GiehenerZainilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
3 chrgang <931
Freitag, den 6. Februar
Nummer ll
Oie heilige Klamme.
Von Heinrich Lersch.
Reines Feuer unsrer Seele!
Nur dem reinsten Ziel geweiht, nährst du dich aus heil'gen Gluten, Gott, aus dir, seit Ewigkeit.
Wir, aus Erde, staubgeboren, sind von heiliger Lust durchbebt durch das Licht der reinen Sehnsucht, das aus deinem Wesen lebt.
Was von deinen Erdgeschenkcn du uns gabst, ward heilig Gut: Weib und Bruder, Volk und Freiheit, heilig durch der Liebe Glut.
Nur was irdisch und vergänglich, senkt sich dem Verderben zu. Aber du, du heilige Flamme, unsere Sehnsucht, glühe du!
parseval, i> r Erfinder aus Pflichterfüllung.
Zu seinem 70. Geburtstag am 5. Februar.
Von Erich Bauer.
Als der Königlich bayerische Leutnant August von Parseval in der ersten Hälfte der achtziger Jahre sich Zukunftshosfnungen hingab, die seine militärische Laufbahn betrafen, ahnte er nicht, daß er einstmals Mitbegründer einer neuen Wasfe, Pionier eines neuen Verkehrsmittels, Erfinder eines Luftschiffes, des ersten wirklich brauchbaren Luftsch ffes werden sollte. Man war damals in diesen Dingen nicht sehr optimistisch. Die jungen Offiziere sprachen vielleicht -von den Aussichten einer militärischen Luftsch fsahrt, wie man heutzutage von den Aussichten der Roketenfliegerci sprechen mag. Die älteren Herren zuckten dazu verächtlich die Achseln. Sie meinten immer noch, eine gutg: führte Patrouille tauge mehr als der schönste Fesselballon. Und im Heere herrschte nicht gerade Begeisterung, als man zu jener Zeit auch in Deutschland daran ging, Lustschifferbataillone zu bilden. Diese Einrichtung wurde eigent- l ch nur übernommen, weil die lieben Nachbarn sie gleichfalls hatten. Man mußte „auf der Höhe bleiben ..."
1871 hatte Leon Gambetta das belagerte Paris im Luftballon verlassen. Vereinzelt bedienten sich die Franzosen der Fesselballone. Eine gewisse Brauchbarkeit war den merkwürdigen Seidenkugeln nicht abzusprechen. Namentlich die Franzosen wollten den nächsten Krieg partout in der Lust führen. Zu diesem Zweck mußten sie den Luftballon allerdings lenkbar machen.
Der junge Herr von Parseval mag betrübt festgestellt haben, daß die französische Militärverwaltung der neuen Sache weit mehr Interesse entgegenbrachte, als die konservativeren Machthaber in Bayern und Preußen. 1884 tauchten Nachrichten aus, wonach der französische Major Rcnard in aller Heimlichkeit ein lenkbares Luftschiff gebaut habe und daß dieses Luftschiff, „La France", wirklich geflogen sei. Allerdings nicht sehr schnell und nicht sehr weit, weil der benutzte Elektromotor völlig unzureichend war. Nun gab es für die jungen Offiziere der Lustschiffer- abteilung, zu der auch Parseval abkommandiert war, kein Halten mehr. Das Luftschiff mußte, auch in Deutschland — und zwar besser — gebaut werden.
Die Behörden sorgten allerdings dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. Sie verlachten einen pensionierten württembergi- schen General namens Graf Zeppelin, der 1887 seinem König allen Ernstes den Bau eines Groh-Luftschiffes vorschlug, das 24. Stunden in der Luft verbleiben, Menschen, Vorräte und Sprengstoffe transportieren, Meere und Gebirge überqueren und die Erde (Nordpol, Jnner- afrika) erforschen sollte Das mar ja auch ein starker Tobak. Auch die jungen Offiziere erzählten sich mit Behagen die Anekdoten über den „ver- riickten Grafen"
Die Luftschifferabteilung hatte zunächst minder hochfliegende Pläne. Es sollte ein wirklich brauchbarer Fesselballon konstruiert werden, der bis dahin noch gar nicht vorhanden war. Der Vater dieses Projekts war der Instruktor beim bayerischen Luftschifferbataillon, Herr von Siasfeld. Parseval wurde sein intelligentester Schuler und schließlich sein Mitarbeiter. Sie haben in der ersten Hälfte der neunziger Jahre den sog. Drachenballon konstruiert, durch den das Problem des Fesselballons restlos und vollkommen gelöst war. Dieser Erfolg hat Herrn von Parseval sehr viel genützt, obwohl er noch lange nicht seinen kühnen Hoffnungen entsprach. Der Fesselballon war immerhin ein halbes Luftsch ff. Man hatte Aerodynamik (eine völlig neue Wissenschaft!) studieren und erforschen müssen.
man hatte sich mit dem Material vertraut gemacht. Man hatte schließlich l°8ar ein kleines Vermögen erworben. Ganze WO 000 Mark! Parseval enWofe ßch, mit diesen WO 000 Mark ein Luftschiff zu bauen. Stus eine Unterstützung durch die Militärverwaltung konnte er nicht hoffen Die Herren dachten gar nicht daran, Utopien zu finanzieren.
Im Jahre 1900 entwarf Parseval seine ersten Pläne Bis dahin hallen die Franzosen einige nicht sehr taugliche Schiffe gebaut. Und in Fried- n k i^"wr noch der verrückte Graf, den niemand ernst nahm.
Und die Motorenfabriken waren immer noch nicht imstande, brauchbare Motoren zu liefern. Parseval tat gut daran, ein wenig zu warten. Seine Vorgesetzten hätten ihn schief angesehen. Pensionierte Generale durften mi allgemeinen noch verrückt sein. Nicht aber aktive Hauptleute.
Parseval konnte warten. Er gehörte nicht zu jener Sorte von Er- fmdern die mit dem Kopf durch die Wand gehen. Parseval war in erster Linie Offizier, er tot seine Pflicht, er erfüllte, wenn er ein Schiff er» fanb, auch nur seine Pflicht. Und so hat er denn bis zum Jahre 1905 gewartet, bis zu dem Jahre, das für die gesamte Luftschiffahrt das ent- scheidende Jahr war.
machten die Brüder Wright ihre ersten Luftsprünge. Und der verrückte Graf baute endlich, endlich sein erstes Schiff. Es „ging los". Parseval gehörte nicht zu den Leuten, die den alten Grafen verlachten, er kannte als Fachmann trotzdem die Schwierigkeiten, die der Laie Zeppelin noch gar nicht ahnte. Das Zeppelin-Schiff mit feinem Metall- gerippe muhte, sollte es wirklich leistungsfähig fein, eine Größe erhalten, tue für die damalige Technik unerreichbar war. Und dieses riesige, emp- 'mdliche Schiff entsprach wiederum nicht den militärischen Anforderungen. Die Militärs wollten ein kleines Schiff haben, das man wie einen Fesselballon verpacken, mit der Bahn befördern, heute hier, -morgen dort benützen konnte. Parsevals Pflicht war es, ein solches Schiff zu bauen Er hat es gebaut. Es wurde das erste Luftschiff der Welt, das wirklich und wahrhaftig fliegen konnte.
Sein Schiff, der P. L. 1, unternahm am 28. Mai 1906 den ersten Aufstieg und bewährte sich bei allen folgenden Fahrten. Es war mit seinen 2300 Kubikmeter (gegen 100 000 des „Graf Zeppelin") nicht gerade ein Luftriese, die 85 PS. des einzigen Motors machten gleichfalls keine weiten Sprünge. Aber das Schiff konnte fliegen. Fliegen, wohin der Steuer- niann wollte. Das war bisher nicht dagewesen. Fliegen konnten weder die Flugzeuge jener Zeit, noch das erste Luftschiff Zeppelins. Dessen Er- folge kamen viel, viel später.
Ueber das System Parseval ist zu sagen, daß es mit geringsten Mit- teln Größtmöglichstes leistete. Es war genial von der ersten bis zur letzten Schraube. Parsevals Schiff war ein Prallballon ohne jede Veisteifurg. Die Hülle blieb straff, auch nach Gasverlusten, denn im Inneren befanden sich zwei Luftsäcke, die nach Bedarf aufgeblasen wurden und dadurch stets gleichen Jnnendruck erzielten. Das Schiff hatte bereits die aerodynamisch günstige Zigarrenform (vorne rund, hinten spitz), die andere Systeme erst viel später angewandt haben. Die Gondel war auf Rollen aufgehängt, konnte vor- und rückwärts laufen und dadurch jede Verschiebung des Schwerpunktes ausgleichen. Große Stabllisierungsslächen sorgten für ein sicheres Jnnehalten des Kurses. Auch das haben „die anderen" erst viel später gelernt.
Die Behörden reagierten sehr schnell auf Parsevals Erfolg. Man gründete die Motorluftschifs-Studiengesellschaft. Sie kaufte das System und den P. L. 1 und übernahm den Bau weiterer Schiffe. Aus der Studiengesellschaft wurde ein Industrieunternehmen, die „Fustfahrzeug-Ge- sellschast", die sogar einen Luftschiff-Export aufnahm.
Im Kriege wurden die Parseval-Schisfe ein Opfer des Systems. Man hatte sich auf die Starr-Luftschiffe von Zeppelin und Schütte-Lanz ein- gestellt, die etimnber wie ein Ei dem anderen glichen, man sabotierte den Außenseiter Parseval, dessen Prall-Schisse ganz anders geartet waren. So wurde der im Kriege erbaute P. L. 27 der letzte seines Schlages. Er war ein Riese von 30 000 Kubikmeter Inhalt, ein schönes, vorzügliches Schiff, das bereits die „Stondard-Form" der heutigen Luftschiffe erreicht hatte.
Parseval, der Erfinder aus Pflichterfüllung, resignierte nicht. Er blieb immer noch der große deutsche Lustschisfachmann, dessen Stimme überall Gehör fand. Man ehrte ihn durch den Dr.-Jng. und den Dr. phil. ehrenhalber, man übertrug ihm eine Professur an der Berliner Technischen Hochschule. Die Luftfahrzeug-Gesellschaft wartet auf bessere Zeiten, sie besitzt herrliche Pläne von Großluftschisten mit einer Stahlnetzhülle. Sie baut Wasserfahrzeuge und -Kleinluftschisfe. Eines davon ist als Reklame- luftjchiff in ganz Deutschland bekannt.
Professor August von Parseval wird an seinem 70. Geburtstag in seiner neuen Wahlheimat Berlin mannigfache Ehrungen über sich ergehen lassen. Diese Erhrungen, mögen sie noch so groß, noch so aufrichtig sein, können aber die Bedeutung dieses Mannes nicht mehr vergrößern. Sein Name ist längst ein Begriff geworden.


