dem Dorf geholt;
aus
aus doch mir
den Augen.
alles wieder gut!' nit; er ist so still;
,Was fehlt dir, Liset?' fragte ich, ,es ist nun Sie schüttelte den Kopf. Mein Vaterl gefallt die Schänd', er verwind't es nit.'
(Fortsetzung folgt.)
V^^twortUch' Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlag: Brühl'fche UniversitStS-Duch. und Steindruckerei. L. Lan««, Sieben.
.Ja, Paul, ich hör' es wohl.
Und bald standen wir beide draußen vor der Haustur. Siehe, da kam es die Straße herab, das Wägelchen mit den beiden hohen Kisten, wie ich daheim es mir so oft gewünscht hatte. Ein Bauernbursche ging nebenher mit Zügel und Peitsche in der Hand; aber das Glöckchen bimmelte jetzt am Halse eines kleinen Schimmels. n.r .
Mo ist das Braunchen geblieben? fragte ich Lisei.
.Das Braunchen', erwiderte sie, .das ist uns eines Tages vorm Wagen hingefallen; der Vater hat sogleich den Tierarzt aber es hat nimmer leben können.'
Bei diesen Worten stürzten ihr die Tränen
Dein Vater der gute Mcmn! — Aber komm mit mir; ich stehe hier l bei'einer braven Frau in Arbeit; sie kennt dich, ich habe ihr oft von dir
Und Hand in Hand, wie einst als Kinder, gingen wir nach dem Hause meiner guten Meisteriii, die uns schon v o mF e n st e ra u s en gegen- - sah. .Das Lisei ist's!' rief ich, als wir in die Stube traten, .denkt Euch, Frau Meisterin, das Lisei!'
Die gute Frau schlug die Hände über ihre Brust zusammen. .Heilige
Muttergottes, bitt für uns! das Lisei! — also so hat^ ^geschaut!
__ 9[ber‘ fuhr sie fort, .wie kommst denn du mit dem alten Sünder I da zusammen?' — und sie wies mit dem ausgestreckten Finger nach I
dem Gefangenhause drüben — .der Paulsen hat mir doch gesagt, daß du ehrlicher Leute Kind bist!' . . I
Gleich darauf aber zog sie das Mädchen weiter in die Stube hinein und drückte sie in ihren Lehnstuhl nieder, und als jetzt Lisei ihre Fratze I zu beantworten anfing, hielt sie ihr schon eine dampfende Tasse Kaffee I an die Lippen. I
.Run trink einmal', sagte sie, .und komm erst wieder zu dir; die
Händchen sind dir ja ganz verklommen.' I
Und das Lisei mußte trinken, wobei ihr zwei helle Tranen m die Tasse rollten, und dann erst durfte sie erzählen. I
Sie sprach jetzt nicht, wie einst und wie vorhin in der Em am ett ihres Kummers, in dem Dialekt ihrer Heimat, nur em leichter Anflug war ihr davon geblieben; denn waren ihre Eltern auch nicht mehr bis an unsere Küste hier hinabgekommen, so hatten sie sich doch meistens in dem mittleren Deutschland ausgehalten. Schon vor einigen Jahren war die Mutter gestorben. .Verlaß den Vater nicht! das hatte sie der Tochter im letzten Augenblicke noch ins Ohr geflüstert, .fein Kindesherz ist zu gut für diese Welt! I
Lisei brach bei dieser Erinnerung in heftiges Weinen aus; f>e wollte Nicht einmal von der aufs'neue vollgeschenkten Tasse trinken, mit der die Meisterin ihre Tränen zu stillen gedachte, und erst nach einer ziemlichen I Weile konnte sie weiter berichten. I
Gleich nach dem Tode der Mutter war es ihre erste Arbeit gewesen, an deren Stelle sich die Frauenrollen in den Puppenspielen von ihrem Vater einlernen zu lassen. Dazwischen waren die Bcstattungsfeierllchkelten I besorgt; dann, das frische Grab hinter sich lassend waren Vater und Tochter wiederum ins Land hineingefahren und hatten, rote vorhin, I ihre Stücke abgespielt, den verlorenen Sohn, die heilige Genoveva und I wie sie sonst noch heißen mochten.
So waren sie gestern auf der Reise in ein großes Kirchdorf ge- I kommen, wo sie ihre Mittagsrast gehalten hatten. Äuf der harten Lank I vor dem Tische, an welchem sie ihr bescheidenes Mahl verzehrten, war I Vater Tendier ein halbes Stündchen in einen festen Schlaf gesunken, während Lisei draußen die Fütterung ihres Pferdes besorgt hatte. Kurz darauf, in wollene Decken wohlverpackt, waren sie aufs neue m die grimmige Winterkälte hinausgefahren.
.Aber wir kamen nit weit', erzählte Life!; .gleich hinterm Dorf ist ein Landreiter auf uns zugeritten und hat gezetert und gemordiot. Aus dem Tischkasten sollt' dem Wirt ein Beutel mit Geld gestohlen sein, und mein unschuldig? Vaterl war doch allein in der Stube dort gewesen! Ach, wir haben fei Heimat, tei Freund, fei Ehr; es kennt uns me- rnon^ nit!* I
.Mod, Kind', sagte die Meisterin, indem sie zu mir hinüberwinkte, »versündige dich auch nicht!'
Ich aber schwieg, denn Lisei hatte ja nicht unrecht mit ihrer Klage. — Sie batten in das Dorf zurückgemuht; das Fuhrwerk mit allem, was darauf geladen, war vom Schulzen dort zurückgehalten worden; der alte Tendier aber hatte die Weisung erhalten, den Weg zur Stadt neben dem Pferde des Landreiters herzutraben. Lisei, von dem letzteren mehrfach zurückgewiesen, war in einiger Entfernung hinterher gegangen, in der Zuversicht, daß sie wenigstens, bis der liebe Gott die Sache aufklare, das Gefängnis ihres Vaters werde teilen können. Aber — auf ihr ruhte kein Verdacht; mit Recht hatte der Inspektor sie als eine Zudringliche von der Tür gejagt, die auf ein Unterkommen in seinem Hause nicht den geringsten Anspruch habe.
Lisei wollte das zwar noch immer nicht begreifen; sie meinte, das Jet io härter als alle Strafe, die später doch gewiß den wirklichen Spitzbuben noch ereilen würde; aber, fügte sie gleich hinzu, sie wolle ihm auch so harte Straf' nit wünschen, wenn nur die Unschuld von ihrem guten Vaterl an den Tag komme; ach, der werd's gewiß nit überleben!
Ich besann mich plötzlich, daß ich sowohl dem alten Korporal da drüben als auch dem Herrn Kriminalkommissarius eigentlich ein unentbehrlicher Mann sei; denn dem einen hielt ich seine Spinnmaschinen in Ordnung, dem anderen schärfte ich seine kostbaren Federmesser; durch den einen konnte ich wenigstens Zutritt zu dem Gefangenen erhalten, bei dem anderen konnte ich ein' Leumundszeugnis für Herrn Tendier ablegen und ihn vielleicht zur Beschleunigung der Sache veranlassen. Ich bat Liset, sich zu gedulden, und ging sofort in das Gefangenhaus hinüber.
Der schwindsüchtige Inspektor schalt auf die unverschämten Weiber, die immer zu ihren spitzbübischen Mannern oder Vätern in die Zellen wollten. Ich aber verbat mir in betreff meines alten Freundes solche Titel, so lange sie ihm nicht durch das Gericht „von Rechts wegen" beigelegt seien, was wie ich sicher wisse, nie geschehen werde; und endlich, nach einigem Hin- und Widerreden, fliegen mir zusammen die breite Treppe nach dem Oberbau hinauf.
bund, um den rechten herauszufinden; dann knarrte die Tür und mir traten em. Zelle, mit dem Rücken gegen uns, stand die Gestalt
eines kleinen mageren Mannes, der nach dem Stückchen Himmel hinaufzublicken schien, das grau und trübselig durch ein oben in der Mauer angebrachtes Fenster auf ihn herabdämmerte. An feinem Haupte bemerkte ich sogleich die kleinen, abstehenden Haarspieße; nur hatten sie, wie jetzt draußen die Statur, sich in die Farbe des Winters gekleidet. Bei unserem Eintritt wandte der kleine Mann sich um.
.Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Tendier?' fragte ich.
Er sah flüchtig nach mir hin. .Nein, lieber Herr', erwiderte er, .hab' "'^Jch^nannte ihm den Namen meiner Vaterstadt und sagte: .Ich bin der unnütze Junge, der Ihnen damals Ihren kunstreichen Kasperl oer- br%-' schad't nichts, gar nichts!' erwiderte er verlegen und machte mir einen'Siener; .ist lange schon vergessen.'
Er hatte offenbar nur halb auf mich gehört; denn seine Lippen bewegten sich, als spräche er zu sich selber von ganz anderen Dingen.
Da erzählte ich ihm, wie ich vorhin sein Lisei aufgefunden habe, und fegt erst sah er mich mit offenen Augen an. .Gott Dank! Gott Dank! sagte er und faltete die Hände, ,3a, ja, das kleine Lisei und der kleine vaut, die spielten derzeit miteinander! — Der kleine Paul! Seid Ihr der kleine Paul! O, i glaub's Euch schon; das herzige G'sichtl von dem frischen Bub'n, das schaut da no heraus!' Er nickte mir so innig zu, daß die weißen Haarspiehchen auf seinem Kopfe bebten, ,3a, ja, da drunten an der See bei euch; wir sind nit wieder hinkommen; das war no gute Zeit dermal; da war aa noch mein Weib, die Tochter vom großen Geißel, brecht, dabei! „Joseph!" pflegte sie zu sagen, „wenn nur die Menschen aa so Drähf an ihre Köpf' hätten, da tönnt’ft du aa mit ihne firtt werd n! — Hält' sie nur heute noch gelebt, sie hätten mich nicht eingesperrt. Du lieber Gott; ich bin kein Dieb, Herr Paulsen.'
Der Inspektor, der draußen vor der angelehnten Tür im Gange auf und ab ging, hatte schon ein paarmal mit seinem Schlüsselbund geraffelt. Ich suchte den alten Mann zu beruhigen und bat ihn, sich bei feinem ersten Verhör auf mich zu berufen, der ich hier bekannt und wohl- qeachtet sei.
Als ich wieder zu meiner Meisterin in die Stube trat, rief diese mtr entgegen: ,Das ist ein trotzig's Mädel, Paulsen; da helft mir nur gleich ein wenig; ich hab" ihr die Kammer zum Nachtquartier geboten; aber sie I will fort in die Bettelherberg' ober Gott weiß wohin!'
I Ich fragte Lisei, ob sie ihre Pässe bei sich habe.
.Mein Gott, die hat der Schulz' im Dorf uns abgenommen.
,So wird kein Wirt dir seine Tür aufmachen', sagte ich, .das weißt
I du selber wohl.' ..
Sie wußte es freilich, und die Meisterin schüttelte ihrjjergnugt. Dif I Hände. .Ich denk' wohl', sagte sie, .daß du dein eignes Köpfchen gaftp der da'hat mir’s haarklein erzählt, wie ihr zusammen in der Kiste habt gesessen; aber fo leicht wärst du doch nicht von mir fortgetommen!
Das Lisei sah etwas verlegen vor sich nieder; bann aber fragte sie mich hastig aus nach ihrem Vater. Nachdem ich ihr Bescheid gegeben hatte, | erbat ich mir ein paar Bettstücke von der Meisterin, nahm von den meinigen noch etwas hinzu und trug es selbst hinüber in die Zelle des Gefanaenen, wozu ich vorhin von dem Inspektor die Erlaubnis erhalten | hatte — So konnten wir, als nun die Nacht herankam, hoffen, daß im warmen Bette und auf dem besten Ruhekissen, bas es in ber Welt gibt auch unseren alten Freund in seiner oben Kammer ein sanfter Schlaf I erquicken werbe.
I Am anberen Vormittage, als ich eben, um zum Herrn Kriminalkom- I missarius, zu gehen, auf die Straße trat, kam von drüben der 3n» pettor in seinen Morgenpantoffeln auf mich zugeschritten. .Ihr habt recht gehabt, Paulsen', sagte er mit seiner gläsernen Stimme, ,fur diesmal ist s
I kein Spitzbube gewesen; den Richtigen haben sie soeben eingebracht; Euer I Alter wirb noch heute entlassen werben.'
Und richtig, nach einigen Stunden öffnete sich die Tür bes Gefangen- I Hauses, unb der alte Tendier wurde von der kommandierenden Stimme I des Inspektors zu uns hinübergewiesen. Da das Mittagessen eben auf» I getragen war, fo ruhte die Meisterin nicht, bis auch er seinen Platz am Tische eingenommen hatte; aber er berührte die Speisen kaum, unb wie sie sich auch um ihn bemühen mochte, er blieb wortkarg unb in sich ge= I kehrt neben seiner Tochter sitzen; nur mitunter bemerkte ich, wie er deren Hand nahm unb sie zärtlich streichelte. Da hörte ich braußen vom Tore her ein Glöckchen bimmeln; ich kannte es ganz genau, aber es lautete I mir weit her aus meiner Kinderzeit.
I .Lisei!' sagte ich leise.
In dem alten Gefangenenhause war auch die Lust gefangen, unb ein widerwärtiger Dunst schlug uns entgegen, als wir oben burch ben langen Sorribor schritten, von welchem aus zu belben Seiten Tür an Tür in die einzelnen Gefangenzellen führte. An einer derselben, fast zu Ende bes Ganges, blieben wir stehen; der Inspektor schüttelte sein großes Schlüssel-


