nur
der sibirischen Verbannung zu verschwinden wie die Hunderttaufende der Opfer seines Geschlechtes.
Was diese wenigen Grundlinien an historischem Schicksal weltumspannenden Ausmaßes umschließen, weiß die Menschheit. Die Schauer, die seinen Schauplatz umwittern, kann man nur hier erleben.
Das Große Schloß — ein rauschendes Brio der Fürstenherrlichkeit. Es war einmal von außen kobaltblau mit schwer vergoldeten Bronce- beschlägen. Die sind noch da, aber die Vergoldung war schon zu Katharinas Zeiten aufstichbedürstig, und die verbat sich die kostspielige Erneuerung. Ihre Herrschermacht hatte solche Folie nicht nötig, wie die Tochter der Magd sie sich bestellt hatte. Dafür baute die Achtundsechzigjahrige auf die vierstöckigen Seitenflügel noch zwei Stockwerke aus als „Dienstwohnung" sür ihren letzten achtundzwanzigjährigen Galan. Schon vorher hatte sie auf der Rückseite die bezaubernden Gartenterrassen ansugen lassen, die ihren Schmeichlern Gelegenheit gabeik, sie die „Semiramis des Nordens zu taufen. Und inmitten dieser Hochgarten lieh sie sich durch den Engländer Cameron ein Privatschlößchen für ihre geheimsten Freuden schassen. Ein seltsames Liebesnest. Die klassizistische Feierlichkeit einer tempelhaften Räume stimmt wenig zu der Vorstellung, daß hier eine der strotzenden grandes amoureuses der Weltgeschichte die letzten Trunkenheiten ihrer Unersättlichkeit ausgekostet hat.
Wie müde und bläßlich neben diesem Furioso der Menschen- und Herrscherkraft das geschmäcklerische Empire des Alexanderschlossesl Auf dem Wege zwischen den Schlössern liegt ein winziges Kirchlein. Hier wurde seine und des großen Schlosses Erbauerin von einem Schlaganfall betroffen. Sie schleppte sich noch aus dem Heiligtum und brach an einer Stelle zusammen, auf der jetzt stattliche Bäume ragen. Die Hofetikette gestattete nur dem Arzt, die Kaiserin zu berühren — er mußte erst von weither herbeigeholt werden, und zwei Stunden lang lag Elisabeth Petrowna inmitten ihres händeringenden Hofgesindes auf der nackten Erde...
In dem Kirchlein aber hängt eine uralte Ikone der Schmerzensmutter. Vor ihr bat Alexandra Fedorowna Tage und Nächte lang in Jammer und Verzweiflung, als ihr die Kunde geworden war, ihr Gatte habe unter dem Druck der Vertreter feines revoltierenden Volkes auf die Krone des Selbstherrschers aller Reußen verzichtet.
Wenige Minuten später stehen wir in einem rondellartig in den Park einspringenden Saale des Alexanderschlosses. Unsere Fuhrerm weiß zu berichten, daß in dieser Halle Nikolaus den letzten Besuch seines Freundes Wilhelm II. empfing. Und von eben dieser Stelle aus nahm Nikolaus vierzehn Tage vor seiner Abdankung den letzten Vorbeimarsch der in Zarskoje garnisonierenden Ersatzbataillone entgegen, die damals noch „die seinen" waren... Einige Wochen spater ziehen die gleiten Truppen unter fliegenden roten Fahnen heran und beerdigen im Mittelpunkte des Parks, genau dort, wo die Vedutenlinien beider Schlosser sich chneiden, die Opfer der Revolutionskämpfe ... Der Entthronte steht müde und reglos durch die Spiegelscheiben des Rondells zu. Der Flugel- adjutant: „Wollen Majestät sich nicht das widerwärtige Schauspiel ersparen?" Der Exzar: „Nein, lassen Sie mich nur hier, ich finde das äußerst interessant"... „ . ,
Und dann kommt die Nacht, da wird die ganze Zarenfamilie nach Sibirien „verladen"... Nicht unvorbereitet. Sie hat packen dürfen. Die unglückselige Alexandra Fedorowna hat die sämtlichen Heiligenbilder, mit denen sie das eheliche Schlafgemach und diejenigen ihrerKinder ausgerüstet hatte, zur Reise in die Verbannung verstaut. Ein paar Riesenkisten sind's geworden. Der rote Offizier, der den Transport leitete, hat sich geweigert, diese Kisten mitzunehmen. Lange nach der Revolution, als die Sowjetregierung das Schloß als Museum dem Staunen.des russischen Volkes zur Verfügung stellen wollte erhielt die Persönlichkeit, deren Führung wir uns anvertraut hatten, den Auftrag, diese Kisten auszupacken. Es fanden sich achthundertneunundzwanzig Heiligenbilder ""^Da'steht ihr Iugendportröt in ihrem Empfangzimmer, von Kaulbach gemalt: eine starr aufgerichtete Gestalt in Brokat und Diademflimmer, den seltsam ahnungsvollen Blick auf ein anderes Gemälde gerichtet, ein nicht minder ahnungsumfchauertes. Es stellt die Krönung des letzten Zarenpaares im feierlichen Halbdunkelder UspensklMathedrale des Kreml dar. Seltsam: das junge Paar steht völlig un Schatten. Rur e»n grelles Strahlenbündel wirft sein volles Licht auf — Maria FedoroWna, die Kaiserin-Mutter und -Witwe. Die war einmal die dänische Prinzessin Dagmar und mit dem damaligen russischen Kronprinzen verlobt. Er starb srüh an der Schwindsucht, und sein jüngerer Sruber Alexander HI. erbte zur Krone die Braut, ohne jemals mehr als ihre Achtung erringen zu können. Dagmar Maria war eine leidenschaftliche Seinbin der Deutschen. Nun muß sie es erleben, daß die deutsche Prinzessin Alix von Hessen, als Alexandra Fedorowna zum griechischen Glauben uber- qetreten, ihre Schwiegertochter und Nachsolgerin wird. Aber Maria Fedorowna ahnt kommendes Schrecknis. Mit Kafsandraaugen starrt sie ins Grenzenlose, durch den Goldschleier des Krönungstages hindurch...
Noch seltsamer das Pendant, zu dem Alexanders Blstk hinüberf-bweist. Es ist ein Porträt — Marie Antoinettes ..., das geschmackvolle Brautgeschenk Frankreichs für die junge Kaiserin des damals ckon in die verhängnisschwere Bündnisgenossenschaft verstrickten RussenreiMes.. . Roch dazu in einem blutroten Kleide .. Alexandra selbst hat dem Bild diese Platz bestimmt. „Ich fürchte mich nicht vor dem Schicksal Marie Antoinettes. .." . s
Und als Palladium ließ die Zarin zwischen ihr Kronungsbild und das Porträt der letzten Bourbonenkönigin — eine Soldatenhene Ylnein- hängen. Ein Regiment marschierender Donkosaken, öle beaeistert o Zarenhymne singen... „Wir haben unsere treue Armee, sagte sie, „QU uns zärtlich liebt."
Wir wissen, wie diese Liebe auf den Schlachtfeldern von Mukden, Tannenberg, Gorlice verspielt worden ist.
»eit gab es kein Netz, sie blieb tot liegen! An dem Tage war sie gerade Iiebzehn Jahre alt geworden. Der Vater, ein alter Zigeuner, bekannt mit öllcn Zauberkünsten feines Stammes, hatte in feinem wütenden Schmerze «ine Verwünschung ausgestohen, dann beim Aufbrechen erklärt, alle Woltigeure, ob Männer oder Frauen, die ihre Nummer an ihrem sieb- -jehnten Geburtstag in der Gegend von Montevideo absolvierten wurden auf die gleiche Weise sterben und dies solange, als die Erde die Erde Märe, und es Trapeze unter der Zirkuskuppel gäbe ...
Er hatte diese künftige Rache so gebieterisch angekündigt, daß alle, Sie ihn umgaben, starke Furcht empfanden, was sich von Zirkus zu Zirkus mitteilte, dergestalt, daß kein Heranwachsender jahrelang gewagt hatte, -in Montevideo oder den naheliegenden Städten zu „voltigieren . — Dann kam eine Zeit, wo man die Reden des alten Zigeuners vergaß. Alles nahm wieder seinen natürlichen Laus bis zu dem Abend es >st ungefähr zwanzig Jahre her — wo ein junger Bursch, der gerade an dem Tage siebzehn Jahre alt geworden war, bei einer Hebung stürzte. Er verschied nicht sofort, aber in seinem Todeskampf röchelte er daß er aus ber Erde sich erschlagen hätte, weil er nach Betreten der Manege den Schatten eines Trapezes und einen riesenhaften Mann gesehen hatte, der sich dort neben ihm im gleichen Rhythmus wie er hochoben unter der erleuchteten Kuppel schaukelte ... Der Unglückliche delirierte die ganze Nacht und hauchte beim Morgengrauen seinen letzten Seufzer aus indem er mit den Händen die Umrisse des Gespenstertrapezes in der Lust nach-
Oer Schauplatz einer Kaisertragödie.
Bon Walter B l o e m.
Wir haben, meine Frau und ich, von Leningrad aus den Zaren- fchlössern in Zarskvje Selo einen Besuch abgestattet. Unter denkbar sachkundigster Führung. Eine Persönlichkeit hatte sich uns övr Verfügung gestellt, die, aus innerster Herzensüberzeugung der kommunistischen Partei angehörig, hohen russischen Osfizierskreisen entstammt. Sie hatte bei der Erhaltung der Schlösser bedeutsame Sonderaufträge zu erfüllen und konnte dabei Einblicke in die Schicksale des letzten Abschnitts der Zaren- geschichte tun, die von unerhörtem Interesse sind. Also keine „Besichtigung — ein aufwühlendes Erlebnis. Inmitten des zarentreuesten aller russischen Landstädtchen, am Rand des zauberischen Babolowiskij-Parks, liegen das Große Schloß und das Alexanderschloß. Jenes erbaute Friedrichs russische Gegenspielerin, die stramme Elisabeth Petrowna, Peters des Großen legitimierte Tochter aus seinem Bündnis mit einer Leibeigenen. Die große Katharina hat das Schloß teilweise für ihre urperfönlichsten Zwecke ausgebaut. Das Alexander- oder Neue Palais wurde 1792 in Katharinas Auftrag erbaut als Heim der jungen Ehe, die ihr Enkel Alexander I. sechzehnjährig mit einer Vierzehnjährigen schloß, und die bald in lebenslängliche Erkaltung und Fremde sich wandelte. Eine -tragobie leitete das Schicksal dieses Zarenschlosses ein. Tragödie hundertmal grausiger war der Ausklang seines Daseins als Herrschersitz. Heute ist es das Museum dieser welterschütternden Begebenheit. In dieses Schloß zog sich Zar Nikolaus II. nach der ersten großen Revolution im Jahre 1905 zurück und lebte hier in menschenscheuer^ angstgehetzter Selbstverbannung, bewacht von tausend Geheimpolizisten. Des Volkes Witz nannte sie die „Botaniker", weil sie spazierengehend Blümchen pflückten... Nach seiner Abdankung im März 1917 war Nikolaus in Zareskoje ein Gefangener des russischen Volkes, bis er mit feiner unglückseligen Familie in der Nacht vom 30. bis 31. Oktober 1917 das Schloß verlassen mußte, um in
zeichnete.
Das sagte mir in Pernambueo der Voltigeur der Arondas, der im Laufe der nächsten Woche siebzehn Jahre alt werden sollte und zitterte, als er mich an die Legende erinnerte. Ich gab ihm zu bedenken, daß — vorausgesetzt sie wäre wahr — er nichts zu befürchten hatte, da er über dem ausgefpannten Netz arbeitete. „Es ist richtig", meinte er, „aber trotzdem habe ich nicht viel Zutrauen ..."
Genau acht Tage später spielte ich im Zirkus Los Siellos in Montevideo den Clown in dem gleichen Programm wie die Arondas. Natürlich dachte ich an nichts anderes als an die Geschichte, die mir der junge Mensch berichtet hatte, und ich weiß nicht, ob es mir gelang, das Publikum zum Lachen zu bringen, aber ich kann Ihnen versichern, ich habe niemals mit gepreßterer Stimme und keuchenderem Atem Späße gemacht. Als man das Netz unter den Trapezen ausspannte, fühlte ich mich etwas erleichtert. Als ich die Arondas kommen sah, den Vater, den ältesten Sohn und den jüngsten, als sie die Strickleiter bis zu ihrem kleinen Brettchen hinaufkletterten, packle mich die Angst von neuem. Um so mehr, da ich den verzweifelten Blick bemerkt hatte, den der Voltigeur mir beim Vorüber- gehen zuwarf.
Die Lichter erloschen, die Scheinwerfer versilberten die drei Männer und die Nummer begann. Kaum zwei Minuten, verstehen Sie dauerte ihre Arbeit, als ich einen Schreckensschrei verhalten mußte: in der Lust waren zwei schwingende Trapeze und zwei Voltigeure ... der der Arondas und der andere ... Sagen Sie nicht, es war der Schatten des ersten, nein es war etwas Ungeheures, ein Riese aus einem Eichenstamm, wenn 'Sie wollen, der sich gleichlaufend mit dem richtigen schaukelte und den jungen, der brüllte, anstoßen und hinunterstürzen wollte. Das habe ich gesehen und gehört, wie ich Sie sehe und höre ... Und auch das folgende. Als der Junge das Entsetzensgebrüll ausstieh, das aus Tausenden von Mündern widerhallte, wurde er vom Schwindel gepackt, glitt aus und fiel in die Manege, jawohl, in die Menge, denn das Netz riß an der Stelle, wo sein Körper aufschlug. — Sein Gesicht war voller Blut ... Er schlug seine verglasten Augen auf, hob den Arm wie um mich zu berühren und starb dann ohne ein Wort zu sprechen.
Dessen bin ich Zeuge gewesen, lieber Herr, schloß Bob Clok. Und wenn ich Ihnen diese Geschichte nicht im Kafseehause erzählt habe, so geschah es, well ich nicht wollte, Sie könnten sagen, ich erfinde, dieweil ich-mich betrinke. Ich bin nüchtern ... oder beinahe ...ich habe seit heute morgen fünf Whisky getrunken.


