feit sechs Jahren in glücklichster Ehe lebt, »facht einen vornehm anhermeln- den Eindruck; inan kann sich denken, dah in dieser Atmosphäre gut zu arbeiten ist.Meine Frau ist mein treuester Mitarbeiter", lächelte Mihaly.

Zwei von den fünf Büchern, die ich schrieb, habe ich ihr diktiert. Mein eioentiicher Arbeitsraum aber ist natürlich die Werkstatt, die ich mir unten in einer Garage eingerichtet habe, Hier in der Wohnung habe ich nur eine kleine Bastelstube, damit ich, wenn mir plötzlich eine Idee kommt, gleich die ersten Experimente anstellen kann. Aber fast alle Instrumente befinben sich in der großen Werkstatt, wo ich Ihnen nachher meinen neuen Tonfilm-Apparat vorführen will."

Könnten Sie mir vielleicht theoretisch erklären, roie Ihr Fernseh­apparat arbeitet? Und wie kamen Sie überhaupt auf den Gedanken, einen Fernseher zu konstruieren?" f

Nachdem das Telephon erfunden war, lag eigentlich die Annahme nahe daß das, was mit der menschlichen Stimme gelungen mar, auf ähnliche Weise auch mit dem Blick möglich sein müsse: seine Erweiterung auf eine beliebige Ferne, trotz aller Hindernisse, die sich zwischen das Auge und den zu betrachtenden Gegenstand oder Vorgang stellen. Außer­dem hatten ja die Professoren Glatzel und Korn bereits recht günstige Resultate mit der Bildtelegraphie erzielt. Der Bildtelegraph und der Fernseher arbeiten schließlich nach dem gleichen Prinzip: das Bild wird durch eine besondere Vorrichtung gewissermaßen in eine große Anzahl winziger Einzelteile zerlegt, und diese Punkte werden nacheinander von einem lichtempfindlichen Organismus abgetastet, der die Eigenschaft hat, Lichteindrücke in elektrische Stromstöße umzuwandeln. Bei jedem Pünkt­chen schickt er also einen Stromstoß in die Leitung, dessen Stärke der Helligkeit des betreffenden Bildteilchens entspricht.

2hif der Empfangsstation werden dann diese Stromimpulse wieder zurück in Lichtpunkte umgewandelt, die ein besonderer Mechanismus, der sogenannteBildzusammensetzer", auf einem lichtempfindlichen Film in genau der gleichen Reihenfolge nebeneinander ordnet. Nach Ent­wickeln und Kopieren des Films erhält man natürlich das Bild, das auf der Sendeftation aufgegeben wurde.

Der Prozeß der telegraphischen Bildübertragung dauert etwa acht bis sechzig Minuten. Damit ist ein sofortiges Sehen des übertragenen Objektes natürlich unmöglich. Sie wissen, daß das menschliche Auge Lichteindrücke, die um weniger als eine Achtelsekunde auseinanderliege», als gleichzeitig oder ununterbrochen empfindet. Hieraus ergab sich für den Fernseher die Forderung, daß der ganze Prozeß der Uebertragung eines einzelnen Bildes innerhalb etwa einer Zehntelsekund» vor sich geht.

Wie groß die Schwierigkeiten waren, die sich einer solchen Beschleuni­gung des Bildübertragungsprozesses entgegenstellten, werden wie ver­stehen, wenn Sie sich folgendes vergegenwärtigen: nehmen wir nur ein Bild von der Größe 8 X'ö cm, und begnügen wir uns mit der großen Bildunterteilung von 1 qmm je Bildelement, so bedeutet schon dies 2500 zu übertragende Bildelemente pro Zehntelsekunde, d. h. 25000 Bildelemente pro Sekunde, um den Bewegungsvorgang auf der Empfangsstation als ununterbrochen zu empfinden. .

Zum Fernsehen war natürlich nicht eine Erfindung notwendig, sondern die Erfindung einer ganzen Reihe von Vorrichtungen, die zusammen den Fernseher ergeben würden unb alle imstande wären, den Uebertragungsprozeß innerhalb eines Zeitraumes von einer Zehntel­sekunde zu bewerkstelligen. Folgendes möchte ich noch erwähnen: beim Fernseher ist es nicht notwendig, den zu übertragenden Vorgang vorher zu photographieren. Man überträgt ihn einfach von der Mattscheibe des Senders, auf die man ihn wie beim gewöhnlichen Photoapparat projiziert. Auch beim Empfang ist kein Entwickeln und Kopieren wie bei der Bild- telegraphie nötig, der übertragene Vorgang erscheint vielmehr sogleich aut der Mattscheibe des Empfängers oder er wird auf eine Leinwand projiziert. Handelt es sich im letzteren Fall nicht um die Uebertragung eines tatsächlichen Vorganges, sondern eines kinematographischen Film­streifens, was im Prinzip das gleiche ist so dient der Fernseher als Fernkino-Apparat." . , , ,,

Was war die erste Erfindung, die Sie gemacht haben?Unb rote wird man überhaupt Erfinder? Muß man dazu geboren fein?

Mihaly lacht:Ja, wissen Sie, so ein allgemeingültiges Rezept, wie man Erfinder wird, werde ich Ihnen wohl kaum geben können. Aber ich kann Ihnen erzählen, wie ich es geworben bin. In der Schule war ich keine sonderliche Leuchte, mein ganzes Interesse konzentrierte sich auf Technik und Physik, was darin zum Ausdruck kam, daß ich mich ständig in Autogaragen Herumtrieb und immer mit öltriefenden Kleidern nach Hause kam. Das trug mir manche Tracht Prügel ein. Immerhin hatte ich den Erfolg, daß 'ich schon mit vierzehn Jahren ein technisches Buch über Automobile schrieb, das auch tatsächlich gedruckt wurde und mir 4000 Kronen einbrachte. Das war damals viel Geld, besonders für einen vierzehnjährigen Bengel. Uebrigens hat mein Autobuch nachher noch viele Auflagen erlebt. Meine erste Erfindung machte ich mit fünfzehn Jahren. Es war ein sehr eigenartiger Geldschrank aus Blech. Dieses Patent wurde mir von einer großen Tresorfabrik abgetauft, aber nie ausgeführt. <

Im Laufe der Jahre folgte eine Reihe verschiedener Erfindungen, größtenteils zur Verbesserung der Automoblltechnik. Auch meine elften Enttäuschungen habe ich damals erlebt. Man muß es nämlich verstchen, eine Erfindung nicht nur zu machen, sondern sie auch patentlich zu sichern unh auszuwerten. Kurz vor meiner Uebersiedlung von Budapest nach Berlin erfand ich übrigens auch den erste» photographischen Tonfilm, der sich damals allerdings noch nicht durchsetzen konnte/

Was für eine Empfindung haben Sie, wen» Ihnen eine Erfindung glückt?"

Neben der felbstverftändlichen Freilde ist es. psychologisch betrachtet, ein gewisses Unbehagen. Sie müssen sich das Erfinden nicht so vorftellen, daß man eine Idee hat und sie dann gleich für schweres Geld verkauft. Neunzig Prozent vom Erfinden ist Arbeit. Experimentieren, Probieren. Mit bem Problem des Fernsehers Hobe ich mich siebzehn lange Jahre herumgefchleppt, bis mir endlich die Lösung glückte. Wenn man sich so lange intensiv mit einer Frage beschäftigt, empfindet man ihre Lösung

bald wie eine moralische Schuld, und wenn es dann endlich so roeif ist/ fehlt einem etwas, als ob in das Dasein ein Loch gerissen wäre. Do Erfindungsgabe angeboren sein muß? In gewissem Sinne wahr­scheinlich ja. Aber jedenfalls gehört zum Erfinden eine intensive Beob­achtungsfähigkeit, ferner Zähigkeit, um sich mit einem Thema jahrelang zu beschäftigen. Auch eine gewisse Skepsis gehört dazu, die Gabe, nichts von vornherein zu glauben, nichts scheinbar Gegebenes als gegeben hin­zunehmen, ohne es vorher selbst ausprobiert zu haben.

Doch kommen Sie jetzt" unterbricht sich Mihaly.Ich möcGe Ihnen noch einiges in der Werkstatt zeigen." Der Erfinder beschäftigt sich jetzt besonders mit dem Tonfilm, da er die Tonwiedergabe noch für wesentlich verbesferungssähig hält. Er hak neue Apparate für die Aus­nahme wie für die Wiedergabe konstruiert, und veranstaltet jetzt für mich mit seinem neuen Wiedergabegerät eine ganze Kinovorführung. bin Überrascht, wie voll und naturgetreu der Ton kommt.

Bei der Konstruktion seines Tonapparates hat Mihaly ein ganz neu­artiges Prinzip angewendet. Die größte Schwierigkeit für die unverzerrte Wiedergabe des Tones besteht darin, daß die Instrumente, die die pho­tographische Tonaufzeichnung wieder zurück in Laute umwandeln, außer­ordentlich empfindlich gegen mechanifchs Erschütterungen und gegen elektrische Leitungen sind. Da sie aber bei den bisherigen Apparaturen direkt am Bildprojektor, d. h. in nächster Nähe von Starkstromleitungen und Motoren angebracht werden, muffen sehr umfangreiche und kompli­zierte Sicherungsmaßnahmen getroffen werden, um eine nute Ton­wiedergabe zu 'erzielen. Mihaly hat nun das Problem auf eine sehr originelle Weise gelöst: er projiziert die Abbildung der Tonaufzeichnung, genau wie das Bild selbst, in Form eines Lichtstrahles auf die gegen­überliegende Wand, wo ja auch die Lautsprecher aufgestellt sind, und -baut dort, fern von allen schädlichen Einflüssen, die empfindlichen Instru­mente auf, die die Umwandlung der Lichtimpulse in Töne vornehmen.

Diese Idee ist so verblüffend einfach und einleuchtend wie Mihalys neuer Apparat, der übrigens außerordentlich.billig ist. 8(6er das ist ja gerade die Eigenschaft aller genialer Erfindungen: ihreunwahrschein­liche Selbstverständlichkeit".

Pole Poppenspäler.

Erzählung von Theodor Storm.

(Fortsetzung.>

Drüben war indes die Tür des Gefangenen Hauses zugefchlagen, und das junge Weib, nur mit einem kurzen, wehenden Mäntelchen um die Schultern und einem schwarzen Tüchelchen um den Kops geknotet, ging langsam die übereifte Straße hinab. Die Meisterin und ich waren schweigend auf unserem Platze geblieben; ich glaube denn auch meine Teilnahme war jetzt erweckt es war uns beiden, als ob wir helfe« müßten und nur nicht wüßten, wie.

Als ich eben vom Fenster zurücktreken wollte, kam das Weib wieder die Straße herauf. Vor der Tür des Gefangenhauses blieb sie stehen und fetzte zögernd einen Fuß auf den zur Schwelle führenden Treppen- ftein; dann aber wandte sie den Kopf zurück, und ich sah ein junges Antlitz, dessen dunkle Augen mit dem Ausdruck ratlosester Verlassenheit über 'bie leere Gasse streiften; sie schien doch nicht den Mut zu haben, noch einmal der drohenden Beamtenfaust entgegenzutreten, ßangfam unb immer wieder nach der geschlossenen Tür zurückblickend, -setzte sie ihren Weg fort; man sah es deutlich, sie wußte selbst nicht, wohin. Als sie jetzt aber an der Ecke der Gefangenanstalt in bas nach der Kirche hinaufsührenbe Gäßchen einbog, riß ich unwillkürlich meine Mütze von, Türhaken, um ihr nachzugehen.

,Ja, ja, Paulsen, das ist das Recht!' sagte die gute Meistert»; .geht nur, ich werde derweil den Kaffee wieder heiß setzen!'

Es mar grimm-g kalt, als ich aus dem Haufe trat; alles schien wie ausgestorben; von dem Berge, der am Ende der Straße die Stadt über­ragt, sah fast drohend der schwarze Tannenwald herab; vor den Fensier- fcheiden der meisten Häuser saßen die weißen Eisgardinen; denn nicht jeder hatte, wie meine Meisterin, die Gerechtigkeit (Gerechtigkeit ist das jemandem von Rechts wegen Zukommende) von fünf Klaftern Holz auf feinem Haufe. Ich ging durch das Gäßchen nach dem Kirchenplatz; unb dort vor bem großen hölzernen Kruzifixe auf der gefrorenen Erde lag das junge Weid, den Kopf gesenkt, bie Hände in den Schoß gefaltet Ich trat schweigend näher; als sie aber jetzt zu bem blutige» Antlitz des Gekreuzigten aufblickte, sagte ich: .Verzeiht mir, wen» ich Eure Andacht unterbreche; aber Ihr seid wohl fremd in dieser Stadt?'

Sie nickte nur, ohne ihre Stellung zu verändern.

.Ich möchte Euch helfen', begann ich wieder; .sagt mir nur, wohin Ihr wollt!'

,I weih nit mehr, wohin', sagte sie tonlos und ließ das Haupt wieder auf ihre Brust sinken. ,

.Aber in einer Stunde ist es Nacht; in diesem Totenwetter formt Ihr nicht länger auf der offenen Straße bleiben!'

.Der liebi Gott wird helfen', hörte ich sie leise sagen.

,Ja, ja', rief ich, .und ich glaube fast, er hat mich selbst zu Euch geschickt!'

Es war, als habe der stärkere Klang meiner Stimme sie erweckt; beim sie erhob sich und trat zögernd auf mich zu; mit vorgestrecktem Halse näherte sie ihr Gesicht mehr und mehr dem meinen, und ihre Blicke drangen auf mich ein, als ob sie mich damit erfassen wollte. .Paul!' rief sie plötzlich, unb rote ein Jubelruf flog das Wort aus ihrer Brust .Paul! ja di schickt mir der liebi Gott!'

Wo hatte ich meine Augen gehabt! Da hatte ich es ja wieder, mein Kindsgefpiel, das kleine Puppenspieler-Lisei! Freilich, eine schöne, schlanke Jungfrau war es geworden, und auf dem sonst so lachenden Kindergesicyt lag jetzt, nachdem der erste Freudenstrahl darüberhin geflogen, der Aus­druck eines tiefen Kummers.

.Wie kommst du so allein hierher, Lisei?" fragte ich. ,Was ist ge­schehen? wo ist denn dein Vater?"

,Jm Gefängnis, Paul.'