Ausgabe 
6.7.1931
 
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Als alle schon im ersten Schlaf lagen, richtete Pedro Caballero sich in seinem Bette aus und rief prophetisch:

Es geht noch heute nacht los!"

Die Schüler grunzten ihm eine Antwort entgegen, die Zweifel aus­drücken sollte.

Dann wurde eine Zeitlang alles still.

Doch etwas später richtete der eine oder der andere sich wieder halb in seinem Bette auf. Sie hörten unten im Gutshof ein Motorrad, das auf der Straße nach Maineweh davonsuhr. Einige Obertertianer und viele Sekundaner hatten Motorräder, und die Primaner, diese götter­gleichen Heroen auf Erden, hatten sogar Miniatur-Autos, ebenso Alexan­der Kirchholtes, der Präfekt der Obersekunda. Aber da ihre Phantasie nun einmal rege geworden war, so glaubten die Halbschläser der Unter­tertia, daß sie jetzt Repperts schwere Maschine hörten.

-In der Tat, Reppert und Borst hatten sich aus dem Schlafsaal davon­geschlichen. Nun sausten sie mit fünfzig Kilometer Geschwindigkeit in der Nacht davon. Sie hatten ihren Beiwagen neben sich, der mit geheimnis­voller Fracht beladen war: geschlossene Eimer, zentnerschwer, gefüllt mit blutroter Farbe, die einen Geruch verbreitete, als jage da ein gespen­stiges Heer von Malern durch die Nacht.

Borst saß auf dem Sattel hinten. Er hielt den starken, schlanken Leib des Jungen vor ihm umklammert. Er war jeden Augenblick in Gefahr, herunterzupurzeln, so schnell ging die Fahrt, so holprig war die Landstraße, so schwach waren seine Arme und das Schlimmste von allem so elend fürchtete er sich. Er machte überhaupt da in der windigen Juninacht hinter Repperts Rücken ein ganz kläglich-verdutztes und zergrübeltes Gesicht. Durchaus nämlich konnte er nicht begreifen, weshalb man gerade ihn unter fünfundzwanzig Tertianern zu diesem nächtlichen Patrouillenritt mit zinnoberroter Farbe auserwählt hatte. Nicht, daß er es nicht wunderschön gefunden hätte, aber das Wunder­schöne trat doch nicht in jedem Augenblick dieser Fahrt in Erscheinung. Bon zwanzig Minuten fürchtete er sich mindestens neunzehn entsetzlich.

Er war der Kleinste von allen, der Jüngste, der Schwächste und der Ungeschickteste von allen, und, was beinahe das Schlimmste war, er befand sich nicht länger als ein halbes Jahr im Schulstaat. Er bekam deshalb auch stets die lächerlichsten Aufgaben zugewiesen, wie zum Bei­spiel heute nachmittag: Posten stehen, während alle andern schliefen! Im allgemeinen konnte Borst sich nicht beklagen. Man verachtete ihn keines­wegs, obwohl man es doch beobachten konnte, daß er gern vor jedem Regenwurm davongelaufen wäre. Man sah nur so über ihn hinweg. Einige nannten ihnKleiner", wenn überhaupt sie ihn irgendwie nannten. Es klang nicht zärtlich, oh, durchaus nicht! aber Borst hätte doch manchmal geradezu meinen mögen, wenn er das Wort hörte. Er war ja nun einmal der Kleinste, da war es doch schön, daß man ihn so nanüte.

Borst biß die Zähne zusammen. Er hatte fürchterliche Schmerzen körperlicher Art zu all seiner Angst und Not zu erleiden. Es war ihm nämlich von Reppert, als ob dies die selbstverständlichste Sache in Welt sei, ein ausgebogenes Holzstück auf die Schultern gebunden worden, mit zwei starren Hebeln rechts und links, an denen wiederum je ein kleiner geschlossener Eimer voll Farbe hing. Das Ganze war ein ver­rostetes und verbogenes Gerät, wie sie es im vergangenen Winter be­nutzt hakten, als sie den Schwimmteich ausgegraben und einen Teil des schwarzen Moores in solchen Eimern zu einer Kute hingetragen hatten, die aufgefüllt werden sollte. Das harte Holz auf den Schultern preßte den kleinen Borst wie ein Gummimännchen zusammen, er sah auf dem geisterhaften Motorrad, als habe er furchtbare Leibfchmerzen. Zudem rann ihm feuchte Farbe, die des abends^noch im Laboratorium her- gestellt worden war, wie dunkel schimmerndes Blut an den nackten Beinen hernieder. Obwohl er doch ganz genau wußte, daß es eben nur zinnoberrote Farbe war, so konnte er sich von dem Gedanken nicht be­freien, daß er auf dieser Motorradtour nach Maineweh langsam ver­blute. Er schielte herunter, er sah in dem dahinströmenden Rot den Vor­boten furchtbarer Ereignisse. Er hätte etwas darum gegeben, wenn Herr Falk heute nachmittag nicht in das Lager gekommen wäre und wenn er weiterhin solch lächerlich beruhigende Posten hätte bekleiden dürfen wie den, die Faulheit der Tertia im Walde zu bewachen.

Dann aber fiel ihm etwas ein: der kleine Pudel-Schnauzer, der ihm immer so freundlich zu folgen pflegte, obwohl er gar nicht Borst allein gehörte, sondern der ganzen Klasse.Du mußt nicht immer so tun, als ob Josua dir allein gehört!" hatte ihm einmal warnend einer von der Bande gesagt.Du halt nur einen sechsundzwanzigstel Anteil an Josua!" Borst aber dachte in diesem Augenblick an den ganzen, unteilbaren und einigen Hund Josua, dessen Leben bedroht war, wie das Leben aller Hunde und Katzen im Lande ringsum. Und plötzlich hatte er keine Schmerzen und auch keine Aengste mehr.

Dennoch sehnte Borst sich danach, daß Reppert ein einziges ausmun­terndes Wort zu ihm sprechen möge, das hätte ihm die Not gelindert. Aber er wußte es, daß er hier, wie immer, ganz auf sich selber gestellt war. Es würde Reppert gar nicht im Traume einfallen, Ermahnungen von sich zu geben, wie zum Beispiel:Halte dich ja gut fest, daß du nicht her­unterfällst!" oder tröstende Fragen:Tut es dir weh?" Wenn er eben das Unglück hätte, herunterzufallen, so würde Reppert auch kein großes Aufhebens davon machen. Waren Reppert und Borst zwei Jungen ge­wesen, die zehn Jahre früher gelebt hätten, wären sie vor zehn Jahren diese Landstraße hier entlang gesaust, so hätte Reppert ihm Ermahnun­gen, vielleicht auch Tröstungen zu teil werden lassen. Aber das konnte Borst nicht wissen: wie in den letzten Jahren der Menschheit die Furcht abhanden gekommen war; sie hatte keine Todes- und keine Unsallsfurcht mehr, diese Menschheit, die Alten kaum noch und die Jungen schon gar nicht mehr.

Vorst umklammerte feine Eisenstangen, an denen die Töpfe hinge« und Repeprts Rücken, dessen Wirbelsäule wie die Wirbelsäule eines zum Sprung ansetzenden Raubtieres erzitterte. Reppert kämpfte mit den Hinder­nissen einer nächtlichen Straße, die durch Wälder und Dörfer, übet Brücken und Bahngeleise, bergauf und bergab führt. Und et kämpfte auch seinen stillen Kampf mit der Angst des Burschen dort hinter ihm, der sich ungeschickt an ihm festhielt und die Eimer schwappen Netz. Eine« Jungen wie Reppert konnte man in der ganzen Welt suchen, nirgendwo anders als in Deutschland würde man ihn finden! Er wollte nämllch alles organisieren. Jeder Raubzug in der Nacht, jeder Sport, jede Euh deckungsfahrt, jede Schnitzeljagd oder friedliche Aufstöberung eines Fuch» baues, alles mußte organisiert werden. Sogar der Kleine dort hinter ihm sollte organisiert werden. Reppert fand, daß Borsts Kräfte bisher für die Tertia brach gelegen hätten, er wollte zusehen, was man am ihm herausziehen könne, und deshalb hatte er ihn, den Untauglichste« von allen, zu dieser Fahrt auserwählt. Während er nach Maineweh fuhr, war dies sein einziger Gedanke:3n Zukunft muß das alles besser organisiert werden."

Kurz vor Maineweh machte er halt. Er leuchtete das Kartoffelfeld zur Linken ab. Er suchte einen Weg durch die Aecker.

Sein Lichtstrahl fiel auf ein trübseliges Haus, auf das herzbeklem­mende erste Haus einer Stadt, ein verfallenes, einstöckiges Mietshaus. Die Radlampe beleuchtete die fensterlose, schwarze Rückwand, die öde war wie die Welt vor dem ersten Schöpfungstage. Dorthin leitete Rep- pert sein Gefährt, während er laut und heftig mit seiner Hupe Zeichen gab.

Alsbald flammte in einem Fenster zur Seite ein winziges Licht auf, das nur mühselig gegen das Dunkel des Hauses ankämpfte.

Reppert drehte sich um.

Hast du Farbe verschüttet?"

Borst war gar nicht mehr imstande, eine vernünftige Antwort zu geben. Er glitt halb besinnungslos von seinem Sitz herab und ließ das Holz von feinen Schultern fallen, wohin es immer mochte. Reppert sah sich kopfschüttelnd Borsts blutigrote Beine an, und dann prüfte er, was noch an Farbe in Borsts Eimern übriggeblieben wäre.

Du hast unfern Weg verraten", sagte er, übrigens ohne Strenge. Er fügte hinzu:Das nächste Mal werden wir das besser organisieren!"

Da er noch warten mußte, so schien er zu einem Gespräch mit dem keuchend im Kartoffelfeld hockenden Borst geneigt zu sein.

Es muß nämlich im Verlauf der nächsten Tage nach der Arbeits­stunde noch dreimal soviel Farbe herbeigeschafft werden", sagte er und nun erst zog er die Stirn in strenge Falten.Herr Falk darf keine in der Stadt kaufen. Herr Falk darf sich Überhaupt nicht bloßstellen. Das könnte ihm seinen Posten kosten ... Diese Schufte!"

Das Letzte war eine freundliche Anrede nach der Richtung der Stadt hin.

Jetzt hörten sie den Schritt gedämpfter Holzpantinen.

Reppert ging voraus.

Guten Abend, Herr Falk. Wir müßen schnell machen, denn dec Kleine da muß ins Bett. Wieviel Uhr ist es?"

Halb zwölf."

Also dann bitte los!"

III.

Die Tertia hatte eine der großartigsten Erfindungen gemacht, die je in den Gehirnen von Knaben entstanden war. Um sich Straffreiheit für ihre Verbrechen zu erwirken, zeigte sie sich musterhast in den Unter- rcchtsstunden. Schläfrig blinzelnd hatte der Große Kurfürst den Grund­satz ausgestellt:Man muß arbeiten!" Reppert hatte diesen Gedanken sofort zum Gesetz erhoben. Er entwarf einen Arbeitsplan für die ganze Klasse. Er organisierte den Schutz der Schwachen. Wer in irgendeinem Fache bewandert war, hatte die Verpflichtung, den Zurückgebliebenen Nachhilseunkerricht zu erteilen. Die Begabten, die nur während eines Bruchteils der Arbeitsstunde mit ihren Aufgaben beschäftigt waren, hatten die Pflicht, sich denjenigen sogleich zur Verfügung zu stellen, die ihre Studien noch nicht beendigt hatten. Jedermann gab mit Strenge darauf acht, daß keiner zurückblieb. Man hielt wöchentlich eine Volks­versammlung ab, an der ein jeder teilzunehmen hatte. Es war eine Zu­sammenkunft, bei welcher die Schüler, als seien sie ihre eigenen Lehrer, über sich selbst berieten. Sie stellten ihre eigenen Fehler fest. Beispiels­weise trat einer hervor und sagte:Ich habe nichts kapiert, was Br. Wunder von der Jonentheorie erklärt hat! Wer kann mir helfen? Oder: Ich habe geschlafen, als von Opitz die Rede war! In welchem Buch kann ich das nachlesen?"

All dies geschah nicht aus Freude an der Tugend des Studiums, lon- dern aus ungezügelter Herrschsucht. Sie wollten die ersten im Schul- staate sein und eine fast unbeschränkte Macht und Wirksamkeit in den Freistunden ausüben.

Am Morgen nach der nächtlichen Motorfahrt verbreitete sich im Er­ziehungsheim das Gerücht, daß einige Jungens der Obertertia man nannte sechs oder sieben, in der Nacht ausgebrochen und erst gegen Morgen in das Schulheim zurückgekehrt seien: Mr. Graig, der englische Lehrer, sprach während der Unterrichtsstunden in der Obertertia in der ihhs eigentümlichen gewundenen Art von gewissen Schülern einer ge­wissen Klasse dieses stolzen Schulstaates, die mit übermüdeten Gesichtern und vor Schlaslosigkeit schweren Gliedern zu den Unterrichtsstunden kämen. Ruhelos ließ er seine wasserblauen Augen nach oben schweifen, obwohl sie an den Wänden und an der Zimmerdecke ebensowenig einen festen Punkt der Betrachtung sanden wie in den Gesichtern der Knaben Mr. Graig schloß seine Ausführungen mit kleinen Fußstößen gegen die Leitung", indem er etwas von den verbrecherischen, ewig straflos ein­hergehenden Lieblingen dieser Anstalt in seinen blonden George-V.-VoU- bart hineinmurmelte.

(Fortsetzung folgt.)

Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Derlag: llSrühl'jche HniDerlität^'Sucfc- und Steindruckerei. R. Lange, Gießem