Ausgabe 
6.3.1931
 
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Dort, wo

die hellenische

Aus Akragas stammte Empedokles, von dem Aristoteles behauptete, daß er die Redekunst erfunden habe. Wer die Bauern Siziliens auf dem Nlarkt die Händler in ihren Läden, die Barbiere vor ihren Kunden uno Eieltre der im Zwiegespräch belauscht hat, wird verstehen, warum Aristo­teles einen Mann aus Akragas für den hinreißendsten Bolksredner feiner Zeit gehalten hat. Das gedruckte Wort ist in diesen Gegenden noch wir- kungsws wie vor Jahrtausenden, denn wer kann lesen? Aber unbe­schreibliche Herrlichkeit der Landschaft, Pracht und Zauber großer Kul­turen die auf diesem gesegneten Fleck Erde rasch einander folgten und m teinander stritten, haben eine liebenswürdig begabte Bevölkerung mit einem Schönheitssinn ausg.stattet, der bei jeder Redewendung zu erkennen ist und gefangen nimmt. Damit fall nicht gesagt werden, daß nun alles in Sizilien schön sei. Wandert man von Akragas noch weiter hinunter zum Meer, so gelangt man zu einem ungemütlichen, jchmutz gen Hafen der nach dem größten Sohn der s>^en griech schen Kolonie ge­nannt' ist und also Porto Empedocle heißt. Verfallende Hauser, dem Einsturz nahe, sind von ihren Bewohnern verlassen; holprige Straßen,

Sturm über Sizilien.

Don Dr. Hermann Budzislawski.

Schön ist der schneereiche Winter der sog. gemäßigten Zone, in der wir leben. Loch wenn der Februar vorüber ist, erwacht die Sehnsucht nach dem Frühling, und wer es kann, entschließt sich gern, dem Wunder der erwachenden Natur entgcgenzureijen. In drei Tagen und zwei Nächten hat man es geschafft, erlebt man den Frühling ,n Sizilien, während Deutschland noch vielfach in Eis und Schnee gehüllt ist- Aber es kann auch anders kommen. Man kann auch zitterno vor Kalte in eurem Haus mit Steinfußböden sitzen, in einem Zimmer ohne Zentral­heizung, ohne Kachelofen, sogar ohne Kamin, kurzum, in einem Hotel von Palermo, und durch das schlecht schließende Fenster zuschauen, wie die schweren Wolken von dem Schirvlko, dem rasenden Südwind, über den H mmel gesagt werden. Die Lust ist schw^, von Wasserdampf gesättigt, kaum zu atmen. Der Regen flutet wie ein Sturzbach. Wer es wagt, ohne Schirm über die Straße zu gehen, ist in einer Minute bis auf die Haut

elende Gasthäuser, Lagerplätze, die gelb vom Schwefelstaud find, denn Schwefel wird in diesem Hasen vorwiegend vers. achtet das ist Porto Empedocle, jener Ort, der jetzt vom Sturm besonders heimgesucht wurde, und dessen Steingerüll, das die Einwohner für einen Strand halten, wie Kanonenkugeln vom aufgeregten Meer gegen die Stadtmauer geschleu­dert wurde.

Eine Sage berichtet, daß der Philosoph und Dichter Empedokles auf schreckliche Weise grstorben sei. Er soll sich in einen Krater des Aetna orstürzt haben. Die grausame Naturkraft, die ihn tötete, hat saft un­unterbrochen Siziliens Binger bedroht, ihre Häuser vernichtet, ihre Kunstwerke zeisisrt, und man muß sich wundern, daß aus der einzig­artigen Insel, die das Mittelmeer in zwei Teile gliedert, trotz Erdbeben, Sturmfluten, Orkanen, trotz Kriegen, Revolutionen und Räuberbanden soviel Wunderbares erhalten geblieben ist.

Unter den Städten, die vom Orkan heimgesucht wurden, nennt man auch diesmal Messina, die Stadt des Erdbebens, in der im Dezember 1908 80 000 Menschen den Tod sanden, wo seitdem kleinere Erdstöße alle paar Wochen gespürt worden ssi d, und wo es heute leider keine Schön­heiten mehr zu zerstören gibt. Man hat die Stadt wiederaufgebaut, und wer sich ihr vom Meer nähert, glaubt das Werk der Erneuerung voll- endet. Aber an den Abhängen des Gebirges liegen noch die Schutthaufen, und an manchen Stellen stehen die vor mehr als 20 Jahren errichteten Baracken in denen heute noch Menschen leben, die das Entsetzen von 1908 nicht vergessen haben. Einstöckig, höchstens zweistöckig sind die neuen Häuser, die einen häßlichen Kolonialstil zeigen und durch maurische Bogen an die Sarazenenzeit erinnern sollen. Der Tourist besucht Messina nur al« Durchgangsstadt, um nach Taormina, nach Katania oder noch den Trümmern von Syrakus zu gelangen, dieser Weltstadt des Altertums, die heute ein Ruinenhausen und ein verödeter Ort ist. Und wenn er Gluck hat sieht er auch in dieser Jahreszeit Sizilien schon in dem Sonnenglanz, der mit einiger Sicherheit kaum vor dem Äpril zu erwarten ist.

Oie drei gerechten Kammacher.

Erzählung von Gottfried Keller.

(ftoriiepung.:

Als sie eine gute halbe Stunde dahinzogen, machten sie halt au feiner anmutigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, uno setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Zus öffnete ih.en Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen, um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die fußen Fruchte damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend.

Dann begann Züs, indem sie einen Pslaumenkern sortwarf und die davon gefärbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen: .Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist, rings­herum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen beieinander verfammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und bedachtsam von Gemüt so zugetan allen arbeitsamen Hebungen und Tugenden, der Eln- aezoaenheit, der Sparsamkeit, der Friedsertigkeit und der innigen Freund­schaft. Wieviele Blumen stehen hier um uns herum, von ollen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben Sch-üsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben; aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende und geistlost Geschöpfe, unbefeelt und vernunftlos vergeuden sie ihre Zeit, und so idjon fie sind, wird ein totes Heu daraus, während wir in unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier Gestalt nichts nach- aeben denn Gott hat uns nach seinem Bilde geschossen und uns seinen göttlichen Odem eingebtafen. O, könnten wir doch ewig hier so sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja, meine Freunde, es ist mir so als wären wir sämtlich im Stande der Unschuld, aber durch eme sunden- lose Erkenntnis veredelt; denn wir alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu ver­richten, wie sie das gelehrteste Fräulein nicht kann wenn ich über meinen Stand hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es ge­nügt mir zu wissen, daß mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor einer höheren Einsicht. Schon viele hoben mich begehrt, die meiner nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wäre, mich zu besitzen. Bemesset darnach, wie mein Herz in diesem wunderbaren Ueberflusse schmachten muß, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir und denket euch jeder wäre von drei gleich werten Jungfrauen umbluhet, die sem begehrten und er könnte sich um deswillen zu keiner hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor, um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bllnzlin und säßen so um euch her gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam vern-unsacht hier^vor­handen wäre und euch von allen Seiten anblickte und nach euch schmoch-

Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten mit einfältigen Gesichtern die seltsame Aufgabe zu losen. Das Schwab- lein kam zuerst damit zustande und rief nut lüsternem GesichtJa, werteste Jungfer Züs! wenn Sie es denn gütigst erlauben, so,s-hc> ich S,e nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich Herumschweben und mich mit huldreichen Aeuglein anblickten und mir tausend Kußlem an- ^^^Nicht doch!" sagte Züs unwillig verweisend,nicht in so ungehöriger unb übertriebener Weife! Was fällt Ihnen denn ein unbescheidener Diet­rich? Nicht hundertfach und nicht Kühlein anbietend habe ich es erlaubt, sondern nur dreifach für jeden und in züchtiger und ehrbarer Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!"

du.chnäßt. ~ , ...

U)or drei Jahren ist es mir so ergangen. In Palermo war es nicht auszuhalten, vielleicht war es in dem deinen Bad Mondello bester, das von der Hauptstadt Siziliens nur durch den schönen Tafelberg, den Monte Pellegrino getrennt ist? Tatsächlich, als ich in Mondello aus der Straßenbahn stieg, schien die Sonne. Ein Apfelsinenbauer, bei dem iw wohnen wollte, schwor, daß nun das gute Wetter, der wahre Frühling beginne.La pioggia 6 stanca", sagte er,der Regen ist müde . Skep­tisch, wie Nordländer nun einmal sind, meinte ich, daß es in Palermo um diese Zeit manchmal regne.Ja, in Palermo! ', erwiderte der Bauer mit einer Geringschätzung, die nicht zu vermuten war, und die sich cf enbar auch auf bas" Klima der benachbarten Stadt bezog. Merlwur- biaerroeife regnete es die folgenden Tage auch in Mondello, kurz ent- jch offen wurde dieser Versuch, den Frühl.ng zwei Monate vor seiner Zeit zu erleben, an dem ungeeigneten Ort abgebrochen, um im Süden Sizi­liens wieder aufgenommen zu werden. Dort, in der unbeschreiblich sch men Eriechenstadt ©irgend, konnte man einen Sonnentag verbringen, über blühende Wiesen wandern, ein strahlend blaues Meer unb darüber einen tiefblauen H.rnrnel sehen. Aber bann brauste der Schirokko mit einer Gewalt, die durch kein schützendes Gebirge gehemmt war, mit einer Kraft ohnegleichen von Afrika her über das Mittelmeer, rüttelte an bem alten Gemäuer ber Stadt, deckte hier einen Dachgarten, dort eine Terrasse ab, zerrte an allen Türen und ließ drei Nächte die Fenster klirren, bis dem Reisenden, der die friedliche Wärme des Südens gesucht hatte, tue Lust verging unb bie Flucht nach einem behaglicheren Ort fortgesetzt wurde. In Taormina hatte der Wettergott endlich ein Einsehen.

Die Reisenden, die in diesen Tagen auf Sizilien weilten haben noch fdiLmmcre Erfahrungen gemacht. In Palermo sind ganze Stadtieile uber- fdiroemmt zwischen Palermo und Messina hat der rasende Sturm Brucken zerbrochen, der Eisenbahnverkehr ist eingestellt, stockt übrigens much auf den anderen Linien Siziliens, die Wafferohre sind zerstört, und in Gir- genti ist das Unheil vorläufig noch gar nicht zu überfein Gerade dieser Ort ist den Unbilden der Witterm g besonders ausgesetzt, ba er über 300 Meter hoch auf einem Hügel über dem IDleer liegt und nach Süden zu völlig ungeschützt ist. Den Sizilienreisenben wird dringend empfohlen diese Stadt aufzusuchen; nicht wegen des schonen Domes, der aus dem 14 Jahrhundert stammt, nicht wegen der bizar empo.steigenden, vielfach gekrümmten Straßen, ber schönen Patrizierhäuse^ sondern wegen der antiken Tempel, die man erreicht, wenn man non ©irgend aus ein paar Stunden nach dem Meer zu wandert. Doch die Zahl der Reisenden, die von Palermo aus noch fünfeinhalb Stunden quer durch Sizilien an die Südseite fahren, scheint nicht allzu groß zu sein. Beweis: man wird in ©irgend nicht angebettelt, und auch sonst ist die Fähigkeit der Bevölke­rung, die Fiemdenau-zuschlachten", bisher nur gering entwickelt. Aber es ist seltsam genug, daß es Menschen gibt bie bis Palermo er Taor­mina vordringen und auf den Besuch von ©irgend, verzichten. Man spart eine Reise nach Griechenland!

jetzt die Ruinen griechischer Tempel stehen, erhob sich einst 0>e ueuemiV Kolonie Akragas, die vor 2600 Jahren gegründet wurde. Da steht der Tempel der Konkordia, ein griechisches Bauwerk von über­ragender Schönheit, ausgeglichen in seinen Proportionen und so gut. er­halten wie das Theseion in Athen, aber wie fern anderer gried) scher Tempel außer diesen beiden. Dor zweieinhalb Jahrtausenden hat man ihn errichtet vor anderthalb Jahrtausenden wurde er in eine Kirche um­gewandelt, vor anderthalb Jahrhunderten hat er seine ursprüngliche Form wiedereihalten. Kein Zaun umg bt ihn, kein ^^er eihebt em Ein r,tts- gclb, jeder darf sich nach Belieben am Fuß der dorischen Säulen meber­raffen und den Blick über Siziliens Berge unb über bas weite Meer schweifen lasten. Die übrigen Tempel von Akragas, bie in unmittelbarer Nähe liegen, sind nicht (o gut erhalten. Doch vermitteln auch sie einen Eindruck von bem Charakter der Stadt, die sich einst an dieser Stelle