Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang Montag, den 2. März Nummer (8

Gesang der Bäume.

Von Irmgard vonFaberduFaur.

Soweit ich greife, ist die Welt lebendig und ist von einer tiefen Glut durchbebt, soweit ich immer wachse, weil inwendig der Stern des Lebens auf und nieder schwebt. Er mag nicht durch die harte Rinde schimmern, er waltet im Verborgnen treu und klar doch, wie auf einmal tausend Sterne flimmern, wird auch zuletzt mein Wesen offenbar.

Die abertausend Knospen werden springen, ich werde sein wie eine runde Welt, durch die die Wogen eines Willens schwingen, die brausend wird und nichts zurückbehält.

Wenn Duft und Blüten traumhaft euch umhüllen, werd ich erschauernd vor mir selber stehn: Mag solche Gnade sich an mir erfüllen, mag solches Wunder denn durch mich gescheh».

Und abermals werd' ich verstoßen scheinen die Blüten fallen, und die Frucht ist fern doch, wollten wir den neuen Mond beweinen er schwillt heran und wird zum schönsten Stern. Die gleiche Himmelskraft und Wundergüte wird auch an mir sich zeigen, ewig treu: Die Frucht schmückt mich so herrlich wie die Blüte, ich steh erschauernd ewig jung und neu.

Soweit ich greife, ist die Welt lebendig und ist von einer tiefen Glut durchbebt, solange nur im Innern, treu beständig, der Stern des Lebens auf und nieder schwebt.

Oer verschwundene Brillant.

Von H. G. Wells.

Wir haben eben über Preise gesprochen, die für Vögel erzielt werden können; nun, ich war einmal dabei, als für einen Strauß dreihundert Pfund bezahlt wurden", sagte der Tierpräparator, der seiner unsteten Jugendzeit gedachte. Er sah mich über seine Brillengläser an.Und ich habe gesehen, wie man einen andern nicht für vierhundert Pfund hergab! Nein, es waren ganz gewöhnliche Strauße und ich möchte sagen, daß sie nicht besonders aussahen wegen der Lebensweise, dze sie bei uns an Bord aushalten mußten. Es war auch nicht weiter schwierig, sich welche zu ver­schaffen. Nur muß ich Ihnen sagen, daß einer von den fünf Straußen einen Brillanten verschluckt hatte.

Dieser Brillant gehörte dem erhabenen Mohini Padischah, einem in London und in seinem Heimatlande durch seine Eleganz bekannten Manne, dessen häßlicher Mulattenschädel von einem riesigen Turban ge­schmückt wurde, der seinerseits mit besagtem Brillanten verziert war. Der heimtückische Vogel, vermutlich angelockt durch den Glanz des Steines, hatte danach gehackt und ihn sofort verschlungen; als er dann sah, daß der Hindu sich wie ein Toller gebärdete, begriff er sicherlich, daß er etwas angestellt hacke, und lief schnell zu seinen Gefährten zurück und mischte sich unter sie, um nicht herauserkannt zu werden.

All das hatte sich in kürzerer Zeit abgespielt, als man braucht, es zu erzählen. Ich lief als einer der ersten beim Geschrei des Opfers hinzu und kam gerade recht, um zu hören, wie dieser Heide seine sämtlichen Götter verfluchte angesichts von zwei Matrosen und dem Straußenwärter, die alle drei wie verrückt lachten. Schließlich ist es eine merkwürdige Art, ein Schmuckstück zu verlieren. Da der Wärter im Augenblick des Dieb­stahls nicht zugegen gewesen war, wußte er nicht, welcher Vogel ihn begangen hatte. Infolgedessen war der Brillant tatsächlich verloren. Um die Wahrheit zu sagen, regte es mich nicht Übermäßig auf, denn dieser Hindu schwatzte uns schon zu lange die Ohren voll mit seinem Brillanten. Auf einem Schiff verbreitet sich eine solche Geschichte wie ein Lauf­feuer. Eine Viertelstunde war von nichts anderem die Rede. Padischah vergrub sich mit seiner schlechten Laune zutiefst in seiner Kabine. Beim Dmer schmollte er an einem kleinen Tisch in Gesellschaft von zwei an­deren Hindus; der Kapitän neckte ihn etwas, und Padischah nahm es ihm gewaltig übel. Dann, sich zu mir wendend, vertraute er mir im Flüster­ton an, daß er die Vögel nicht kaufen, aber seinen Brillanten wieder haben wolle. Er verlangte als britischer Staatsangehöriger behandelt zu werden, wie es ihm zustand. Sein Brillant mußte, koste es was es wolle, wiedergefunden werden; das war etwas, wovon er niemals abgehen würde. Im Notfall würde er sich an das Oberhaus wenden.

Indessen gehörte der Strauhenwürter zu den beschränkten Menschen, bei denen es unmöglich ist, ihnen einen neuen Gedanken einzuhämmern. Er weigerte sich hartnäckig, den Vögeln ein Abführmittel zu geben, wie ihm von allen Seiten geraten wurde. Er hatte Auftrag, sie auf eine be­stimmte Art zu ernähren, und er würde seine Stelle verlieren, wenn er sie nicht auf diese bestimmte Art ernährte. Dieser Padischah war, wie die meisten Bengalis, ein richtiger Krakehler und sprach von nichts ge­ringerem, als die Vögel mit Beschlag zu belegen und einen Prozeß an» fangen zu wollen. Aber ein alter Herr, der einen Anwaltssohn in London haben mußte, erklärte, was von einem Vogel verschluckt wäre, würde ganz von selbst ergänzender Bestandteil dieses Vogels, und der einzige Aus- weg für Padischah wäre, Schadenersatz zu verlangen; aber der Gegner könnte noch den Einwand der Fahrlässigkeit erheben. Er könne keinerlei Recht einem Strauß gegenüber in Anspruch nehmen, der ihm nicht ge­höre. Diese Behauptungen verstörten Padischah um so mehr, weil die meisten von uns diese Ansicht als richtig bezeichenten. Kein Mann des Gesetzes war an Bord, um das Problem zu lösen, so daß jeder be­hauptete, sich am besten darauf zu verstehen.

Schließlich, als wir schon hinter Aden waren, schien er sich der all­gemeinen Meinung anzuschließen, und indem er den Straußenwärter bei­seite nahm, schlug er vor, er wolle ihm seine fünf Tiere abkaufen. Das gab am nächsten Morgen beim Frühstück eine nette Auseinandersetzung. Der Wärter erklärte, er könne nicht über die ihm anoertrauten Vögel verfügen, und nichts brachte ihn dazu, sie zu verkaufen; aber wie es scheint, erzählte er Padischah, daß ein Eurasier, ein gewisser Potter, sie ,hm schon hätte abkaufen wollen; Padischah beeilte sich, uns mitzuteilen, was er von diesem Potter dachte. Ich glaube indessen, die meisten von uns waren der Ansicht, Potter hätte großen Scharfblick bewiesen, und ich erinnere mich als ich erfuhr, besagter Potter hätte während unseres Aufenthalts in Aden wegen des Vogelkaufs nach London telegraphiert daß ich mich Dummkopf titulierte, weil ich eine so schöne Gelegenheit nicht wahrgenommen hatte.

In Suez meinte Padischah richtige Tränen, als er erfuhr, Potter sei Besitzer der Strauße geworden, und bot ihm umgehend für die fünf zwei­hundertfünfzig Pfund, was zweihundert Prozent des Betrages vorftellte, die Potter für sie bezahlt haste. Potter entgegnete, er würde für keinen Preis auch nur eine einzige Feder abgeben, und er beabsichtigte, sie nach­einander umzubringen, bis er den Brillanten gesunden hätte; später zeigte er sich zugänglicher. Dieser Potter war ein wilder Spieler und hatte eine besondere Art mit den Karten umzugehen; ich glaube infolgedessen, daß er in dieser Angelegenheit nur das Mittel zu einem großen Schlag sah. Sicher ist, daß er wie zum Scherz vorschlug, die Vögeln einzeln zu versteigern, jeden an einen anderen Käufer, zu einem Erstgebot von achtzig Pfund pro Tier, wobei er für sich das Recht beanspruchte, einen zurückzubehalten, um selbst sein Glück zu versuchen.

Ich muh Ihnen sagen, daß der Brillant, von dem ich Ihnen erzähle, sehr großen Wert hatte (ein kleiner Edelsteinhändler, der mit uns reifte, hatte ihn auf drei- bis viertausend Pfund geschätzt), und der Gedanke, um die Strauße zu spielen, wurde mit allgemeiner Begeisterung ausgenom­men. Nun hatte ich früher öfter mit dem Straußenwärter gesprochen und im Laufe der Unterhaltung hatte er mir anvertraut, einer der Vögel wäre krank und müsse einen verdorbenen Magen haben. Besagtes Tier hatte am Schwanz eine fast weihe Feder, wodurch ich es leicht erkennen konnte, und als am nächsten Morgen der Verkauf mit ihm begann, beeilte ich mich, Padischahs Erstangebot von fünsundachtzig Psund mit neunzig Pfund zu übersteigern. Zweifellos sah ich etwas zu sicher aus und an­dererseits so besorgt, den Zuschlag auf dies Tier zu erhalten, daß viele es bemerkten und sich sagten, ich müsse einenTip" haben. Padischah selbst kämpfte derart erbittert, daß er vollkommen verrückt zu werden schien. Schließlich eroberte es der Brillantenhändler für den Preis von hundert- fünfundsiebzig Pfund, und gerade in dem Augenblick, als der Hammer fiel, schrie Padischah hundertachtzig Pfund wenigstens behauptete es Potter. Auf jeden Fall gehörte es jetzt dem Händler, und als man es ihm übergeben hatte, bewaffnete er sich mit einem Gewehr und schoß es tot. Potter gebärdete sich wie ein Irrsinniger und erhob Einspruch, weil dies dem Verkauf der vier andern schaden würde, und was Padischah anlangt, so brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß er sich wie ein richtiger Strohkopf benahm.

Der kleine Händler beklagte sich nicht übermäßig wegen seines Miß­geschicks er hatte keinen Brillanten in dem Strauß gesunden aber Potter wollte den Verkauf nicht fortsetzen, bevor ausdrücklich abgemacht sei, daß künftig die Vögel ihren Käufern erst übergeben werden könnten, wenn die Versteigerung vollständig beendet wäre. Da die Diskussion sich ins Unendliche zu ziehen drohte, vertagte man die Angelegenheit bis zum nächsten Morgen. Beim Diner ging es wieder los, und ich versichere Ihnen, es herrschte ziemliche Aufregung; aber zum Schluß behielt Potter die Oberhand, da niemand ihm bestreiten konnte, daß er feine Strauße besser verkaufen würde, wenn er sie bis zuletzt zurückbehielt. Der alte