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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Irhrgang <931
Freitag, den 6. Marz
Nummer 19
Volksweise.
Don Leo Sternberg.
Der Schnee ist geschmolzen — und bist mir noch treu. Die Buchfinken fliegen mit Hälmchen von Heu.
Der Klang deiner Stimm« wird welcher inr März.
Ein Jahr ist vergangen — neu schmilzt dir mein Herz.
Lang drückte mein Schatten sich mit mir umher.
Nun mag er mich suchen: die Wege sind leer.
Im Goldstaub der Hasel geherzt du, gehegt ... — 0, daß mir der Falke mein Böglein nicht schlägt!
Hangen und Bangen.
Eine Seegeschichte von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski.
(Nachdruck verboten.)
Der junge Marineoffizier mit rötlichem Haar und stahlgrauen Augen trug noch kein Jahr die Epauletten, hatte noch kein Gefecht mitgcmacht, und doch prangte an seiner Brust schon ein Orden, der ebensoviel gilt wie die höchsten Kriegsauszeichnungen: die Rettungsmedaille. Auf die Frage des Hausherrn erzählte er seine Tat mit dem Freimut eines Mannes, der eine wackere Tat vollbracht hat, militärisch kurz und schlicht, mit einem leichten Einschlag von Humor, ohne Prahlerei, aber auch ohne affektierte Bescheidenheit. Die Anwesenden hörten hinter seinen Worten das dunkle nordische Meer aufrauschen, suhlten sich von herbem Salzhauch umweht, genossen diese Erzählung mit Spannung und Gruseln
Sein Schiss, ein kleiner Kreuzer, war abends spät aus der Heimfahrt von einer Hochseeübung, und er stand träumend an der Reling, als der Schreckensruf „Mann über Bord!" ihn elektrisierte. Ohne sich zu besinnen, wie von einem inneren Kommando getrieben, war er nachgesprungen. Aber es hatte lange gewährt, bis das Sch.ff stoppte und achtern lief, bis der Scheinwerfer ihn und den schon bewußtlosen Matrosen in sein Lichtnetz einsing und das Rettungsboot beide im letzten Moment aus der Dünung ausftfchte. Er hatte sich schon für verloren gehalten. „Aber komisch", sagte er, „der einzige Gedanke, der mir noch ausschoß, war das Bedauern, daß ich meinen letzten Schmöker, einen Reiseroman, nun nicht zu Ende lesen könnte und das Ende nicht mehr erfahren würde."
Lachen und Bravorufe mischten sich bei diesen letzten Worten des jungen Offiziers, und der Hausherr sagte, ihm die Hand drückend: „Dies Lachen wird Ihnen gewiß mehr Spaß machen als der Beisall von Leuten, die selbst nur zusehen, wenn einer ins Wasser fällt. Ich habe so etwas auch mal erlebt; allerdings hätte das Nachspringen in diesem Falle nicht genützt. Sie als Marineoffizier werden das ja am besten beurteilen können — wenn Sie soviel Zeit haben, die Geschichte mit anzuhören. Sie spielte allerdings nicht im nächtlichen Dunkel der Nordsee, sondern am hellen lichten Tage im griechischen Archipel."
Der junge Offizier nickte mit höflicher Berbeugung, und der Hausherr, ein älterer Mann, der weit in der Welt herumgekommen war, begann:
„Wir hatten die französischen Ausgrabungen auf Delos besucht, die berühmte sagenhafte Geburtsstätte des Apollo und der Diana im Acgäi- fchcn Meer, jetzt ein ödes Felseneiland, das der Berg Kythnos wie ein großer grauer Maulwurfshaufen überragt. Damals, im Frühjahr, wucherte roter Mohn und gelbe Arnika, grüne Reseda und indigofarbenes Gurkenkraut darüber hin, aber der heilige See war nur noch eine grüne Sumpflache, und statt der leuchtenden Tempel und Marmorhallen sah man nur Trümmer und ein einziges unzerstörtes, weißleuchtendes Haus: das kleine Museum, die Beinkammer antiken Lebens, mit der Wohnung des alten Kustoden, der oft monatelang auf dieser wüsten Insel hauste wie ein zweiter Robinson. So benutzte er gern die Gelegenheit, als wir Delos verließen, um im Schlepptau unseres Dampfers in seinem Segelboot — selbstredend gerefft — in ein paar Stunden nach i
der volkreichen Insel Mykonos zu fahren und wieder mal unter Menschen zu sein.
Es war eine herrliche Fahrt durch die blaue Flut, aus der bisweilen Delphine hervorsprangen, zwischen der Jnselflur der Kykladen, deren edel geformte. Felsprofile in verschiedener Ferne, teils sich überschneidend wie Theaterkulissen, im blauen Duft auf uns zuschwammen. Wir saßen auf Deck in bequemen Strohstühlen oder lagen auf Klappstühlen, sahen rechts weitab das gewaltige Naxos vorllberziehen, links in größerer Nähe das langgestreckte Tenedos auftauchen und im Borbllck Mykonos mit feinen Hellen Häusern und dunklen Olivenhainen, dukch die klare Luft meilenweit erkennbar, immer größer emporwachsen. Rückwärts war das Inselchen Delos schon winzig klein, so klein wie die Nußschale von Schiff, die im Kielwasser unseres Dampfers hinter uns hertanzte und tief in den Logenschaum der Schiffsschraube eintauchte. Die beiden Männer darin, der alte Wächter und sein rüstiger Sohn, wurden von diesem künstlichen Seegang kräftig geschüttelt, während wir in rascher, ruhiger Fahrt durch das spiegelglatte, blaue Meer schnitten.
Der Genuß wäre vollkommen gewesen, hätten nicht ein paar Reise- genossen sich wieder bemüht, ihn zu verderben. Ein Philologe deklamierte und erklärte die berühmte Horaz-Ode auf das römische Staatsschisf ... Und eine hysterische Dame, die uns schon oft durch alberne Fragen und Ausrufe zur Verzweiflung gebracht hatte, rief mit schriller Fistelstimme dazwischen: .Gott, das ist hier so schön, daß man nur Goethe oder Wilhelm Busch zitieren sollte!
Plötzlich ertönte noch ein anderer Ruf; ein Menschenschwarm lief am Heck zusammen, beugte sich über die Reling und schrie durcheinander. Auch wir stürzten hin und sahen — wohl schon hundert Fuß hinter uns — das gekenterte Segelboot im Kielwasser schwimmen und zwei Manner sich an den Kiel klammern. Das Boot war der Schraube zu nahegekommen und umgeschlagen, und, um das Unglück vollzumachen, war auch das Schlepptau gerissen.
Es zuckte wohl manchem in den Beinen, hinterherzuspringen und den Alten zu retten, aber sofort sagte man sich: Hier hilft nur ein Boot!
,Gin Boot runter!' klang's aus zehn Kehlen. Endlich verlangsamte der Dampfer seine Fahrt. Die griechischen Matrosen stürzten nach einem Rettungsboote und knoteten an den Stricken herum, während andere sich hmeinskhwangen und die Ruder ergriffen. Das alles währte wahrscheinlich nur eine Minute, doch es kam uns wie eine Stunde vor Der Dampfer hatte inzwischen gestoppt, und das Boot schoß an seinen kreischenden Taljen ins Wasser hinab, klatschte auf und war im Nu vollgelaufen. Es waren aufgeregte griechische Handelsfahrer. Zum Glück hing das Book noch in den Tauen; sonst hätte die Rettungsaktion bei ihm anfangen müssen. Mit starkem Ruck wurde es noch eben über Wasser gehoben und sestgemacht; dann stürzten die Matrosen an Steuerbord und machten das andere Boot flott, indes die Fahrgäste wild durcheinander liefen. Die einen folgten mit fiebernder Unruhe dem Losknoten, Herablassen und Abstoßen des Bootes; andere liefen zum Heck und starrten dem Segelboot nach, das nur noch ein kleiner brauner Punkt in dem Kielwasser war ...
War es schon zu spät? Hatte der Alte schon die Kräfte verloren und war untergegangen, bevor das Rettungsboot endlich nahte? Das waren furchtbare Augenblicke menschlicher Hilflosigkeit und Angst, bei manchen wohl auch gemischt mit geheimer Scham und Selbstvorwürfen, nicht doch hinterdrein gesprungen zu sein, auf die Gefahr hin, zu ertrinken, ohne dem Alten zu helfen, nur um sein eigenes Gewissen zu retten.
Doch das Schlimmste war die hysterische Dame. Sie schrie und jammerte mit verstörter Miene und krampfhaften Reflexbewegungen Dann rief sie nach ihrem Gatten: „Adolf! Adolf! Bist du auch nicht nachge- sprungen?" Umsonst versicherte man ihr, er sei noch an Bord. Sie glaubte es erst, als ein Herr ihn aus seiner Kabine heraufholte, um ihr den Mund zu stopfen. Es war ein würdiger Professor in reiferen Jahren, der gewiß keinen Rettermut aufgebracht hätte. Doch damit in diesen Minuten des Schreckens auch die Komik nicht fehlte, warf sie sich ihm schluchzend an den Hals wie einem Geretteten ...
Derweil hatte das zweite Boot die Riemen eingelegt und fuhr auf die Gekenterten zu, so schnell es vermochte. Alle unsere bangen Blicke ruhten aus ihm, wie um es zu beflügeln, es noch schneller vorwärts zu treiben. Der Dampfer fuhr jetzt mit Volldampf rückwärts und näherte sich der Stelle des Unglücks. Die Barke flog dahin; noch zehn Meter. Endlich war das Segelboot erreicht. Ein Herr, der ein Fernglas vor Augen hatte, rief: .Sie haben den einen — sie haben beide!'
Alles atmete auf. Der angstvollen Stille, die nur das Gekreisch der hysterischen Dame unterbrochen hatte, folgte lauter Applaus. Man hatte sich bisher geduckt, sich in sich zusammengekrochen; jetzt drehte man sich freudig dem Nachbar zu, als wollte man ihm die Hand fchüttcln, ihm gratulieren. Das Rettungsboot wurde mit Jubel empfangen. Der Sohn des Wächters stand frohgemut in feinen triefenden Kleidern da; aber


