Ausgabe 
5.1.1931
 
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im Hofe, oder sie schlenderte mit ihm noch über den einsnmen Wiesenpfod, der hinter den Steinhütten des Dorfes vorbeiführte.

Jetzt tat Giorgina die Tür auf und schob sich mit einer mchren, schlangenhaften, aber anmutigen Bewegung herein. Sie hatte, wie Lucia bemerkte, ein wenig gerötete Wangen, so als sei sic rasch gelaufen, auch zitterte ihre Lippe wie in leiser Verlegenheit. Sie fühlte, daß sie für ihr Wegbleiben eine Erklärung geben sollte: allein, da sie von Marco nicht sprechen mochte, trällerte sie nur vor sich hin, bestrebt, zu beweisen, daß sie in einer Stimmung vollständigen Gleichmuts sei. Sie ahnte auch, daß sie in diesen Tagen die Zuneigung der kleinen Lucia eingebüßt, und daß sie dieser im Wege war.

Die Herzlichkeit im gegenseitigen Verkehr, die Lucia und Giorgina in Bellenz, auf der Herreise und noch in der ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Marogno gehabt hatten, war ihnen verlorengcgangen. Lucia freilich fühlte sich noch zu sehr als Dienerin, als daß sie unfreundlich geworden wäre; aber sie hatte ausgehört, mehr mit Giorgina zu plaudern als sie mußte und diese wiederum nahm sich die Mühe nicht, daran etwas zu ändern. Giorgina war eitel und oberflächlich. Sie hatte gegenwärtig wenig anderes zu denken, als daß es vergnüglich sei, mit Marco, dem Hirten, zu spielen. Höchstens, daß sie von der einen Spielerei aus an die verschiedenen Techtelmechtel sich erinnerte, die in Bellenz angesponnen blieben und diese je nach dem Grad der Zuneigung wertete, die sie just für Marco empfand. Lucia galt ihr innerlich nicht viel. Ihre Gutmütigkeit und Dienstwilligkeit hatten ihr gefallen, und so lange jene sie mit guten Worten und Taten umworben, hatte sie sich das lächelnd gefallen lassen, allein die eingetretene Kühle machte ihr keine weitere Beschwer.

Auch jetzt schickte Giorgina sich nach Ueberwindung der flüchtigen Be­fangenheit an, sich zu entkleiden und tat, als wäre die andere Luft. Lucia aber verlor die Geduld. Warum erzählte Giorgina nicht, wie sie früher getan, von ihren Erlebnissen? Warum war sie falsch? In einem Gemisch von Zorn und Kummer fragte sie plötzlich:Ist Marco unten gewesen?"

Giorgina sah sie an und lachte halb dumm, halb hinterhältig.Natür- lich", gab sie zurück.

Er ist jetzt immer bei dir", fuhr Lucia beharrlich fort. Als sie das sagte, empfand sie neben dem Schmerz, der sie brannte, etwas wie Ergebung, ja eine leise, wehmütige Freude. Am Ende, wenn Marco der Giorgina gut war, sie waren ein schönes Paar, sie paßten merkwürdig zusammen!

Wenn jetzt die andere ihr gestanden hätte, daß sie den Hirten liebe, würde Lucia ihr vielleicht um jenes willen gut gewesen sein. Aber Gior­gina zuckte mit der Schulter. Es war, als ob sie sagen wollte: Was schert mich Marco.

Er liebt dich", sagte Lucia erregt und mit ängstlichem Ernst.

Wieder hob Giorgina die Schulter.Das tun sie doch alle", prahlte sie, nun wirklich belustigt.

Lucia ereiferte sich.Das ist bei ihm anders", sagte sie.Du kennst ihn doch nicht. Er liebt dich nicht so nur für einen Tag."

Ader für vierzehn", lachte die Giorgina auf.

Vierzehn Tage wollte sie in Marogno bleiben! Lucia verstummte plötzlich. Zuerst war ihr ganz kalt. Dann packte sie heiße Entrüstung und zu­gleich ein heftiges Mitleid mit Marco. Sie nahm ihre Bluse, die sie schon ausgewogen hatte, vom Stuhl und näherte sich der Tür.

Wohin willst du?" fragte Giorgina.

Ich schlafe nicht mehr bei dir", sagte Lucia.

Die Erklärung kam so plötzlich und war mit einem so stillen Ernste abgegeben daß die andere einen Augenblick lang nicht wußte, was sie sagen sollte. Dann aber half ihr der angeborene Leichtsinn über die Lage hinweg. Sie lachte auch dazu und legte sich ohne die Lucia zu Bett. All­mählich erst regte sich in ihr ein (eifer Aergcr, aber sie war zu faul, um den tieferen Ursachen von Lucias Wesen nachzuspüren. Sie beschloß nur, bald nach Bellenz zurückzukehrcn. Dort, so dachte sie, würde die Lucia bann schon wieder zur Vernunft kommen.

Lucia aber legte sich in die Stube der Nona.

Die Alte murrte, als sie zu ihr ins Bett kroch, und fragte, was ihr einfalle. .

Lucia stieß ein heftigesnichts" hervor und hatte nicht die geringste Furcht vor der Mürrifchheit der Großmutter.

Die Nona wurde ganz wach von dem Ereignis. Sie erkannte die Enkelin kaum wieder. *'2lber bann umspannten zwei kurze Arme ihren Körper unb Lucia drängte sich gegen sie. Die ganze kurze Gestalt zitterte und zuckte. Und als sie mit der einen runzligen Hand nach dem Gesicht Lucias fastete, wurde sie naß von ihren Tränen.

Die N«w erriet allerlei, vielleicht nicht alles richtig: aber sie stieß die Kleine nicht aus dem Bett, wie sie es in der ersten verdrießlichen Ueber- raschung beinahe getan hätte. Sie tätschelte sie vielmehr unwillkürlich aus den Kaps und begann etwas zu summen. Das war ein alten Wiegenlied. Sie Haffe es schon feit fünfzehn Jahren nicht mehr gefungen, feit die Lucia klein gewesen. Und sie wußte nicht mehr recht, wie es ging.

3.

Giorgina sand am nächsten Morgen, daß es besser fei, mit ihrem Aufenthalt sogleich ein Ende zu machen; denn auch die Nona zeigte ihr saft etwas wie Feindseligkeit. Sie packte ihre Sachen. Frühstück hatte sie noch bekommen.

Ich fahre heim", sagte sie zu Lucia.

Ich fahre mit", entgegnete diese.

Giorgina sagte nicht, ob ihr das passe. Sie ging aus dem Hause. Lucia sah sie nach der Alpe bet Bosco steigen. Ob sie am Enbe doch mit Marco einig würbe? buchte sie. Unb sie wartete ftunbenlang auf ihre Rückkehr. Mit ber Nona sprach sie nicht. Sie hatten nie gelernt, miteinander zu reden.

Marco begleitete Giorgina, als sie um die Zeit des Mittagessens zu­rückkam. Inzwischen hatte auch Lucia ihr Bündel geschnürt.

(Schluß folgt.)

ganze Heerschar von Schmerzen in ihr auf. Sie erinnerte sich, daß sie sich wohl über das Mitkommen der Giorgina und die Heuntehr unb die Ferien gefreut, daß aber doch bas Eigentliche, bas Endziel ihrer Freude Marco gewesen, Marco, ber mit ihr gegangen, wie er jetzt mit ber an» beren ging, ber einmal in seiner Sternennacht auf ber Alp ihr zugeslustert hatte sie habe ein Gesicht wie die Madonna. Sie Haffe ihn em für allemal au ihrem König gemacht, unb nicht gebucht, baß sich etwas ändern konnte. Unb nun? Die beiben vergaßen ihrer. Giorgina war ja immer freunb= lich zu ihr. Sie sprach ihr nur nicht von Marco wenn sie allein bei­sammen in ihrer Kammer waren, unb es schien Lucia, bah sie ihr das boch schuldig gewesen wäre. Unb Marco tot erst recht, als fei nie etwas anberes als eine kühle Bekanntschaft zwischen ihr, Lucia, unb ihm ge- tücfcn.

Einmal, als sie zu lange allein gelassen, schlenderte Lucia hinter den beiben anberen her. Sie hätte nicht gewagt, sich ihnen auszudrangen, allein sie hatte bas Bedürfnis, irgendwie und ganz von fern sich ihnen bemerkbar zu machen, damit sie wieder einmal ein Wort zu ihr sprachen. Das war auf ber Alpe. Marco unb Giorgina verschwanben hinter einem

Lucia schritt über ben Mpgrunb. Mit den Holzpantoffeln zertrat sie bann unb wann eine Glockenblume ober eine Lichfnelke, aber wenn sie es gewahrte wich sie beiseite, als habe sie etwas Böses getan; Denn mit Wissen tat sie auch ben Blumen nichts zuleib. Sie tarn an den Felsblock unb hasste von jenseits bie anberen roieber erblicken zu können. Da horte sie plötzlich ihre Stimmen ganz nah. Sie blieb erschreckt und unschlüssig ftchcn

Jene schienen sich zu necken, denn Lucia hörte Giorgina mit lachendem nein" unblaß mich" sich Marcos erwehren. Aus einmal vernahm sie ihren eigenen Namen. Giorgina sprach ihn in ihrer seltsamen verhaltenen unb boch lockenden Art aus.Lucia hat sich aus dich gefreut , sagte sie.

Lucig tarn nicht von ber Stelle. Sie vernahm Marcos Antwort:Sie ist ein gutes, kleines Ding." .. . , ,

Es wäre manche froh, wenn sie so hübsch wäre , fuhr Giorgina fort. Der Kopf auf dem Körper. Unmöglich!" gab Marco zurück.

Und Giorgina kicherte.Wie eine Puppe, bie einen nicht zu ihr ge­hörigen Leib angenähf bekommen", meinte sie

Lucia fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht stieg. Sie hielt sich mit den Händen bie Ohren zu.

Ja biefem Augenblick brach Marco, ber Hunb, hinter bem Felsen hervor unb sprang mit einem kurzen Bellen auf sie zu. Sie hatte vielleicht meinen wollen, aber bas Tier umwedelte sie; sie mußte es streicheln, und so war ihr nur sehr wirr zumut, als drehe sich die ganze Alpe mit ihr.

Dann tarnen bie anderen. Sie schienen zu ahnen, daß sie etwas von dem Gespräch erhascht haben könnte. Sie waren verlegen.

Setz dich zu uns", sagte Marco gnädig.

Sie gehorchte, ohne zu wissen, was sie tat.

Ader es war merkwürdig, als sie neben ben anberen am Fels saß, vergaßen sie ihrer wieder und Marco spielte mit Giorginas aschblondem Haar. _ .. ..

Lucia drückte zweimal heimlich eine Trane aus, die ihr ins ^Marco e5ichf. Ein anderer Mensch, ein anderes Mädchen in Marogno bi Sopra, bas war ein Ereignis gewesen! Unb biese Gior­gina! Es war nicht wie ein Blitz in ihn hineingesahren. Aber seif er sie zum erstenmal gesehen, hafte es von seinem Herzen aus ihn mit selt­samer, rinnenber, fteigenber Wärme burchströmt bis in jede Pore. Jetzt sprühte in ihm schon aus schwelender (Blut zuweilen eine Flamme.

Er saß neben Giorgina und sah über die grüne Alpe. Zuweilen tat er einen schrillen Psiss, wenn eine ber Ziegen sich zu entfernen schien ober bie grauweiße mächtige Herbe der Schafe sich der Alpseife zu sehr nahte, wobie Grasebene in jähem Felsobsfurz münbete. Der Hunb setzte in großen Sprüngen hinüber und trieb bie Tiere zurück. Marco sah ge­dankenlos zu aber daneben lauschte er mit allen Sinnen nach ber hin­über bie an seiner Seite sah. Er tändelte mit ihrer Hand, mit ihrem Haar, bem er bie Nadeln entnahm, daß bie Flechten sich lösten. Unb zu­weilen schob er einen Arm um ihre Hüfte unb zog sie näher an sich heran.

Giorgina lachte viel, ein leises, lorfenbes Lachen. Sie blickte ihm oft plötzlich gerabe unb mit Bebeutung in die Augen, unb wenn feine Finger sich um bie ihren schloffen, gab sie den Druck bewußt und mit einem redenden Zögern zurück. _

Es war ein Sviel, das sie miteinander trieben. Aber Marco geriet immer mehr in Eifer, während Giorgina nur ihr Augenblicksgefallen daran hatte iund es fertig brachte, sich bann unb wann plötzlich nach

Lucia umzubrehen, als ob sie sie neckisch fragen wolle, was sie zu

allem sage. , ,, ...

Die kleine Lucia saß auf Kohlen. Nie in ihrem Leben hafte sie sich

fo wenig zu benehmen gewußt. Zuletzt, als sie es nicht mehr aushielt, sprang sie auf, stammelte etwas davon, daß sie heim müsse und ging, ohne sich ein einziges Mal umzusehen, dem Alpausgang zu. Dabei war ihr, als tändelten noch immer bie beiben anderen neben ihr unb in ihren Ohren ober vielleicht mehr in ihrer armen flatternden Seele tönte bas Wort Marcos nach: Der Kopf auf bem Körper! Unmöglich!

An biefem Adenb suchte Lucia zum erstenmal in bem Spiegelscherden, ber in ihrer Stube hing, mehr als nur ihr Gesicht zu sehen. Sie maß ihre Arme, sie schritt in ber Kammer auf unb ab, in bie Giorgina noch nicht getreten war, unb suchte sich zu vergewissern, ob sie wirklich ein zwergenhafter Mensch sei. Sie erwachte zum Bewußtsein ihres Körpers. Was bie Spötteleien ber Wirtsgäste zu Bellenz nicht vermocht, das be­wirkte jetzt der Kummer über Marcos Ausspruch. Sie dachte über sich selbst nach unb belog sich nicht. Sie sah, daß alles so war, wie Marco sagte ja es schien ihr viel schlimmer. Sie kam sich unsagbar häßlich vor. In diesem Augenblick hörte sie Giorginas Schritte. Sie kämpfte mit bem Weinen. Aber bann nahm sie sich mächtig zusammen. Sie wußte wohl, woher die andere kam. Marco stand ja jetzt jeden Abend bei ihr unten

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