Ausgabe 
5.1.1931
 
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war (wie man das am deutlichsten beim einfachen Kahn sieht), und durch ein eingezogenes Heck, oft sogar noch durch einen schrägen Steven, grade Schlotes grade Masten und ein Heck, das bis zur Wasserlinie fast grade hinunterläuft. Vielleicht aber hat es überhaupt keine Masten mehr, son­dern statt dessen irgendwelche Gitterkonstruktionen, keine Schlote mehr, weil es ein Motorschiff ist, und keine sanfte Wölbung im Rumpf, die inan denSprung" nennt, sondern ist flach wie ein Plättbrett. Dafür hat es dann möglicherweise einen dicken Bauch aus Schlingertanks.

Ja, es find in den Augen des Seemanns sowohl wie in denen der Marinemaler und anderer Laien die neuen Schiffe meistens nicht so schön wie die der guten alten Zeit, weil all das Neue seine endgültige Form noch nicht gefunden hat oder weil wir erst mit neuen Augen sehen lernen müssen.

Oel und Kohle.

Für den Augenblick noch wir wollen nicht mit den Erfolgen rechnen, die ein oder das andere Kohleverflüssigungsversahren in Zukunft haben kann entscheidet sich der Kampf zwischen Oel und Kohle rein nach der Wirtschaftlichkeit. Die mehr idealen Vorteile des Oels: Sauber­keit, Staub- und Rußfreiheit werden im allgemeinen überschätzt. Oel staubt zwar nicht, bildet aber flockige Rückstände, die sehr viel unange­nehmer sind als Ruß, weil sie bei Reinigungsversuchen rettungslos ver­schmieren. Der Kampf wird also auf den Linien des Weltverkehrs nach den Lagerstätten von Oel uni) Kohle entschieden werden. Im Kampf zwischen Kohle produzierenden Ländern wird es rationeller sein, die Schisse mit Kohle zu befeuern, zwischen kohlearmcn und erdölreichen Ländern mag das Oel gewinnen.

Maschinen.

Kolben-Dampsmaschinen, Dampfturbine und Dieselmotor bestehen als Triebmaschinen gegenwärtig nebeneinander. Es wird außerordentlich viel darüber geredet und geschrieben, welchem der drei Systeme die Zukunst ^ren soll. Man muß da sehr vorsichtig (ein: aus dem, was eben über und Kohle schon gesagt wurde, geht hervor, daß Dampf und Diesel mindestens noch eine ganze Weile nebeneinander bestehen werden. Die Kolbenmaschine hat bei ihren vielen Vorzügen nur den Nachteil eines schlechten Wirkungsgrades. (In neuerer Zeit hat man sie u. a. durch Hoch­druckkessel sehr verbessert.) Die Turbine wurde in ihrem Siegeslauf zur See vielfach durch ihre eigene Geschwindigkeit gehemmt: sie läuft um ein mehrfaches schneller als die Schraube, die sie treiben soll. Es muß also ein vermittelndes Getriebe zwischen die beiden eingeschaltet werden. Auch müh die Schraube sich (beim Manövrieren) manchmal rückwärts drehen, eine Bewegung, die bei der Kolbenmaschine ohne weiteres möglich ist, die aber der Turbine Schwierigkeiten macht.

Der Dieselmotor scheint dem rauhen Schiffsbetrieb jetzt vollkommen gewachsen zu sein. Man betrachtete ihn lange Zeit mit Mißtrauen. Bei hoher See unterliegt die Schiffsmaschine ganz enormen Schwankungen der Belastung, weil die Schraube bald ganz aus dem Wasser taucht und dann natürlich wie rasend läuft, bald in Tiefen taucht, wo der hohe Wasserdruck ihre Drehzahl stark verlangsamt. Es ist klar, daß eine Dampf­maschine solche Schwankungen besser erträgt als ein Explosionsmotor.

Schiffe ohne Seekrankheit.

An neuen Schiffen fallen sie als besonders häßliche Bäuche auf: das find Schlingertanks. Ein System, das bis zu einem gewissen Grade (durch Gewichtsausgleich mit Wasser) das seitliche Schlingern des Schiffes ver­hindert. Solche Fahrzeuge alsSchiffe ohne Seekrankheit" zu bezeichnen, ist nicht ganz richtig. Abgesehen davon, daß dasStampfen" (Schaukeln in der Längsachse des Schiffes) erhalten bleibt, unterliegen begabte Per­sonen der Krankheit auch bei vollkommen ruhiger See. Trotzdem bedeuten diese Tanks eine große Verbesserung. Merkwürdig oft werdenSchlinger­tanks" mitTankdampfern" verwechselt. Tankdampfer sind Spezialschifse zur Beförderung von Flüssigkeiten, und zwar meist von Oel. Ihre Ma­schine liegt hinken, um Feuersgesahr möglichst zu vermeiden.

Schiffe in Masscnsabrikalion.

Die Amerikaner haben zuerst Schiffe fabriziert. Im Gegensatz zu dem gesamten übrigen Schiffbau", der in seiner Individualität so weit ging, daß selbst sogenannteSchwcsterschifse" niemals völlig gleich ausfielen. Amerikanische Schisse sehen meist häßlich aus; sie sind eckig und plump, oft ohne Masten und flach, ohneSprung"; man erkennt sie daran schon auf mehrere Meilen.

Schuld an der Häßlichkeit sind gewissennaßen wir. Denn der U-Boot- krieg veranlaßte erst die Amerikaner dazu, Schisse wie Autos upd Kragen- knöpfe zu fabrizieren. Da war es billiger und einfacher, auf schöne Wöl­bungen zu verzichten. Es kam ja auch gar nicht darauf an, den U-Booten besonders elegante Schisse vor die Rohre zu legen.

Moderne Navigation: Der Kreiselkompaß.

Auf eine populäre Darstellung seiner Wirkungsweise fei hier ver­zichtet. Populäre technische Beschreibungen gehen meist an den inter­essantesten und hübschesten Einzelheiten aus Gründen der Verständlichkeit vorbei. Es genügt zu wissen, daß ein Kreisel, den man mehrere tausend Mal in der Minute drehen läßt, sich aus den exakten Norden einstellt.

In der Praxis nimmt man meist nicht einen, sondern drei solcher Kreisel. Die Anlage ist ziemlich umsangreich und tief im Bauch des Schiffes untergebracht; sie heißtMutterkompaß". Die Kompasse, die auf der Brücke stehen, sind ihreTöchter". Solche Anlagen, die sehr teuer sind, verwandte man zuerst nur auf Kriegsschiffen. Heute ist jeder große Passa­gierdampfer damit ausgerüstet. Aus Frachtdampfern ist der Kreiselkompatz noch nicht eingeführt. Die Vorteile des Kreiselkompasses, dem alten Mag­netkompaß gegenüber, sind schon sehr bekannt: die Magnetnadel 3eigte nicht die wahre Nordrichtung, sondern nur die Richtung des magnetischen Nordpols an, die von der des geographischen verschieden ist, außerdem besaß jeder Kompaß einen reinen persönlichen Fehler. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn diese beiden Fehler sich stets gleich ge­blieben waren; sie sind aber an jedem Ort der Welt verschieden, andern sich mit der Zeit und mit der Ladung. Ja, aus Kriegsschiffen konnte man

es erleben, daß die Magnetnadel jedesmal in die Richtung schielte, in die eins der großen Geschützrohre grabe geschwenkt wurde.

Der eiserne Steuermann.

Seit einigen Jahren fahren große Schisse mit unheimlicher Geschwin­digkeit durch die Welt, ohne daß ein Mensch sie steuert. Passagiere erleben es bei Besichtigung der Brücke immer wieder staunend und beinahe mit Entsetzen, daß das Steuerrad sich ganz von selbst hin und herbewegt, während der Steuermann, ober wer es sonst sein mag, spazieren geht.

Das hängt auch mit dem Kreiselkompaß zusammen und eignet sich nicht für Beschreibungen ohne Bilder. Es ist ein magnetisch elektrischer Apparat, der in Verbindung mit dem Kreiselkompaß das Schiss auf jedem gewünschten Kurs in grader Fahrt erhält.

Bei ruhigem Wetter und auf weiter See, wo tagelang der gleiche Kurs gesteuert wird, arbeitet der Apparat vorzüglich und besser als der Mensch. Bei sehr rauher See und bei häufigem Kurswechsel muß aber der Mensch wieder den Apparat ersetzen. Denn der Apparat kann nicht denken. Selbst bei sehr schwerem Wetter und hoher See halten Wellen, die ein Schiff aus seinem Kurs werfen, einen bestimmten Rhythmus ein. Ein Mensch erkennt die kommende Bewegung schon vorher und richtet sein Steuern danach ein: er gibt beispielsweise vor einer anrollenden Welle, die das Schiss nach rechts aus feiner Richtung werfen wird, dem Steuer eine ausgleichende Linksbewegung.

Die Maschine aber arbeitet blind, sie korrigiert, ohne den Rhythmus der Störungen zu erkennen, und überlastet daher oft die Rudermaschinerie. Ebensowenig ist sie natürlich dort zu brauchen, wo nach Landmarken und nach dem Kommando eines Lotsen gesteuert werden muß.

Lucia.

Erzählung von Ernst Zahn.

(Fortsetzung.)

2.

Die zwei Mädchen hatten eine gemeinsame Stube. Und sie war schöner als Giorgina es erwartet hatte. Sie war wie eine Insel in dem schmutzigen und dunkeln Hause. Ihr kleines Fenster lag so, daß es zwischen zwei Nachbarhäusern hindurch noch eben ein winziges Stück Grün erblicken konnte, das zur Alpe des Marco gehörte. Auf dem Ge­simse stand ein Rosenstock mit roten, schweren Blüten. Das große, breite Bett, in dem die Mädchen schliefen, hatte einen sauberen Bezug aus weiß und blauem Baumwollstoff. Hier fühlte sich Giorgina nachts recht wohl; denn sie meinte bann, 3Jlarco sei ihr ganz nahe. Und Marco bedeutete ihr die Freude von Marogno. Nicht daß sie ihr Herz ganz und gar dem Hirten verschrieben hätte, dafür hatte sie zu zahlreiche Anwärter auf dieses schon in Bellenz zurllckgelassen, allein sie dachte nicht mehr wie im ersten Augenblick daran, ihren Aufenthalt in Marogno abzukürzen, sondern sie lieh es sich da wohl gefallen, weil eben Marco da war.

Am Morgen nach der Ankunft hatten die Mädchen den Hirten auf feiner Alpe besucht. Giorgina hakte dazu gedrängt, Lucia es weniger eilig gehabt. Sie ahnte, daß sie dabei eigentlich überflüssig sein werde. Ueber- slüssig war sie auch gewesen, Marco hatte dem Gaste seine ganze Zeit gewidmet.

Lucia redete sich ein, daß dem so sein müßte, daß Marco ihr ja auch einmal alle die Berge erklärt, die man von der Alpe bei Bosco aus sah, daß er ihr die Höhle gezeigt, die in einem Felsen am Alpausgang sich befand und auch vor ihr feinen Hund allerlei Kunststücke hatte machen lassen. Aber sie war doch traurig; sie konnte sich über die Giorgina nicht mehr freuen, begriff nicht, warum sie sie so gern gehabt, hatte kein Ver­gnügen an ihrer Ferienzeit und sah den hellen, herbstlichen Himmel nicht mehr. Ihr Herz brannte sie.

Und doch ging sie wieder und wieder mit zur Alpe. Giorgina wollte es so, und sie war ja noch immer die Tochter des Padrone.

Die Alpe war ein Garten Gottes. Sie lag nicht (ehr hoch, sonst hätte Marco nicht alle Augenblicke im Dorf auftauchen können, allein sie lag hoch genug, daß die Tannen nur mit ihren Spitzen auf ihre grüne Fläche schauten und die Einsamkeit auf ihr Königin war. Ein Garten Gottes war die Alpe del Bosco. Selbst Lucia fühlte das noch und liebte das Kurzgras, das weithin vor ihren Füßen stand, von gelben und blauen und dunkelvioletten Blumen durchstickt. -Schmetterlinge, die beinahe noch farbiger als die Blumen waren, taumelten über bas weiße Felb wie vom Winde verbissene Blütenblätter, unb manchmal strich ber Winb selbst über bie kurzen buftenben Halme unb zog seltsame Furchen durch sie. Das war schön, dachte Lucia. Kleine Glocken klangen, merkwürdige, ganz tonlose, wie aus gebrochenem Metall und daneben silberne, feine, wie singende Kinderstimmen. Sie tönten urplötzlich an allen Ecken und Enden auf, wo man sie gar nicht vermutet hatte, und gaben jetzt nur einzelne Laute her und jetzt eine ganze Melodie, klangen bald wehmütig und bald ausgelassen, je nachdem die Schafe unb Ziegen, bie sie trugen, langsam meibeten ober in Sprüngen sich ergötzten. Das war schön, dachte Lucia. Jetzt kam Marco. Nicht Marco, der Mann, sondern Marco, der Hund, das große, gelbe, zottige Tier. Immer, sobald er Lucia erblickte, kam er über die Weide gelaufen, wedelte mit dem Schweife und legte den Kopf auf ihre Knie. Er machte sich mehr und mehr an sie heran und sah sie mit den großen, braunen Augen verlangend an, bis sie feinen Kops streichelte. Das war schön, dachte Lucia.

Marco, der Hirte, aber und Giorgina streiften über die Alpe hin ober saßen hinter einem Steinblock. Sie konnten nicht bei Lucia sitzen; denn Marco hakte feinem Gaste immer noch so vieles Neue zu zeigen. Aber fie paßten zu ber Alpe. Lucia, obschon ihr Herz traurig war, sah mit einer Art Andacht ben zwei schönen Menschen zu, wie sie miteinanber wan- belten. In ben lässigen, freien Bewegungen ihrer Körper allein schon lag ein seltsamer Rhythmus, als wären sie immer so nebeneinanber ge­schritten. Sie fühlte, daß sie zueinander gehörten, und fie bewunderte ebenso die Giorgina unb ihre blassen, kühlen, weichen Augen, wie sie erst jetzt so recht ben Blick bafür bekam, bah Marco der schönste Bursche war, der ihr je Überwegs gekommen. Freilich stand, wenn sie Marco sah, eine