GiehenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 195(Montag, -en 5. Oktober Nummer 78
Herbst.
Von Max Dauthendey.
Es liegt ein Rebel im Morgen wie Schnee, Er tut den Blättern an den Birken weh. Sie fallen gelb und flattern still, Ein jedes Blatt zur Erde will.
Wir gehen hinter flatternden Blättern drein, Sie fliegen ins Unbekannte hinein.
So folg' ich blindlings, Liebste, deinem Schritt — D, nimm mich auch einst zum Sterben mit.
Alte Liebe.
Novelle von Alfred B o cf.*»
Der Hackepitfcher, feines Zeichens Zimmermann, trat in das Kram- lädchen des Me'fters Allerhand und rief:
„Ich krieg ihn an der Brust und schleif ihn nach, bis die Bürsten ausgehen!"
„Wen?" fragte der Meister.
„Den Trittchesmacher, de» Garstvogel, den Lumpes, den Schuhspitzengucker!"
Der Meister zuckte die Achseln und sagte:
„Wann zwei Prozessen, haben die Advokaten das Fressen. Alleweil fliegt dir der Geifer, später tut's dich vielleicht gereuen. Laß die Sach mit deinem Nachbar ruhen und vergleich dich."
Das Gesicht des Hackepitschers färbte sich dunkelrot.
„Ehnder ich mich vergleich, häng ich mich an meinem Mehlkrappen auf!"
Er verlangte ein Päckchen Knaster, bezahlte es und entfernte sich.
„Zwei Krakeeler, der eine nicht besser wie der andre!" sprach der Meister bei sich, warf die Nickel, die er vereinnahmt hatte, in die Kasse und ging in sein Ladenstübchen, wo er Rechnungen herauszuschreiben begann. Der längste Tag war ihm zu kurz. Er war. Krämer, Landwirt und Butterhändler, neuerdings hatte er sich um die Vertretung einer Feuerversicherungsgesellschaft beworben und hatte sie erhalten. Im Dorf sagten die einen, deren Neid den Tüchtigsten benagte: „Der Meister Allerhand — das war sein Dorfname, eigentlich hieß er Ludwig Schacfsler — hat nicht so lang Ruh, als ein Huhn einen Kern aufhebt, kann nicht genug erkrimmen und erkratzen!" Die andern — ihre Zahl war nicht eben groß — ließen ihm Gerechtigkeit widerfahren und meinten: „Er ist nicht auf den Kopf gefallen, hat's im Griff wie der Apotheker den Kasten, und was er ansaßt, wird zu Gold!" Obgleich Meister Allerhand der letzte war, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, erkannte er dankbar an, in welch besondrem Maße ihm seine Frau, die Marie, eine treue Mitarbeiterin war. Sie stammte von Kirtorf, wo ihr Vater eine bessere Gastwirtschaft betrieb. Von vier Kindern, die ihre Mutter zur Welt gebracht hatte, war sie, die Marie, allein am Leben geblieben: ein zartes, empfindliches Mädchen, aber neunmalgescheit. Bei einer Schulprüfung gab sie dem Kreisschulinspektor so erstaunlich gute Antworten, daß dieser sie über die Maßen lobte. Im Oberstock ihres väterlichen Hauses hatte für längere Zeit ein Geometer wegen Vermarkung der Eigentumsgrenzen Wohnung genommen. Er erteilte seinen Gehilfen mathematischen Unterricht, wobei auch die Marie zugegen war. Vieles, was da vorgetragen wurde, prägte sich ihrem Gedächtnis ein. Sagte her Geometer, die Marie müsse von Rechts wegen Lehrerin werden, erwiderte ihr Vater mit der ganzen Würde des wohlhabenden Mannes: „Die Marie braucht nicht Lehrerin zu werden. Der sorg ich für einen Mann!" Und das gichtbrüchige Rikelchen, das nach dreißigjähriger Dienstzeit im Haus das Gnadenbrot aß, fügte hinzu: „Armer Leute Rinder und reicher Leute Kinder kommen schnell unter!" Nach ihrer Konfirmation half die Marie der Mutter in der Wirtschaft und bei der Wartung des Viehs. Als sie im Winter einma den Dreschflegel schwang, verlor sie den Atem und es wurde ihr blümerant vor den Augen. Derlei schwere Arbeiten überstiegen ihre Kräfte. Dessenungeachtet entwickelte sie sich zu einem schmucken, wohlgestalteten Mädchen, das die Blicke der Burschen auf sich zog. Beim Bleigießen am Neujahrsabend wurde offenbar, daß ihr Zukünftiger ein Kramer war. Und siehe da! eines Tages führte eine Handelsangelegenheit den Ludwig Schaeffler nach Kirtorf, wo er der Marie Bekanntschaft machte. Rasch auskeimende gegenseitige Neigung ward weder durch Wort noch Benehmen verrateii. Aber bald danach erschien ein Verwandter des Kramers als Freiersmann und leitete die Verhandlungen ein, die dann zum günstigen Abschluß führten. Von der Hochzeitsfeier und den damit verbundenen Schmausereien wurde monatelang in Kirtorf gesprochen Em mit der Ausstattung der Marie hochbepackter Kammerwagen stellte die
blühenden Verhältnisse des Bauern zur Schau, lieber den Honigmond hinaus lebten die jungen Eheleute zärtlich wie die Turteltauben. Das Geschäft vergrößerte sich. Was darin unternommen wurde schlug zum Guten aus. Trotz alledem ließ die Marie bisweilen die Flügel hängen. Mutterglück, so schien es, war ihr versagt. Wenn gegenüber die Skech- mannsgritt ihr Jüngstes in Schlaf wiegte und fang:
„Schlaf, Kindchen, schlaf,
Zuckerchen wollen mir holen, Zucker, Rosinen und Mandelkern Essen die kleinen Kinder gern", bann traten der Schaesslersmarie die Tränen in die Augen. Die Armut saß bei den Stechmanns hinter der Tür, und der Kindersegen machte sie reich. Im Haus des Krämers gab's Zucker, Rosinen und Mandeln in Hülle und Fülle, aber es war kein Herzblättchen da, das danach verlangte. Die Marie war bis in die Seele krank. Ihren Schmerz zu lin- bern, sprach ihr Mann, wührenb er feine eigne Enttäuschung verbarg: »Was einem bestimmt ist, muß man tragen!" Doch fanb er selbst bei solchem Sprüchlein nur schwachen Trost. Enblich nach sieben langen Jahren warb ihr heißer Wunsch erfüllt, sie gab einem kräftigen Bübchen bas Leben. Der glückliche Vater brückte ber Kinbfrau ein Golbstück in bie Hanb. Die ganze Gefreunbschaft stellte sich ein, ben neuen Erbenbürger zu beschauen. Die junge Mutter bot ihm bie Brust, bie Nahrung mar reichlich unb gut. Als über bes Jakäbchens Gesicht zum erstenmal ein Lächeln glitt, meinte die Marie, das Herz müsse ihr vor Freude zerspringen. Die Pflege des Kindes nahm sie fortan derart in Anspruch, daß fse wenig Zeit hatte, sich um das Geschäft, und was drum und dran hing, zu kümmern. Ihr Mann trug doppelte Arbeitslast. Die Jahre flitzten hin. Schon warf das Jaködchen den Hampelmann unb bas Rappelchen als müßiges Spielzeug beiseite. Der Großvater aus Kirtorf erschien und schenkte dem Enkelchen ein Abc-Buch, eine Schiefertafel mit Griffel und Kästchen. Dann kam ein wichtiger Tag: das Jaköbchen machte ben ersten Gang zur Schule. Die Marie ftanb an ber Tür unb schaute ihm nach. Ihr Mann trat herzu unb sprach: „Dein Schnuckesi ist ins Dicke gewachsen. Das Stillsitzen wird ihm komisch vorkommen. Der Schulmeister tut ihm sehr nötig. Das Bürschchen hat schon seine Mucken. Du hast's arg verwohnt, hast ihm zuviel Willen gelassen!" Der Marie stieg die Rote ins Gesicht und sie sagte gekränkt: „Ich habe doch nur das eine Kind!" Indes der Kleine lernscheu auf ber Schulbank herumrutschte, gab er als Spielratz ben Kameraben Nüsse zu knacken unb mar vornan, menn es galt, im Dorf jemand einen Schabernack anzutun. Schalt der Vater: „Der Kerl ist dem Teufel aus der Kietze gehüpft!" nahm ihn seine Mutter in Schutz und sagte: „So’ein Bub ist mie ein Faß voll Most, das muß oertoben. Aus Most wird Wein!" Dem Meister Allerhand ging ber Vutterhanbel burch ben Kopf. Von Molkereien unb Genossenschaftswesen mußte man bamals noch nichts. So botsich dem Unternehmungslustigen Gelegenheit, feine Butter in großen Mengen zu verkaufen und beträchtliches Gelb zu verdienen. Hebet die Kreise Hünfeld unb Schlüchtern behüten sich feine Geschäftsreisen aus. Den Kramlaben bürste er mit vollster Ruhe seiner Frau überlassen. Die Marie kannte sich in allen Artikeln aus unb verstaub es, mit ber Kunbschast umzugehen. Dabei führte sie gemissenhaft bie Bücher, unb es mar eine Lust zu sehen, mie sie Überall peinlich Ordnung hielt. —
Es schlug zmei. Der Meister Allerhand Halle ein Dutzend Rechnungen geschrieben. Ein paar säumigen Zahlern hatte er mit Klage gedroht. Er kannte sie aus dem Sack. Das waren Geizkragen, die sich von ihrem Geld nicht trennen konnten. „Eh, daß du sie als Kunden verlierst", riet feine Frau, „hab Geduld!" Gewiß, lange geborgt, war nicht geschenkt. Aber je länger man borgte, beftomeniger kriegte man roieber.
Die Marie, die den Fußboden auf dem Lager gescheuert hatte, trat in das Ladenstübchen.
„Gut, daß du kommst", rief der Meister Allerhand, „ich muß gleich nach Strebendorf. Ich bin am Abend wieder daheim."
Er erhob sich und griff zu Mütze unb Stock.
„Wo strunzt bann ber Jakob wieder herum?" fragte er, schon auf der Schwelle.
„Er ist nach dem Essen mit dem Wellersheinrich unb bem Stech- mannslipps fortgemacht", ermiberte bie Marie unb setzte hinzu: „Man meint, bu tätft ihm seine Ferien nicht gönnen!"
„Der hat bas ganze Jahr Ferien!" brummelte ber Meister und ging.
Die Marie schüttelte ben Kopf. Ihr Mann unb sie waren immer einig, nur wegen bem Jaköbchen tarnen sie hintereinander. Daß der Jung ein bißchen ausschierig war, gestand sie zu, aber er war von Herzen gut. Wenn sie ihn, was nicht oft geschah, durchgewamst hatte, tat’s ihr hinterher leib unb ihr Zorn wandelte sich in Liebe unb Zärtlichkeit. Mochte ihr Mann auch scherbeln und schimpfen, sie, bie Mutter, kannte ihr Kind am besten. —


