Ausgabe 
6.3.1931
 
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Eine Frage nun für den Psychologen: was

lichen Zettel: letzte herrliche Geste eines Kiinstlers, der die Furcht De­

ich- siegt, indem er sie belauscht, die

Freude, und sind diese Notizen nur ein Nebenbei, gleichsam genuß des zu rasch verrauschten Gesellschaftsspiels? Oder geh:

geht er in bi

und sinnlose Leben eines Snobs fünfzehn Jahre lang bloß aus innerer Freude, und Nnd biete Notizen nur ein Nebenbei, gleichsam ein Nack

Eine Frage nun für den Psychologen: was ist hier das Primäre? letzte Bewegung ist Beobachtung Auf dem Nachttisch des To en w

Führt Marcel Proust der Lebensunfähige und Kranke, dieses läppische schmutzt von umgesturzten Medizmen, findet man emensolch halbjestr

Bloh ein einziger, kleiner Zug unterscheidet ihn von den andern. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt und sich ins Bett legt, unfähig zu schlafen, schreibt er Zettel aus Zettel voll mit Notizen über das, was er beobachtet, gesehen und gehört. Allmählich werden diese Aufzeichnungen ganze Stöße, die er in großen Mappen bewahrt ganz wie Saint Simon, scheinbar ein flacher Höfling am Hose des Königs, heimlich aber Dar­steller und Richter einer ganzen Epoche, so verzeichnet jeden Abend Marcel Proust all das Nichtige und Flüchtige destout Pans , um vielleicht einmal das Ephemere ins Dauerhafte zu gestalten.

Marcel prousts tragischer Lebenslauf.

Von Stefan Zweig.

Er ist geboren um den Ausgang des Krieges, am 10. Juli 1871.in I Paris Sohn eines berühmten Arztes, einer reichen Bucgersfamilie. Aber weder die Kunst des Vaters, noch feine Millionen vermögen ihm die Kindheit zu retten: mit neun Jahren hört der kleine Marcel für immer auf gesund zu fein. Zurückkehrend von einem Spaziergang m Bois de Boulogne überfällt ihn ein asthmatischer Krampf und diese suichterlichen I Anfälle zerpressen ihm die Brust ein Leben lang bis zum letzten Atem- I zuqe. Fast alles bleibt ihm feit feinem neunten Jahre verboten. Reisen muntere Spiele, Beweglichkeit, Uebermut, kurz alles, was man Kindheit nennt. So wird er früh schon Beobachter, feinfühlig, zartnervig, leicht I irritiert, ein Wesen von unerhörter Reizbarkeit der Nerven und Sinne. !

Er liebt leidenschaftlich die Landschaft, aber nur selten darf er sie sehen und niemals im Frühling: da sticht der feine Staub der Poren, die Schwüle und Trächtigkeit der Natur zu schmerzhaft in die zu zarten Sinne Er liebt leidenschaftlich Blumen: aber er darf ihnen nicht nahen. Ein Besuch in einem Salon, wo Buketts auf einem Tische stehen, wirft ihn für Tage ins Bett zurück. So fährt er manchmal in verscylosfenem Wagen hinaus, um hinter gläfernen Fenstern, die geliebten Farben, die atmenden Kelche zu sehen. Und er nimmt Bücher, Bucher, um von Reifen zu lefen, von den ihm nie erreichbaren Landschaften. Einmal kommt er bis nach Venedig, ein paarmal ans Meer: aber lebe der Reifen kostet ihn zuviel Kraft. So schließt er sich fast vollkommen ein in Pans.

Um so delikater wird seine Wahrnehmung alles Menschlichen. Der Stimmsall eines Gespräches, die Agraffe im Haar einer Frau, die Art, wie jemand sich an einen Tisch setzt und davon aufsteht, haken sich mit I unvergleich'icher Festigkeit in seinem Gedächtnis fest. Das mintiofcfte Detail fängt fein immer waches Auge zwischen zwei Wimperschlagen em, alle Wendungen und Stockungen eines Gespräches bleiben ihm unverstelU im Ohr. So kann er dann in feinem Roman später einmal das Gespräch des Grafen Rorpois auf hundertfünfzig Seiten festhalten und es fehlt kein Atemzug darin, kein Zögern und kein Uebergang.

Urfprünglich haben ihn die Eltern zum Studium und zur Diplomatie bestimmt, aber an feiner schwachen Gesundheit scheitern alle Vorsatze. Schließlich, es eilt nicht, die Eltern find reich, die Mutter vergöttert ihn jo verschleudert er seine Jahre in Salons, führt bis zu feinem fünf- unddreißigften Jahre eigentlich das finnlofefte Schlenderleben das je em großer Künstler geführt. Durch fünfzehn Jahre kann man Nacht für Nacht unverweigerlich in jedem Salon, ja selbst in den sonst unzugänglichsten, diesen zarten, scheuen, immer in Hochachtung vor allem Mondänen er­schauernden jungen Menschen amüsiert ober gelangweilt finden. UeberaU lehnt er in einer Ecke, duckt er sich in ein Gespräch und seltsamerweise duldet auch die hohe Aristokratie des Faubourg Saint Germain den namenlosen Eindringling: dies ist eigentlich für ihn fein höchster Triumph. Denn äußerlich hat der junge Marcel Proust keinerlei Qualitäten. Auch sein literarisches Gepäck legitimiert ihn nicht, sein kleines Bändchen Les plaisirs et les jeux", hat trotz einer Gefälligkeitsvorrede von Anatole France weder Gewicht und Erfolg.

Berühmt ist er einzig im Hotel Ritz, und zwar durch feine Ein­ladungen und feine phantastischen Trinkgelder. Seine eigenen Einladun­gen sind von kulinarischer Erlesenheit: aus den verschiedensten Geschäften der Stadt läßt er alle Spezialitäten zusammenholen, die Trauben von einem Geschäft der rive gauche, die Poulards aus dein Earlton, die Prnneurs eigens von Nizza sich senden. Jedem Gaste ladet er noch die­jenigen Personen außerdem ein, die jener zu sehen, die er kennen zu lernen wünscht, bindet und verpflichtet die Menschen dermaßen ununter­brochen durch Artigkeit und Gefälligkeiten, ohne jemals selbst eine zu

Fünfzehn Jahre lang führt fo ein hoher Geist, einer der stärksten Gestalter unserer Epoche, ein derart sinnloses Leben tagsüber ein Kran­ker, im Bette liegend, abends tm Frack von Gesellschaft zu Gesellschaft eilend, seine Zeit vertrödelnd mit Einladungen und 'Briefen und Ver­anstaltungen, der überflüjfigfte Mensch in diesem täglichen Tanz der Eitel­keiten, überall gern gesehen, nirgends wahrhaft bemerkt, eigentlich nur ein Frack und eine weiße Binde zwischen andern Fräcken und weißen Binden.

Grelles i Salons einzig wie ein Chemiker ins Laboratorium, wie ein Botaniker lebensgierigen Greifes , Lwions nnz'g ^Unauffällig Material zusammenzucaffen für ein grobes einmaliges Werk. Wahrscheinlich war beides in ihm so genial, Jo magisch gemengt, daß niemals die reine Natur des Künstlers In ihm »um Austrag gekommen wäre, hätte nicht das Schicksal harter Hand ihn plötzlich aus der lässigen Spielwelt der Konversation gerissen und tn die verhangene, nur von innerem Lichte manchmal erhellte Sphäre der °^Denn^p"tzücht°änbert sich die Szene. 1903 stirbt seine Mutter und kurz darauf stellten die Aerzte die Unheilbarkeit fernes Leidens fest, das sich immer mehr verstärkt. Mit einem Äuck reißt letzt Marcel Proust fein Leben herum. Hermetisch schließt er sich ein in seine Klause am Bou­levard Haußmann, über Nacht wirb aus dem gelangweilten Flaneur und Faulenzer der erbittertste pausenloserste Arbeiter, den unsere neue Lite­ratur kennt. Heber Nacht wirst er sich herum von zerstreuender Gesellig.

feit in die aUereinfamfte Einsamkeit.

Tragisches Bild dieses großen Dichters: immer liegt er im Bett, den ganzen Tag, immer ist ihm mit, immer friert fein magerer, ausge- hufteter, von Krämpfen geschüttelter Körper. Er hat im Bett dre, Hemden auseinander an, dicke Handschuhe an den Händen, und friert doch und friert, im Kamin brennt Feuer, nie wird das Fenster geöffnet, denn schon die paar erbärmlichen Kastanienbäume mitten im Asphalt tuen ihm weh mit ihrem schwachen Geruch (den keine andere irdische Brust in Paris fühlt als die feine). Wie ein Kadaver verkrümmt liegt er immer, immer im Bett, atmet mühsam die dicke, überfüllte, von Medizinen vergiftete Luft. Erst spät abends rasst er sich auf, ein bißchen Licht, ein bißchen Glanz, ein paar aristokratische Gesichter zu sehen. Der Diener zwangt ihm den Frack an, schlägt ihn ein in Tücher, und hüllt Jemen dreimal umkleideten Körper (selbst im Frühjahr) in Pelze. So fahrt er ins Ritz, um mit ein paar Menschen zu sprechen, gierig, funkelndes Leben zu sehen. Vor der Tür wartet sein Fiaker, wartet die ganze Nacht und führt bann ben Todmüden wieder ins Bett zurück. In Gesellschaft g ht Marcel Proust nicht mehr, ober doch, ein einziges Mal noch: er braucht für seinen Roman das Detail der Haltung eines vornehmen 2lriftotratcn, roic er ein Zimmer betritt. So schleppt er sich, alles staunt, noch einmal in einen Salon, um ben Herzog von Sagan zu beobachten, wie er sein Monokel trägt. Und einmal nachts fährt er hin zu einer berühmten Ko­kotte sie zu fragen, ob sch ben Hut noch habe, den sie vor zwanzig Jahren getragen, er brauche ihn für die Beschreibung der Odette. Und ift dann ganz enttäuscht zu hören, wie sie ihn auslacht, sie habe ihn langst ihrem Dienstmädchen geschenkt. , . . _

Aus dem Ritz bringt den Erschöpften der Wagen nach Hause. Der Diener hüllt ihn ein, führt ihn ins Bett. Und dort, das Tablett flach vor sich hingehalten, schreibt er an seinem weitmaschigen Romanah recherche du temps perdu,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zwanzig Dossiers sind schon dick gefüllt mit Entwürfen die Sesstl und Tische vor feinem Bett selbst an gehäuft mit Zetteln und ^jern. Manch- mal besucht ihn ein Freund; gierig fragt er ihn aus um alle Details der I Gesellschaft, tastet mit allen Fühlern der Neugier noch hinüber in bie ver- lorene, mondäne Welt. Wie Jagdhunde hetzt er feine Freunde herum um über diese und jene Persönlichkeit bis auf das kleinste informiert ju fein und alles, was man ihm zubringt, notiert er mit nervöser Gier. Und bas Fieber zehrt immer heißer an ihm, immer mehr verfallt und vergeht dieses arme fiebernde Stück Mensch Marcel Proust, immer mehr weitert sich und wächst das groß gestaltete Werk, der Roman, oder viel- mehr die Romanreihea la recherche du temps perdu

1905 ist das Werk begonnen, 1912 hält er es für vollendet. Nun quält ihn die Frage nach dem Erscheinen. Marcel Proust, der Vierzigjährige, ist I vollkommen unbekannt, nein, ärger noch als unbekannt das heißt, er Hai im literarischen Sinn einen schlechten Rus: Marcel Proust das ist ja der Snob aus den Salons, das mondäne Schriftstellerchen. Auf ger ab ein I Wege hat er also nichts zu hassen. So versuchten Freunde aus gesell- schastlichcm Wege das Erscheinen zu ermöglichen, em hoher Ar.stokral ladet AndrL Gide zu sich, den Leiter derNcuvelle Revue Frangaise . und übergibt ihm das Manuskript. Aber dieNouvelle Revue Frangaise

I (ebendieselbe, die dann Hunderttausende Franken an diesem Werk ver- dient) weist ihn glatt zurück, eben derMercure de France und Ollen- darf. Endlich findet sich ein neuer mutiger Verleger, der es wagen will, aber doch dauert es noch zwei Jahre, bis 1913, ehe ebr erste Band des großen Werkes erscheint. Und gerade wie der Erfolg die Fluge! fpreizen will, kommt der Krieg und schlägt ihm die Schwingen nieder.

Nach dem Kriege, als fast schon fünf Bände erschienen sind beginnt Frankreick,, beginnt Europa dieses eigenartigste epische Werk unserer I Zeit zu bemerken. Aber was der Ruhm rauschend dannMarcel Proust nennt das ist damals längst nur mehr bas abgezehrte, fiebernbe, unruhige Fragment eines Menschen, ein flüchtiger Schatten, ein armer Kranker, dessen ganze Krast sich zusammenstrasst, um nur noch das Erscheinen | seines Werkes zu erleben. Noch immer schleppt er sich abends ins Ritz, dort am Tische ober hineingedrückt in die Portiersloge feilt er me I Korrekturen der letzten Druckbogen aus, denn zu Hause, im Zimmer, im Bette fühlt er schon das Grab. Aerzte will er nicht mehr sehen sie I hoben ihn zu lange gequält und niemals ihm geholfen, so verteidigt er sich allein und so stirbt er endlich am 18. November 1922.

In den letzten Tagen noch, schon ganz von der Vernichtung geMb wirft er sich dem Unausweichlichen entgegen mit der einzigen Waste des Künstlers: mit der Beobachtung. Er analysiert feinen eigenen Zu­stand heldenhaft wach bis zur letzten Stunde und diese Notizen de- eigenen Sterbens sollten dienen, um den Tod {eines Helden Vergotte tn den Korrekturbogen noch plastischer, noch wahrhastiger zu machen, um I zu versuchen, einige allerintimste Details darzutun, jene letzten, die o

Dichter nicht wissen konnte, die nur der Sterbende weiß. Noch seine

der Alle, der sich mit der Verzweiflung eines _ an das Kielholz gekrallt hatte, lag, ohnmächtig vom Schreck und vom Wasierschlucken, im Boot, wie der Matrose, ben Sie gerettet haben. Bis Mykonos tarn er wieder zu sich, während sein Boot tn gekentertem Zustande hinter uns hertanzte. o

Ich mar, schloß der Erzähler,also nur ein müßiger Zuschauer dieser Rettung, kein Retter wie Sie, und doch habe ich wahrscheinlich mehr Angst ausgeftanben als Sie, ber sich beherzt ins Wasser warf und angesichts des Todes nur bedauerte, feinen letzten Roman nicht zu Ende gelesen zu haben. Ich mochte Ihnen vorher kein Kompliment machen: nehmen Sie diesen Unterschied als Kompliment anl