Ist Igor Stramin
machen kann. , , ., m ,
„Nach dem Krieg, bereits zu Anfang der Revolution, habe ich Rußland verlassen, da ich im Chaos kein Betätigungsfeld für meine Kunst sah. Seitdem führe ich das rastlose Leben eines amerikanischen Virtuosen. Im nächsten Jahre trete ich in den Bereinigten Staaten als Pianist die dreizehnte Konzerttournee an. Hoffentlich wird sie mir denselben Erfolg bringen, wie die bisherigen Rundreisen. Mein Leben ist sehr unruhig, denn ich bin feit Jahren unterwegs, und ich schlafe mehr in der Eisenbahn als in meinem Heim. In der Nähe von Paris besitze ich ein kleines Haus, in dem ich mich ausruhe, wenn ich einmal Zeit habe. Wie schön wäre es, wenn ich nur für mich spielen könnte! Wenn ich keine Konzerte zu geben brauchte, um meine zahlreichen Verwandten zu unterstützen! Wie ich vor kurzem hörte, wurden meine symphonischen Werke auch m Moskau aufgesuhrt, mit großem Erfolg. Trotzdem fallen weitere Aufführungen von der Sowjetregierung verboten worden sein, da ich als angeblicher Weißgardist auf der schwarzen Liste stehe. Ich beschäftige mich aber keineswegs mit Politik und bin in meinem Innern, obwohl ich jetzt über ein Jahrzehnt im Ausland lebe, Russe geblieben. Bei meinen Konzerten spiele ich hauptsächlich klassische Werke aller Meister, mit Vorliebe den großen Deutschen Bach und den vollständig internationalen Liszt."
Rachmaninow, Komponist und Klaviervirtuose.
Ein Interview mit dem berühmten Musiker.
Von Dr. Alexander v. Andreewsky.
einer Provinzstadt nach Moskau, bekam dort eine Stellung als Kontrabassist im Orchester, heiratete später eine der reichsten Frauen Rußlands, siedelte nach Berlin über, studierte bei Nikifch, kehrte nach Nuhlano zurück und organisierte sein eigenes Orchester, mit dem er Reisen durch das ganze Land unternahm. Er mietete sich ein Wolgaschifl, quartierte dort fein Orchester ein, probte während der Fahrten und gab in zahlreichen Wolgastädten Konzerte. Leidenschaftlich setzte sich Kussewitzky sur deutsche Musik ein und scheute sich nicht, auch im Kriege deutsche Komponisten aufzuführen. Als der Polizeimeister von Moskau gegen die Aul- führunq einer Beethovenfchen Symphonie Einwände erhob, entgegnete ihm Kussewitzky: „Wissen Sie denn nicht Exzellenz, daß van Beethoven ein holländischerKomponist gewesen ist?" Der Polizeimeister gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und genehmigte das Programm. Nach dem Umsturz juiu HCrtluctl Vut , wurde Kussewitzky von der Sowjetregierung mit diktatorischen Voll
ste hat sonst nichts aus der machten ausgestattet und zum Direktor der Moskauer Hochschule ernannt.. ' Er zog es aber vor, Rußland zu verlassen, und ging mit seinem Kontra
baß in der Hand über die Grenze, was der Grenzwacht keineswegs aus- fiel. Im Kontrabaß hatte Kussewitzky die wertvollen Juwelen seiner Frau versteckt. Heute ist er Dirigent in Boston, wo man ihn sehr verehrt. Wir beide haben in Moskau wohl niemals geahnt, daß wir eines Tages in der Neuen Welt eine neue Heimat für unsere Kunst finden werden.
Schiffe am laufenden Band.
Womit sich die modernen Schiffskonsirnkleure befassen.
Von Heinrich Hauser.
Moderne Schisse und moderne Navigation sind in kurzer Zeit seit 1914 in ihren Umrissen und Einzelheiten fast vollkommen verändert worden. Angenommen, der Kapitän und die Besatzung der „Titanie" — 1912 das modernste Schiss der Welt — hätten heute noch einmal ein großes Schiss über See zu sichren, sie würden es kaum zu handhaben verstehen. Zu schweigen von den „alten roettergefurdjten" Seeleuten der Segelschisse (sie sterben aus wie ihre Schisse); die würden bet der Art, wie heute durch Nebel, Verkehr und schwieriges Fahrwasser mit voller Geschwindigkeit gefahren wird, in Angst und Schrecken leben, weil sie die Hilfsmittel nicht kennen, die trotzdem Sicherheit verbürgen. Der Schiffbau befindet sich in einer so rapiden Entwicklung, daß man fast von einer Revolution reden kann. Das hier folgende ist ein Versuch, die neuen Bauideen und die neuen Formen zu analysieren.
Die neue Linie.
Noch vor ungefähr zwei Jahrzehnten war die Silhouette etwa eines Passagierdampfers bestimmt durch die etwas schräg nach hinten geneigten Masten und Schlote, durch einen Rumpf, der vorn und hinten aufgebogen
strömen.
Rein äußerlich ist der Künstler eine ausfallende Erscheinung; er ist groß und hager, und sein Gesicht, eine charakteristische Maske des Don Basilio, des unsterblichen Musikus aus dem „Barbier von Sevilla", trägt zugleich die tatarischen Züge seiner Urahnen. „Ich bin als Sohn eines Gutsbesitzers geboren", erzählt Rachmaninow, „und auf dem Land ausgewachsen. Ich hätte ein guter Landwirt werden können, wäre ich nicht von frühester Jugend an der Musik verfallen gewesen. Moskau, wo ich studierte, war das Zentrum der russischen Kunst und Kultur. Alles, was heute Namen und Klang auf dem Gebiet der russischen Kunst hat, ist in Moskau aufgewachsen. Dorthin kamen auch die hervorragendsten Künstler aus dem mittleren und dem westlichen Europa, S a r a j a t e, Hans o. Bülow, Joachim und viele andere. Bülow war regelmäßig Gast in den Philharmonischen Konzerten. Einmal dirigierte er eine Symphonie, deren Komposition Brahms gerade erst vollendet hatte. Es ist ja bekannt, daß sich Hans v. Bülow nach seinem Bruch mit Wagner stark für Brahms einsetzte. Dem Moskauer Publikum, zu dem auch ich gehörte, sagte die fremdartige Musik nicht zu, und keine Hand rührte sich, als die Symphonie beendet war. Hans v. Bülow wandte sich sarkastisch lächelnd an seine Zuhörer und sagte: „Ich sehe, meine Herrschaften, daß Sie dieses großartige Werk nicht verstanden haben. Ich will es Ihnen noch einmal Vorspielen." Er drehte sich um und spielte die Symphonie da capo. Diesmal brach ein Sturm des Beifalls im Saale aus."
„Ich erinnere mich noch sehr gut an die Anfänge Stanislawskys. Als Sohn eines reichen Finanzmagnaten — er hieß damals übrigens noch Alexejew — hätte der junge Mann die traditionelle Pflicht gehabt, wie alle jungen Leute feines Standes, Karten zu fpielen, und nicht etwa Theater. Unzählige Witze wurden in der Moskauer Gesellschaft über diese Leidenschaft für die Bühne gemacht. Ich erinnere mich an eine Dilettantenvorstellung im Klub der Literaturgefellfchast, bei der ein junger, hoch- gewachsener Mensch eine komische' Rolle in einem belanglosen Lustspiel zum Besten gab. Dieser Dilettant war der Mann, der später das russische Theater zu einem Weltfaktor der Kunst erheben sollte: Stanislawsky. Auch Schaljapin sang zu Anfang seiner Laufbahn in Moskau, ohne viel beachtet zu werden. Man machte sogar seinem Intendanten Vorwürfe, einem so unbedeutenden Künstler das hohe Gehalt von 6000 Rubeln im Jahr zu bezahlen! Schaljapin eroberte sich in der Tat seinen Weltruf
weiche Decken, und ich hörte eine wunderfchöne himmlische Musik von silbernen Glocken und schlief wieder ein ...
Da schauen Sie halt? Na ja, so ist es mir damals vorgekommen. In Wirklichkeit waren es luftige Studenten in bunten Flausrocken und mit goldgestickten Zerevifen, die zum Stiftungsfeft ihres Korps in voller Wichs eine Schlittenfahrt gemacht hatten und nun zurückkamen; zum Gluck sah mich einer am Wege hocken und ließ anhalten, fonst wäre ich wohl gotts- jämmerlich erfroren. So aber bin ich, da sie von mir nichts erfahren konnten, im vierspännigen Schlitten des Seniors in die Stadt eingezogen, freilich im Schlaf. Aber die Weisfagung ist doch auf folche Art in Er-
Ist Igor Strawinsky, der international gewordene Russe, ein Vertreter der modernen Richtung in der Musik, so ist Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow im Gegenteil der Hüter der Tradition. Er knüpft in seiner Musik an den raffinierten Salonmenfchen Tschaikowsky an. Sein Russentum ist nicht so urwüchsig wie die barbarische Kraft eines Muss orgsky, dessen Meisterwerk „Boris Godunow", zu Lebzeiten des Komponisten mißverstanden und verhöhnt, heute zmn unentbehrlichen Bestandteil im Opernspielplan der ganzen Welt gehört. Dennoch ist Rachmaninow echter Russe; die Weichheit, die melancholische Schwärmerei seiner Kompositionen konnte nur einer slawischen Seele ent-
burd) feine zähe Arbeitskraft. Seine Masken, die heute weltberühmt find, haben sich allmählich aus der gewöhnlichsten Schablone entwickelt. Spater, als Schaljapin der große Sänger geworden war, hatte die Moskauer Intendanz mit ihm nicht wenig Sorgen. Einmal hatte er einen Streit mit feinem Regisseur, schminkte sich während der Vorstellung ab, in der er die große Attraktion war, und fuhr nach Haus. Der Intendant raste ihm nach und bat Schaljapin flehentlich, sofort zurückzu kehren, was er schließlich auch tat. Das Publikum hatte inzwischen ruhig aus den guten Ablauf der Verhandlungen gewartet."
Eine andere bemerkenswerte Persönlichkeit tm Moskauer Leben war , der "Dirigent Kussewitz! y", berichtet mir dann Rachmaninow. „Mit
SE» s ««ää | haben, sie wüßten nichts von mir, ich sei ihnen auf einmal verschwunden. In der Nacht sind noch die Männer nach mir suchen gegangen, und wie sie in der Früh zurückgekommen sind, ist der Bürgermeister zu meiner Mutter gegangen und hat gesagt: „Gott tröste dich, Drechslerin, dein Bub ist wohl schon in der ewigen Glückseligkeit und tut beten für dich!
Und ich war derweil in der Stadt, habe mir’s gut gehen lasten und gar nicht gewußt, wo ich die schönen und guten Sachen alle hintun soll, die mir die Studiosen geschenkt hatten. Ich habe auch mein Lebtag nichts über die Studenten kommen lassen. Am andern Tag haben mich zwei im Schlitten zurückgebracht, und ich habe bann mit dem Johann und bem Matthiesl redlich geteilt. Sind auch beide schon tot und in der ewigen Ruhe! Aber die Mutter! Der habe ick) wohl Schmerz und Kummer genug bereitet in derselben Dreikönigsnacht. Gesagt hat sie kein Wort, wie ich gekommen bin, nur so ein bissel mit den Lippen gezittert hat sie und mich an sich gedrückt — lange Zeit. Freilich — f" V Welt gehabt als mich!"
Der Pfarrer stand auf und nahm ein vergilbtes Lichtbild von feinem Schreibtisch — das Bild seiner längst verstorbenen Mutter. Ich sah bas vergrämte, früh verblühte Gesicht einer Bauersfrau. Es war ein gewöhnliches Gesicht. Aber von ihm schien ein Leuchten auszugehen, bas sich int gütigen Antlitz des Pfarrers widerspiegelte. Vielleicht sah er auf dem demütigen Scheitel dieser armen Frau auch eine Krone, eine Krone aus strahlendem Himmelsgold, geziert mit den blutroten Rubinen aufopfernder Liebe, schöner und kostbarer als aller Glanz dieser irdischen Welt.
„Kurz vor bem Krieg war ich Dirigent an ber Moskauer Hofoper. Zwischen Moskau und Petersburg bestand stets eine gewisse Rivalität; die joweit ging, baß man manchem Petersburger Künstler, ber in Moskau austrat, einen bösen Streich spielte, — ganz abgesehen bavon, daß Petersburger Lieblinge in Moskau stets kühl empfangen wurden. Deshalb wollte die berühmte Wagnerfängerin Litwin niemals in Moskau auftreten. Als ber Helbentenor ber Petersburger Oper, Jerfchow, in Moskau gastierte, würbe ihm in der Pause eine Limonade gereicht. Im nächsten Akt versagte ihm die Stimme und er brach ohnmächtig auf der Bühne Der letzte noch lebende große russische Komponist alter I zusammen! Die Limonade hatte feine Stimmbänder gelähmt. Demselben
Schule, Sergej Rachmaninows befindet sich zur Zeit auf einer Sänger gürtete man in gehaffiger Weife einen Dolch statt eines Degens
Europatournee. Bei feinem Aufenthalt in Berlin hat er un- um, als er in Gounods Margarethe auftreten sollte. Nun zog der ferem Mitarbeiter Unbekanntes aus feinem inhaltsreichen I Sänger in der Duellszene mit Valentin recht pathetisch den Degen mid Leben und über seine Begegnungen mit anderen großen Künst- I hielt nur einen kurzen Dolch in der Hand. Das Publikum brach in Ge-
Fern enählt lächter aus, die Rache ber lieben Kollegen war vollkommen." Denselben
0 J ' Streich hat man übrigens auch einmal Leo Slezcik gespielt, allerbings
in einer anberen Oper. Es hanbelt sich offenbar um einen bewährten Theatertrick, mit bem man einen Sänger auf häßliche Art lächerlich


