Advent.
Von G. M i g e o b.
Süßes Wissen von geheimen Wundern, die verschwiegen keimen! — Engel reichen leise — leise, gar geheimnisvoller Weise lächelnd sich von Hand zu Hand bis hinab zur Wintererde, bis zum Tag des heilgcn „Werde" sternenklar — ein Wiegenbnnd.
der Koch des Walsängers: „Hier ruht Richard Hardy, ein Freund der Schiftbrüchigen." Sie nagelten die Tafel an eine Stange und steckten sie in die Erde. Sie tranken nach dieser bitteren Arbeit noch einmal Branntwein und gingen zum Strand, wo ihr Boot lag. Der Walfänger schaukelte sich daußen, vor der hohen Brandung.
einen Albatros am Strand und banden ihm eine kleine Kupferplatte um den Hals. Auf dieser Kupferplatte stand: „Rettet sofort die dreizehn Monn des Schiffes Tamaris. Sie befinden sich ohne alles auf Crozett. Sie find in
höchster Not!"
el flog, durch die Kupferplatte am Hals verrückt gemacht.
Der Bogel flog, durch die Kupferplatte am Hals verrückt gemacyi, in wahnsinniger Flucht davon. Fischer fanden ihn erschöpft und dem Tode nahe bei Freemantle an der Westküste Australiens. Er hatte 4000 Seemeilen zurückgelegt. Sie lösten die Platte vom Halse und lasen. So kam eine der unwahrscheinlichsten Rettungen zustande. Man nahm die Geschichte zum Anlaß, die gefährlichen Inseln des Crozzetarchrpels zu verproviantieren und von einem Monn betreuen zu lassen.
Hardy kam als Wächter dorthin. Gleich im ersten Jahr schien Hardys Benehmen den Leuten vom Verproviantierungsschiff verwunderlich. Er erwiderte den Gruß und die Frage des Kapitäns und der Leute nicht. Weder die Fragen nach feinem persönlichen Ergehen noch nach dienstlichen Angelegenheiten. Hardy überreichte dem Kapitän nur ein großes Blatt Papier, das mit den Sätzen begann: „In den Magazinen von Hog Island fehlen ..dann kam die Aufzählung der Nahrungsmittel, der Brennstoffe, der Kleidungsstücke, der Handwerkszeugs, die für ihn oder für eine schiffbrüchige Mannschaft von Nutzen waren. Hardy überwachte schweigend die Ausschiffung und ordnete ohne Laut nur mit Gesten und Fingerzeigen, die Unterbringung an.
Beim Abschied für ein Jahr legte Hardy die Hand an die Mütze, gab jedem die Hand und blickte jedem tief und fest ins Auge. Mehr Zeremonien gab es nicht. „Bleib gesund, Hardy', sagte der und jener. Und wieder machte der undurchdringliche Hardy die Bewegung an die Mutze, aber „danke" kam nicht über seine Lippen. ™
Was ihm vor allem den Ruhm eines großartig spleenigen Menschen nab, war der kaum ausgebildete Neuigkeits- und Wissenstrieb. Das verblüffte alle. Nicht sprechen wollen, das schien noch allen, die es erlebten ober baoon erfuhren, verständlich. Aber baß Hardy keine Briefe und Zeitungen las, schien vielen der Gipfel des Hochmuts oder geistiger Ver
finsterung. „ , ,, _ .,
James Franklin war der erste Kapltan, der es erlebte. Er war mit Hardy stillschweigend zum Blockhaus gegangen, um mit eigenen Augen die Lücken in den Depotständen nachzuprüsen. Bei dieser Gelegenheit hatte er Hardy auch viele Briese und Zeitungen gegeben. Hardy nahm den ganzen Stoß, Grüße, Erkundigungen, Geschwätz, Neugierde, auch den Pack Zeitungen nahm er und warf alles, ungelesen und unbesichtigt, vor den Augen Franklins in das Feuer. Der Kapitän war wie vom Schlag getroffen und schrie ihn an: „Aber Hardy, warum liest du nicht? Es sind vielleicht wichtige Dinge darunter!"
Der aber schaute ihn an, als hätte er die unsinnigste Frage der Welt an ihn gerichtet. Er drehte sich um und deutete an die Wand,-wo auf einem Brett ein paar dicke Buchfolianten lagen, als wollte er damit jagen: „Genügt das nicht? Ist darin nicht alles, alle Weisheit, Sehn- such, alle Menschenqual, alles Wissenswerte und Wichtige!" Der alte Kapitän wußte nur etwas von der Bibel, Shakespeare und Milton, die beiden anderen Bände kannte er nicht.
Die Kunde von der Begebenheit, überall weitererzählt, machte wie ein Abenteuerbericht die Runde von Schiss zu Schiff, von Walfänger zu Walfischfänger und von Kneipe zu Kneipe. Der Mann von Hog Island erwarb sich in Australien, in ganz Südafrika und in halb Indien einen Ruhm, von dem er, ganz im Gegensatz zu anderen Berühmtheiten, nichts wußte.
Dreizehn Jahre hatte Hardy schon auf der Insel zugebracht.
Er schlief viel, er schrieb in seine Bücher, er untersuchte täglich seine Depots, er ging auch manchmal auf den Fischfang und auf die Jagd nach Robben und Vögeln. Im vierzehnten Jahre seines Insellebens hatte Hardy eines Morgens nicht mehr die Kraft aufzustehen. Er wußte nicht, wie krank er war. Er hatte Fieber und spuckte Blut. In seiner Feuerstelle war die Glut ausgetzangen. Es war einer der wenigen kalten Sonnentage, nachmittags von einem schönen Sonnenball durchglüht, gegen die Dämmerung zu bekam das heraufziehende Gewölk Ränder von Rosa und Weiß.
Tiefe Traurigkeit kam in das verwahrloste Gesicht des Mannes. Die Traurigkeit des allerletzten Gedankens, der nicht mehr weitergedacht werden kann. Tausende und Huiiderttausende von Aerzten laborierten in den Städten der Kontinente, klopften den Kranken die Brust ab, reichten ihnen Pillen und Tropfen oder schnitten mit Messern in ihren Gedärmen herum, lieber Hardy kam der Schatten des Unendlichen. Er richtete sich stöhnend, die schmutzige linke Hand wie einen Greifsuh von sich gestreckt, empor und hielt sich, ganz auf die Knochen der Rechten gestützt einen Augenblick. Vor ihm an der Wand standen die Bücher, die paar Freunde feiner Einsamkeit, die Bibel, Shakespeare und das „Verlorene Paradies" von Milton. Er kannte die Bücher nicht mehr. Sein Gesicht war eine leere, erschlaffte Maske. Er hörte auch nichts mehr. Dos Meer war wie immer unruhig und donnernd. Die Kalte kam in der Nacht zum erstenmal nach der Regenzeit mit bitterer Wildheit. Sein Körper, der eine Jacke aus Lammfell trug, wurde dürr und steif. Er fiel zurück auf fein Lager. —
So fand ihn der Harpunift eines amerikanischen Walsängers, der zuerst in das Blockhaus von Hardy trat. Sie waren gelandet, da sie Mangel an Mehl hatten. Der Harpunist wagte, vom Geruch zurück- geschlagen, sich nicht weiter vor. Sie beratschlagten sich und tarnen zu dem Entschluß, die Hütte mit Fett und Iran zu überschütten, anzu- brennen und die Asche zu begraben.
Sie nahmen die Mützen herunter und standen einige Augenblicke still. Vielleicht beteten sie. Vielleicht schauerten sie vor der unendlichen Einsamkeit, die ihnen aus dem Blockhaus entgegenwehte. Aber da es rauhe und entschlossene Männer waren, gaben sie sich nicht lange ihren Gefühlen hin. Sie tranken eine Lage Branntwein, schossen eine Salve aus drei Gewehren über das Blockhaus und zündeten es an. Es brannte bis zum nächsten Morgen. Was Asche war, kratzten sie zwischen den Steinen und Felsbrocken hervor. Sie gruben und hieben ein Loch in die Erde, die sie zwischen Zwei Felsadern sanden Auf eine Holztafel schrieb
O Straßburg!
Aus einem Notizbuch von Wilhelm Hausen st ein Lebendigkeit und Helle der Stadt sind offenkundig; Jovialität und Wendigkeit der Bewohner, ihre Heiterkeit, ihre Lust am Zweifel, ihre Ironie, ihr sinnliches und geistiges Behagen am Dasein sind immer da. So müßte man auch als Gast vergnügt durch die Gaßen und über die Plätze gehen. Wohl — und dennoch ist das Vergnügen me ohne eine dunklere Kehrseite (fo wie es Blätter gibt, die oben hell und unten dunkel sind): die Heiterkeit des Gastes ist nie ohne einen Unterton von Schwermut. Wie kommt es? Kommt es allein von der Erinnerung an traurige Lieder? „Zu Straßburg auf der Schanz, da fing mein Trauern an " Oder der Vers von den vielen Soldaten, ine in dieser Stadt begraben liegen ... Die Serie fingen sich immer ein wenig selbst mit, wenn man im Schatten der Lauben hinstreicht und, vorüber am Gutenberg, zum Münster einbiegt. Aber es geht gewiß nicht bloß um diese Erinnerung an Berse, die wir in der Schule mit zehn Jahren prigen mußten — angeweht von einer vorzeitigen Melancholie. Vielmehr ist es wohl so, daß sich auf diese Stadt der Hauch des Schicksals niedergeschlagen hat, eines mannigfach ernsten Schicksals, eines wechselvollen und gefährlichen, und daß dieser Hauch nun wie eine Patina geronnen liegt, die man zwar nicht sehen, aber spüren kann
Ich sitze bei Doyen an einem kleinen runden Tisch, vor einer Pastete und einem roten Portwein, und es geht mir gut; aber inmitten pes Wohlbehagens bin ich beklommen. Ich sehe die Leute bet Olivier sitzen und die feinen süßen Sachen verzehren, und begegne ihnen aus per kleinen Estrade vor dem Carlton, wo sie sich mit einer am Spietz gebratenen Niere oder sonst was Gutem recht andächtig beschäftigen — dort an dem steinernen Halbrondell des Bahnhofsplatzes, das fernen provinzialen Reiz hat: aber inmitten ihres so natürlichen Straßburger Wohlbehagens scheinen mir diese Menschen, diese genießenden, lachenden, Witze werfenden Einheimischen doch ihr besonderes Zeichen zu tragen, das gröblich nicht zu faffen, ihnen selbst auch nicht bewußt, von einem heiklen geschichtlichen Klima hergekommen ist ...
Nun — vielleicht ist diese vermeinte Wahrnehmung meine persönliche Hypochondrie? Aber wie dem sei: es ist wohl kaum zu leugnen, daß diese Stadt seit dem Kriege trüber geworden ist. Man ist etwas zu lässig in der Art französischer Mittelstädte — und auch dies gehört zur melancholisch-heimlichen Patina. Zu dieser Patina, über der e,n rech.er Straßburger Himmel so silbrig grau, so unendlich süß, so balsamisch und so verführerisch schimmert. . , ,,
Es ist nicht etwa so, als ob die Stadt in der berühmten „wirtschaftlichen Hinsicht" lebloser geworden wäre. Die Geschäfte, höre ich, gehen nicht übel, und allenthalben, schon zwischen Rhein und Stadt, stoßt man aus neubauliche Kennzeichen wirtschaftlicher Betriebsamkeit. Aber gleichwohl, die Stadt wirkt nicht mit der Frische, in der wir sie, als mir jung waren und sie besuchten, zu sehen meinten; ach, blumig ist sic nicht — so blumig, wie sie uns, so scheint mir, ehedem einmal vor- fam Da steht sie: bezaubernd wie je, und wieder, wieder verhext sie mich; aber sie ist auch seltsam abgestanden. Ja. Wenn ich es nicht selber bin, der abgestanden ist. Was weiß ein Mensch?
Zuerst zum Münster. Da ist es ausgesahren, mit einer steilen und unvergleichlich graziösen Gebärde aus dem Erdboden mitten in der Stadt Da hat es sich errichtet hoch hinauf, schlank wie eine feine Frau, gotisch strebend, als wolle er den Himmel treffen, und dabei, o Wunder, beständig und klassisch klar. Woher dieser Eindruck des Klassischen? Hat die Nähe des Lateinischen atmosphärisch herübergewirkt >n dies meisterliche Baubild, an dem Goethe den Geist der deutschen Baukunst aus exemplarische Weise begriff? ,
Und noch einmal wundert man sich, muß man sich wundern: blesma über das Rot des Steins. Das Münster ist rot, graurot, rosalila; rot wie der Vogefensandstein, wenn er alt geworden und von den Iayr- bunberten gleichsam umflort ist.
O die e Kathedrale, diese Stirnseite, dies Münstergesicht ... Kann man anders hinschauen als mit dem Entzücken, auf dessen Grund die Iran« wartet, um aufzusteigen — ein Gleichnis der Beglücktheit und hunder - faltigen Trauer, die eins geworden find? . , . ...
Fest steht die Fassade und leicht dabei, leicht wie ein schwebender Dichtergedanke. Reich steht sie und ganz deutlich; voll von Zierat u dennoch durchaus wesenhaft. .... «n,a
Wie könnte ich darauf verzichten, den hundertmal gemachten Leg zu wiederholen: den Weg nach rechts hinüber, zu dem Seitentorm, den Standbildern der „Kirche" und der „Synagoge . Diese Cccletz verharrt in ruhiger und klarer Kraft und blickt mit der Wurde -wer unerbittlichen, ober noblen Siegerin zur Synagoge hinüber. Die Synag j


