Ausgabe 
4.12.1931
 
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steht tragisch beschämt, mit der Binde, die den Blick gefangen nimmt, und mit dem gebrochenen Stab des geschlagenen Glaubens, mit dem geneigten Haupt und dem hängenden Arm der Wehrlosen. Dazu mit einer Eleganz ohnegleichen. Aber diese damenhafte Eleganz ist in lauter vornehme Melancholie gefaßt. Die Seele des Standbildes der Synagoge ist lauter edle Schwermut.

Ein Sieg und eine Niederlage. Wohl der Menschheit, wenn beide sich so ausdrucken so menschlich und so ganz im Schatten Gottes ...

Die Vollkommenheit der Figuren über den drei Fronttoren grenzt ans Unglaubliche. Ein Gesicht, die Mimik eines Gesichts kann nicht entschiedener sein als bei diesen Standbildern der Propheten, der klugen und der törichten Jungfrauen, des Fürsten der Welt und der Frau Sünde und dieser steinernen Mädchen mit den gesenkten Lanzen. Welche Energie des Lebendigen in Physiognomien, Gestaltung, Haltungen, Ge­bärden. Welche gespannte Fülle des Persönlichen in den bildnishaften Antlitzen, die herabkommen könnten und zwischen den wandelnden Kirch­gängern könnten getragen werden. Aber immer ist das Persönliche, so wie der Himmel es will, da auch das Beispiel des Ganzen und All­gemeinen. Und noch: welche Zivilisation in diesen steinernen Erscheinungen (eine gleichsam gesellschaftliche Feinheit, an der, so meint man zu fühlen, auch der Westen mitbestimmenden Anteil hat); aber zugleich der voll­endete Stil der G r ö ß e.

Wie seltsam, daß die Steinsiguren, die um die Portale und darüber mit der Dichtigkeit einer Saat aufgegangen sind, fast schwarz erscheinen, bleigrau zum wenigsten und graphitgrau; der nachgedunkelte Ton des Steins hat den Erscheinungen einen doppelten Ernst auserlegt, und das an sich schon Einschneidende der Standbilder scheint sich und uns in diesem Schwarz noch einmal zu verpflichten.

Innen mutet der Stein des Münsters manchmal um «inen Grad trüber an, als draußen; es ist ein Lilarot und Rotgrau, das den Zustand einer erlauchten Halbtrauer zu verewigen scheint.

Man hat nun zwischen den Pfeilern des Mittelschiffs Gobelins auf- gchängt: Wirkteppiche des achtzehnten Jahrhunderts, die den Namen des Pierre Damour aus Paris tragen. Wie reizend der Name des Tep­pichmachers und wie erwärmend Farbe und Stoff des Gobelins, die in der Zeichnung zwar etwas banal find. Alles in allem würde ich mir dies Innere, gerade dies, freilich ohne Teppiche wünschen. Ich suche mir die romanische Größe des Chors, aus dem die Kirche wie aus einer geheim­nisvollen Höhle hervorgetreten, wie aus ihrer Gruft auserstanden zu sein scheint, und folge dem Kaleidoskop der uralten Scheiben und lasse mich in den Bann der Rosette schließen, der schönsten, die es für mich; gibt. Sie ist das Rad der Unendlichkeit.

*

Draußen auf dem Platz sieht es ein wenig aus wie auf dem Frank­furter Römerberg; die geschnitzte Renaissance des Kammerzellhauses könnte dorthin versetzt werden, und man würde es kaum merken.

Die Füße wandern, das Auge blickt, die Seele hebt ihre Fühler. Dies Straßburg aus rotem Haustein, aus grauem Putz, als altbraunen Ziegeln und aus grauem Schiefer. Die Häuser in der französischen Art des vori­gen Jahrhunderts, vielleicht unter dem dritten Napoleon gebaut und mit Balkongittern geziert, die den unteren Teil der hohen schmalen Fenster sichern. Dächer nach der Art des Mansart, mit Kmestocken aus dem Barock des vierzehnten Ludwig, der diese Stadt genommen hall Das stattliche und gemütliche Barock des Palais Rohan, in dem d,e Pracht der Bischöfe residierte (jetzt ist ein Museum mit einem Konrad Witz darin) gelber Sandstein zur Ausnahme mit einem schonen Schieferdach, durch einen stolzen Hof isoliert, zwischen Münster und Fluß. Neben den qeschieferten Barockdächern uralte Spitzgiebel, hoch, eng, oder die Schup­pen von Ziegeldächern, die über einer waagrechten etirnlime ausbranden wie Wellen. Gotische Staffelgiebel und der freiere gezierte Schwung der Renaissance. Alles ist beisammen, in unbefangener Mischung. Die Gassen biegen sich in die Rundheit der Stadt und laufen im Halbbogen und Überraschen von Perspektive zu Perspektive. Heber hohe Gartenmauern der Altstadt hängt das Grüne her. Straßburg ist wässerig: an der Jll stehen Fischer (einer schläft im Kahn unterm Regenschirm, der ihm tue Sonne abhält); am Ufer knien Wäscherinnen und fetfen unb reiben, Eneten und schwemmen; die Flut ist sommerlich trag, st.mmerl.ch trubgrun und lau Am Wasser der Jll der schwere romanische Körper der ^homa^kirche, deren schlichte Steinröte das triumphale Barock des Marschallsgrabes umheat der Gruft von Moritz von Sachsen. Und die schonen Platze Klebe?,' Broglie. Klares Barock aus rotem Sandstein: die Aubet e am Kleber und das Palais am Broglie, unb am Broglie auf ber Abschluß- feite auch die reine rote Klassik bes Theaters mit ben Säulen. Da haben sie ben Rheinbrunnen des Meisters Hildebranb weggetan; man faßt es nickt... Am Restaurant blühen Oleanber zartrot unb die Granatbaum- tben feuerrot in weißen Kübeln, unb bie Kellner haben lange weiße Schürzen an. An Jung-Sankt-Peter find wieberum die kluger. unb törichten Jungfrauen da unb ungeheuer, erschreckend der drastische Ausdruck der Schadenfreude im (Befielt.einer von ben ersten, xurdj. ben romanischen Kreuzgang gehen und sich e.chch.eßem Ueberbensttllen Kreumana fliegen Rufe hin, tm reinsten elsässischen Dialekt. Drautzen mieber bie entzückende Balustrade aus dem Platz und dann alles zum zweiten, zum dritten Male bis zu dem Abend.

Wie könnte man Straßburg verlassen, ohne bei Valentin gegessen zu haben. Ein feines Essen, unb bes Zotzelbergers gedenkt mein (Baumen bis ,u diesem leider nur geschriebenen Augenblick... Alles tm Restaurant ist braunes Hol, mit Gold unb mit Spiegeln. An den spiegeln sitzen bronzene Lämvckenroieangeflogene Falter Von der Decke hangen Rena.ssance- lülter In bZ Spiegeln sieht man, wie ber eigene Kops vorn guten Eßen und Trinken röte? wird. Aus einem Tisch inmitten des Raumes steht das ßnfk hnr Atrntihiiraer __ eine üriQefd)nittene (Bdnfeteberpoftete.

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gorb darum her Silberpapier unb eine breite »orte Fett Auf dem Bod n liegen dicke Teppiche, über die der schwere Kellner tonlos geht. An den Fenstern gehäkelte Vorhänge, von vorgestern. Gott sei Dank. Arie in)

diese alte Unsachlichkeit liebe ganz abgesehen davon, daß sie vermutlich tausendmal besser kocht als die neue Sachlichkeit. Hinter dem Pult mit Madame erhebt sich eine ganze Apotheke mit Gänseleberterrinen. In einem Spiegel ist ein großer Rosenstrauß gespiegelt, ein wenig leblos, ein wenig mechanisch, ein wenig traurig. Sehr traurig, wenn man ihn genau besieht...

Zwei Stunden bis zum Zug.

Was wird man treiben?

Sich vor das Münster setzen, an der kleinen Kneipe mit den heraus» gestellten Efeuwänden, unb hinaufblicken bis über dem nächtlichen Ge­birge ber Münsterfront bie Spitze sich zu neigen beginnt... Hinaus­schauen unb glücklich unb traurig sein. Unb an das Dächermeer denken, wie es einem entgegenbranbet, wenn man auf der Münsterplattform steht.

Und jetzt jetzt rollt ber mitternächtliche Zug über die Rheinbrücke. Sie bonnert wie ein Gewitter, unb aus ber Schwärze funkelt bas Wasser bes Stroms, bes teuersten, herauf wie taufend Blitze.

Zwei wollen zum Theater.

Roman von Hans-Cafpar von Zobelti tz.

Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

In dem Augenblick öffnete sich die Wagentür und ein Herr sagte: Na, ich glaube, bas macht ber Bretthauer boch besser, gnäbiges Fräu­lein."

Sie blickte hin und sah: Leo Queis.

Er stieg aus, kam mit ausgestreckter Rechten auf sie zu. Sie stand verdattert unb erstaunt ba, verblüfft. Und während er sagte:Der Zufall regiert ..." dachte sie:Jetzt mache ich das blödeste Gesicht unter der Sonne". Dann raffte sie sich auf:Nun zitieren Sie bloß nicht weiter irgend was Klassisches, ich bin sowieso schon auf dem Wege nach Weimar." Woraus er:Das heißt: vorläufig liegengeblieben."

Bretthauer hatte sich unterbeffen ben Schaben angesehen; er redete nicht viel, sondern ließ schweigend den Wagen wieder herunter, fetzte ben Heber erst einmal richtig senkrecht unter die Achse und drehte ihn dann wieder hoch. Einen mißbilligenden Blick warf er auf (Bertie. Wenn sich die Weiber schon ans Steuer setzen!

Die beiden ließen Bretthauer ruhig arbeiten und gingen ein Stück Chaussee talwärts, machten kehrt, schlenderten an dem Wagen vorbei bergan. Sie kamen schnell ins Erzählen: warum bes Wegs auf (Berties Seite, woher ber Zufall auf seiner.

Sie hatte mehr zu berichten, sprach baher auch mehr: von ihrem Engagement, von Fleischmann unb mit einiger Berechnung von Isa; sie dachte, er würbe auf bas ThemaIsa" näher eingehen, es hätte sie interessiert, auch einmal ihn, ben Abgewiesenen, zu hören. Sie war ein weibliches Wesen. Aber er äußerte sich nicht zu dem Punkt, was sie wiederum verstand. Er war völlig auf das Gegenwärtige eingestellt, be­grüßte die Nachbarschaft von Weimar unb Scherkalben; es fei eine Halde Autostunde; sein Hauptfinanzamt läge in Weimar, schon besfjalb sei er oft bort, ein höchst prosaischer (Brunb für einen solch poetischen Ort, aber schließlich sei der Geheimrat von Goethe auch schon immer um die Finanzen seines Herzogs besorgt gewesen. Nein im Goethe-Theater sei er noch gar nicht gewesen, aber er hätte viel Anerkennendes gehört, zöge jedoch Berlin vor, das einen mit feinen Leistungen zu sehr verwöhnt habe; aber jetzt ... er würde natürlich zur Premiere kommen.

Sie waren zu dem Wagen zurückgekehrt, Leo Queis ging mit Kenner­blick um (Berties Roadster herum, den Bretthauer wieder auf feine vier Räder gestellt hatte.

Nettes, kleines Bing", sagte Queis,sowas fehlte mir eigentlich. Selbstfahrer. Ich bin immer an meinen schweren Kasten gebunden."

Da kam (Bertie ein Gedanke, er überfiel sie so plötzlich und so freudig, daß sie ihre Frage im Posaunenton herausstieß:Wollen Sie ihn kaufen? Sie können ihn billig haben."

Er unterbrach seine Wanderung, blieb vor ihr stehen, lachte.Ver­rückte Idee."

Nein, gar nicht verrückt. Ich kann ihn in Weimar nicht gebrauchen. Ich bitte Sie: eine blutige Anfängerin mitnem Auto. Das ist doch von vornherein schief. Also: nie wieder dagewesene Gelegenheit; lassen Sie sich nicht entgehen; über den Preis werden wir uns schon einigen."

So schnell war er aber nicht zu dem Geschäft zu bewegen. Dagegen schlug er vor:Sprechen wir nach dem Essen weiter davon; ich habe Hunger, Sie sicher auch, und in Scherkalden steht das Mittagessen bereit. Darf ich Sie bitten, bei mir zu frühstücken? Mutter Brandei kocht nicht schlecht, unb es liegt fast aus bem Weg."

(Bertie sagte ja. Man einigte sich: er setzte sich an das Steuer seines Mercedes, sie hockte sich neben ihn, und Bretthauer suhr ihren Roadster nach.

Wieder ging es ins Tal hinunter, diesmal nach ber Ilm, mieber bergan, bann bog Leo Queis von der Chaussee ab und in einen Neben­weg ein, eine Weile querten sie Hochwald, als er sich öffnete, lag Scher­kalben vor ihnen. .

(Bertie wußte: ein Schloß, ein großer Gutshof, Brennerei, Kartoffel­flockenfabrik, Sägewerk, Großtischlerei, Spänepresserei. Isa hatte ihr von allem erzählt, womit die Großmutter sie nach dem Queisfchen Be­sitz locken wollte; nun aber war sie doch erstaunt über bie Mächtigkeit ber Anlage: inbuftrialifierte ßanbroirtfdjaft, Fabrikschlote, Felbbahnan- schluß, Arbeiterkolonie. Sie hörte mit Schwatzen auf, sah sich nach rechts unb links um und war etwas benommen, als der Wagen etwas abseits der Betriebe in einem Park vor einem mächtigen, alten Schloßbau hielt unb ein alter Diener mit weißem Kaiser-Wilhelm-Bart bie breite Frei­treppe herunterkam, um ben Schlag zu öffnen. Das hatte sie benn boch nicht erwartet. Sie kam sich plötzlich klein unb fchulmädchenhaft vor unb die