ersten Wurf glückt, aber es drängen sich ihnen sogleich sinnlich blutvolle Gestalten ihrer Einbildungskraft auf, mit denen sie sich immer mehr befreunden, bis diese zu ihrem „zweiten Ich" werden. Rellstad hat uns den dämonischen Ludwig Devrient so im inneren Zwiegespräch mit einem neuen „Seelenbruder", einer neuen Rolle, geschildert. Ueberall, in der Kneipe unb auf ber Straße, zog er bas Buch aus ber Tasche unb rebele auf biefen „verrückten Kerl", ber fein eigen werden sollte mit allen Fibern unb Fasern, wie auf einen leibhaftigen Kumpanen, ein. Und bald ging dann mit ihm selbst eine merkwürdige Verwandlung vor; Haltung, Gebärden, Sprachton erhielten eine völlig andere, charakteristische Prägung; er machte dem „tollen Burschen", den er vor seinem geistigen Äuge sah, nach und so redete er, lebte er, wühlte er sich in bie Rolle hinein. Bei allen großen Schauspielern, beren ©runbtalent ein heißer Drang zum Kopieren ist, kann man biefe Art bes Schaffens beobachten; sie ahmen ihre inneren Gesichte so lange nach, bis sie in ben Körper biefes imaginären Wesens hineingeschlüpft sink». So schufen Schröber, Döring unb Matkowsky, unb wenn sie sich nebenbei noch in tief-


