Ausgabe 
5.6.1931
 
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Eichener ZamilieiilMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Zreitag,-en 5.3uni Nummer^

Abendlied.

Von Gottfried Keller. Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu. Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn, Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn. Bis sie schwanken und dann auch vergehn. Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Aon dem goldnen Ueberfluß der Welt!

Oer Apfel vom Baum der Erkenntnis.

Erzählung von Albrecht Schaeffer.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Ein König in Persien, der dem Tode erlag, bevor er einen männlichen Erben zeugte, hinterließ eine einzige Tochter von großer Schönheit namens Gülnore. Nun sollte nach dem Gesetz die Krone mit der Hand der Prinzessin demjenigen gehören, der in gefährlichen Kampfspielen sich als der Erste an Kraft und Kühnheit erwiese. Das Schicksal aber wollte es, daß, als diese Turniere vollzogen wurden, vier Ritter verblieben, die ununterscheidbar waren an 2(rm= und Herzkraft. In ihrer Ratlosigkeit nun erinnerte sich die Prinzessin eines frühen Wortes ihrer lange ver­storbenen Mutter: daß sie dem Ruf ihres Kindes aus der Seligkeit folgen würde, wenn er aus einer großen Not zu ihr dränge. Also ging Gülnare bei Nacht in die Einsamkeit des Gartens, und sie hatte kaum den Namen der Toten gerufen, so quoll ein Schein aus dem Dunkel und die Ver­storbene stand vor ihr in blühender Gestalt, als ob sie lebte, an ihren Busen mit den Armen drückend vier schimmernde Aepfel. Ich kenne, sprach sie, deine Verlegenheit, mein Kind. Nimm diese Aepfel an dich, die sie dir lösen werden. Es sind Früchte vom Baum der Erkenntnis, und alle sind sie von gleicher Krast: jeder verzehrt den, der ihn verzehrt, wenn er nicht berufen ist.

Wie kann ich aber, sprach die Tochter, sich fassend, vier Männer vergiften?

Du sollst es nicht tun. Weil sie vielleicht dir nicht glauben würden, so laste jeden geheim, daß niemand es weiß, in eine Kammer gehen, nachts, und ich werde selber hineingehen zu jedem, ihm einen Apfel hinlegen und ihm sagen, daß er essen mag, wenn er sich berufen glaubt, und sterben wird, wenn er es nicht ist. borgens komme ich dann zu dir und führe dich hin. Die Mutter lächelte, nickte und schwand. Und am Morgen nach der Nacht, in der die vier Ritter die Kammern betreten hatten, erschien die Mutter ihrer Tochter, und sie gingen zur ersten. Sie war ganz leer: der Apfel hatte seine Kraft bewährt, und die Mutter sagte: Dieser war rasch wie ein Held. Nicht einen Nu kamen ihm Zweifel an seiner Berufen« heit; er griff zu, atz und wurde verzehrt.

Sie betraten die zweite Kammer, in der nichts war wie in der ersten. Dieser, sprach die Mutter, wurde bleich: aber er erwürgte seine Zweifel mit der Schlinge des Hochmuts, und wurde verzehrt.

Leer m>ar auch die dritte Kammer. Wenn du, sagte die Mutter, das Antlitz von diesem gesehen hättest, als er ah, so hattest du das deine darin gesehn wie im Spiegel. Zum König war er daher nicht berufen. Komm in die letzte Kammer!

Gülnare aber zauderte vor dieser Tür, und über ihrem pochenden Herzen schwebte der Name Justus zu ihren Lippen. Oeffne, sagte die Mutter und löste sich in ein Lächeln auf. Die Tür fprang auf, im Lampen- schein erblickte Gülnare auf dem Tisch einen Apfel, der keine Spur eines Bisses zeigte, im Schatten aber stand ein Mensch an der Mauer, bleich und mit brennenden Augen. Er sagte: Du, Gülnare, wirst es in alle Ewigkeit Feigheit nennen, und ich habe doch im Kampf nicht norm Tode gezittert. Aber, er stockte und sprach: ich wußte nicht und ich weiß nicht, Ob ich berufen bin.

Er senkte den Kopf und schritt an ihr vorüber. Niemand im Lande sah ihn mehr.

Die Prinzessin versuchte umsonst in der nächsten Nacht, ihre Mutter zu sich zu rufen. Weil nun ihre Ratgeber das geheimnisvolle Verschwinden der vier Prinzen so erklärten, daß es ein Zeichen Allahs an Gülnare fei,

ihre Hand demjenigen zu reichen, der nach den vieren sich als der beste gezeigt hatte, so folgte sie schweren Herzens und unüberzeugt. Sie behielt auch recht» denn jener wurde in der Brautnacht ermordet, noch ehe er sie zu feinem Weibe machen konnte. Es war eine Verschwörung, aber die Mörder wurden uneins; es währte nicht lange, so stand das ganze Reich in Flammen des Bürgerkriegs. Da erschien in einer Morgenfrühe, als Gülnare nach einer verzweifelten Nacht Kühlung im Garten suchte, ein Fremder vor ihr, bärtig, verwildert, in Felle gekleidet; aber eine Stimme ihres Herzens sagte ihr, ehe sie ihn erkannte, daß es Jussuf war. Ich bin es, sagte er; ich bin gekommen, denn mich jammert das Land. Hast du den Apfel noch, so will ich jetzt essen. Ich will ihn holen, antwortete Gülnare leuchtend, denn ich habe ihn noch. Sie ging, aber nach hunöekt Schritten versagte ihr Herz. Sie blieb stehen und sprach bei sich selben Ich kann ihn nicht töten. Ich glaube, aber oh, daß ich wüßte! Die Not ihrer Völker stieg vor ihr auf, sie lief unwissend im Garten umher, und auf einmal sah sie auf einer Wiese einen sehr schönen Apfel liegen, und Apfelbäume waren darüber. Sie hob ihn auf; er glich jenem andern wie ein Zwillingsbruder, und sie dachte; diesen will ich ihm geben, Allah wird richten. Wenn es aber mißlingt, so bleibt mir noch immer der echte.

Und sie sandte die Schicksals-Frucht durch den Gärtner zu Jussuß weil sie fürchtete, baß ihr Auge sie verraten könnte.

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Einige Monde waren vergangen, seitdem Jussuf die Aufstände nieder­geschlagen und den Thron bestiegen hatte, da fragte Gülnare ihn in der Dunkelheit einer Nacht, in seinem Arm bei ihm liegend: Jussuf, bist du nun glücklich? Er sagte: Ich bin es; dennoch fehlt mir mitunter eins. Was ist das? fragte sie. Ich sehne mich oft, erwiderte er, noch einmal einen Äpfel von solcher Säße zu speisen wie jenen Apfel. Denn er war über alle Massen.

Wie seltsam, dachte Gülnare, denn sie wie er überlegte sich nicht, daß jener Apfel allerdings unvergleichlich an Wohlgeschmack sein mußte. War er doch nach dem ersten Bissen, der dem Todbereiten das Leben verbürgte, die erste Speise des süßen Ledens. Dann aber beschlichen trübe Gedanken die Königin. Sie erinnerte sich, daß Jussuf nach den Schlachten und Mühsalen der Reichsordnung sich einem sorglosen Leden und dem Dienst seiner Liede mehr hingegeben hatte als dem der Völker. Deswegen hatte sie auch nach seinem Glück gefragt, und deswegen dachte sie nun: Cs war nicht der echte Apfel; wie kann ich wissen, ob er wirklich berufen ist? Sie erbebte vor der Ungewißheit der Zukunft; Mißtrauen vergiftete ihre Seele; ihre Liede sogar schien ihr welk in der Brust. Als sie nach einiger Zeit spürte, daß Jussuf schlief, löste sie sich von ihm, ging hin, wo der Apfel lag, nahm den unwelkbaren aus der Truhe und brachte ihn Jussuf. Sie schauderte, aber sie weckte ihn, zeigte ihm den Apfel und sprach: Ich habe dich betrogen. Ich liebte dich und gab dir einen unechten Äpfel. Dies ist der echte. Er blickte sie schwermütig an und sagte: Das hättest du nicht tun sollen. Dann funkelte sein Auge, und er fragte: Und warum tust du es nun? Gülnare verbarg ihr Gesicht und gab keine Antwort. Sie fühlte den Apfel aus ihren Fingern genommen und hörte ihn sprechen: Ich werde essen, wie ich damals aß,' obwohl es schwerer ist heute. Tu es nicht! schrie sie auf. Sie sahen sich lange an; bann lächelte Jussuf und fragte: Glaubst du, Gülnare, daß ich es bin? Heute wie damals, sagte Gülnare. Darauf er.

An seinen Knien hingestürzt, hörte sie ihn nach einiger Zeit sprechen: Es ist sonderbar. An den Geschmack jenes irdischen Apfels erinnert dieser himmlische nun nicht. Aber er erinnert mich an jenen Augenblick, in dem ich schwor, daß mir von Stund an das Leben heilig sein und verflucht jeder Augenblick sein solle, den ich nicht verbrächte wie jenen: als ob er mein letzter fein könnte. Ich habe, sprach er, davoneilend, viel nach­zuholen.

Da erfuhr Gülnare, daß sie Jussuf verloren hatte an das Land, und sie lächelte unter Tränen, indem sie sich sagte: Es ziemt sich auch mir, zu opfern.

*

Aber nach Jahr und Tag, als Justus, tödlich erschöpft von der Last feines Königtums, zum erstenmal wieder an ihrem Busen entschlafen war, trat ihre Mutter aus der Nacht hervor in höherem Glanze und sprach zu ihr freudevoll: Nun sei gesegnet, mein Kind. Ihr seid ein Paar geworden und euer wert, und nun darfst du die Wahrheit erfahren. Jener Apfel, den du im Garten fandest, war der echte Apfel. Ich selber legte ihn hin. Denn Gott läßt seiner nicht spotten und seiner Erwählten. Glaubst du, daß Jussuf nicht wahrlich zu wittern vermochte, daß der Apfel echt sei, und daß er anders die Königs-Kraft aufgebracht hätte, die Gott verlangte? Auch du, meine Tochter, hast gegelaubt; dann aber hast du Erkenntnis gewollt, die es im Himmel gibt, aber nicht auf Erde. Oder, sprach himmlisch blickend die Mutter, da du inzwischen geprüft wurdest, hast du sie nun? Bleib Erde, liebe Erde! Mit Verlassenheit hast du gezahlt, nun schlase in Frieden bei ihm, der dich roieberfanb.