Die drei Unzertrennlichen, der Wellersheinrich, der Ctechmannslipps und das Jaköbchen, zogen im Gänsemarsch durch die Ziegelgasse. Der Lipps an der Spitze sang:
„Aus der Stube, aus dem Haus, Bauer, schaff den Dreck heraus, Nimm ein Metzer, schab ihn ab, Gibt's ein' guten Schnupftabak!"
Vor dem Gehöft des Kappepeters lag dessen Pinscher und ließ sich von der Sonne bescheinen.
Der Jakob kniete nieder und kommandierte: „Gib's Pfötchen!"
Der Hund hatte keine Lust, seine Künste zu zeigen.
Order pariert oder nach Spandau marschiert!" rief der Jakob und begann das Tier zu zausen.
„Pah acht", warnte der Lipps, „der Kappepeter kommt!"
Der Jakob stand gemächlich auf. „Och der! Vor dem fürcht ich mich nicht. Der geht noch nicht mit dem Stecken bei ein tot Hinkel!"
Die Buben setzten ihren Weg fort und hatten das Dorf bald hinter sich.
Der Jakob, den der Mutwille kitzelte, versetzte dem um drei Jahre älteren Wellersheinrich einen derben Puff. Alsbald entwickelte sich zwischen den beiden eine regelrechte Rauferei. Der Lipps riß sie mit den Worten auseinander: „Sackermenter, habt doch Ruh!" Die Eintracht war schnell wieder hergestellt.
(Fortsetzung folgt.)
Rings um den Berg Soracte.
herbstliche Fahrt In Italien.
Von Gustav W. Eberlein, Rom.
Als die Wasser abzogen, blieb auf der leergeschwemmten Campagna ein vorsintflutliches Wesen zurück. So ein grausliges Untier, nackt und schuppig, oben zackig, wie ein Riesenkamm, der von der Nasenspitze bis zum Schwanzende läuft. Man kriegt eine Gänsehaut, wenn man das bloß sieht.
Eine Panzerechse? Ein Basilisk, ein Drachenmammut, ein Kammolch- kaimansaurier, mit einem Wort: ein „Urviech"! Nicht leicht begreiflich, warum der Münchner so etwas „grüabig" findet.
Die Türme des Kölner Domes find, glaube ich, an die 160 Meter hoch, aber man müßte wohl vier oder fünf aufeinanderstellen, um dem Tierchen ins Maul schauen zu können. Im Kensingtonmuseum haben sie etwas Aehnliches, einen großgeratenen Jguanodon, wenn ich nicht irre, oder einen Brontosaurus, jedenfalls mußte ich vom linken Eckzahn bis zum letzten Schwanzknorpel eine halbe Minute marschieren, macht vierzig Meter. Sein Zeitgenosse in der Campagna aber ist hundertzwanzigmal oder hundertvierzigmal so lang, man kann es nicht so genau ausrechnen, weil kein Parkettboden herumläust. Schrecklich einsam steht er da in der Wildnis.
Und das ist der Soracte.
Jeder klassische Romfahrer erkennt ihn sofort und begrüßt ihn als einen lieben Bekannten, wenn er sich auch nicht mehr genau erinnern kann, ob ihn nun eigentlich Horaz oder Ovid besungen hat. Alt ist er aus jeden Fall. Und wenn sie keine Seilbahn hinaufbauen, wirkt er noch in hundert Jahren echt antik.
Vorläufig hat es noch keine Gefahr. Der Verkehr meidet den Berg. Das Bähnchen nach Civitacastellana schlägt einen großen Bogen, sowie er auftaucht. Die Wege und Straßen biegen ab, wenn sie nicht über- hauvt vor Schrecken aufhören.
Älso fahren wir wenigstens rundherum.
Da ist die Tiberina, die Straße tiberauswärts, die sich nach Möglichkeit in die Flußwindungen hineinkuschelt. Schafherden werden hier häufiger gesichtet als Automobile. Nachts bleibt man mit dem Wagen regelmäßig in ihnen stecken, Tausende von rätselhaft phosphoreszierendgrünen Scheiben glimmen auf, die Augen, und schon staubt und drängt und slllchtet es, ein zäher Strom aus Wolle, den kein Scheinwerfer zu durchdringen vermag. Die Hirten, phantastisch sehen sie aus in ihren Fellen und Räuberhüten, hauen mit Stangen hinein, wie es trifft, die Hunde findet man hundert Meter weiter zurück im Graben liegen, als ginge sie die Wiederherstellung der ösfentlichen Ordnung nichts an. Ist man glücklich oder wagenverschunden hindurch, kommt der zweite Ueberfall: Leuchtkäferchen in sternenhaften Mengen. Es ist gut, geradeaus zu starren, über die Motorhaubennaht hinwegzuvisieren ins schwarze Zentrum der. Nacht, wie über Kimme und Korn. Das Korn ist mein Wappentier, und dieses Eberlein, getreulich nachgebildet seinem großen und berühmten Florentiner Bruder am Basar, wo man die „Florentiner" nach Gewicht kauft, schaut so sicher und gemächlich in die Fahrtrichtung, daß man auch in diesem Feuerzauber nicht vom Wege abkommt.
Jetzt aber ist es Herbst, der klassische römische Herbst, und die Sonne strahlt. Wildromantische Schenken, denen die Reisenden vor dreißig Jahren noch in weitem Bogen ausgcwichen wären, wie die Eisenbahn dem Soracte, fliegen ganz traulich vorbei, Burgruinen, in denen es seinerzeit gewiß nicht weniger lebhaft zuging, benehmen sich direkt malerisch und zuweilen reitet ein Mädchen vorüber und zeigt seine Film- und Mundwasserzähne.
Alles reitet. Auf Esel, Maultier und Pferd. Der Bauer geht nicht, er reitet über Land. Wie seit Urzeiten. Von den Reittieren sieht man den Kopf, bei holzbeladenen Eseln meist nur die hübsch ausgefütterten Augen, die Hufe und manchmal den Schwanz — alles übrige bedeckt die Last oder die Familie, doch werden neben Kindern, die vor und hinter der Mutter auf dem geduldigen Rücken ihrer 1 PS herumkullern wie die unfrigen in der Kinderstube, auch Einzelreitcr bemerkt. Die Last besteht in diesen Tagen ausschließlich aus zwei riesigen Bottichen, zwischen denen der Winzer thront. Thront, man kann nicht anders sagen: das ist seine Hoch-Zeit, sein Herbst, sein Reich. König der Reben, herrscht er wochenlang unumschränkt. Alle Mühsal haben die oft kiloschweren grappoli, die Trauben aus herzkirschen-großen, goldenen Früchten ver
gessen gemacht. Für ein paar Kupferstücke darf man so tief hineinlangen in den Tragbottich, wie man will.
Hundert Zinnen hemmen plötzlich die Fahrt. Graues Mittelalter. Bis zur Erfindung des Kraftwagens ist hier wohl selten oder nie ein Fremdling hergekommen. Mit Ach und Krach durch das schmale, düstere Tor, Türme und Menschen staunen uns an. Aber es find nur ein paar wackelige Alte, die den Weg kennen — wer die Arme noch rühren kann, ist draußen ... droben ... herrlich, diese Weite der weisenden Arme! In der Campagna besteht die Landschaft noch nicht aus eingezäunten Besitztümern. Wir steigen, steigen, durch Olivenhaine, durch steinuber- säte 'Bergflächen, nun schaut der Kühler geradewegs ins Blaue und man meint, der Wagen müsse hineinfallen — wenn der Soracte nicht wäre. Da steht es, das hemmende Ungeheuer, und die Straße ist zu Ende. Traut sich nicht weiter.
Umkehr. Durch Hohlwege, über Täler hinweg, in deren tiefster toofjle die Reben stehen wie Unkraut, sogar in fußbreiten Felsklüften gedeihend — so stark ist die Sonne des Sommers. Dann ein kleiner See, der über Nacht entstanden ist. Geschenk der Urmutter, der immer noch gebärenden Erde. Ein dumpfes Rollen, Schwefelgestank — und ein paar Aecker waren verschwunden, vom Teufel verschluckt, wie die Bauern meinen, ein tektonisches Ereignis zweiten Grades, wie die Wissenschaftler sagen. So etwas gehört ja im Süden nicht zu den seltenen Ereignissen. Der Soracte freilich ist nicht hohl und hat keinen Feuermagen, er besteht aus mas- swem Fels.
Noch einmal zwanzig, dreißig Kilometer hinauf, hinunter, hinüber, einem Büffel fast zwischen die zwei Meter klafternden Hörner gefahren, durch ein vor Wein wie ein Betrunkener riechendes Städtchen, dessen einzige Straße nichts anderes ist als eine maßlos steile Rutschbahn, über Steppe und Weide, Paß und Tiefe, dann mit einem Sprung aus der staubigen auf die geteerte, die Staatsstraße — wir sind auf der anderen Seite des Soracte. Da sieht er wieder ganz anders aus, aber ein zackiger Saurier bleibt er doch.
Picknick unter Oliven. Bis San Oreste hinauf, sagt ein Mädchen, das ein schwarzes Ferkel in den Armen wiegt, könne man schon fahren. Fahren wir.
Hupp — hupp. Die heroische Landschaft sinkt rechts herunter wie fallende Schleier, weitet sich größenwahnsinnig, links krachen die Schuppen des Ungetüms. Kalkweiße Steine sind das. Nur zu, hinauf, an ein Wenden ist ohnehin nicht mehr zu denken. Seine Flanken blitzen unter der Sonne wie der Bauch eines Fisches. Der Leid könnte nicht kahler sein. Brav hält sich der Wagen. Noch ein Huphupp über Schotter oder Moränen — da sitzen wir auf dem Rücken des herrlichen Scheusals, zwischen zwei Zacken seines Kammes und können nun auch auf die andere Seite hinunterschauen. Grausig und grandios.
Die Ortschaft ist so, wie sie unter diesen Urweltumständen sein kann. Die Kinder klettern in Heller Begeisterung über Trittbretter und Kotfänger herein, fchauen sich mit hemmungslos ausbrechender Neugierde die fremde Frau an und brüllen los: Evviva! Evviva! La maestra, eccola! Buon giorno, Signorina, buon giorno!
Für die neue Lehrerin wird sie gehalten. Nun ja, wer sollte auch sonst nach San Oreste kommen?
Von dem bewohnten Buckel des Berges führt ein Saumpfad den Kamm hinauf. Ganz so streng, wie es von unten aussieht: ein Bein links gegen die Provinz Latium, ein Bein rechts gegen die Provinz Umbrien, müsse man den Grat rittlings hinaufrutschen — ganz so streng wird es also nicht genommen.
Oden, wo es nicht mehr weitergeht, nichts als Luft um sich, Blau und Violett, Hausen Mönche. Man sieht, daß die Leute von der Fremdenindustrie nichts verstehen, sonst würde ein Aussichtsturm dastehen. Rucksack, Wandern, Aussichtstürme, das sind alles unbekannte Begriffe für den Italiener.
Daß ich nicht mit der Pointe schließen kann, ich sei mit dem Auto bis auf den Gipfel des Soracte gefahren, ist zwar bedauerlich, aber schön.
Weinerntezeit.
Von Dr. Kurt Haack.
„Windumemcmoth", Weinlese-Monat — so normte Karl der Große den Oktober, als er die lateinischen Monatsnamen durch deutsche ersetzte, und auch heute noch wird er häufig als Weinmonat bezeichnet, weil zu dieser Zeit der große Augenblick der Lese gekommen ist, da das glühendp Sonnengold seine köstliche, der Rebe gespendete Gabe aus der treuen Hut der Traube entläßt und nur noch im Abglanz des Weines roeiteb leuchtet durch die Geister der ZechK und die langen Winternächte. Auch Heuer ist wieder der Monat des Weins und der Weinernte von Host nungen und Befürchtungen, ob wir einen guten Tropfen vom Herbst erhalten werden, begleitet. Was Jahrhunderte vor uns gepflanzt, gepflegt, veredelt, ernten wir dankbar und gedenken der Kulturbedeutung, die diesem edelsten Naß in der Geschichte der Völker zugefallen, der segnenden und heilenden Wirkung des Weins, die die Griechen in dem tiefsinnigen Mythos vom Dionysos symbolisierten und der der alte Voltaire einmal in einem Bries an d'Alemdert mit den Worten Ausdruck verliehen hat: „Ich kenne nichts Ernsteres hienieden als die Kultur der Rebe." .
Die Vitis vinifera L., der edle Weinstock, der wildwachsend auch m Teilen des südlichen und mittleren Europa verbreitet ist, gehört einem uralten Pslanzengeschlecht an, das schon in der Miocänzeit die Brauu- kohlenwälder durchrankte, und kommt durch seine üppige Entfaltung m den Ländern südlich des Schwarzen Meeres und des Kaspischen «ces der Pflege des Menschen am meisten entgegen. „
So sucht man denn in den Wäldern am Fuße des Kaukasus die Urheimat des Weinstocks, ohne daß sich aber dafür eine bestimmte ncuur^ eichtliche Tatsache angeben ließe, und ebensowenig verrät uns li hickste den Namen des Volkes, das zuerst die wilde Rebe 0U5.(y Wald in den Garten holte, sie durch kluge Erziehung veredelte, ihr


