Ausgabe 
6.3.1931
 
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Ja", rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten Virnen- stiel um sich her,nur dreifach, aber in größter Ehrbarkeit sehe ich die liebste Jungfer Bünzlin um mich her spazieren und mir wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe.So ist's recht", sagte Züs lächelnd,wenn irgend ein Unterschied zwischen euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst, wenigstens der Verständigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte, wurde es ihm angst und er rief eilig: Ich sehe auch die liebste Jungfrau Bünzlin dreifach um mich her spa­zieren in größter Ehrbarkeit und mir wohllüstig zuwinken, indem sie die Hand auf"

Pfui, Bayer!" schrie Züs und wandte das Gesicht ab,nicht ein Wort weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wüsten Wor­ten zu reden und sich solche Sauereien einzubilden? Pfui, pfui!" Der arme Bayer war wie vom Donner gerührt und wurde glühend rot, ohne zu wissen wofür; denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur un­gefähr dem Klange nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er ge­sehen, wie dieser für feine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und sagte:Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas bescheidenere Art zuwege gebracht?"Ja, mit Ihrer Er­laubnis", erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden,ich erblicke Sie jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anständig mich an- fchauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!"

Gut denn!" sagte Züs,und Sie, Fridolin? sind Sie noch nicht von Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?".Um Vergebung!" sagte Fridolin kleinlaut,ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist keine schöner, als die andere, und die Wahl unter Ihnen scheint mir ein bitteres Kraut zu sein."

Nun also", sprach Züs,da ihr in euerer Einbildungskraft von neun solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem lieb­reizenden Ueberflujse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet, ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sähet, daß ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet doch ein Bei­spiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!"

Ja, wahrhaftig", rief Jobst,ich will es wenigstens tun, an mir foll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst:An mir auch nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hände zusammen, wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Fälle zu springen, so gut er vermöchte. An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte Jobst,denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens; denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bißchen verstehe und ein verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht auf eine einsichtsvolle Weife getan. Ich kann arbeiten, so viel ich will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei ein Taufendmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut austo'mmen! Ach! ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen, allerliebste Jungfer Züs!"

Ei!" sagte der Bayer eifrig,das glaub ich wohl, das wäre auch keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Mein Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ordnung zu halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel be­kommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und nie­mals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getötet. Ich bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß mich am Geringfügigsten zu vergnügen und damit zufrieden zu sein. Aber ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes Gewissen ist das beste Lebenselixir, alle Tiere lieben mich und laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei. einem ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste, und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich als ein demütiger Handwerksgesell kein solches Tier ernähren konnte, und als ich durch den Böhmerwald reifte, sind die Hirsche und Rehe auf zwanzig Schritt noch stehengeblieben und haben sich nicht vor mir ge­fürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den Men­schen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!"

Ja, das muß wahr sein!" rief der Schwabe,seht ihr nicht, wie dieser Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu nähern sucht Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muß es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!"

Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig:Bei mir wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel fjab ich acht Jahre gehabt, und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drängen und zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue! Wunderbare Eigenschaften Haden die Tiere je nach ihrer Art! Der Löwe folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elefant begleitet den Fürsten und den tapfern Krieger: das Kamel trägt den Kaufmann durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und

6er Hund begleitet feinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich für ihn in das Meer! Der Delphin liebet öie Musik und folgt ueu Sch.ften, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein menschenähnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht, und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein Alter! Selbst oie Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der Spitze ihres Schwan­zes; das Krorodil weint menschliche Tränen und wird von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich satteln und reiten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des Menschen und das gehörnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn liefert ihm das fajnee» weiße Elfenbein und die Schildkröte ihre durchsichtigen Knochen - "

Mit Verlaub", fügten alle drei Kammacher zugleich,hierin irren Sie sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elesantenzähnen ge­wonnen, und die Schildpattkämme macht man aus der Schale und nicht aus den Knochen der Schildkröte!"

Züs wurde feuerrot und sagte:Das ist noch die Frage, denn ihr habt gewiß nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die Stücke; ich irre mich sonst selten, doch fei dem wie ihm wolle, so lasset mich ausreden: nicht nur die Tiere haben ihre merkwürdigen von Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein, fo aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weih und bald schwarz; der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an; aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht Eisen an, auf die Schiefertafeln kann man schreiben, aber nicht auf den Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser zum Glas- schneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe Freunde, daß ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiß! Was aber mein Ver­hältnis zu ihnen betrifft, fo ist dies zu bemerken: Die Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen und listigen Men­schen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind, fo folgt hier­aus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die Tiere und ihr Ver­hältnis zu uns würdigen und manches daraus lernen, wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen."

Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weitet zu sagen; Züs hatte sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge durch­einander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber Züsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dünkte sich keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge be­stand. Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder, welche nach allem greifen, was ihnen In die Augen glänzt, von allen bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den Mund stecken wollen, statt es bloß an die Ohren zu halten. So erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzloser und eitler Züsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerührter und jämmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fühlten sie einen heftigen Durst von dem trockenen Obste, wel­ches sie inzwischen aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehölz nach Wasser, sanden eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen hatte listigerweife ein Fläschchen mitgenommen, in welchem er Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches lieb­liche Getränk ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn er wußte, daß die andern zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor, während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an; sie tränt es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie. Und. sie sah den Dietrich dabei überquer ganz hold­selig an, daß ihm der Rest, welchen er selber krank, so lieblich schmeckte wie Zyperwein und ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen: sie tippte ihm leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen, und er tat, als ob er danach, schnappen wollte und machte dazu ein Maul wie ein lächelnder Karpfen; Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegenüber und tätschelten zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und legte die Hand auf seine Schulter, und D'etrich wollte eben dieses holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen geschüttet, plötzlich elend geworden, und das Herzeleid, wel­ches sie bei dem Anblicke des spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit dem oben Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalke Schweiß auf der Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen überaus freundlich zu und rief:Kommet, ihr Lieben, und setzet euch doch auch noch ein bißchen zu mir her, daß wir noch ein Weilchen und zum letzten Male unsere Eintracht und Freundschaft genießen!" Jobst und Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht einen nach dem andern der Reihe nach anlächelte. So gibt es Virtuosen, welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspscife blasen, mit den Händen die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem Rücken hängt.

(Schluß folgt.)

^verantwortlich: Or. Han SThyriot. Druck undDerlag:Brühl'scheUniversitätS-Buch-undSkeindru cker ei. R. Lange,Gießen.