Angeregt durch das Herzhormon zieht sich das Herz zusammen und pumpt das Blut von der linken Herzkammer durch die Schlagadern in den Körper. In allen Organen, Muskeln, Drüsen, Knochen ufm. verzweigen sich die Adern zu den mikroskopisch dünnen Haargefäßen, hier gibt das Blut den Sauerstoff und die Nährstoffe ab und belädt sich mit den flüssigen und gasförmigen Abfallstofsen (Kohlensäure, Harnstoff usw.) des durchjpülten Gewebes. Es sammelt sich sodann in den Venen, die also „verbrauchtes" Blut der rechten BorkamMer zuführen. An der rechten Herzkammer gelangt das Blut zur Sauerstoffaufnahme in die Lunge und von dort zur linken Vorkammer und Herzkammer, womit der Kreislauf des Blutes geschloffen ist. Nach allgemeiner Ansicht wurde die Belebung des Blutes allein vom Herzen besorgt. Die Franzosen Laubry und T z a n ck wollen nun eine Entdeckung gemacht haben, die das Herz als Alleinherrscher des Blutumlaufes entthront und im Grunde darauf hinausläuft, daß der Mensch und mit ihm die Säugetiere noch ein zweites Herz haben, und zwar in den Venen. Nicht nur der Herzschlag und allenfalls der Wandungsdruck der elastischen Schlagadern soll das Blut weiterbefördern, sondern auch in ausgiebigem Maße die Venen, die durch die in ihren Wandungen verlaufenden Nerven zu pulsierender Pumptätigkeit, d. h. zur abwechselnden Zusammenziehung und Dehnung angeregt werden. Diese Venenpulsationen sollen sogar den Hauptteil unseres Kreislaufgleichgewichts ausmachen. Wir besähen demnach zwei Herzen, ein zentrales und ein peripheres. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese umstürzlerischen Ansichten bewahrheiten, sie könnten dann für die Physiologie und Medizin von außerordentlicher Bedeutung werden.
Oie Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
Viertes Kapitel.
Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis blieb. Doch nicht der schmälste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: im Gegenteil, er schwklgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein Gewissen, so gänzlich ersüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen Zügen und schwang in seinen Muskeln fort —- doch über Sinn und Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlüsse zu kommen, noch sei Pescara ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede Minute ihm bringen konnte, und der Wert Viktoria Colonnas deuchte ihm unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht ein ausstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara, und gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer „heiligen Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in gleicher Weise und Stärke fähig.
Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte, lieber dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenschild der Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheufäligen Kranzes: während feines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal im herzoglichen Haufe zu Novara sich ausgehalten, und in wenigen Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem wecken Gewölbe von Bäumen in tiesdunlle Schatten verlor. Darüber das blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus bem üppigsten Grün
Verantwortlich: Or. Hans Thhriot.
auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht auseinander herauswuchsen, müsse für Viktoria bestimmt und der Gedanke Pescaras fein, der ihr nicht in einem schweren und von dem Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte bald in einem grünen Schattenreiche.
Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste Halbdunkel herrschte, und in dessen Mitte ein Brunnen seine schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt.
Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam.
Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges Leden.
„Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
„Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie taten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein lispelndes Gespräch ein. „Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
„Ich weiß nicht", sagte der Kanzler.
„Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so kann er nicht."
„Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
„Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf dich, du Aermster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm deschieden. Fliehe! Es ist alles umsonst."
„Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht deschieden?"
Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: „Ist nicht aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte aufmerksam zu machen. „Still! Siehe!" flüsterte er.
Auf leisen Sohlen kam Viktoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Uebermaß der Freude, ober es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er [ein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne.
Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt vor sich. Die Linke um Viktoria schlingend, ergriff er mit der Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: „Das ist mein Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte die schlaffe Hand mit Küssen. „Sie hat die Wunde meines Helden geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie sich auf und fragte in tiefer Erregung: „Messer Numa Dati?"
Der Alte verneigte sich.
Und Viktoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich «n den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: „Ehe wir uns freuen, mußt du mir und diesem Recht schaffen! Unser Nesse hat ihm die Enkelin verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe zu sühnen!" , .
„Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig bejahte: „Warum hast du mir das verheimlicht?"
, Ansangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus und Novora heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, her Jem eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens bejcyaj tiqen? Erft heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben aus Rom, von der Aebtiffin, In deren Kloster das arme Kind sich gefluchtet haue.
(Fortsetzung folgt.)
— Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch. und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.


