Ausgabe 
6.7.1931
 
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GietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |93( Montag, den 6. Juli Nummer 52

11 ii.r.

Hypenons Schicksalslied.

Von Friedrich Hölderlin.

Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüste Rühren euch leictst, Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten.

Schicksallos, wi« der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen;

Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben. Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe 3u Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewisse hinab.

Der schönste Brief.

Von Bruno Frank.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Der schönste Brief, der mir bekannt ist, stammt von Iwan Turgen- ,'s, ganz kurz vor seinem Tode hat er ihn an Tolstoi geschrieben. Er ...niet:

Bougival, den 27. oder 28. Juli 1883.

Lieber und guter Lew Nikolajewitsch! Lange habe ich Ihnen nicht geschrieben, denn ich lag und liege offen gesagt auf dem Sterbebett. Gesund werden kann ich nicht, und es lohnt gar nicht, daran zu denken. Ich schreibe Ihnen eigentlich nur, um Ihnen zu sagen, wie froh ich war, Ihr Zeitgenosse zu sein, und um Ihnen meine letzte, aufrichtige Bitte vorzubringen: Mein Freund, kehren Sie zur literari­schen Tätigkeit zurück! Diese Ihre Gabe stammt doch auch daher, von wo alles andere kommt. Ach, wie wäre ich glücklich, könnte ich glau­ben, meine Bitte werde so auf Sie wirken!!

Ich bin ein verlorener Mensch. Die Aerzte wissen nicht einmal, wie sie meine Krankheit nennen sollen,nevralgie stomacale gout- teuse"..Jch kann weder gehen noch essen noch schlafen, was soll ich denn noch! Es langweilt sogar, das alles zu wiederholen. Mein Freund, großer Schriftsteller der russischen Erde erhören Sie meine Bitte!"

Welches Verlangen erwecken diese Zeilen! Wie aller Sehnsucht wert ist die Lebenslust, in der allein ein solcher Abschiedsgruß erklingen konnte. Renan, einer aus dem Pariser Freundeskreis, dem Turgenjesf angehörte, hat einmal das neunzehnte Jahrhundert gepriesen als eine milde und schöne Zeit, als das rechte Klima für ein Erblühen der Künste und der Wissenschaften, dem gewiß eine rauhere Periode folgen werde. Ach ja, die ist ihm gefolgt. Das neunzehnte Jahrhundert, diese Abschiedsstunde der alten Kultur, erscheint-dem rückwärts gewandten Blick des durch Sumpf und Feuersbrünste Gejagten als ein Paradies des Friedens und der Weisheit.

Die Literaturkenner von der ganz strengen Observanz stellten Turgen- jeffs Sarg nicht in ihr Pantheon. Er gilt ihnen nicht für ein Genie, nur für einen Talentmann. Tatsache ist, daß er dem abgründigen Genie Ruß­lands, daß er Dostojewski aufs äußerste zuwider war: ja Dostojewski erschien eines Tages unvermutet bei Turgenjesf, klagte sich vor dem Erstaunten einer Schandtat an und erklärte: por einem Menschen wie Turgenjesf sich zu erniedrigen, dies habe ihm der Himmel als härteste Buße auferlegt. Turgenjesf fügte sich vortrefflich in den Kreis bedeu­tenden Schriftsteller ein, mit dem er in Paris lebte: Flaubert, Gautier, Zola, Goncourt, Zaine, Renan, die der gleichen seelischen Zone angehor- ten, und die ihn alle liebten.Le doux geant nannten fie 'hn. Sem Wesen war Humanität, Humanität gegründet auf Kenntnis des mensch­lichen Herzens und auf skeptischen Sinn für Tatsachen. Sich selbst zu sehen, wie man ist, den Menschen zu sehen, wie er ist, nicht an wüste und irre Träume sich hingeben, sondern wahr, gütig und furchtlos im

Dasein zu stehen einer Periode wie der unfern darf darin getrost ein Ideal gezeigt werden. Einer Periode, deren typischer Mensch sich unbeschreiblich häßlich ausnimmt, nämlich zugleich platt, gierig und von Phrasen betrunken.

Phrasenloser, unpathetischer kann nichts sein als der Brief des ster- benden Turgenjesf.Ich lag und liege auf dem Sterbebett" das ist ihm schon zu viel, zu lapidar, und er fügt dieses rührendeoffen gesagt" hinzu, ein verkleinerndes Verlegenheitswort, eine Art Entschuldigung dafür, daß er sich selbst in so ernster, eindrucksvoller Situation zeigen muß. Seine Krankheit muß grauenvoll gewesen sein, eine allgemeine Entzündung der Nervenhaut mit nie aussetzenden, marternden Schmer­zen. Aber kein Wort von diesen Schmerzen! Er fängt wohl an, seinen Zustand zu beschreiben und ironisiert ein wenig die Aerzte, aber sogleich bricht er wieder ab:es langweilt sogar, das alles zu wiederholen".

Tolstoi müsse das langweilen, meint er damit. In seinem skeptischen Wissen um die Kluft zwischen Individuum und Individuum vermeidet er es, das Empfinden des andern länger als einen Augenblick in Anspruch zu nehmen. Aber er weih auch, daß es jedermann beleidigt, sein Mit­gefühl und Zartgefühl in Zweifel gezogen zu sehen. Darum redet er Tolstoi an dieser Stelle nicht an, läßt das Pronomen weg und spricht im allgemeinen. Dieses Pronomen,' das gar nicht dasteht, dürste an sittlicher Schönheit und Würde ungefähr alles aufwiegen, was heutzutage in einem ganzen Jahr in Europa öffentlich geschrieben und geredet wird.

Und nun das Bekenntnis von der Hand des Todgeweihten,wie froh ich war, Ihr Zeitgenosse zu sein!" Welch verehrungswürdige Urbanität, welche Höflichkeit des Herzens mar nötig, um eine solche Wendung zu finden! Klingt sie nicht und soll sie nicht klingen, als blicke der Ver- löschende auf fein Dasein zurück, überschlage die Freuden, die es ihm gewährt hat, und finde als höchste die Lektüre vonKrieg und Frieden" vndAnna Karenina". Auch den Abgewandten und Starren muß ein solcher Liebesgruß, aus solchem Munde, aus solcher Stunde, bewegen. Und darauf zählte Turgenjesf. Sein zärtlich begeisterter Dank ist nur der Eingang zu einer Bitte:Mein Freund, kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück!"

1877 war dieAnna Karenina" erschienen. Bald darauf trat in Tol­stois Leben der Umschwung ein, er sagte seiner bisherigen Existenz, der Welt und derparasitären" Literatur ab, er widmete sich theologischen Studien, Übersetzte das Evangelium. Kein Zweifel, es ist eine Art von erhabener List im Spiel, wenn Turgenjesf so bittet. Einen Sterbenden, sagt er sich, wird der fromm gewordene Tolstoi am ehesten hören und erhören. Aber daß ihm dies wichtig ist, daß er mit feinen versagenden Kräften dieses flehentliche Verlangen niederschreibt:Ach, wie wäre ich glücklich, könnte ich glauben, meine Bitte werde so auf Sie wirken!" Er ist ein Ungläubiger, er weiß, daß alles für ihn zu Ende ist, wenn ihn der Erdboden deckt, aber es ist ihm nicht gleichgültig, ob dann auf dieser Erde noch das Schöne entsteht. Er tut nicht, wie es später einmal wider­liche Mode geworden ist, als sei Kunst, als sei Dichtung dem Leben gegenüber ein Nichts, besten sich der Urheber wohl gar zu schämen habe. Daß das Wahre und Bedeutende sich mehre auf Erden, bleibt die Sorge feines Herzens, welches bald nicht mehr schlagen wird, und daß Ruß­land diesen Schatz mehren helfe bas ist ber Patriotismus biefes Kos­mopoliten.Mein Freunb, großer Schriftsteller ber russischen Erbe!"

Zum verurteilten Sokrates tritt am Vorabend der Hinrichtung ein Freund ins Gefängnis und findet ihn eifrig bemüht, auf ber Leier eine Melobie zu erlernen. Wie benn, Sokrates, ruft ber Freunb, morgen sollst bu sterben und lernst heute noch ein neues Lieb? Und Sokrates antwortet: Wann soll ich es benn lernen, du Lieber? Dies ist Geist vom Geist unseres Briefes.

Aber nachdem der verurteilte Turgenjesf den andern gebeten hat, er möge doch seinem Genius den alten Weg wieder «erstatten, fügt er eine Begründung, eine Aufmunterung hinzu:Diese Ihre Gabe flammt doch auch daher, von wo alles andere kommt." Das ist etwas Unsterbliches. Turgenjesf hatVäter und Söhne",Dunst",Das adelige Nest" geschrie­ben, und feine frühen Schriften haben in Rußland die Aufhebung der Leiheigenschaften vorbereitet aber diesen kleinen Satz sollte man nicht vergeßen über jenen Taten. Man sieht den Leidenden, wie er Tolstoi an seine Verantwortung mahnen will, an die Verpflichtung, die ungemeine Talente auferlegen, man sieht, wie er fast schon im Begriff ist, diese ehrerbietige Mahnung in eine religiöse Formel zu kleiden, man spürt, wie er, der furchtlos und glaubenlos Sterbende, es verwirft, auch zu erhabenen Zweck nur im mindesten zu heucheln und von Dingen zu reden, von denen wir schlechterdings nichts wißen können, und es entsteht diese behutsame und meisterliche Wendung. Dieser große Mensch und Schriftsteller schont den andern, der glaubt ober inbrünstig doch glau­ben möchte, und er selber bleibt wahr, wahr wie ein Mann und wie ein Weiser.

Nein, Humanität ist kein leeres Wort. Laßt euch nichts weismachen von den Maulaufteihern dieser trübseligen Epoche, von den Amokläufern,