Bildwerke, welches rechts und links die höchste Stufe schmückten. „Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. „Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe. Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit aber der Beschauer fühle und rate. Sie lautete ... doch das bringst du heraus, Geliebte?"
Viktoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe, ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke das gleiche Gesicht. Biktoria sann. Da blies ihr der Feldherr mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: „Tu die Augen auf, ein paar Buchstaben find noch lesbar." Viktoria entdeckte links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas deutlicher: Ass... „Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt, und der Feldherr sagte: „Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige Abwesenheit: die Sehnsucht."
„Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
„Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Waches Madonna, bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, Biktoria", sagte er zärtlich.
„Ob ich will!"
„Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, „daß du mir einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem zweiten gehören könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!"
Jetzt erhob sich Biktoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte den herrlichen Arm, Söll Welchem dep Aermel zurückfiel, gegen den leuchtenden Himmel und schwur: „Nie gehöre ich einem andern, Bei den reinen Strahlen dieser Sonne!"
Der Feldherr beschwichtigt«: „Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und beurlaubte sich bet der Marchesa. „Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu tun. Auf Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe nahm er den Arm des greifen Arztes, langsam mit ihm durch einen Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd.
„Wie war die Nacht Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alt«.
„Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. „Du hast gegen deinen Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
„Ich erinnerte mich Eures Befehls... Aber wie möget Ihr mit dem Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie dürfet Ihr es?"
„Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren Ueber- tretungen und Sünden."
Sie gingen eine Weile schweigend. „Weißt du, Numa", spottete jetzt der Feldherr, „daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand dos wenig."
Der Greis seufzte.
Wieder wandelten sie wortlos. Vor der fchmalen Pforte der Burg beurlaubte Pescara den Alten. „Meine Felüherrn erwarten mich, Numa, ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er sagte freundlich: „Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
In feinem Vorfaale sand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer Fensterbrüstung lehnt«. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, unergründlichen Zügen, in einen kutienähniichen weißen Mantel gehüllt. Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn.
„Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
Der andere erwiderte: „Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im Namen des Vizekönigs um eine Unterredung."
„Ich gewähre sie", versetzte der Feldherrn, „aber ich bitte Eure Gnade, sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzuges."
• „Eine geheime Unterredung."
Pescara besann sich. „Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches wurde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Nesse hier ist verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot Moncada keinen Stuhl.
Dieser musterte die anwesenden Gesichter. „Nach Eurem Willen", sagt« er. „Erlaucht, der Vizekönig ist in tiestter Besorgnis. Die italienische Liga ist eine Tatsache, an welcher Erlaucht nicht zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen lieh, welche dieser sreilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig, um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtig«, aber drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit zu machen. Erlaucht'gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen. In diesem Sinne sendet mich der Dize-
Derantwortltch: Dr. Han» Thhriot. — Druck
könig, Euch zu begleiten und ihn auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend.
„Ein anderes", fuhr Moncada fort. „Ich bedaure, daß Ihr mich nicht geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird gewünscht, in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Uebel mit der Wurzel auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; der trotzige lombardische Adel verliere feine Güter und besteige das Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene des Feldherrn zu lesen.
Dieser stand ruhig. „Der Schrecken?" wiederholte er. „Niemals, solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada, ich brauche sie nicht." T
„Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch.
„Nein, Ritter."
„Durch seinen Kanzler?"
„Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich langweilt."
„Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde laßt mich fragen, sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier dienen."
„Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada In Erstaunen, aber sie sagte ihm nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones genau unterrichtet.
„Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs die Rede sein konnte."
Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor ihm"Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus.
„Ich wupdere mich", sprach Moncada weiter, „daß Erlaucht nicht kurz abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht Italien erfüllen!"
„Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust! Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich kenne meine Feinde..."
„Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone unverdächtige Zeugen gegeben hätte."
„Das geschah", erwidert Pescara verächtlich. „Diese Herrschaften hier." Bourbon und Del Guasto nickten. „Was aber den Inhalt der Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu fein scheinet, so werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegegenwart, wenn Ihr es wünscht, dem Kanter morgen zu geben gewillt bin, bevor er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in fein inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
Moncada stand allein. „Eine Maske", überlegte er, „eine durchdachte Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie? ... Ich werde es wissen ... Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging langsam weg in streitenden Gedanken.
Während die drei Feldherren drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der Vorsaal eine Welle teer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer luftigen Gesellschaft. Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß gesunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Tür«, hinter welcher sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher Läufer, zu sehen, was «s gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören schien, und der er knurrend sein Mißfallen tunbgab.
Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem Silber- Halsband die Inschrift trug: „Ich gehöre der Viktoria Colonna". Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumsuhr. Da kam der Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnen Läufer des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es winselnd durch die Luft flog.
Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kops und ließ sich von Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten. „Leyva", sagte der Marchese, „ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu fein, aber beobachtet wenigstens di« Formen! Der Herzog benimmt sich musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Eourtoifie, Ihr aber zöget ihm die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, «he unsere Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt."
(Fortsetzung folgt.)
und Derlag: Brühl'jche UniversitätS-Duch- uud Steinbrudeiei. R. Lange, Gießen.


