Ausgabe 
4.12.1931
 
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GiehMlZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Freitag, den 4. Dezember

Nummer 95

Knecht Rupprecht.

Von Theodor Storm.

Von drauß vom Walde komm ich her; Ich muß euch fugen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen;

Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann, Da rief's m.ch mit Heller Stimme an: Knecht Rupprecht", rief es,alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnelll Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alte und Junge sollen nun

Von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden?" Ich sprach:O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat".

Hast denn das Sacklein auch bei dir?" Ich sprach:Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Ruß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern".

Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach:Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten". Christkindlein sprach:So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht". Von drauß vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Run sprecht, wie ich's hierinnen find! Sind's gute Kind, sind's böfe Kind?

Leben in Einsamkeit verbracht.

Von Anton Schnack.

Hog Island, das Richard Hardy dreizehn Jahre bewohnte, gehört zum Crozzet-Archipel, der taufend Kilometer von der letzten festen menschlichen Ansiedlung entfernt, fast in die unruhige, ewig stürmische Packeisgrenze der Antarktis hineinragt. Die Meergebiete dieses südlichsten indischen Ozeans waren fürchterlich. Die Insel war eine uralte oerwetterte Stein­barriere, an die der Ozean ununterbrochen brüllend ankochte. Von Ende Mai ab bis in den Dezember hinein beschlug sich ihr Gestein mit Eis. Schnee bedeckte Ihre vulkanischen Urschründe. Bitteres, wüstes Gestrüpp, Flechten und blaues Moos wuchsen auf ihr. Der Baum mar dort aus- gestorben.

Richard Hardy, schrullenhaft und voller Verachtung, ein Leidenschaft­licher der Einsamkeit, tat mit dem erften Schritt auf den Strand der Insel ein Leben hinter sich, ein gegeißeltes, trauriges Leben, das ihm nur Betrug, Haft, Kummer und Schande gebracht hatte.

Damals, als er mit einem kleinen Boot vom Schiff abstieß, war er fünfundfünfzig Jahre alt, von mittlerer Statur, die er durch einen sehr geraden Gang größer zu machen schien. Er hatte dichtes, schwarzes Haar, das nach her linken Kopfseite hinstrebte, widerspenstig und ungeordnet. In fein Gesicht mit den kühlen Augen war von ehedem eingezeichnet: der Stein, die Kälte, das Schweigen und äußerste Einsamkeit.

Der Mann hatte auf den Meeren gelegen, Jahr für Jahr, war auf den unglaublichsten und schmutzigsten Kähnen gewesen und hatte zuletzt in Walfischkocheroien sich ganz unempfindlich gemacht. Plötzlich marterte ihn nur der eirie Gedanke: vollkommene Ruhe zu haben. Ruhe und sonst nichts mehr. Ruhe vor Behörden, Kapitänen, Schissen, Hafenkneipen, Weibern und Sorgen. Ruhe vor dem Slang der Matrosen und der Musik der Tingeltangel. Gerade Musik haßte er besonders. Man hatte ihm, als ihn in Australien die Gesellschaft für Schiffbrüchige für den Dienst auf der Insel anwarb, eine Geige angeboten. Zum Zeitvertreib, zum Spielen und zur Erlösung von der Sehnsucht. Er schaute nur verächtlich auf sie.

Er kam sich auf der Insel wie der erste Mensch im Paradiese vor. Endlich war er allein und er kniete sich auf den Felsen und betete. Mit Befriedigung betrachtete er oft die Weltkarte, die in feinem Blockhaus hin; vor seinem Auge lagen winzige Punkte, Riesenstädte, Anhäufungen von Menschenunrat und Torheit, London lag daraus, Kapstadt, Buenos Aires, Sidney, Bombay und hundert andere mehr. Er lächelte, weil sie

ihn nichts mehr angingen. Er freute sich, daß er ihnen entronnen war und sie me mehr sehen würde.

Richard Hardy hatte sich in den dreizehn Jahren Steine nach ver­schiedenen Farben gesammelt und sie gezählt. Sie gingen in die Tausende. 3n ein dickes Buch, mit fetten Fingerabdrücken an den Rändern schrieb er feine Funde.Heute am 12. Mai, vor dem dritten Schneefall dieses Jahres, an der Südspitze einen gelben Ouarzstein gefunden. Er ist fast rund, makellos, einfarbig und zeigt nur in der Mitte einen dünnen faden- artigen Strich aus Schiefer. Dieser Strich ist schwarz und schimmert, senk- recyk unter die Wintersonne gehalten, fast blau."

Ein andermal:Die Brandung an der Eelipsebuchk hat vier längs« geschnittene violette Kiese herausgeworfen. Sie sind von mildem Schein- mir scheint zu Stein gewordene Blumenblätter. Wo mag die große Ader fein, von der sie die Meerkraft abgerissen hat?"

Oder er schrieb hinein:Rebel und Dunst feit vielen Tagen. Dahinter höre ich schwimmende Eisberge an die Steinriffe krachen. Ich wache. Ich bin ganz allein. Wissen das die Barbesucher von Sidney oder London daß unter dem eisigen 50. Grad südlicher Breite ein alter Mann lebt' allem, nur mit Stein, Fisch und Albatros; ein Mann, der sich geschworen hat, zu schweigen, den die Welt sicher für lächerlich hält und für einen gebet men Narren. Ich bin aber kein Narr; denn ich verdiene 25 Pfund tm Jahr und habe nichts zu tun als zu essen und zu warten bis Schiff­brüchige mich um Nahrung, Kleidung und andere Dinge bitten."

Hardy liebte leidenschaftlich die paar Tage vor der Regenperiode, die ani?J}9s Dezember den Winter ablöste und bis in den Mai hinein rauschte, flutete und brauste. Diese Tage liebte er wegen der ungeheueren und grasgrünen Wetterleuchten, die von allen Himmeln ins Meer fielen und wieder zurückglänzten. Da hielt er sich fast die ganze Nacht im Freien auf; unterhalb seiner Blockhütte saß er an einem Felsengefchiebe öas wie ein riesiger Stuhl aussah und wo er mit einem Hammer Stufen ausgeschlagen hatte. Er erschien sich, hier sitzend, wie ein verschollener ©oöengott, dem die Anbeter fehlten. Er dachte sich: ich bin ein alter, meiner König, an den äußersten Rand der Welt gesetzt, um zu wachen. ., fahren war kein Schiffbruch mehr vorgekommen. Wer hier scheiterte, mußte warten bis der Proviantdampfer von Australien kam der die Proviantspeicher ausfüllte und ergänzte. Cs waren hier Mehl und Hafergrütze, Konserven, Pökelfleisch, Benzin, Leder, Reis, Bohnen Jiogel unb vieles andere mehr deponiert. Hardy kannte die Insel bis zum kleinsten Stein und Strauch; ihr Hauptteil bestand aus Urgestein das fürchterlich hart war. An der Westseite hatte sich Kalk darüber ge­setzt Hier hinein waren auch die Lagerräume für die Depots einqefprenqt worben. Des Mannes Hauptarbeit bestaub darin, täglich die Aufdewah- rungsftatten zu kontrollieren, damit keine Feuchtigkeit sie verdarb. Es kam vor, daß im Winter auch die Spuren von Eisbären um die Depots herumliefen. Das waren Tiere, die von riesenhaften Eisschollen in strengen Wintern herübergetrieben wurden. Er sah sie nie. Die Bären verschwanden wieder hinter den Eisbarrieren.

Hardy war begeistert von der Ungebundenheit seines Lebens. Auch ihn hatte das Aroma der Weltmeere entzückt. Er hatte eine genaue Liste aller Schiffe angelegt, auf denen er von Hafen zu Hafen gefahren war. Er kannte Südamerika, ganz Afrika, er war im indischen Archipel be­kannt, er hatte sich auf dem Mittelländischen Meer und auf dem Allan- hfefjen Ozean herumgetrieben. In Europa hatte er, von der Schule in Manchester fortlaufend, seine ersten Seefahrten gemacht. Er dachte sich damals, lieber einmal ein Grab im Ozean als dreißig Jahre Magister oder Schuhmacher in einer englischen Kleinstadt. Es gab nichts Be­zaubernderes für ibn als Schiffsbretter, Eifenstifte und Teer und bann die Finsternis der Meere unter sich zu haben.

Tiefsinnig war er nicht, aber er war traft Veranlagung und Ersah- rungen frühzeitig mit den Menschen fertig.Was brauche ich Umgang mit Menschen?", war oft seine Ueberlegung. Der Mensch hatte ihm zuviel Interessen, und er sagte sich immer wieder, da er ein eigentüm­licher Beobachter war, daß nur noch die Steine, die Vögel, die Fische und Pflanzen ein Sein hätten. So tarn es, daß er sich um den einsamen Wachtdienst auf der weltverlorenen Insel bewarb. Einmal dort, sprach er kein Wort mehr. Denn er war der einzige Mensch auf der Stein- und Schneebarriere von Hog Island. So bildete er auch die eigentümliche, höchst verwunderliche und fast entsetzliche Gewohnheit des Nichtspr-chens heraus, die Hardy in den australischen und südafrikanischen Äüstenplätzen zu einem Spuk machte und ihm einen steinernen Ruhm gab.

Keiner der Matrosen lächelte ober spottete über Hardy, ber für sie alle ein grausames unb schweres Leben ertrug. Jebes Jahr schickte bie Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ein Verproviantierungsschiff nach Hog Islanb. Das kam so: an ber westlichsten ber Crozzetinseln war ein Johr vorher, im Sturm eines Februarmorgens, bas französische Schiff Tamaris geftranbef unb unterqegangen. Von ben sechsunbzwanzig Mann ber Besatzung reiteten sich breizehn. Diese breizehn, halbnackt, ohne Hilfsmittel unb Nahrung, sahen sich bem schrecklichen Leben auf dem unfruchtbaren unb vereisten Stein ausgeliefert. In ihrer Not fingen sie